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Auch Hexen feiern Weihnachten

Von Antonia Stahn


Der kleine helle Fleck neben der Tür ist die einzige Lichtquelle im großen Schlafsaal. Marius kann nicht einschlafen. Immer wieder schaut er zum Notlicht.
Er hat Angst. Dieser helle Fleck macht die Dunkelheit riesengroß.
Marius zieht sich die dünne Decke über den Kopf. Schnell steckt er den Daumen in seinen Mund.
"Ein fünf Jahre alter Junge tut so etwas nicht mehr", hatte die Leiterin am Tag seiner Ankunft gesagt. Sehr streng, fast böse hatte sie Marius dabei angesehen. Aber sein Bruder Christian hatte seine Hand gehalten und kurz gedrückt. So war die Angst vor dieser Dame und dem neuen Heim schnell zum Fenster hinaus geflogen. Die ersten Tage im Waisenhaus hat der kleine Junge kaum wahrgenommen. So viele neue Eindrücke, so viele Regeln, an die man sich halten musste! Tapfer versuchte Marius, damit fertig zu werden.
Nur gegen eine Regel hat er vom ersten Tag an verstoßen. Er wollte nicht im Schlafsaal der Kleinen sein. Solange er denken kann, hat sein Bett neben dem seines Bruders gestanden. Jeden Abend störte er die anderen Kinder durch lautes Weinen. Ihre Hänseleien, von wegen "Baby oder Mamasöhnchen", störten ihn nicht. Auch das gute Zureden der Saalschwester half nicht. Marius weinte und weinte.
So hat er sich nach einigen Nächten in Christians Schlafsaal geweint. Entnervt hatte die Heimleitung aufgegeben und sein Bett neben dem Bett seines Bruders aufgestellt.
"Gut gemacht, Dickkopf", hatte ihm Christian heute Abend zugeflüstert.
"Aber wehe die Rotznase macht hier auch so ein Theater! Dann kriegt sie einen echten Grund zum Heulen", riefen die großen Jungen ihnen zu. "Wenn wir 'ne Micky Maus piepsen hören wollen, gucken wir uns lieber einen Film an, ist das klar?"
"Aber sicher." Christian steigt aus seinem Bett. Er geht zu den Betten der fremden Jungen. Mit verschränkten Armen baut er sich vor ihnen auf.
"Wir sehen uns gerne den Film mit euch zusammen an. Aber sollte einer von euch versuchen, diese Micky Maus", er zeigt auf seinen kleinen Bruder, "in die Falle zu locken, kriegt er es mit meinen beiden Freunden hier zu tun. Ist das klar?"
Erstaunt schauen die Kinder sich Christians Hände an.
"Mann, die sind fast so groß wie Klodeckel! Wo der hin haut, wächst bestimmt kein Gras mehr", flüstert der dicke Tom seinem Freund zu.
Zufrieden dreht Christian sich um. Er geht wieder ins Bett und zwinkert seinem Bruder fröhlich zu.
Die großen Hände haben schon immer für Aufsehen gesorgt. Doch haben sie Christian und Marius vor vielen Angriffen geschützt. Mit diesen großen Pranken wollte so schnell niemand in Berührung kommen.
Die Zeit vergeht schnell. Längst haben Christian und Marius sich an das Leben im Waisen haus gewöhnt. Sie haben sogar Freundschaften mit vielen Kindern geschlossen. Manchmal in der Nacht, wenn die anderen schlafen, kriecht Marius in das Bett von Christian. "Erzähle mir von früher", bettelt er oft. Christian legt dann seinen Arm um ihn, streichelt ihn tröstend. "Leise, leise!" Niemand soll davon hören, er flüstert Marius seine Erinnerungen ins Ohr. Der Kleine hat so gut wie gar keine Erinnerungen an die schöne Zeit, das andere Leben.
Er war erst drei Jahre alt, als sich alles änderte.
Oft schmerzen die Erinnerungen so sehr, dass Christian nicht weiter erzählen kann.
