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'Einstein', der A 380 und die Weihnachtsinseln

© Antonia Stahn


Ungewöhnlich warm ist es am ersten Adventsonntag. Moritz und die anderen Kinder sitzen am Tisch in der Küche. Hausmutter Anna spielt auf ihrer Zither alte Weihnachtslieder. Leise singen alle mit. Nur Marie nicht. Sie ist das Nesthäkchen der Familie. Erst drei Jahre alt. Nachdenklich betrachtet Moritz, genannt ‚Einstein', die Kleine.
"Niedlich sieht sie aus. Die dicken, blonden Locken umrahmen das zarte Gesichtchen wie einen Heiligenschein. Wieder ist Moritz versucht, über das schöne Haar zu streicheln. Aber er hat den zornigen Blick der riesigen blauen Augen nicht vergessen. Marie mag keine Berührungen. Nicht mal Anna darf sie anfassen. Obwohl das kleine Ding nicht spricht, hat es allen gleich bei seiner Ankunft deutlich gemacht: Berühren verboten! "Was ist los mit ihr?", fragt sich der Zwölfjährige. Wochenlang haben alle im Haus Nr. 24 versucht, Marie das Sprechen beizubringen. Vergeblich.
"Lachen kann sie auch nicht", denkt der Junge traurig.
Langsam steht er auf. Die Hausmutter nickt. Sie hat die Geste des nach oben gerichteten Daumens verstanden. Dankbar lächelt ‚Einstein' sie an. Auf leisen Sohlen verlässt er das Zimmer, schließt behutsam die Tür. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, saust er nach oben. Vor einem Jahr ist Florian ausgezogen. Seitdem gehört der Raum ‚Einstein', ihm ganz allein! Anna weiß genau, dass Einstein' seine Aus- und Grübelzeiten braucht. Kein Kind aus dem Haus darf ihn dann stören, geschweige, ohne anzuklopfen, sein Reich betreten.
"Große Denker brauchen viel Freiraum. In seinem Zimmer dürft ihr unseren Moritz nicht stören", hat die Hausmutter den anderen Kindern gesagt.
Mutter Anna ist immer noch so nett wie am ersten Tag. Als Moritz hier vor fünf Jahren einzog hat er ihr diese Freundlichkeit erst einmal nicht abgenommen. Inzwischen käme er sich ohne diese stete Liebenswürdigkeit ziemlich verloren vor. Vor einigen Wochen hat die regionale Sparkasse dem Kinderdorf etliche Computer gespendet. Anna hat ohne lange zu überlegen, einen davon auf ‚Einsteins' Zimmer bringen lassen. Beinahe hätte Moritz sie vor überschäumender Freude umarmt. Lange hat er über den Begriff ‚Liebe' nachgedacht.
"Sie hat mich auch jetzt wieder gut verstanden. Weiß genau, dass ich mit dieser "Weihnachtsdudelei" nichts anfangen kann. Märchen sind nicht mein Ding. Das hier ist mir viel lieber!" ‚Einstein' setzt sich vor den Computer.
Seit er den ersten Artikel über den neuen Airbus A 380 im Internet gelesen hat, sucht er ständig nach neuen Informationen über dieses Jahrhundertflugzeug.
Leichte Schritte auf der Treppe, ein vorsichtiges Klopfen an der Tür reißen den Jungen aus seinen Betrachtungen.
"OK, reinkommen, wer immer du auch bist", seufzt er.
Marie steht neben ihm. Die großen Augen mal auf ‚Einstein', mal auf die Tür gerichtet.
"Was ist los, Kleine? Hier schau hin! Das ist das größte Flugzeug der Welt! Am 27. April um 10.29 Uhr ist es zum ersten Mal gestartet. Ich wäre so …"
"He, 'Einstein', Marie sollte dich holen. Die neue Hilfe ist da! Natürlich möchte sie auch dich kennen lernen." Die achtjährigen Zwillinge Tom und Tina wirbeln ins Zimmer. Neugierig schauen sie auf den Bildschirm.
