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Nicht alle Jahre wieder

© Antonia Stahn


"Puh, das Weihnachtsfest in diesem Jahr war ganz schön anstrengend! So viele Wünsche erfüllen, Kinder und Erwachsene gleichermaßen glücklich zu machen, ist wirklich nicht einfach", seufzt das Christkind.
"Zu diesem Fest wurde uns auch mehr gehuldigt als in den Jahren zuvor", sagt Maria nachdenklich. Sie nimmt ihren Sohn auf den Schoß, wiegt ihn in leichten Schaukelbewegungen.
Vater Josef macht es sich in seinem Wolkensessel bequem. Genüsslich zieht er an seiner Pfeife, lächelt dann seine kleine Familie voller Liebe an.
"Nun haben wir fast ein ganzes Jahr, um uns von den Weihnachtsstrapazen zu erholen", freut er sich. Über zweitausend Jahre Saisonarbeit spürt er in den Knochen. Allmählich macht sich doch das Alter bemerkbar. Die Menschenkinder sehen es ihm nicht an.
"Aber das liegt nur an Maria und Jesus. Ihr Aussehen verändert sich nicht. Die Christenheit schaut überwiegend auf die beiden. Niemand wird meine Veränderung bemerken."
Josef lehnt sich zurück, schließt die Augen. Vorsichtshalber legt er die Pfeife zur Seite. Der leisen Unterhaltung von Mutter und Sohn kann er bald nicht mehr folgen.
"Müde, unendlich müde!" Diese Worte bringen ihn auf den Weg in den wohl verdienten Schlaf.
"Du kannst doch nicht allein durch die Welt reisen, mein Kind. Du bist doch viel zu klein!"
"Ach, Mutter, ein Kind bin ich, und Jesus zugleich. Sein Schutz wird mit mir sein. Sorge dich nicht um mich. Eine Zeit lang möchte ich den Menschen nahe sein. Mit ihnen leben, lernen, ihr Handeln und Tun zu verstehen. Wecke Vater Josef nicht auf. Grüße ihn von mir. Heiligabend sehen wir uns wieder." Maria umarmt ihren Sohn. Tränen überfluten das schöne Gesicht, bleiben in schimmernden Perlen auf dem Kleid des Kindes liegen.
Einmal noch dreht sich der Junge um. Sein strahlendes Lächeln vermag Maria kaum zu trösten.
Auf den Flügeln des sanften Himmelswindes gleitet das Christkind zur Erde. Viele Wochen wandert es durch die Länder der Welt. Es wundert sich sehr über die Mannigfaltigkeit der Menschen.
"Sie sind doch alle im Licht der Unschuld geboren. Was hat sie so werden lassen? Warum können sich viele von ihnen nicht gegen das Böse wehren? Wenn ich zurück bin, werde ich den Himmelsvater fragen. Er kennt die Menschen sehr genau. Möglicherweise kann er sie mir erklären!"
Aber auch schöne Dinge erlebt der Junge auf seiner Reise. Unter den Kindern hält er sich am liebsten auf. Sie halten ihn für nichts Besonders. Ein fremdes Kind halt, ein neuer Spielkamerad eben.
"He, du kommst gerade passend. Kannst du Fußball spielen? Unser Torwart ist krank. Wir haben keinen Ersatzmann für ihn!", ruft ein etwa zehnjähriger Junge.
Das Fußballfeld dieser Kinder ist die Straße.
"Fast alle armen Jungen hier in Brasilien spielen Straßen-Fußball. Jeder von uns träumt davon, einmal ein großer Star zu werden. Wir üben und üben. Natürlich spielen wir auch, weil es richtig Spaß macht", erklärt der Junge mit den dunklen Augen dem fremden Kind.
"Stimmt, es hat Spaß gemacht. Ich habe schon lange nicht mehr einen so schönen Nachmittag gehabt."