Zum Glück ist Marius dann schon eingeschlafen.
Kalt ist der Dezembermorgen. In der Nacht hat es geschneit. Fast alle Kinder spielen im Hof. Nur Christian und Marius nicht.
Sie stehen am Zaun und schauen auf das Nachbargrundstück. Der dicke Tom und seine Freunde kommen neugierig näher.
"Na, was glotzt ihr so? Noch nie ein Hexenhaus gesehen?"
"Wieso Hexenhaus? Das ist doch ein normales Haus. Riesengroß, aber irgendwie ziemlich verkommen. Der Garten könnte schön sein. Aber er sieht ebenso verschlammt aus. Fast wie ein Dschungel."
"Ist ja auch kein Wunder", meint Schnief und zieht dabei die Nase hoch.
"Die böse schwarze Hexe wohnt ganz allein in diesem Bunker. Und einer allein kann so ein großes Haus und den Garten nicht in Ordnung halten", schnieft er.
"Jetzt verstehe ich auch, weshalb alle Schnief zu dir sagen. Hast du es schon einmal mit einem Taschentuch versucht?"
"Klar, aber das verliere ich immer. Hochziehen oder Ärmel sind einfach praktischer", erklärt der Junge fröhlich.
"Komm mir bloß nicht mit deinem Pullover zu nahe", knurrt Christian. Angewidert wendet er sich ab, schaut lieber in den Garten.
Er will auch den Waffenstillstand, den er mit Tom und seinen Freunden geschlossen hat, nicht gefährden.
"Du Tom, wenn da wirklich ein Hexe wohnt, warum zaubert sie sich nicht alles so schön wie es sein muss?"
"Ja, warum zaubert sie denn nicht", äfft Tom Marius nach. "Hast wohl noch nicht verstanden, dass wir alle hier bestimmt nicht in einem Märchen leben. Die Hexe ist nur 'ne alte, richtig böse Frau. Könnte sie zaubern, stünde unser Waisenhaus sicher nicht mehr hier. Sie hasst Kinder aus tiefster Seele. Also, sollte euch nach einer Tracht Prügel sein, braucht ihr nur in ihren Garten zu gehen. Kommt Leute, wir gehen. Hab echt Lust auf eine Schneeballschlacht. Warum zaubert sie nicht, zaubert sie nicht?" hören die Brüder um noch einige Male sagen.
Toms Freunde lachen laut, einige können nur noch kichern. Einfach toll, wie Tom den kleinen Marius nachmacht.
Kurz streichelt Christian seinem Bruder über das flachsblonde Haar. "Mach dir nichts draus, die sind halt so. Ich glaube nicht, dass die alte Frau böse oder eine Kinderhasserin ist. Schau mal in das Gebüsch dort in der Ecke. Unter den alten Zweigen steht eine verrostete Rutsche und ein winziges Karussell. Die Bretter eines Sandkastens erkenne ich auch."
"Und dahinten ist auch noch eine Wippe!" sagt Marius aufgeregt.
"Wir könnten doch über den Zaun klettern und uns die Geräte mal ansehen. Oder bei der alten Frau klingeln. Wir könnten ihr doch unsere Hilfe anbieten. Dann reißen wir die alten Äste weg, machen alles sauber. Bestimmt freut sie sich darüber, oder Christian?"
"Das weiß ich nicht. Aber heute geht es so wie so nicht mehr. Gleich müssen wir zum Essen, danach die Ruhestunde einhalten und anschließend Hausaufgaben machen. Aber morgen, nach der Schule klingeln wir einfach bei ihr. Der Heimweg führt schließlich genau an ihrem Haus vorbei."
Am nächsten Tag stehen die beiden Jungen vor dem Haus der "Hexe". Etliche Schmetterlinge spürt Christian im Bauch. Er lässt es Marius aber nicht merken. Bevor er seinen leicht zittrigen Finger auf die Klingel drückt, sieht er sich das Namensschild an. "Schau, Marius, die alte Frau hat den gleichen Namen wie wir. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen."
