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Weihnachtszauber

© Inge Rickert


"Glitzer, glimmer, wirbel, freu - weiße Weihnacht immer neu!" Der kleine Marcus sprang in ausgelassener Freude durch den tiefen Neuschnee, hob sein rundes Kindergesicht mit den kältegeröteten Wangen nach oben und dichtete so vor sich hin. Der Bommel seiner fröhlichen bunten Wollmütze hüpfte wild auf und ab, seine Hände in den knallroten Fausthandschuhen reckten sich zum Himmel als wollte er die ganze Welt auffangen. Er drehte sich vor Vergnügen im Kreis, bis er übermütig lachend in den federleichten Schnee fiel. Zauberhaft lautlos taumelten Schneeflocken hernieder und setzten sich erschöpft auf die Zweige der Büsche und Bäume.
Britta und ich schauten uns an, in gemeinsamem glücklichem Einverständnis ob der Poesie dieses Winternachmittags. Heiligabend - und die Zeit bis zur Bescherung war ja noch so lang, gemessen an Marcus' ungeduldigen Fragen. Schon am frühen Morgen war er auf seinen Plüschpuschen über die Holzdielen rutschend zum Adventkalender gestürzt, um das letzte Türchen zu öffnen. Und nun war es immer noch nicht soweit, dass sich die Tür zum Weihnachtszimmer öffnen sollte. Deshalb hatten wir beschlossen, einen Spaziergang "um die Dörfer" zu machen. Britta und ich nahmen den kleinen Kerl zwischen uns an die Hand und stapften weiter durch die winterliche Landschaft. Unser Dackel, der Benno, war nur noch in weiter Ferne zu sehen und wir hörten ihn in der klaren Luft bellen. Die Sehnsucht nach einem heißen Tee und aromatischem Punsch lockte uns aber nun doch auf den Heimweg. Als besondere Überraschung hatte ich einen Pferdeschlitten bestellt, der hinter dem kleinen Wäldchen auf uns wartete. Britta drückte mich vor Freude an sich, dass ich fast vergaß, Benno herbeizupfeifen. Die Pferde stampften und schüttelten sich, die Glöckchen am Geschirr klingelten leise. Marcus durfte sie sanft streicheln, bevor wir uns hinter dem Kutscher auf die gepolsterte Bank setzten. Meine schmerzhaft durchgefrorenen Füße wärmten sich unter der dicken Felldecke schnell wieder an. Hell klangen die Glöckchen, während uns das Gefährt r Winterlandschaft trug. Langsam senkte sich die abendliche Dämmerung über die stille Natur.
Das alte Bauernhaus mit dem schneebedeckten schützenden Strohdach empfing uns warm und gemütlich. Britta schob die Äpfel ins Bratrohr, die wenig später zimtduftend auf den mit buntem Obst bemalten Tellern lagen. Mit einem großen Löffel schaufelten wir diese weihnachtliche Köstlichkeit mit der leckeren Vanillesoße in uns hinein. Dazu schmeckte der Orangentee aus den festlichen weiß-goldenen Porzellanbechern besonders gut. Marcus trank begierig den süßen Kakao aus seinem Lieblingsbecher mit dem lustigen Clown. Nur vom Kerzenlicht und dem Feuerschein aus dem Kamin erhellt, breitete sich die Weihnachtsstimmung wie ein gern gesehener Gast im Zimmer aus. Ein letztes Mal mussten wir Marcus vertrösten - er wurde in sein Kinderzimmer geschickt, während wir die vielen kleinen und großen Päckchen unter dem Tannenbaum stapelten. Ich setzte mich an das altmodische schwarze Klavier und spielte "Ihr Kinderlein kommet". Das war das Zeichen für den Beginn der Bescherung.