"Man, echt cool! Das ist ja der neue Airbus A 380! Der ist ja viel größer als ein Haus! Und der kann wirklich fliegen, ‚Einstein'?"
"Wenn ihr wollt, erzähle ich euch nachher einiges über das Flugzeug. Ich weiß inzwischen fast alles darüber."
"Wundert uns nicht! Du weißt immer alles. Deshalb nennen dich alle hier im Kinderdorf ‚Einstein'", kichern die Zwillinge. In atemberaubender Geschwindigkeit rutschen sie auf dem Treppengeländer nach unten.
Marie rutscht von Stufe zu Stufe. Fürsorglich bleibt Moritz hinter ihr.
Gemeinsam gehen die zwei ins Wohnzimmer.
"Das ist unsere Familie." Anna stellt die Kinder der neuen Hilfe vor.
"Moritz ist der Älteste. Johannes ist zehn, die Zwillinge Tom und Tina sind acht, David vier und Marie ist drei Jahre alt. Und das, meine Lieben, ist Benedikt, unsere neue Hilfe", sagt die Hausmutter mit einem fröhlichen Lächeln.
Freundlich gibt der junge Mann jedem Kind die Hand.
"Wie findet ihr ihn?"
"Wen?", fragen Moritz, Johannes und Tom beinahe gleichzeitig.
"Benedikt, natürlich! Ich finde ihn super nett. Und seine blauen Augen mag ich besonders gern. Sie sind irgendwie, ach, ich weiß nicht, warm nennt man das, glaube ich", sagt Tina verträumt.
"Unsympathisch ist er nicht gerade. Glaube, wir kommen klar mit ihm", antwortet Moritz leicht gereizt. Er mag es nicht, unterbrochen zu werden.
"Wollt ihr noch mehr über das Flugzeug wissen? Selbstverständlich wollen die Jungen zuhören. Begeistert schauen sie sich den Flieger auf dem Computerbildschirm an. Achtzig Meter Spannbreite, eine Länge von 73 Metern, und in der Höhe 24 Meter, ist gigantisch.
"Guck mal! Da steht, dass der Airbus 400 Tonnen wiegt. Wie soll der denn vom Boden abheben können. Ist doch viel zu schwer!"
"Alles exakt berechnet, Johannes. Seinen ersten Probeflug hat er sehr gut überstanden, weißt du doch."
Tom meldet sich schüchtern zu Wort.
"An diesem Riesenteil haben bestimmt solche Einsteine wie du gearbeitet,
sonst hätte das nie so geklappt", sagt Tom. Tom bewundert seinen großen "Bruder" Moritz sehr. Er hält ihn für den schlausten Jungen von allen hier im Kinderdorf.
"Wenn ich groß bin, verdiene ich ganz viel Geld. Dann kaufe ich Moritz ein Ticket für das Flugzeug. Überall hin fliegen wir dann. Aber was mache ich mit Tina? Die müssen wir auch mitnehmen, obwohl sie manchmal ´ne ziemliche Nervensäge sein kann." Im Gegensatz zu Tina ist Tom ein stilles Kind. Er behält seine Gedanken lieber für sich, möchte nicht ausgelacht werden.
Selten lässt er sich von Tinas Lebhaftigkeit mitreißen. Johannes würde gern wie Tina durch die Welt springen. Das geht leider nicht. Er muss immerzu im Rollstuhl sitzen.
"Irgendwann laufe ich mit Tina um die Wette. Dafür trainiere ich jeden Tag", hat Jo seinem Freund Tom anvertraut.
Leises Klopfen unterbricht die Träume und Sehnsüchte der vier jungen Menschen. Benedikt steht in der Tür.
"Zeit fürs Bett soll ich euch von der Hausmutter ausrichten. Wenn es geht, leise! Marie und David schlafen schon."