"Hoffentlich, aber jetzt 'mach schon, ich hab Hunger und muss ganz nötig zur Toilette."
Die Kinder sind sehr erschrocken über den lauten, schrillen Klingelton.
Sie lauschen. Lange Zeit bleibt es still hinter der schweren Eichentür. Gerade, als Christian noch einmal läuten will, wird die Haustür aufgerissen. "Könnt ihr nicht lesen? Betteln und Hausieren verboten!" Tiefschwarze Augen funkeln die Kinder böse an.
"Entschuldigung Frau Lenze", stottert Christian. "Wir betteln nicht. Wir wollten Sie nur etwas fragen."
"Ich bin schon lange nichts mehr gefragt worden und von solchen Flachsköppen wie euch schon gar nicht. Wagt es ja nicht, noch einmal bei mir zu klingeln. Macht, dass ihr wegkommt!"
Kurz schaut die Frau den Kindern in die Gesichter. Der böse Blick verliert sich in Erstaunen. Die Alte ist plötzlich leichenblass. "Das gibt es nicht", knurrt sie und knallt die Haustür zu. Verdattert sehen sich die Jungen an.
"Siehste, Tom hat Recht. Sie ist wirklich eine alte Hexe und Kinderhasserin. Ich hätte mir bald vor Angst in die Hose gemacht, als sie plötzlich in der Tür stand", sagt Marius aufgeregt.
"Die Frau ist nicht wirklich böse. Das weiß ich jetzt ganz genau. Du brauchst vor ihr nie wieder Angst zu haben", beruhigt Christian seinen kleinen Bruder.
"OK, wenn du das sagst, ist es auch so."
Marius' Vertrauen in Christian ist grenzenlos. Obwohl er nichts von der besonderen Gabe seines Bruders weiß. Christian kann nämlich jedem Menschen direkt ins Herz schauen. Ganz egal, hinter welch dicken Mauern es schlägt.
Viele Menschen haben ihr Herz so eingesperrt und es irgendwann einfach vergessen. Das Herz der Alten ist "nur" von einer gläsernen Mauer umgeben. Christian sieht, dass es für Trauer, Einsamkeit, Verzweiflung - aber auch Wut schlägt.
Ein kleines Steinchen könnte diese Glaswand zum Einstürzen bringen, denkt er. Freitagnachmittag dürfen die Waisenhauskinder über drei Stunden selbst verfügen. Viele gehen in die Stadt. Ins Kino oder Cafe. Sie dürfen sich mit Freunden aus der Schule treffen oder diese auch zu Hause besuchen. Alles ohne Aufsicht! Die beiden Brüder halten sich trotz der Kälte am Zaun zum Nachbargrundstück auf.
"Schade, dass in dem großen Garten keine Kinder spielen dürfen", seufzt Marius. "Schau mal, die Hexe kommt zur Tür heraus", flüstert der Kleine.
"Bitte Marius, vergiss das Wort Hexe, sie ist keine."
"Was wollt ihr denn nun schon wieder?" Die Stimme klingt kälter als der Winter. Mit großen Schritten marschiert die schwarze Frau über die Terrasse. Sie trägt einen Korb mit Küchenabfällen.
"Bei mir wird weder geklingelt, noch am Zaun herumgestanden, habt ihr das nicht begriffen?" Wütend kommt sie auf die Kinder zu. Die zornigen Augen lassen die Füße das vorsichtige Auftreten vergessen. Sie geraten ins Stolpern rutschen über den vereisten Gartenweg. "Oh nein, Hilfe" ruft die Alte noch, bevor sie der Länge nach hinfällt. Das Gesicht landet in einem Schneehaufen. Nur eine Schrecksekunde. Dann klettern die Jungen auch schon über den Zaun. Ganz still liegt die schwarz gekleidete Frau im Schnee.
Christian dreht sie unter viel Kraftaufwand auf die Seite. "Aufwachen Frau Lenze, aufwachen bitte!"
"Ist sie jetzt tot?" Voller Angst schaut Marius auf die Verunglückte.
