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Weihnachtszeit

Eine Weihnachtsgeschichte von Diana Heither


Es dämmert bereits, als ich die Kisten und Kartons neben die kleine Tanne auf den Boden stelle. Ich mache kein Licht, wozu auch?
Den Baum schmücke ich immer allein. Ich maße mir nicht an, es besonders schön zu können, und ich habe auch keine Angst, die Kinder könnten etwas zerbrechen. Es sind die wenigen Minuten der Ruhe, in der Hektik vor den Festtagen. Zeit, in der ich die Einsamkeit genieße. Minuten, in denen Ihr wieder bei mir seid.
Mein ganzes übriges Leben verbringe ich damit, die Erinnerungen an Euch in meinem Herzen einzuschließen, die Gedanken an Euch zu verbannen, den Schmerz und die Trauer nicht zuzulassen. Doch sobald ich die Lichterkette an den Baum hänge, der Tannenduft das Zimmer erfüllt und ich im Schein der vielen kleinen Lichter die Kugeln aus der Verpackung nehme, reißt die Mauer ein.
Es ist, als ob ich in der Dämmerung des Abends, zwischen den vielen kleinen Kerzen, plötzlich Eure Gesichter sehe. Jeden einzelnen von Euch erblicke ich in diesen Momenten in diesem Spiel aus Licht und Schatten. Eure Augen, die mich wissend anschauen und in denen sich Eure Seelen spiegeln. Euer Lächeln, das mir sagen will, es ist alles gut und das all jene Herzen erreicht, denen Ihr begegnet seid. Eure Hände, die jeden Sturz auffingen und mir jetzt zeigen wollen, dass Ihr auch weiterhin immer über mich wacht.
Du, meine Freundin, die wie eine Schwester für mich war. Niemand wird je begreifen, wie eng die Bindung zwischen uns war. Noch heute fehlen mir unsere Gespräche, Dein Lachen, Deine Gesten und Gewohnheiten. Du warst so stark und voller Liebe, hast immer an das Gute im Menschen geglaubt und für deinen Glauben gekämpft.
Du, mein Freund, der auch mein Geliebter war. Nie hast Du vergessen zu sagen, was Du fühltest. Angst, Gefühle auszudrücken, kanntest Du nicht. Jeden Tag hast Du genutzt, niemals etwas bereut. Deinen Freunden und Deiner Familie warst Du immer nah, helfend, liebevoll und beschützend.
Du, diese wundervolle Frau, die meine Mutter ersetzte. Mein ganzes Leben hast Du mir all Deine Liebe geschenkt, warst immer für mich da, hast mich geführt, behütet und mir den Freiraum gelassen, den ich zum Erwachsenwerden brauchte.
Ihr alle habt mich ein kurzes Stück meines Lebens begleitet, habt aus mir den Menschen geformt, der ich heute bin. Mit Eurem Herzen, dem Mut, der Stärke und dem Stolz, Eigenschaften die Ihr allen Menschen vermitteln konntet. Und vor allem mit Eurer Liebe.
Ihr habt mich gelehrt zuzuhören, für andere da zu sein, und die Hand zur Versöhnung zu reichen. Ihr brachtet mir bei, Träume zu leben, mutig zu sein und Verfehlungen zuzugeben. Durch Euch lernte ich Vertrauen zu haben, verzeihen zu können und Liebe zu geben.
Auch wenn es Euch enttäuscht, so muss ich doch gestehen, dass ich verlernt habe Nähe zuzulassen. Vielleicht, weil Ihr mir nicht gezeigt habt, wie man loslässt.
Ihr habt das Leben so sehr geliebt. Unmöglich zu erahnen, wie viel von dieser Liebe und Eurer Kraft in denen, die Euch kennen durften, weiter lebt. Wie viel konnte ich Euch nicht sagen? Es hätte mich verletzlich gemacht. Mit jeder Faser meines Herzens wünsche ich mir nur noch einen Augenblick, einen Augenblick für jeden von Euch, in dem ich alles das sagen kann, was ich versäumt habe.
Die letzten Stunden, Minuten, und Sekunden die ich mit jedem einzelnen von Euch verbringen durfte, waren zur Weihnachtszeit. Zusammen haben wir gehofft, gebangt, gelitten und geweint. Wir schworen uns, dass Gemeinsamkeit stark macht und wir alles schaffen können. Seite an Seite haben wir gekämpft und doch den Kampf verloren.
Jeder hat bei seinem Abschied einen Teil von sich zurückgelassen, doch jeder hat auch einen Teil von mir mit sich genommen.
Ihr alle habt Eure endlose Reise angetreten, habt diese Welt verlassen, die Euch so viel Leid beschert hat. Ich kann an Eurem Lächeln sehen, dass es eine gute Reise ist. Ihr seid dem Elend und Schmerz entkommen, seid jetzt dort wo Euch nichts mehr zu quälen vermag. Am anderen Ufer, unerreichbar weit fort. Ihr wart zu gut für diese Welt und ich vermisse Euch.
Ich hänge jetzt die letzte Kugel an. Unten im Hausflur erklingen Stimmen, kleine Füße trampeln über die Treppenstufen. Ich lächle Euch noch einmal wehmütig zu, bevor das Licht im Zimmer aufflammt und Eure Gesichter verschwinden lässt. Zurück an jenen Platz in meinem Herzen, den kein Gedanke erreicht, der die Erinnerungen vergräbt und der kein Gefühl hinaus lässt.
Bis zum nächsten Rendezvous in der Weihnachtszeit, wenn wir uns wiedersehen.


Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.


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