Wieder reicht der junge Mann jedem der Kinder die Hand.
"Oh." Tinas Hand kribbelt unglaublich stark. So, als hätte sie einen kleinen elektrischen Schlag bekommen. Verlegen läuft sie aus dem Zimmer.
Den Jungen ist es nicht anders ergangen. Kein Wort verschwenden sie über diese seltsame Empfindung.
"Unangenehm war der Schlag eigentlich nicht. Mir ist nur etwas warm geworden in der Brust", denkt ‚Einstein' kurz vor dem Einschlafen.
Ruhig ist es im Haus geworden. Anna und Benedikt sitzen am Küchentisch. Niemand stört ihre Unterhaltung. Alle Kinder schlafen tief und fest. Keines von ihnen hat plötzlich Durst, Albträume, etwas vergessen oder muss dringend zur Toilette.
Anna mag diese Bitten nach einer Extraportion Streicheleinheiten.
"Es ist nicht immer so einfach wie heute mit den Kindern. Sie hatten ihr Schicksal nicht vor der Tür gelassen, als sie zu uns kamen. Moritz war in den Ferien bei den Großeltern als seine Eltern mit einem kleinen Sportflugzeug über den Anden abstürzten. Er glaubt, dass sie nur verschollen sind. Eines Tages findet er sie wieder. Davon ist er fest überzeugt!
Johannes hat als Einziger seiner Familie den schweren Autounfall überlebt.
Seine Rückenverletzung ist schon lange verheilt. Der seelische Schmerz hält ihn im Rollstuhl. Tina und Toms Eltern sind an Aids gestorben. Verwandte gab es nicht. Seit fast acht Jahren leben die Kinder in diesem Haus. Ein Wunder, dass beide völlig gesund sind."
Anna schweigt für einen Moment, schaut nachdenklich in die winzige Flamme
der fast herunter gebrannten Adventkerze.
"Von David wissen wir überhaupt nichts. An einem kalten Dezembermorgen habe ich ihn vor der Haustür gefunden. Nur mit einer Windel bekleidet und in eine billige Nylondecke gehüllt.
Länger als zehn Minuten hat der Säugling dort bestimmt nicht gelegen. Seine Köpertemperatur war kaum gesunken. Wir feiern Davids Geburtstag am zwanzigsten Dezember."
Und Marie? Es fällt mir immer sehr schwer, über dieses Kind nachzudenken.
Marie wurde vor drei Monaten bei einer Razzia im Haus der Sekte der ‚Teufelsanbeter' aufgefunden. Über das, was sie dort erlebt, sehr wahrscheinlich erlitten hat, wissen wir nichts. Absolut nichts!
Es wird wohl sehr lange dauern, diesem Kind Vertrauen in das Leben zu vermitteln. Ich denke, dass Sie Kinder mögen. Sonst hätten Sie sich kaum um die Stelle als Hausvater bemüht, oder Benedikt?"
"Ja. Kinder sind Aufgabe und Motivation zugleich. Wie Sie, Frau Muth, möchte auch ich den allein gelassenen, oft einsamen kleinen Menschen helfen! Vielleicht schaffen wir es gemeinsam, diesen Kindern hier ein wenig Mut, Selbstvertrauen und Kraft für die Herausforderungen der Zukunft mit zu geben.
Liebe ist für die meisten Menschen nur ein Wort. Sollte es einmal im Herzen unserer Schützlinge einen festen Platz finden, haben wir mehr erreicht, als wir annehmen konnten."
Auch Benedikt ist nun müde.
Er wünscht Anna eine gute Nacht. Sehr behutsam drückt er die Hand der Vierzigjährigen. Dennoch verspürt auch sie diesen kleinen elektrischen Schlag. "Merkwürdig! Die kalten Hände haben mir Wärme gegeben. Benedikt heißt ‚der Gesegnete', soviel ich weiß. Vielleicht ist der Junge ein Glücksfall für die Kinder. Mal sehen, wie wir in nächster Zeit zu Recht kommen. Von Benedikts Vorgängern hat es keiner länger als drei Monate hier ausgehalten", seufzt die Hausmutter.
