Neuerscheinung
Heiligabend überall. Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest. Dr. Ronald Henss Verlag. 2004.
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Weihnachten im Sommer

Eine Weihnachtsgeschichte von Rainer Pick


"Autsch!", auf meiner Fingerspitze entsteht ein runder, roter Tropfen. Oh, das ist ja Blut. Da hat mich doch etwas ganz Spitzes, Hartes gepickt. Ach, da liegt was. Ein längliches Ding. Vorne und hinten spitz. Eine Nadel? Ja, eine Tannen-Nadel. In der Ecke von unserem Wohnzimmer. Der Würfel ist da hin gefallen. Draußen regnet es. Ein Gewitter, mächtige, schwarze Wolken lassen hundert Millionen Wassertropfen herunter fallen und wenn die hellen, blauen Blitze herum gezicktzackt sind, dann knallt und grollt der Donner hinterher. Na, es macht ja nichts, denn bald scheint wieder die Sonne, trocknet die Straßen, leckt die Pfützen weg und wir fahren baden. Der Bauernsee ist nicht weit und wir baden da immer. Man kann prima auf der Wiese herum tollen und das Wasser ist warm. Kein Wunder, denn die Sonne scheint schon viele Tage. Es ist ein heißer Sommer. Wir haben Ferien. Bloß jetzt sitzen wir, der Jecki und Vati und ich im Wohnzimmer und spielen "Mensch ärgere dich nicht". Gerade als ich meine Sechs würfeln will, kam wieder Blitz und Donner. Und genau beim Donner fällt der Würfel vom Tisch herunter und direkt in die Ecke. Da hab ich ihn wieder gefunden und dann hat mich was gestochen.
Die Nadel ist trocken und hart. Sie hat letzte Weihnacht am Weihnachtsbaum gesessen. Zusammen mit den vielen anderen spitzen, grünen Brüdern. Einen guten Duft habe ich noch in der Nase. Der Tannenduft, als wir den Weihnachtsbaum aufgestellt haben. Das machen immer Papi und ich. Vorher haben wir ihn geholt. In dem viereckigen Platz, der vom Zaun gebildet wird, den der Mann mit der blauen Wattejacke aufgestellt hat, stehen viele Bäume. Große und kleine. Der Wattejackenmann verkauft sie. Der macht auch immer das Radio an, da dudelt dieses Lied. Das aus Amerika. Da singt einer immer ganz feierlich von den Holy Christmas, das ist englisch und soll heilige Weihnachten heißen. Alle kommen hierher und suchen sich ihren Weihnachtsbaum aus. Da drüben steht eine feine Dame. In ihrer Hand hält sie ein Taschentuch, mit dem fasst sie die Bäumchen an und dreht sie immer, dann schüttelt sie ihren Kopf, mit dem schwarzen Hut und der Tüllgardine, lässt das Bäumchen wieder zurück fallen. Mit ihrem Taschentuch putzt sie dann ihren Handschuh ab und den Mantelkragen und geht zum nächsten Baum. Suchend blickt sie zuerst den Baum an und dann umher. Ach, da kommt ja auch ein Mann dazu. Die beiden tuscheln ziemlich hektisch, dann greift die Dame sich den Arm von dem Mann und sie gehen ein paar Schritte weiter. Ich kann nur noch ihren Hut sehen und da, da hat sie wieder einen Baum bewegt. Sein Wipfel dreht sich, dann fällt er wieder zurück an den Stapel mit den andren Bäumen. Na, das war er wohl wieder nicht. "Komm, du musst die den auch mal anschauen." Papi ist nun auch bei der Auswahl angekommen und ich soll dabei sein. Na der ist doch toll, denke ich, als ich den kleinen Tannenbaum sehe. Papi hat natürlich gerade einen anderen in der Hand. Aber, da fehlt wohl doch ein wichtiger Ast, jedenfalls brauche ich nun nicht mehr zum Anschauen antreten. "He Papi, guck doch mal, der hier ist prima." Der Wattejackenmann hilft mir. "Da hast du aber einen Superbaum gefunden, rundum schön und mit der Größe hat man ja keine Probleme, was zu groß ist ird eben abgesägt. Aber der ist eine prima Wahl!", nickt er mit seiner roten Nase und sieht zu Papi hin. Papi sieht ihn sich auch an. Kritisch, aber fair. Prima, der ist es! Papi geht jetzt in die kleine Bude an der Seite, da sitzt ne Frau, auch mit Wattejacke, die hat die Kasse, eine kleine Geldkassette und da kommen auch die Geldscheine rein, die Papi ihr jetzt gibt. Ich schaue aber lieber dem Wattejackenmann zu. Der hat unseren Baum jetzt in ein Rohr gesteckt. Da kommt er vorne wieder raus. Angezogen. Er hat jetzt einen Netzanzug an, der seine Zweige dichter an ihn drückt und wir können ihn besser in die Wohnung bringen. Doch vorher muss er noch ein paar Tage im Gartenhäuschen warten.