"Na, ja, mit einem echten Lederball hätten wir bestimmt noch besser gekickt. Aber diese Stoffkugel tut es auch. Meine Mama spart für mich. Zu Weihnachten will sie mir einen niegel-nagel neuen Ball schenken", erzählt der Junge stolz.
"Ich freue mich für dich. Doch jetzt muss ich weiter. Sag, wie heißt du eigentlich?"
"Edson Arantes do Nascimento, wie mein Vater, und mein Großvater. Alle Erstgeborenen in meiner Familie werden so genannt. Meine Freunde und Kumpel hier nennen mich aber nur Pele."
"Ein schöner Name. Ich glaube, dass er Zukunft hat."
Lächelnd winkt das Christkind den Kindern zu, verschwindet unbemerkt aus ihrem Blickfeld.
"Klar, weiß ich doch, Jesus. Ich mische mich nicht ein. Glaubst du nicht auch, dass wir diesen bescheidenen Kinderwunsch mit Leichtigkeit erfüllen können?"
Das Kind zieht weiter. Die Freudenschreie des kleinen Pele, als dieser auf dem Heimweg einen echten, wirklich echten Lederball im Straßengraben findet, trösten das Christkind namens Jesus, helfen ihm, mit der ‚Menschlichkeit' fertig zu werden.
Diese ‚Menschlichkeit' besitzt ein hartes Gesicht. Not und Elend haben es geprägt. In den wenigen glücklichen Momenten jedoch strahlt es Sanftheit, Ruhe und Frieden aus. Augenblicke sind es nur, viel zu schnell gehen sie vorüber!
"Da sitzt doch wahrhaftig ein Kind mitten im Schlachtfeld! Meine Güte! Junge, wie bist du denn hierher geraten?"
Vorsichtig, sich immer wieder umschauend, robbt ein Soldat auf das Christkind zu. Ein Kugelhagel fegt über die beiden hinweg.
"Pass auf, Kleiner!" Der Mann reißt den Jungen unter sich, schützt ihn vor weiteren Geschossen. Vorsichtig kriechen die zwei durch die aufgewühlte Erde. Quälend lange Minuten! Endlich ist der schützende Waldrand erreicht. Behutsam nimmt der Fremde das Christkind in den Arm, streichelt sanft über das lockige Haar.
"Nun brauchst du nicht mehr zu weinen. Sag mir, wo du zu Hause bist. Ich werde dich zu deiner Mama bringen. Sicher wohnt sie im Dorf der Perlenstickerinnen. Deinen Namen hat sie sehr hübsch auf das Hemd gestickt. Jesus heißt du also. Ich bin Noah."
Jesus wischt sich mit dem großen Taschentuch des Soldaten die Tränen weg.
"Ich. Ich weine nicht aus Angst oder Heimweh. Meine Mutter weiß, wo ich bin, weiß was ich tue. Sie konnte mich nicht aufhalten. Ich weine, weil ich hier nichts ändern kann, mich nicht einmischen darf. Menschen verfügen über einen freien Willen, sind für ihre Entscheidungen selbst verantwortlich. Weshalb versuchen sie immer wieder, ihre Probleme durch Gewalt zu lösen? Wieso setzen sie ihren Verstand nicht ein?"
"Oh, Mann. Muss der Schock sein. Der Kleine redet völlig wirr. Der Wortschatz ist allerdings erstaunlich für einen Zehnjährigen. Was mache ich nur mit ihm? Versuche über Funk, meinen Leutnant zu erreichen; abmelden ist Pflicht. Möchte nicht wegen eines Kindes vors Kriegsgericht!"
Tausend und ein Gedanke gehen dem hilfsbereiten Soldaten durch den Kopf.
"Ich werde dich jetzt zum Dorf bringen. Bei der Gelegenheit kann ich auch meine Verletzung behandeln lassen. Komm, Kerlchen, lass uns marschieren!" Freundlich bietet Noah dem Christkind die Hand.