"Seit Benny da ist, hat sich einiges bei uns verändert"; überlegt ‚Einstein'.
Er liegt auf seinem Bett, studiert wieder einmal die Daten des A 380.
Immer häufiger wünscht sich der Junge, wenigstens einmal in die Nähe dieses
Flugzeugs zu kommen. "Ach, nur mal ansehen. Möglichst auch von innen!
Ist das zu viel verlangt?"
"Keineswegs, Moritz."
"Mensch, Benny, hast du mich erschreckt. Ich habe dich nicht klopfen hören. Kannst du eigentlich Gedanken lesen?"
"Beinahe! Aber in deinem Fall war es nicht nötig. Du hast deinen Wunsch laut genug geäußert. Sogar Marie hat ihn gehört. Nicht wahr, Kleine?"
Marie nickt, gleitet langsam aus Benedikts Armen. Sie läuft zum Bett und deutet auf die Abbildung des Riesenfliegers. "Flugzeug", sagt sie laut und deutlich. Seltsam, sie hat keine Angst vor Benny. Er darf sie auf den Arm nehmen und sogar streicheln.
"Langsam entwickelt sich Marie zu einem ganz normalen Kind. Auch Jo versucht immer häufiger seinen Rollstuhl zu verlassen. Tina ist nur noch halb so wild. Tom dafür viel aufgeschlossener als früher. Der kleine David hat die Fröhlichkeit gepachtet. Sogar Anna lacht herzlicher als sonst.
Es liegt an Benny, davon bin ich überzeugt! Er ist ein prima Typ, der netteste Mensch, den ich je kennen gelernt habe", beschließt ‚Einstein'.
Benedikt hält ein Notizbuch in der Hand:
"Die Weihnachtswünsche der anderen Kinder habe ich schon aufgeschrieben.
Dein Herzenswunsch steht auch auf meiner Liste, schau mal!" "Ein Atlantikflug mit dem Airbus A 380", liest der Junge. Verwirrung, Ungläubigkeit, aber auch Hoffnung, lassen die sonst so ernsten Kinderaugen groß und fröhlich werden.
"Ach, Benny. Schreib einfach "neuer Physikkasten für Einstein. Bekomme ich jedes Jahr. Alles andere kommt so wie so nicht in Frage. Wunder gibt es nicht, glaube mir."
Benedikt lächelt.
"Da bin ich anderer Ansicht; mein Junge. Vor kurzem habe ich meinem Freund Raphael einen Brief geschrieben. Raphael wohnt in Toulouse, in Frankreich. Er gehört zu den Ingenieuren, die dieses Riesenflugzeug gebaut haben. Über das Kinderdorf, euer Leben hier, und besonders über dich, habe ich berichtet. Und stell dir mal vor, er würde uns alle einladen, das Weihnachtsfest mit ihm zu verbringen. Dein Wunsch erfüllt sich möglicherweise schneller als du denkst.
Das wäre doch ein kleines Wunder, Moritz!"
"Aber warum sollte dein Freund das tun? Er kennt uns nicht."
"Raphael liebt Kinder. Vor einiger Zeit hat er ein beachtliches Vermögen von einem sehr weit entfernten Verwandten geerbt. In dem großen Haus ist Platz für alle. Oh! Beinahe hätte ich es vergessen. Mein Freund hat die ersten achtzehn Lebensjahre in einem Waisenhaus verbracht. So, ich muss in den Keller!
Die Heizung funktioniert heute mal wieder nicht richtig."
Lächelnd verlässt der junge Mann mit Marie den jetzt sehr nachdenklichen ‚Einstein'.