Am 24. Dezember bringen wir ihn dann am Vormittag in die Wohnung. In der Wohnstube breiten wir alte Zeitungen aus und dann suchen wir den Weihnachtsbaumständer. Das passiert uns jedes Jahr. Meistens ist er im Keller und muss entstaubt werden. Die Schrauben sind schon rostig und jedes Jahr sagt Papi: "Wir müssen uns endlich mal einen neuen, modernen Weihnachtsbaumständer kaufen, da gibt es schon welche, da steckst du den Baum nur rein und schon steht er richtig." Und wir sagen dann immer wieder: "Ja, ja, da hättest du aber früher daran denken müssen, heute nehmen wir den alten." Dann holt Papi die Drahtbürste aus dem Werkzeugkasten, ich muss die kleine Säge holen und Mutti holt, ohne weitere Bemerkungen, aus dem Sanitätsschrank im Flur, eine Rolle Pflaster und eine weiße Binde. Die legt sie wortlos auf den Tisch und verschwindet dann aus dem Wohnzimmer. Wir fangen an den Baum hin zu stellen. Erst mal hat Papi die rostige Schraube mit der Drahtbürste gebürstet. Der Rost ist nun weg und Vati sagt: "Das kann man sowieso nicht sehen, wenn der Baum drinnen steht." Dann nimmt er den Zollstock, das ist das Ding mit den Zahlen drauf, den kann man aufklappen und dann wird er länger und länger. Der Baum liegt noch auf den alten Zeitungen und Papi legt jetzt den Zollstock daneben. Unten am Fuß vom Baum muss er richtig liegen und dann guckt er oben an der Spitze nach, wie lang der Baum ist. Da sind die Zentimeter wichtig. Dann schreibt sich Papi die Zahl auf, also die vom Baum. Nun wird der Zollstock an die Wand gelegt, aber so hochkant. Da wo der Zollstock zu Ende ist, macht Papi einen dünnen Strich mit dem Bleistift an die Tapete. "Den müssen wir nachher wieder wegradieren", murmelt er vor sich hin und schiebt den Zollstock bis oben an die Decke. Nun schreibt er wieder die Zahlen von den Zentimetern auf seinen Zettel und sagt dann laut: "So, wir müssen 50 Zentimeter abschneiden, hol doch mal die Säge, Dave." Na die habe ich längst in der Hand, denn schon beim Reinbringen in die Stube konnte ich sehen, dass der Baum ein bisschen zu groß für unser Zimmer ist. Ich reiche sie ihm hin und er beginnt mit dem Abschneiden. Am Fußende vom Bäumchen liegt jetzt wieder der Zollstock, der ist für die 50 Zentimeter, dann setzt Papi die Säge an und schreit plötzlich "Aua!", die Tannennadeln haben ihn gepickt. Mutti erscheint in der Tür zum Wohnzimmer, sieht mich an und wirft mir Papis Arbeitshandschuhe rüber. Dann ist sie wieder verschwunden. Papi zieht sich nun die Arbeitshandschuhe an und setzt die Säge erneut an. Ich halte unser Bäumchen auch ein bisschen fest und schnupper mit der Nase. Da wo der Baum so frisch gesägt wird, riecht man den Wald. Das Stück ist ab. Jetzt muss der Baum am Fuß angespitzt werden. Sonst passt er nicht in den Baumständer. Dafür haben wir ein scharfes Messer. Im letzten Jahr hatten wir es auch benutzt, da ist Papi nur einmal ausgerutscht und dann floss das Blut aus seinem Finger. Papi brüllte nur "Marie, ich brauch ein Pflaster!", dann saß er im Sessel und hat mir gesagt, wie ich den Baum anspitzen muss. Dieses Mal habe ich mir die Öffnung vom Weihnachtsbaumständer noch einmal genau angesehen und gleich das Messer genommen. Papi brachte das abgesägte Stück vom Baum vor das Haus, da wo die Mülltonnen stehen und ich habe ganz schnell ein bisschen geschnitzt, dann hat der Baum gepasst. Als er wieder rein kam, brauchten wir ihn nur noch aufzustellen. Irgendetwas hat Papi noch beim Aufstellen vom Weihnachtsbaum gemurmelt, aber ich habe es nicht verstanden. Die Schrauben habe ich dann fest gemacht. Ich passe besser unter den Weihnachtsbaum als Papi. Als unser Baum schon nicht mehr wackelte ist Papi zu Mami in die Küche gegangen. Ich habe es genau gehört, was er zu ihr gesagt hat. "Der Junge muss deine Begabung für das Handwerkliche geerbt haben, er hat ihn perfekt zurecht geschnitzt." Was nun noch kommt, macht richtig Spaß. Die dünnen Kugeln aus silbernem Glas, mit weißen wie Zucker aufgeklebten Figuren, die farbigen Kugeln, die bunten Glitzer-Dinger und Lametta müssen auf dem Baum verteilt werden. Klar, dass Papi genau weiß wohin welche Kugel gehängt werden muss. Aber ich mache es. Auch ganz oben hänge ich welche hin, ich mag den