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Weihnachtsmann, Rute, Sack, Äpfel, Nüsse, Singen

© Holger Bernhardt


Kunstunterricht beim Kunsterzieher. Ich bin Kunsterzieher sagte er immer, wenn man von ihm als Kunstlehrer sprach. Jeder nahm das achselzuckend hin. Es war einfach eine dieser Bemerkungen, die immer von ihm kamen. So achtete niemand mehr auf den Klang. Diejenigen, die mit der Schule fertig waren, erkannten erst nach Jahren den Reiz der Kunst, diejenigen, die ihn im Unterricht hatten, verdammten ihn wegen seiner Ideen. Versöhnlich fielen die Zeugniszensuren aus. Viele vergaßen ihn auch einfach nach der Schule. Aber bis dahin waren es noch 4 Jahre.
Lange Jahre bis zum Abitur. So saßen sie einfach da und sahen ihren Lehrer, wie er Worte an die Tafel schrieb:
Weihnachtsmann, Rute, Sack, Äpfel, Nüsse, Singen
Er drehte sich um: Das ist Ihre Aufgabe, machen Sie ein Bild zu diesen Worten. Alle Themen müssen vorkommen, keine Buchstaben, keine Noten, keine Piktogramme. Dann faltete er die Hände hinter seinem Rücken, lächelte etwas und wippte auf und ab. Alle sahen die Tafel an. Einige schauten danach einfach in die Luft, auf der Suche nach einer Idee.
Hinten begann jemand in seiner Tasche zu kramen. Es war ruhig im Raum.
Gedanken machen keinen Krach. Er stand weiter vorne und wippte. Nach einer Zeit sagte er in die Stille hinein etwas wie: machen Sie eine Zeichnung, ich komme dann durch die Reihen und wir sprechen darüber, die Realisierung ist Ihnen frei gestellt, also Kollage, Tusche, Acryl. Größe A3. Papier. Abgabe ist nächste Woche.
Seine Ansprache war beendet. Er ging zum Fenster, öffnete es und sah hinaus. Das meinte: Macht Euch Eure Gedanken, ich lasse Euch etwas Vorsprung.
Eigentlich eine leichte Aufgabe dachte sie, Weihnachtsmann: roter Mantel, Rauschebart. Sie sah an die Tafel. Sack über der Schulter, darin Apfel, Rute guckt heraus, Nüsse beulen den Sack aus. Befriedigt eilte der Bleistift über das Papier.
Singen. Der Stift hielt inne. Dann nickte sie, nur um wieder abzusetzen.
Keine Buchstaben. Noten. Nein, keine Noten. Nun wurde es schwierig. Sie hatte eine neue Zwischenlösung. Der Weihnachtsmann sperrte den Mund auf.
Befriedigt lehnte sie sich zurück. Ihre Nachbarin sah auf ihr Blatt.
Singen? Fragte sie. Das sieht eher aus als wäre im kalt und er haucht irgendwie.
Sie war selber nicht zufrieden damit. Sie holte ihr Radiergummi und ersetzte dann den offenen Mund durch einen geschlossenen. Singen. Wie sollte man machen, dass der Weihnachtsmann singt? Verstohlen sah sie sich um. Auch die anderen hatten das gleiche Problem. Man sah den Weihnachtsmann, den Sack, aber alle sahen stumm auf ihr Blatt. Sie sah ihren Lehrer durch die Reihen gehen. Nirgendwo blieb er stehen. Er sah nur flüchtig auf die Blätter. Dann trat er nach vorne und sprach zu
Ihnen: Sie bedenken, dass von dem Erfolg dieses Bildes Ihre Note abhängt, bei einigen habe ich gehört, hängt davon auch die Versetzung ab. Darum denke ich, dass Sie sich sicher alle Mühe geben werden. Wenn ich merke, dass Sie sich ausgetauscht haben und alle das gleiche Bild abgeben, werden wir das Ganze mit einem neuen Thema wiederholen, das sie dann in einer Stunde erstellen müssen. Damit griff er seine Tasche, nickte in die Runde und verschwand durch die Tür. Es kam Leben in die Klasse. Wütende Rufe waren zu hören. Es war, als würde es aus ihnen allen herausplatzen. Jeder machte sich Luft. Singen. Wie sollten sie mit ihren Mitteln darstellen können, dass der Weihnachtsmann singt. So verließen sie die Schule.