Anna hat sich erkältet. Sie beachtet diese ‚Unpässlichkeit' einfach nicht. Bis zum Weihnachtsfest ist noch so viel zu tun. Für Krankheiten hat sie keine Zeit. Mit ein paar Hausmitteln versucht sie, über die Runden zu kommen.
Natürlich klappt das nicht. Acht Tage vor dem heiligen Abend ist aus der leichten Erkältung eine böse Grippe geworden. Fieber und Schüttelfrost halten Anna im Bett.
"Sie müssen ins Krankenhaus - und zwar sofort! Ich fürchte, aus der Grippe hat sich eine echte Influenza entwickelt."
Der Arzt beachtet die Einwände der Hausmutter nicht. Unverzüglich bestellt er einen Krankenwagen.
Am nächsten Tag fährt Benedikt mit den Kindern zum Krankenhaus. Anna liegt auf der Intensivstation. Nur Benedikt darf in das Zimmer. Die Kinder winken ihr durch die Glasscheibe zu. Ein leichtes Lächeln huscht über das Gesicht der armen Frau. Zum Winken fehlt ihr die Kraft. Aufmerksam, mit fiebrig glänzenden Augen betrachtet sie das Gesicht Benedikts.
"Nun weiß ich, wer du bist! Aus unserer Welt kannst du nicht sein. Weshalb hat man den Kindern einen Engel geschickt? Schade Benedikt, dass ich bald gehen muss. Wie gern hätte ich noch meine eigene Tochter gesehen. Als sie geboren wurde, war ich zu jung. Verantwortung wollte ich nicht übernehmen. Mein eigenes Kind lebt schon so lange bei fremden Menschen. Sag ihr ein paar liebe Worte von mir, sollte sie dir einmal begegnen", flüstert die Frau mit schwacher Stimme.
Benedikt wischt der Kranken den Schweiß aus dem Gesicht.
Bald, sehr bald, wirst du deine Tochter in die Arme nehmen und immer mit ihr zusammen sein können. Denn dort, wohin du jetzt gehst, wartet sie seit einiger Zeit auf dich, liebe Anna!"
Verzweiflung und Trauer haben die Freude auf Weihnachten aus dem Haus Nr. 24 vertrieben. Marie und David sind nicht mehr da. Sie leben jetzt in einer anderen Familie. Kinderdorfmütter wachsen leider nicht auf Bäumen. Nur wenige Frauen bewerben sich für diese verantwortungsvolle Aufgabe.
Das Haus wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einige Zeit unbewohnt bleiben. Nach den Feiertagen werden Moritz, Johannes, Tina und Tom in anderen Familien untergebracht. Bis zu diesem Zeitpunkt dürfen sie noch unter Benedikts Obhut in dem Haus leben.
"Hoffentlich trennen sie Tom und Tina nicht!"
"Keine Sorge, Johannes. Zwillinge bleiben immer zusammen. Aber du und ‚Einstein, ihr zwei müsst euch ganz sicher mit einer räumlichen Trennung abfinden. Schaut nicht so traurig! Ihr seht euch jeden Tag, wenn ihr es wollt. Jetzt wollen wir erst einmal zu Abend essen. Anschließend versuchen wir, im Wohnzimmer etwas Gemütlichkeit zu finden, einverstanden?"
Lustlos stochern die Kinder in ihrem Essen herum. Alle denken an die Hausmutter. "So eine wie Anna bekommen wir nie wieder!", weint Tom plötzlich los.
Liebevoll nimmt Benedikt den Jungen in den Arm, bringt ihn und die anderen Kinder ins Wohnzimmer.
"Es ist schon wieder so kalt hier! Holt euch bitte eure Wolldecken. Ich muss noch einmal nach der Heizung sehen. Möglicherweise auch den Hausmeister verständigen."
"Nee, Benny, dann wird's ungemütlich. Da wickeln wir uns lieber in unsere Decken. Herr Urban braucht immer viel Zeit, um Fehler zu finden. Dann schaffst du es bestimmt nicht mehr, uns den Brief von deinem Freund vor zu lesen."