"Nein, ich glaube, sie atmet noch." Behutsam wischt Christian Frau Lenze den Schnee aus Augen, Nase und Mund.
Sie stöhnt und versucht die Augen zu öffnen. "Holt Hilfe!" Sehr leise - und gar nicht mehr zornig - klingt die Bitte.
"Marius, du bleibst hier! Ich laufe in das Haus und hole erst einmal eine Decke. Danach rufe ich den Krankenwagen."
"Ich will nicht alleine hier bleiben, bitte Christian. Du weißt doch, dass ich Angst vor Hexen habe."
"Stell dich nicht so an, bin gleich wieder da. Frau Lenze ist doch ohnmächtig, sie kann dir gar nichts tun."
"Na gut."
Zitternd vor Angst und Kälte hockt Marius sich neben die verletzte Frau. Er schaut auf das blasse Gesicht. Wie eine Hexe, so richtig böse, sieht sie eigentlich nicht aus, denkt er.
Frau Lenze ist längst aufgewacht, hält ihre Augen aber weiterhin geschlossen. "So, so, für eine Hexe hält mich der Knirps. Bemerkenswert, dass er trotzdem neben mir hocken bleibt." Beinahe hätte sie ihre Hand zurückgezogen, über die der Kleine zuerst zögerlich aber dann sanft streichelt.
So kalt ist der Schnee auch wieder nicht, mir wird eigentümlich warm in der Brust, denkt sie. Inzwischen läuft Christian durch das Haus. Eine Decke hat er schnell gefunden. Ich werde zuerst anrufen, und dann die Decke raus bringen, beschließt er. Den leichten Modergeruch und die von Patina überzogenen Möbel nimmt er nicht wahr.
Wo ist denn hier nur ein Telefon? Endlich, auf einer uralten Kommode in der Diele steht eins. Hoffentlich funktioniert es. Es scheint fast genau so alt zu sein wie die Truhe. Vorsichtig nimmt der Junge den schweren Hörer von der Gabel. Das Freizeichen macht ihm Mut. Tatsächlich meldet sich der Notruf.
"Hallo, hier ist Christian. Bitte kommen Sie schnell in die Frühlingsgasse 10. Die alte Dame ist gestürzt. Sie liegt im Garten im Schnee und rührt sich nicht, bitte beeilen Sie sich", ruft er verzweifelt.
"Immer mit der Ruhe, mein Junge. Ich habe deinen Namen nicht verstanden - und auch nicht die genannte Adresse", sagt eine freundliche Stimme.
"Mein Name ist doch jetzt nicht wichtig. Frau Lenze braucht Hilfe. Sie wohnt in der Frühlingsgasse 10. Sie ist ohnmächtig. Mein kleiner Bruder hält Wache bei ihr."
"Bleib ganz ruhig, mein Junge, wir sind in wenigen Minuten da. Kannst du uns ins Haus lassen?"
"Natürlich, aber ich laufe noch ein mal in den Garten. Ich werde der Frau eine Decke bringen."
"Das ist gut. Bis gleich", sagt der freundliche Mann.
Behutsam heben die Sanitäter Frau Lenze auf eine Trage.
"Soweit ich feststellen kann, ist die Dame nicht besonders schwer verletzt. Sie hat eher einen Schock, vielleicht auch eine leichte Gehirnerschütterung. Trotzdem bringen wir sie zur Untersuchung besser ins Krankenhaus", meint der Notarzt.
"Das bestimme immer noch ich", schnauzt die Dame plötzlich. "Krankenhäuser kenne ich nur von außen, und das bleibt auch so!"
"Aber Frau" - "Nichts aber - bringen Sie mich einfach nur ins Haus. Ein paar Aspirintabletten helfen bestimmt gegen die Kopfschmerzen."
"Gut, aber auf eigene Verantwortung." Der Arzt hat keine Lust, sich mit dieser störrischen Frau auseinander zu setzen.
"Aber sicher haben Sie nichts dagegen, wenn die Gemeindeschwester Sie heute Abend kurz besucht."