Daheim saß sie und malte eins ums andere Mal den Weihnachtsmann, aber sie kam nicht darauf, wie sie es lösen sollte. Ihre Mitschüler hüllten sich alle in Schweigen. Einige stöhnten, sie hätten Abende mit der Vorzeichnung verbracht. Andere meinten, sie hätten noch keine Idee, sie würden noch auf die Inspiration warten, andere meinten, sie hätten gar keine Zeit, weil sie Geschenke einkaufen müssten. Hier war also nichts zu erwarten. Ihr ging das wie Vielen, der Termin rückte näher und immer schneller verwarf sie ihre Zeichnungen:
Weihnachtsmann mit Rute als Dirigentenstab,
das sah aus, als würde er gleich über jemanden herfallen
Weihnachtsmann mit Buch oder Papier in der Hand:
Das sah aus, als würde er die Weihnachtsgeschichte erzählen.
Weihnachtsmann mit Kind:
Das sah aus, als würde das Kind ein Gedicht aufsagen.
Weihnachtsmann mit vielen Kindern:
Das sah aus, als würden alle erwartungsvoll auf Geschenke warten.
So saß sie da und fühlte die Leere in sich.
Mit einem Mal hatte sie eine Idee. Sie holte die Zeitschriften aus dem Wohnzimmer und begann hastig zu suchen. Sie würde eine Kollage machen.
Sie würde den Weihnachtsmann samt Sack auf das Dach eines Hauses setzen.
Davor sollten Menschen in Reih und Glied stehen. Davor jemand, der dem Betrachter den Rücken zuwandte mit einem Stab in der Hand. Das war die Lösung. Nicht der Weihnachtsmann sang, sondern Menschen vor ihm. Nicht der Weihnachtsmann hatte den Stab in der Hand und würde aussehen, als würde er die Rute schwingen. Sie war ganz aufgeregt und blätterte auf der Suche nach passenden Motiven hastig in der Zeitung. Dann griff sie befriedigt zur Schere und setzte an.
Als die Kunststunde kam, begannen alle langsam ihre mitgebrachten Bilder auszupacken. Alle sahen sich neugierig um, was denn die anderen gemacht hatten. Da waren Weihnachtsmänner, die weit den Mund aufrissen, da waren welche mit Papierblättern in der Hand. Es gab welche, da standen Kinder vor dem Weihnachtsmann. Sie sah nur Ideen, die sie verworfen hatte.
Andererseits, sie wusste nicht, ob sie das Thema nun wirklich getroffen hatte. Die Menschen aus der Zeitung waren nun etwas ungestalt geworden, denn die waren unterschiedlich groß. Einzig der Weihnachtsmann. Sie hatte ein Bild einer Brause-Reklame genommen und den Weihnachtsmann in 3 Teile zerschnitten und die dann wieder so zusammengesetzt, dass es aussah, als säße er auf einem Schornstein. Sicherlich kein Meisterwerk aber immerhin.
Sie reichte ihrem Lehrer das Bild hoch, als er an ihrem Tisch vorbeikam, um es einzusammeln. Sein Gesicht machte keinen Ausdruck, als er das Bild sah. Die Stunde war danach bald zu Ende, die Ergebnisse würden sie eine weitere Woche später bekommen.
Als der Lehrer mit dem Stapel Bilder unter dem Arm und seiner Tasche in der Hand in das Lehrerzimmer kam, da saß eine Kollegin bereits am Tisch, die ihn über den Rand ihrer Brille ansah. Ich habe gehört, Sie haben den Kindern ein Weihnachtsthema gegeben und mit der Nicht-Versetzung gedroht. Einige haben wohl nächtelang gesessen, um die Aufgabe zu lösen, wie man hört. Sind Sie als Kunstlehrer nicht ein wenig hart zu den Kindern, fragte seine Kollegin.
Er legte seine Tasche auf den Tisch. Einige der Bilder fielen herunter.
Sie stand auf, um ihm beim Aufsammeln zu helfen. Sie betrachtete das Bild, auf dem der Weihnachtsmann auf einem Schornstein saß. Das ist aber nett, sagte sie. Er trat neben sie. Ja, sehen Sie, die Aufgabe war lösbar. Mit einfachen Mitteln. Sehen Sie werte Frau Kollegin, ich bin Kunsterzieher, nicht Kunstlehrer. Mein Hauptberuf ist im normalen Leben Kunstmaler. Aber hier bin ich angestellt als Kunsterzieher. Sie nickt ihn an. Sie hatte den Unterschied verstanden. Erzieher nicht Lehrer. Sie reichte ihm das Bild mit dem Weihnachtsmann auf dem Schornstein.



Eingereicht am 09. April 2006.
Herzlichen Dank an den Autor.
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