Benedikt setzt sich wieder zu den Kindern auf die Couch.
Tausend Gedanken gehen ihm durch den Kopf. "Soll ich, soll ich nicht? Es ist doch mein Auftrag. Ich muss ihn ausführen. Sie sind auserwählt! Ja, ich werde es ihnen sagen. Zweifel sind mir nicht erlaubt. Das Glück dieser Kinder ist wichtig und nichts sonst.
Aber zuerst werde ich ihnen von Raphaels Einladung erzählen."
Benedikt zieht den Brief aus der Jackentasche. Gespannt hören Tina und die Jungen zu.
Ein verhaltenes Strahlen schleicht sich in die Augen der Kinder, besonders in die von ‚Einstein'.
"Und die Firmenleitung hat nichts dagegen? Wir dürfen wirklich in das Flugzeug? Dein Freund will mit uns allen den heiligen Abend feiern?
Du, Benny, gibt es tatsächlich Wunder?" Moritz zieht Tina von der Couch, tanzt ausgelassen mit ihr durch das Wohnzimmer.
"Anna hätte sich so sehr für dich gefreut", sagt Jo leise. Minuten lang bleibt es still im Zimmer.
"Wann fahren wir los, Benny?", fragt Tina schnell. Sie möchte nicht, dass ihr Bruder Tom erneut weint.
"In einer Stunde, wenn ihr wollt! Den Bus habe ich heute Nachmittag klar gemacht. Das Kofferpacken schafft ihr sicher ohne mich. Ich gehe schnell noch einmal in den Keller. Vielleicht begreife ich die Technik der Gasheizung ja doch noch."
"Oder du rufst von unterwegs den Hausmeister an. Stören kann er uns dann ganz sicher nicht", schlägt Tina vor.
Ruhig verläuft die Fahrt. Auf der Autobahn ist wenig Verkehr. Das eintönige Schnurren des VW- Motors lullt die Kinder in den Schlaf.
"Ich glaube, wir waren nur ein paar Minuten unterwegs. Wir sind ja schon am Flughafen! Wie hast du das gemacht, Benny?"
"Na, ich bin einfach nur gefahren. Auf den Autobahnen war kaum Betrieb. Oh, seht, da ist mein Freund Raphael!"
Die Freundlichkeit des Mannes lässt keine Scheu zu. Er steigt mit seinen Gästen in einen extra bereit gestellten Flughafenbus.
Allein die rasante Fahrt über das Flughafengelände ist ein Erlebnis.
Endlich! Unmittelbar vor der gigantischen Maschine, Airbus A 380, bleibt er stehen. Mit sehr kleinen Schritten, beinahe zögerlich, geht Moritz in das Flugzeug. Ungeduldig schubst Tom ihn vorwärts. Er weiß eben nicht, dass Moritz jeden Quadratzentimeter dieser Maschine auch fühlen will.
Das Staunen nimmt kein Ende. Raphael kommt den vielen, schnell gestellten Fragen kaum nach. Tom und seine Schwester interessiert die Technik nicht so sehr. Sie erkunden das Flugzeug von oben bis unten. Jo wird von Benedikt getragen. Irgendwann treffen sich alle im Cockpit.
Geduldig erklärt Raphael die Funktionen der vielen Geräte.
"Ich glaube, unser ‚Einstein' versteht das alles. Sicher möchte er bald das Flugzeug selber fliegen", kichert Tom leise.
"Kein Problem, junger Mann. Hinten in der Halle steht ein Simulator. Dort kann er es gerne ausprobieren. Und ihr drei dürft es auch versuchen", schlägt Raphael vor.
Außergewöhnlich schnell hat Moritz den Startvorgang verstanden. Benedikts Freund stellt den Navigator ein.
"Hier musst du das Ziel des Fluges angeben. Wohin soll die Reise gehen, junger Mann?"