"Hab ich nicht, aber nur die Koch, die Meier quasselt mir zu viel. Außerdem sind die beiden Bengel hier bestimmt auch noch eine Weile bei mir."
Mitleidig schaut der Arzt die Kinder an. "Seid ihr so nett?" Höflich- oder gar Freundlichkeit gehören offenbar nicht zu den Tugenden dieser Dame. Hoffentlich werden die Jungen damit fertig, denkt der Arzt.
Tiefes Schweigen herrscht im Wohnzimmer. Die "Hexe" liegt auf dem alten, leicht speckigen Sofa. Die Jungen sitzen auf sehr hohen Stühlen ihr gegenüber.
"Lass deine Beine nicht immer gegen das Stuhlbein baumeln, das nervt", herrscht sie Marius an.
Wieder Stille.
"18.00 Uhr müssen wir aber im Waisenhaus sein", wagt Christian zu sagen.
"Weiß ich, da habt ihr ja noch ein paar Stunden Zeit und könnt mir helfen. Schließlich seid ihr nicht ganz unschuldig an meinem Unfall. Oder habe ich euch an meinen Zaun gerufen? Nur aus Ärger über euch bin ich ausgerutscht. Aber Kinder machen eh nur Arger, war immer schon so."
"Hol mir ein Glas Wasser, rück mein Kissen zu recht, lies mir aus dem Buch da vor", kommandiert die Alte fast zwei Stunden. Doch den Jungen macht es nichts aus, Sie brauchen dann wenigstens nicht mit ihr zu reden. "Es ist gleich 18.00 Uhr, ihr dürft gehen. So übel seid ihr zwei gar nicht. Im Schrank liegt eine Tafel Schokolade. Die könnt ihr mitnehmen."
"Vielen Dank Frau Lenze. Aber Marius und ich vertragen keine Schokolade. Davon bekommen wir einen schrecklich juckenden Ausschlag."
"So, so". Eindringlich, aber auch nachdenklich schaut die Alte sich die Gesichter der Jungen an. "Gut, dann nicht. Geht jetzt. Wenn ihr wollt, könnt ihr morgen wieder kommen, Flachsköppe."
"Weshalb nennt sie uns immer so, Christian?"
"Keine Ahnung, vielleicht weil wir so helle Haare haben."
Jeden Tag, in ihrer Freizeit, besuchen die Jungen Frau Lenze. Anfänglich war ihnen sehr mulmig zumute. Mit der Zeit aber gewöhnten sie sich an den rauen Ton der Alten. Am Nikolaustag steht sogar ein kleiner Adventskranz auf dem Wohnzimmertisch. Natürlich wussten bald alle Kinder im Waisenhaus über die Besuche bei der "Hexe" Bescheid.
"Na, was verdient man denn so mit Altenpflege." Spöttisch klingt Toms Frage.
Aber Christian hört auch den Neid heraus. Die anderen Kinder bewundern Marius und Christian. Es ist schon sehr mutig, sich in dem Hexenhaus aufzuhalten, meinen sie. Frau Lenze ist schon wieder auf den Beinen. Sie hat einen Entschluss gefasst. Und so wie sie ist, ihn auch gleich in die Tat umgesetzt. Kurz vor Weihnachten sitzt sie im Büro der Heimleiterin.
"Bitte Frau Lenze, sie müssen das verstehen. Wir geben grundsätzlich keine Auskunft über die Herkunft unserer Kinder. Auch nicht, wenn sie den gleichen Namen des Fragestellers tragen. Solange Sie keine überzeugenden Argumente vorbringen können, muss ich ihnen jede Auskunft verweigern. Tut mir Leid. Es geht hier auch um den Datenschutz. Der gilt auch für Kinder."
"Ach so, Argumente, möglichst überzeugende, wollen Sie. Ist das überzeugend genug?" Schwungvoll knallt die alte Dame ein Foto auf den Schreibtisch.
