Neuerscheinung
Heiligabend überall. Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest. Dr. Ronald Henss Verlag. 2004.
Jetzt bestellen!

www.online-roman.de


  Lust am Lesen     Lust am Schreiben  




Denken an.....

Eine Weihnachtsgeschichte von Rainer Pick


Wenn es draußen kälter wird, der Herbst mit bunten Blättern langsam vorbei gegangen ist oder wenigstens in der Zeit, wo der Nebel ganz langsam gefriert und glitzernde Muster auf Gras, herabgewehte Blätter und nackte Zweige zaubert, dann kann man daran denken. Wenn es gemeinsam mit den Eltern in den Wald geht, die braunen Maronen, den dicken Steinpilz und den großen Schirmpilz sammeln oder gar die krause Glucke, und die Rehe und Füchse sieht, die weit vor einem wieder im Wald verschwinden, dann denkt man noch nicht so richtig daran. Aber, wenn hoch am Himmel, mit lauten Tönen Vogeldreiecke zum Sammeln rufen, die Wildgänse nur zu hören, aber nicht zu sehen sind, weil wieder Nebel da oben die Sicht auf die Sonne versperrt, dann wieder schon. Oder wenn die Sonne manchmal nur noch durch den Nebel hindurch zu sehen ist. Keine Wärme spenden ihre Strahlen, ihre Farbe ist weiß, bleich ihr rundes Gesicht, wie ein Käsegesicht sieht sie aus. Nur manchmal, man ahnt dann ihre Kraft, strahlt sie noch gelb vom Himmel herunter. Das ist an den wenigen Tagen, wo der Himmel blau leuchtet und keine Wolke und kein Nebel mehr zu sehen ist. Ja, auch dann kann man daran denken. Und selbst, wenn die Tage vorüber gehen, an denen der Nieselregen vom leichten Nordost-Wind in langen, grauen Schleierfahnen über die braunen Felder getrieben wird und die Mäuschen verzweifelt herum laufen, weil ihre Wohnung, der Bau unter der Erde, mit den vielen Ein- und Ausgängen unter Wasser steht und selbst die modernsten Pumpen es nicht geschafft haben, das Wasser wieder heraus zu bringen. Obwohl, ich weiß jetzt nicht, ob die kleinen Mäuschen auch daran denken? Die Eichhörnchen wohl nicht. Erstemal sind die ganz lustig umhergehüpft. Immer wieder rauf auf einen Baum, herunter und wieder auf den nächsten Baum rauf. Ihr buschiger Schwanz hat so rot geleuchtet in der Sonne und mit den anderen hat es "Greife" gespielt. Dann haben sie sich einen dicken Bauch gefressen, den ganzen Sommer über Nüsse und Früchte gesammelt, einen Teil in der Erde versteckt, ob sie ihn wieder finden ist nicht immer sicher, und den Bauch brauchen sie, weil sie den ganzen Winter über schlafen. Deswegen brauchen sie auch nicht daran zu denken. Genauso wenig der große Bär, der Grizzly, der Braune. Alle diese Bären halten ihren Winterschlaf und werden erst im Frühjahr wieder wach. Da ist die Sonne schon wieder stark, sie taut den Schnee und das Eis weg und die Bären können aufstehen und ihre Beeren fressen, na ja, wenn sie reif genug sind. Dann ist aber alles wieder vorbei und deswegen denken die auch nicht daran. Was wohl mit den Vögeln ist? Also die Raben und Krähen denken bestimmt daran. Die bleiben ja hier bei uns, auch wenn es ganz doll kalt ist. Die Krähen sitzen dann ganz verfroren, ich weiß jetzt nicht, ob die da oben kuscheln, dicht beieinander in den Kronen der Bäume. Man hört ihr heiseres Krächzen schon am frühen Morgen. Es klingt wie: "Harrrrt, harrrrt", und wahrscheinlich meinen sie den Winter, der ihnen das Leben so hart erscheinen lässt. Aber genau weiß ich das nicht. Sie sammeln sich ihr Futter auch schon direkt bei den Menschen. Aus Mülltonnen und so. Deswegen meine ich, glaube ich, dass sie daran denken. Hasen werden wohl auch nicht daran denken. Die hoppeln über die Wiesen und müssen andauernd