Ehe Moritz antworten kann, schaltet sich Benedikt ein.
"Was haltet ihr von den Weihnachtsinseln?"
"Weihnachtsinseln? Habe ich noch nie gehört! Gibt es die wirklich, oder willst du uns veräppeln?", fragt Tina misstrauisch.
Raphael verlässt das Cockpit. Er hat eine Verabredung mit einem Kollegen.
‚Einstein' findet das Reiseziel passend. Schließlich ist heute Heiligabend.
"Wie viele Stunden brauchen wir denn, um dorthin zu kommen. Und wo liegen diese Inseln überhaupt?"
Benedikt gibt das Wort - Weihnachtsinseln - in den Bordcomputer ein.
Sofort erscheint eine Karte und ein Bericht über die kleine Insel.
"Sie liegt im Indischen Ozean, etwa 360 km südlich von Java. Am 1. Oktober 1958 wurde das kleine Eiland der Hoheit Australiens überstellt", liest Jo laut vor.
"Na, das wird Zeit brauchen. Ich mache es mir in dem breiten Sessel bequem. Dein erster Flug kann ganz schön anstrengend werden, 'Einstein'."
Moritz lächelt. Er fühlt sich in dem Cockpit beinahe wie zu Hause. Aber das weiß Tina natürlich nicht. Täuschend echt klingt das Motorengeräusch. Die Kinder verlieren ein wenig den Bezug zur Realität, glauben wirklich zu fliegen.
‚Einstein' ist stolz. In nur wenigen Minuten kannte er sich mit den Funktionen der Bordinstrumente aus.
"Seht nur, der Ozean! Sieht toll aus von hier oben! Aber Benny, das kann doch nicht sein. Wieso liegt das Meer plötzlich unter uns? Wir sitzen doch im Simulator!"
Benedikt streicht dem Jungen beruhigend über das Haar.
"Als ich vorhin die Weihnachtsinseln nannte, habe ich euch auf einen besonderen Weg bringen wollen. Im Augenblick fliegen wir tatsächlich. Und wenn ihr wollt, können wir die Insel noch heute erreichen. Aber das darf jeder einzelne von euch natürlich selbst entscheiden."
Beschwichtigend hebt Benedikt die Hände.
"Ruhig, nur ruhig. Ich möchte euch zuerst etwas erzählen. Danach alle Fragen beantworten. Einverstanden?"
Die Kinder nicken. Erstaunt schauen sie Benedikt an. So ernst und dennoch heiter haben sie ihren Reisebegleiter und Freund noch nie gesehen. Seine strahlenden Augen lassen das Licht im Cockpit heller erscheinen.
Verloren geglaubte Wärme findet sich in den Kinderherzen wieder.
"Millionen Menschen feiern am 24. Dezember die Geburt Christi. Auch ihr habt schon an diesem Fest teilgenommen. Manche Leute halten Weihnachten, das Fest der Liebe, für eine Geschichte oder sentimentales Märchen.
Der Himmel nicht. Er feiert das wunderbare Ereignis jedes Jahr. Immer in einem anderen Land dieser Welt. Heute auf den Weihnachtsinseln, unserem Reiseziel. Der Himmel feiert aber nicht allein. Von Zeit zu Zeit dürfen einige
auserwählte Menschen an diesem Wunder teilnehmen. Diese besonderen Menschenkinder werden von Engeln dorthin begleitet."
Still ist es in der Kabine. Scheu sehen die vier Kinder ihren Freund Benedikt an.
"Dann, dann bist du gar kein ‚Zivi', du, du bist ein Engel, Bene …."
"Seht nur, schaut mal aus dem Fenster! Vor uns zieht der Halleysche Komet
seine Bahn! Oh, nein! Er kommt nicht von der Stelle! Über dem Berg dort auf der Weihnachtsinsel bleibt er hängen!", ruft Moritz aufgeregt.