"Aber das, ist ja Christian. Warum haben Sie denn ein Foto von ihm in ihrer Handtasche. Sie kennen den Jungen doch erst seit kurzem."
"Diesen Jungen hier kenne ich schon sehr lange. Es ist mein Sohn Michael." Sehr leise, sehr traurig ist die Stimme der alten Frau geworden.
"Vor vielen Jahren hatte ich mit ihm einen bösen Streit. Wie viele Mütter mochte ich das Mädchen seiner Wahl nicht. Muss es denn unbedingt diese flippige Amerikanerin sein. ‚Gibt es in unserer Stadt denn keine netten Mädchen?' ‚Nicht für mich. Wenn du Destiny nicht akzeptieren kannst, werde ich dein Haus nie mehr betreten.' Das war unser letztes Gespräch. Seitdem habe ich meinen Sohn nicht wieder gesehen. Vom Hörensagen weiß ich, dass er mit dieser Frau nach Amerika gegangen ist."
"Ich verstoße jetzt möglicherweise gegen alle Regeln. Aber der Jungen, und auch Ihretwegen, werde ich eine Ausnahme machen."
Entschlossen steht die Heimleiterin auf, holt die Akte über die Kinder aus dem Schrank: "Christian und Marius Lenze. Vater Deutscher, Mutter Amerikanerin. Beide haben angegeben, keine Verwandten zu haben. Als Christian fünf und Marius drei Jahre alt waren, sind die Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Für einige Zeit haben sich Freunde der jungen Frau um die Kinder gekümmert. Später die Fürsorge. Aber auch die wollte die Verantwortung für die Kinder nicht lange tragen. Die Kinder wurden nach Deutschland abgeschoben und dem Jugendamt zugeführt. Die Jungen wurden dann bald nach ihrer Ankunft in verschiedenen Heimen untergebracht. Marius hatte bald aufgehört zu essen. Er wollte unbedingt mit seinem Bruder zusammen sein. Schließlich sind sie hierher gekommen. Bei uns wurden gerade zwei Plätze frei. Inzwischen haben sie sich recht gut eingelebt, allmählich das Hin-und-her-Geschiebe vergessen. Eine erneute Änderung ihrer Lebensumstände könnte ihnen möglicherweise auch schaden."
"Das kann ich mir nicht vorstellen. Sollten sie die Kinder meines Sohnes sein, verkraften sie das auch noch. Ich bin mir ziemlich sicher. Christian und Marius sind meine Enkel. Sie sehen Michael zum Verwechseln ähnlich. Die flachsblonden Haare und auch die Schokoladenallergie sind für mich Beweis genug. Leider habe ich nie eine gute Nachbarschaft zu Ihrem Haus gepflegt. Ich weiß auch, dass die Kinder mich als Hexe sehen. Dennoch bitte ich um Ihre Hilfe. Mit dem Behördenkram kenne ich mich absolut nicht aus. Zeigen Sie mir den richtigen Weg?"
"Es wird nicht einfach, aber ich helfe Ihnen. Sie meinen es tatsächlich ernst. Morgen werde ich die nötigen Schritte unternehmen. Das Sicherste allerdings wäre ein Gen-Test. Aber der ist teuer. Tut mir Leid, Sie danach fragen zu müssen: Können Sie den Test für sich und die Kinder bezahlen? Wäre der Unterhalt der Kinder in ihrem Hause gesichert?"
"Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Geld spielt keine Rolle. Ohne Probleme könnte ich das Waisenhaus kaufen. Aber so viele Kinder möchte ich dann doch nicht. Nur die zwei Jungen", entgegnet Frau Lenze freundlich.
Mit einem Lächeln wirkt sie richtig nett. Gar nicht mehr alt oder böse, denkt die Heimleiterin Broll. "In den nächsten Tagen wird dann jemand vom Jugendamt zu Ihnen kommen. Er oder sie möchte sich dann ihr Haus ansehen. Bis bald Frau Lenze, auf gute Zusammenarbeit", verabschiedet sich Frau Broll.