Glanz der Kugeln, wenn die Kerzen brennen. Ach ja, die Kerzen. Das ist nun wirklich Papis Aufgabe. Wir haben elektrische Kerzen. Vor vielen Jahren hat Papi sie gekauft, weil die richtigen Kerzen aus Wachs ziemlich schnell abbrennen und gefährlich werden können. Die elektrischen Kerzen sehen fast so aus, wie die aus Wachs und sind noch aus der DDR-Zeit. Papi mag die neueren nicht, die sind meist klein und auch noch bunt, unsere leuchten hell und weiß, fast wie eine richtige Flamme. Zu dumm nur, dass wir sie vorher nicht ausprobiert haben, denn vor einigen Jahren hat Mutti sogar einen Elektriker-Notdienst angerufen, weil die Kerzen einfach nicht brennen wollten. Genau am 24. Dezember um 13,30 Uhr kam der noch zu uns nach Hause. Er hat unsere elektrischen Kerzen bewundert, sie seien so wertvoll, schon eine Anti ...., ähem eine Antiquicktät...., also eine ganz alte wertvolle Sache. Nach einer Stunde, drei Tassen Kaffee und einer heißen Bockwurst zum Kartoffelsalat hat er uns stolz gezeigt, an welcher Kerze gedreht werden muss, wenn alle brennen sollen. Für dieses Jahr war dann Weihnachten gerettet. Jetzt hat Papi sie alle in den Baum gesteckt und zur Probe angemacht. Ja, sie brennen. Was jetzt noch fehlt ist die Spitze vom Weihnachtsbaum. Die ist auch wichtig, weil Papi hat sie vor vielen Jahren aus Russland mit gebracht, da hieß Russland noch Sowjetunion. Ganz stolz ist Papi auf diese Spitze und wirklich, die ist so eine silbern glitzernde Baumspitze, wie eine Weihnachtsbaumkrone von einem Weihnachtsbaumkaiser. Und wieder ist noch ein kleines Problemchen zu lösen. Bei den Zentimetern von vorhin hat Papi vergessen, dass die Spitze ja auch Zentimeter hat. "Mist!", sagt Papi und hält die Spitze in der Hand, oben auf dem Hocker stehend. Aber Mutti hat alles mitbekommen und kommt auch gleich ins Wohnzimmer. In der Hand hält sie die Geflügelschere, die gibt sie Papi, nimmt so lange die Spitze und Papi schnipst dem Bäumchen oben die Spitze weg, dann kommt die Weihnachtsbaumspitze doch noch oben drauf. Nun ist er fertig, unser Weihnachtsbaum. Fertig? Nein, Mutti hat noch etwas in der Hand. Das muss noch auf die Zweige von unserem Bäumchen. Lametta. Ich weiß nicht so richtig, warum das immer Mutti machen muss und warum sie dabei so feierlich tut. Sehr altes Papier ist die Hülle, in der unser Lametta liegt. Genauso alt muss auch das Lametta sein, das da sozusagen Faden für Faden auf dem Weihnachtbaum gelegt wird. Papi sagt geheimnisvoll: "Blei-Lametta" und erzählte es schon vor einigen Jahren. "Unser Lametta stammt von den Großeltern oder sogar von deren Großeltern." Vor mehr als ganz vielen Jahren, als die Eltern von Papi und Mami noch Kinder waren, in einem anderen Land lebten, also damals war das auch unser Land, aber später war es Polen, da haben sie schon unser Lametta auf ihren Weihnachtsbaum gelegt und den Glanz und das Glitzern im Kerzenschein bewundert und dann auch noch Weihnachtslieder gesungen und Geschenke bekommen. Und die gleichen silbernen Fäden haben wir nun Jahr um Jahr auf unseren Weihnachtsbaum gelegt. Aber nun ist Mutti fertig damit, sie steht mit der alten Papierhülle in der Hand vor dem Bäumchen, Vati steht neben ihr, hat die Kerzen angemacht und nun stehe ich zwischen ihnen und wir staunen unseren Weihnachtsbaum an. Wie schaffen es die Bäume nur, uns jedes Jahr dieses Gefühl von Wunderbar zu geben? Noch kein Geschenk liegt unter dem Baum, noch keine feierliche Weihnachtsmusik klingt aus dem Radio und trotzdem ist mir dieser Augenblick zusammen mit den Eltern hier zu stehen und den Weihnachtsbaum anzuschauen so wichtig, so feierlich schön.
Es tut schon gar nicht mehr weh. Der Blutstropfen ist schon trocken. "Dave, kommst du? Du bist dran, mit Würfeln" und "Nun mach schon, wir wollen doch noch baden fahren." Papi klingt ungeduldig. Draußen hat die Sonne die Wolken vertrieben und strahlt heiß vom blauen Himmel. Dünne Nebelschwaden steigen von der Straße auf, die Ränder der Pfütze trocknen schon. Ja, gleich nach dem Spiel fahren wir zum Bauernsee.




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Eingereicht am 08. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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