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Was war das noch für ein Fest, damals?

Eine Weihnachtsgeschichte von Barbara Peters


Das große E hatte sein ganzes Leben als Anfangsbuchstabe des sechsten Kapitels in einem alten Geschichtenbuch verbracht. Von der Welt außerhalb des Buches hatte es schon lange nichts mehr gesehen. Früher, als Ilse noch klein war, da hatte sie ihr dickes Lieblingsbuch häufig aufgeschlagen, um darin zu lesen und sich in die Erzählungen von Prinzen und Prinzessinnen, Füchsen und Wölfen, Zauberern und Feen zu vertiefen. Damals hatte das große E viel von der "Draußen-Welt" gesehen. Die sechste Geschichte war Ilses Lieblingsgeschichte gewesen. Meistens öffnete sich das Buch wie von selbst an der richtigen Stelle, wenn das Mädchen es zur Hand nahm. Das große E wartete immer sehr aufgeregt auf den köstlichen Augenblick, wenn das Licht auf die weißen Seiten fiel, auf denen es mit all den anderen Buchstaben geduldig und sorgsam seine Arbeit verrichtete. E erinnerte sich noch ganz genau an jenen wunderbaren Abend, an dem es zum ersten Mal das Licht der Welt außerhalb der Buchdeckel erblickt hatte. Als Ilse damals ihr Buch öffnete, wurde das große E geblendet von all dem Schimmer und Glanz, der die Buchseite übergoss.
Es musste ein ganz besonderer Tag für Ilse gewesen sein, daran erinnerte sich das E genau. Die helle Welt, die damals das geöffnete Buch umgab, duftete festlich nach Zimt und Mandeln, Honig und Vanille. Ein dunkelgrüner Baum, der mit silbernen Fäden, glänzenden Kugeln und brennenden Kerzen geschmückt war, überstrahlte die geröteten Kinderwangen.
Das E seufzte wehmütig. Das war endgültig vergangen. Ziemlich lange schon war kein Licht mehr in das düstere Leben des E's gefallen. Es war deprimierend. Die meisten Buchstaben in seiner Nähe waren verstummt. Das kleine m ließ die Schultern hängen; das o ähnelte einem Luftballon, in den jemand mit einer Nadel ein Loch gestochen hatte. Das a jammerte leise: "Aaaaaach! Aaaaach! Aaaaach! Waaaas für ein Jaaaaammer!" Und das kleine s, das direkt neben dem E stehen sollte, tat genau dieses nicht, sondern schlängelte sich säuselnd und zischend durch die Zeilen, wobei es das W an seinem dicken Bauch kitzelte.
Nur das hochmütige I gab nicht auf. Es hielt sich kerzengerade und kommentierte piepsend das Verhalten seiner Kollegen: "Iiiigiiiitt! Iiiiigiiiiitt! Wiiiie iiiiihr dasteht! Iiiiirriiiiitiiiierend." Das E hielt sich verzweifelt mit beiden Händen die Ohren zu. Es konnte das Iiiii-Gefiepe nicht mehr aushalten.
Auch heute bemühte sich das E wieder einmal, den tristen, grauen Alltag zu vergessen und nicht auf das Piepsen des I's zu achten. Das E versuchte, sich zu erinnern, was für ein besonderes Fest es gewesen war, an dem Ilse das Buch zum ersten Mal aufgeschlagen hatte. Was war das noch für ein Fest, damals? Das E dachte so angestrengt nach, dass sein Kopf zu qualmen begann. Der feine Rauch löste bei dem I einen Hustenanfall aus. Es keuchte, bellte und zischte. Als es sich endlich von dem Husten erholt hatte, wollte es das E irrsinnig beschimpfen.
Doch dazu kam es nicht mehr. Es geschahen nämlich, beinahe gleichzeitig, zwei echte Wunder: Das E erinnerte sich plötzlich an den Namen des lange zurückliegenden Glückstages. Es öffnete seinen Mund und in dem gleichen Moment, in dem es freudestrahlend: "Weihnachten!" rief, schlug jemand das Buch auf. Ganz plötzlich fiel goldener Glanz auf die erste Seite des sechsten Kapitels. Emsig stellten sich die Buchstaben in ihren Zeilen in Positur. Das m hob Kopf und Schultern, das o holte tief Luft und streckte sein Bäuchlein heraus. Das I zischte noch ein leises "Iiiiich ..." und verstummte verschämt.
"Herrlich!", dachte das E und sah sich gespannt in der Welt um, die ihm so lange verschlossen gewesen war. Alles war genau wie damals: der dunkelgrüne Baum, die Kerzen, die Lichter, die Düfte - nur Ilse, Ilse konnte das E nirgends entdecken. Stattdessen blickt es in die Augen eines fremden, kleinen Mädchens. Das Mädchen hob andächtig den Finger und fuhr damit über den ersten Satz des sechsten Kapitels. Dabei streichelte es das E sanft und diesem wurde seltsam warm zu Mute.
"Nein, das ist ja ein Zufall!", hörte das E plötzlich eine alte Stimme sagen.
Ihr Tonfall war dem E auf geheimnisvolle Weise vertraut. Woher kannte es die Stimme nur?
"Kapitel sechs", fuhr die Stimme fort. "Das war damals, als ich so alt war, wie du, immer meine liebste Erzählung. Soll ich dir die Geschichte vorlesen?"
Das kleine Mädchen nickte eifrig. Das E seufzte einen glücklichen Glücksseufzer. Nun wurde es mit seinen Buchstabenkollegen endlich wieder einmal gebraucht! Die Stimme begann zu lesen: "Es war einmal in alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat ..."




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Eingereicht am 07. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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