Am Nachmittag sind die Kinder wieder da. "Christian, Marius, gefällt euch mein Haus? Bitte nur eine ehrliche Antwort."
"Das Haus gefällt uns sehr", beginnt Christian... "Aber hier riecht es nach Modder und alles ist so dreckig", fällt Marius ihm ins Wort.
Wieder breitet sich Stille aus. Ängstlich schaut Christian in das Gesicht der alten Dame. "Ja, tatsächlich, ihr habt Recht." Freundlich lächelt die Frau den Kindern zu. "Aber nun müsst ihr gehen Ich habe noch viel zu tun".
"Sie war überhaupt nicht sauer auf uns. Eigentlich war sie zum ersten Mal richtig nett. Fast wie eine Oma", wundern sich die Kinder.
Die Putzkolonne hat gute Arbeit geleistet. Vom Keller bis zum Dachboden blinkt und blitzt es von Sauberkeit. Die alten Möbel haben ihre Patina verloren, sind in neuem Glanz erstrahlt. Die Dame vom Jugendamt ist schwer beeindruckt:
"Jetzt brauchen Sie nur noch den Gentest abzuwarten. Fällt er positiv aus, habe ich nichts gegen die Unterbringung der Kinder in ihrem Haus", versichert sie.
Warten, warten. Es fällt schwer. Endlich. Einen Tag vor Heiligabend wird ein Eilbrief abgegeben. Mit zitternden Händen öffnet Frau Lenze den Umschlag. Schnell überfliegt sie die Zeilen. Eigentlich nimmt sie nur die letzten Worte wahr: Mit Sicherheit ihre Enkelkinder.
Zwei kleine, glasklare Tränen laufen plötzlich über das faltenreiche Gesicht. Sie machen den Weg für eine wahre Tränensintflut frei. Die alte Dame weint, wie schon lange nicht mehr.
Heiligabend. Christian und Marius sind schon früh gekommen. Sie schmücken den Weihnachtsbaum. Ganz allein dürfen sie ihn behängen.
Frau Lenze schaut zu. Sie ist sehr aufgeregt. Gleich ist es soweit. Wie sage ich es den Kindern, überlegt sie ständig. Als die beiden fertig sind, legt sie ein Fotoalbum unter den Weihnachtsbaum. "Mein Geschenk für euch, bitte schaut es euch an!"
"Aber das ist ja Papa, und hier auf dem Bild auch Mama."
Jetzt sind die Jungen sehr aufgeregt.
"Woher haben Sie dieses Album?", fragt Christian leise. Langsames Begreifen, ungläubiges Staunen, zeichnet sich in seinem Gesicht ab.
"Dann sind Sie wohl mit uns verwandt? Ich glaube, Sie sind unsere Oma!"
"Was, die He... ähm, Frau Lenze ist unsere Oma, Christian?"
"Bin ich froh, dass ihr nun Bescheid wisst. Ich bin wirklich eure Großmutter. Und wenn ihr es erlaubt, möchte ich es auch gerne sein."
"Du bist in der letzten Zeit viel netter geworden." Treuherzig schaut Marius seiner neuen Oma in die Augen. "Ich glaube, wir werden uns mit dir vertragen, oder Christian?"
Christian nickt. "Werden wir bei Ihnen, ich meine, auch bei dir wohnen?"
"Das Jugendamt hat schon mal nichts dagegen. Es liegt jetzt an euch. Wollt ihr bei mir bleiben? Heute braucht ihr euch noch nicht zu entscheiden."
Frau Lenze schmunzelt. "Auch "Hexen feiern Weihnachten. Am liebsten mit ihren Enkelkindern", sagt sie fröhlich. "Lasst es uns versuchen."
PS: Im Frühling wurde der Garten in Ordnung gebracht. Auch der Spielplatz. Marius und Christian haben tüchtig mitgeholfen. Im Zaun hat der Schreiner ein Tor eingesetzt. "Kindergarten - für Kinder diesseits und jenseits des Zauns", konnte man auf dem Torbogen lesen.


Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.


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