darauf achten, dass sie der Fuchs nicht einholt. Außerdem müssen sie sich vermehren, denn ich habe gelesen, sie sterben sonst aus. Also haben die gar keine Zeit, daran zu denken. Die meisten Menschen, die ich kenne, die denken aber daran. Die Oma, denkt dabei an ihre schon erwachsenen Kinder und vor allem an die Enkel, zum Beispiel meine Oma, die denkt an mich! Muttis und Vatis denken daran. Sie denken an die Zeit, als sie noch Kinder waren und sie denken an ihre Kinder. Die Erwachsenen, die keine Kinder haben, die denken an den Mann oder die Frau, an den Freund oder die Freundin, ja denke ich jedenfalls. Ob jetzt der Afrikaner daran denkt? Kann ich dir nicht sagen, aber der Russe, der denkt auch daran oder der Engländer, Holländer und Schwede. Und Litauer, Usbeke und Ungar und Österreicher, ja sogar die Bayern und Sachsen. Ich denke auch daran, wenn es noch kälter wird. Wenn morgens fröhlich die Autofahrer fluchend versuchen die Autotüren zu öffnen, was nicht geht, weil sie zugefroren sind. Sie müssen sie aber aufbekommen, denn schließlich liegt da drinnen der Eiskratzer und wahrscheinlich auch die kleine Flasche mit dem Spray gegen eingefrorene Autotüren. Ich denke auch daran, wenn morgens um 4,30 Uhr unser Hausmeister allen Mietern beweist, dass er am frühesten aufstehen kann. Mit seinem kleinen Traktor, der im Sommer um halb sechs den Rasen mähte, und im Winter nun, vorne mit einem kleinen Schneeschieber versehen, sehr früh seine Runden um das Haus dreht und eine breite Spur zur Hauptstraße zieht. Dann muss ich daran denken. Oder, weil die Autos jetzt an der Ampel viel vorsichtiger als im Sommer, herangefahren kommen oder beim Wegfahren erstemal mit den Vorderrädern summend und brummend auf der Stelle fahren und erst später als sie wollen, weiter voran kommen. Denn es ist Schnee gefallen und der Räumdienst kommt sowieso etwas später.
Weihnachten? Wer das noch nicht weiß, Weihnachten sind die Tage, an denen Mutti und Vati flüsternd an meinem Zimmer vorbei gehen, verstohlene Blicke wechseln und die Schokoladenringe, Weihnachtsmänner, die ich zum Fressen gerne habe, Nüsse, die größeren Wal und die kleineren Hasel, aber auch die von ganz woanders, die dreieckigen und die haarigen runden, wieder im Kasten verstecken, der in ihrem Schlafzimmer, im Schrank mit den Kleidern ganz oben drauf steht. Und von dem ich eigentlich nichts wissen soll. Weil? Ja weil auf dem bunten Teller unterm Weihnachtsbaum alle wieder vereint sind. Der Kasten im Schlafzimmer der Eltern ist fast ganz leer und der bunte Teller hier unter dem Baum im Wohnzimmer ist voll, genauso wie die Schüssel, die auf dem Tisch steht. In die fasst Papi öfter mal rein, nimmt etwas heraus, wickelt etwas aus, ist meistens Schokolade, oder er knackt mit dem Nussknacker, isst dann meist eine Nuss und und und. Ich darf natürlich nie vergessen, dass Vatis immer sehr cool sind, wenn es Weihnachtszeit ist. Ist etwas für Kinder, die lieben Kleinen!! Aber wehe, der Weihnachtsmann hat für meinen Papi nichts mitgebracht. Auweiha! Ganz krank guckt er dann. Na klar, er beherrscht sich. Ein Mann, ein Trauerspiel. Bis Mutti plötzlich sagt: "Ach gucke mal, hier hab ich ja etwas aufgemacht, was gar nicht für mich bestimmt ist..." Dann wird plötzlich auch für Papi Weihnachten und wir sind eine zufriedene Familie.




Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.



»»» Weitere Weihnachtsgeschichten «««

»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««

»»» HOME PAGE «««



Eingereicht am 08. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.