Fasziniert beobachten die jungen Menschen den Stern. Das Fluggerät verliert rasant an Höhe. Deutlich sehen die Kinder Wiesen und Felder. Auch die Grotte in einem Felsen erkennen sie.
"Wohin laufen die vielen Menschen, Benedikt? Und wieso sind einige von ihnen so merkwürdig angezogen? Der Mann mit dem Kind und der Frau kommt mir sehr bekannt vor. Das kann nicht sein! Sofort landen ‚Einstein'! Halt an!
Da unten sind meine Eltern und meine Schwester Uta!" Jo ist völlig durcheinander. Verwirrt, mit tränenblinden Augen schaut er auf Benedikt.
Benedikts Erklärung geht in Tinas Verwunderung unter.
Tina hält ihrem Bruder ein Foto hin. Das einzige Foto, das die Zwillinge von ihren Eltern besitzen.
"Tom , da unten sind Mama und Papa! Ich erkenne sie genau!" Argwöhnisch
vergleicht Tom das junge Paar auf dem Bild mit den beiden Personen, die zielstrebig zur Felsengrotte laufen. Sehnsucht erfüllt den Jungen.
So schnell es geht, möchte er auf der Insel landen.
"Nun mach schon, ‚Einstein'", bittet er leise.
Moritz hört ihn nicht. Ungläubig starrt er auf das Paar in unmittelbarer Nähe der Grotte.
"Sie sind es! Benny! Ich habe es doch gewusst. Da sind auch meine Eltern!
Ich war mir immer sicher, sie wieder zu finden. Ist das nicht toll? Ausgerechnet am Heiligen Abend, und auf so einer kleinen Insel! Und seht dort, Leute!
Da ist ja Anna, unsere Hausmutter! Das junge Mädchen an ihrer Seite sieht ihr aber sehr ähnlich!"
Schneller als erwartet setzt ‚Einstein' zur sicheren Landung an.
Die Cockpittür lässt sich nicht öffnen. Enttäuschung macht sich breit.
"Wir müssen raus. Wieso geht die Tür nicht auf, Benedikt?"
Ernst sieht der Engel jedem Kind in die Augen.
"Ohne eure Einwilligung wird diese Tür sich niemals öffnen. Hört mir bitte genau zu. Das Cockpit, beziehungsweise der Simulator ist Bestand einer realen Welt. Sobald ihr einen Fuß auf die Insel gesetzt habt, zählt das jetzige Leben nicht mehr. Die Grenze vom alten ins neue Leben ist leicht zu überwinden. Ein Zurück gibt es allerdings nicht. Versteht ihr mich? Moritz, habe ich dich erschreckt?"
Riesig wirken die Augen im nun sehr blassen Gesicht des Zwölfjährigen.
"Nein, nein, bestimmt nicht. Ich bin so aufgeregt! Natürlich möchte ich bei meinen Eltern bleiben. Schätze, Jo, Tom und Tina wollen auch bei ihren Eltern bleiben! Was heißt schon ‚kein Zurück'? Lange genug haben wir ohne unsere Eltern gelebt! In der neuen Welt werden sie uns nie mehr verlassen müssen, das weiß ich jetzt genau, Benedikt."
Fragend blickt der Engel von einem Kind zum anderen. Die vier Freunde halten sich an den Händen. Entschlossen streben sie zur Tür.
"Halt, wartet einen Moment!" Sanft, federleicht, berühren die Finger des Engels die Augenlider seiner Schützlinge. Sekunden später sehen sie Benedikt auf dem Weg zur Grotte. Und sie folgen ihrem Engel.
Noch Monate später bringen die Menschen Blumen zur Ruine des Hauses Nr. 24. In den frühen Abendstunden des 24. Dezember wurde es durch eine Gasexplosion völlig zerstört. Das leicht verbeulte Modellflugzeug unter einer Tanne im Vorgarten ist niemandem aufgefallen.



Eingereicht am 29. Mai 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

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