Britta schob die weißlackierte Schiebetür zur Wohnstube langsam zur Seite und Marcus sah staunend und stumm auf den prächtig geschmückten Lichterbaum. Die flackernden Kerzen spiegelten sich in seinen glänzenden Augen. Sein Blick wurde magisch angezogen von dem goldenen Engel mit dem Rauschgoldhaar und dem Wachsgesicht auf der Spitze des stolz gewachsenen Weihnachtsbaumes. Seine Zweige neigten sich schwer unter der süßen Last der Näschereien. Goldene Kugeln bewegten sich sanft schimmernd im Luftzug. Da entdeckte er die Geschenkpakete und wollte sie sofort aufreißen, um ihren Inhalt zu erkunden. Wir erinnerten ihn an das kleine Weihnachtsgedicht, das Britta mit ihm geübt hatte. Hastig, mit kurzen Unterbrechungen und mit den leise geflüsterten Worten Brittas unterstützt, brachte er diese Aufgabe hinter sich. Ungestüm befreite er das erste Päckchen von seiner bunten Hülle: eine Holzeisenbahn mit farbig bemalten Anhängern kam zum Vorschein. Damit rutschte er auf Knien sofort über den glänzenden Holzfußboden und war kaum zu bewegen, auch die anderen Geschenke auszupacken. Aus einem großen Stoffbeutel zog er einen Teddybären mit einer karierten Schleife und einem Glöckchen. Er drückte den wuscheligen Bären innig an sich und wir beratschlagten, welchen Namen er haben sollte. Weil er so weich und kuschelig war, einigten wir uns auf "Wolli". Nun war Marcus damit beschäftigt, seine Aufmerksamkeit zwischen den vielen anderen Geschenken zu teilen. Ich erhob mich vom Klavierhocker und griff in meine Hosentasche. "Fröhliche Weihnachten" sagte ich mit einem Lächeln zu Britta und sah ihr liebevoll in die Augen. Neugierig betrachtete sie das kleine cremefarbene Päckchen auf meiner Handfläche, das mit einem dünnen Goldfaden zugebunden war. Ihre Vorliebe für schönen alten Schmuck hatte mich dieses Jahr zu dem Antiquitätenhändler in der Stadt geführt. Die Richtigkeit meiner Wahl bestätigte mir ihr freudig überraschtes Gesicht: Eine zierliche Brosche aus Rotgold lag in dem hellblauen Samtkästchen. Sie hob das Schmuckstück andächtig he die frei beweglich in der Mitte pendelte. Überglücklich und dankbar umarmte sie mich. Behutsam steckte ich ihr die Brosche an den weich fallenden Kragen ihres Strickkleides. Doch auch für mich hatte sie eine kostbare Überraschung bereit: eine Miniatur-Modelleisenbahn, genau jene, die ich schon lange begehrlich in den Katalogen betrachtet hatte; ein faszinierendes Stück für meine Sammlung in der Vitrine, die ich von meinem Vater geerbt hatte.
Während Marcus aufmerksam und ausdauernd sein neues Puzzlespiel Stück für Stück zusammensetzte, deckte ich den runden Tisch in der Diele. Britta verschwand in der Küche und bald verbreitete sich köstlicher Bratenduft im Raum. Traditionsgemäß gab es Ente mit Apfelrotkohl und für unseren frischgebackenen Teddybesitzer ein knackiges Würstchen mit Kartoffelsalat. Wir saßen am festlich gedeckten Tisch, den Britta mit Tannenzweigen und allerlei weihnachtlichem Dekor liebevoll geschmückt hatte, und tranken einen dunklen, samtigen Rotwein dazu. Nach dem wir als krönenden Abschluss auch noch die süß-schmelzende Mousse au chocolat genossen hatten, saßen wir gesättigt und zufrieden auf dem alten Sofa und betrachteten amüsiert den Marcus, der mit seinem neuen Kuschelfreund in der Ecke eingeschlafen war. Wir trugen ihn vorsichtig zu seinem Bettchen und verpackten ihn in seinen Schlafanzug. Auch ohne die übliche Gute-Nacht-Geschichte glitt er mühelos in das Reich der Träume.
Draußen im Garten steht Väterchen Frost, der mit dem eiskalten Ostwind gekommen ist. Britta und ich schauen aus dem Fenster. Am frostklaren Himmel blitzen die Sterne, so dass man vor stiller Freude nicht weiß wohin. Der Heilige Abend ist eben eine besondere Nacht, in der man glaubt, dass die Zeit stehen bleiben würde. Hier drinnen wohnt der Weihnachtszauber mit dem Geruch nach gelöschten Kerzen und würzigem Tannenduft.



Eingereicht am 29. März 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
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