"Vielen Dank, Noah. Ich kann nicht mit dir gehen. Nur dieser Weg" - Jesus deutet auf die kämpfenden Soldaten - "bringt mich zurück. Leb wohl, Noah! Du wirst ein gutes Leben haben, denn du hast einem Kind geholfen."
Noah traut seinen Augen nicht. Unbeschadet durchquert der Junge das Schlachtfeld. Hin und wieder beugt er sich über einen am Boden liegenden Soldaten, streichelt dem Verletzten kurz über die Wange.
In der einsetzenden Dämmerung ist das Kind plötzlich verschwunden.
"Ich habe doch nur einen Streifschuss an der Schulter, nicht am Kopf! Fieber habe ich auch nicht. Ich bin nicht verrückt! Hier w a r ein Kind!"
Stockdunkel ist es. Der Soldat Noah findet zum Glück seine Einheit wieder. Schwer verletzt liegt sein Freund Ephraim auf einer Trage. Ein mattes Lächeln auf den Lippen.
"Ich werde nach Hause geschickt, Noah. Für mich ist das hier zu Ende!" Noah streicht dem Freund das verschwitzte Haar aus dem Gesicht. "Meine Gedanken sind bei dir, Ephraim. Ich muss dich etwas fragen. Du kennst dich aus. Kann ich vor Angst verrückt geworden sein?"
"Du bist nicht verrückt, Freund!"
"Aber ja doch. Ich habe heute hier auf dem Feld ein Kind gesehen, sogar mit ihm gesprochen. Plötzlich war es nicht mehr da. Hat die Einbildung mir einen Streich gespielt, Ephraim?"
Das matte Lächeln wird kräftiger.
"Ganz und gar nicht, Noah. Auch ich habe heute ein Kind gesehen! Es hat mich sogar gestreichelt. Wahrscheinlich haben wir beide zu sehr an unsere Söhne gedacht. Verrückt sind wir bestimmt nicht!"
Müde schlurft das Christkind durch den Wolkenflur. Es ist auf dem Weg zum Himmelsvater. Gleich ist es geschafft! Gleich kann es das schwere Bündel abstellen!
"Willkommen mein Sohn! Wir freuen uns über deine Rückkehr. Du bist wirklich pünktlich. Müde siehst du aus. Wie ist es dir ergangen bei den Menschen?"
"Sieh Vater, in diesem großen Bündel sind meine Erfahrungen mit den Menschen. Leider nur die schlechten. Und in diesem leichten Beutel stecken die guten. Das Säckchen ist nicht mal voll!
Das Christkind klettert auf den Schoß des Vaters, schmiegt sich an die breite Brust.
"Ach Vater, warum sind die Menschen, wie sie sind? Nie wieder will ich unter ihnen sein. Soviel Böses habe ich gesehen. Einiges davon in mein Bündel gepackt. Am Ende meiner Reise konnte ich die Last kaum noch tragen."
"Du hast es aber geschafft, mein Sohn. Glaube mir, das kleine Beutelchen wiegt bedeutend mehr. Wir freuen uns alle sehr über dein Mitbringsel. Es zeigt mir, dass das Gute immer seinen Platz bei den Menschen findet. Nun komm mein Kind. Wir müssen uns auf den morgigen Tag vorbereiten. Heiligabend, dein Geburtstag. Er soll genau so gefeiert werden, wie seit Menschengedenken!"
Opa und die sechsjährige Christiane wickeln die Krippenfiguren aus. Liebevoll legt die Kleine das Christkind in die Krippe.
"Weißt du was, Opa. Irgendwie sieht das Christkind in diesem Jahr anders aus."
"Anders? Was meinst du, Schätzchen?"
"Ach, ich weiß nicht. Anders als früher. Jetzt habe ich es! Älter! Es sieht fast erwachsen aus."
"Das darf es auch, ist schließlich alt genug", sagt Opa leise.



Eingereicht am 24. April 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

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