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Meine Weisheiten

Eine Weihnachtsgeschichte von Rosmarie V.R. Pfister


Katharina schloss die Tür ihres Appartements auf und schleppte die schweren Tüten in den Flur. Sie stellte die Einkäufe ab und zog sich die Schuhe aus. Keuchend ging sie ins Wohnzimmer und ließ sich in ihren orangefarbenen Sessel fallen. Sie schloss die Augen und strich sich ein paar blonde Strähnen aus der Stirn. Was für ein Stress, ging es ihr durch den Kopf und dann noch dieser kaltschnäuzige, arrogante Chef, der wegen seiner kleinen Statur Komplexe hatte und deshalb seine üblen Machtspielchen mit dem Personal trieb. Am liebsten würde ich ihm meine Meinung sagen, aber ich brauche diesen Job und mit 42 Jahren ist es sicher nicht mehr so leicht, was besseres zu finden.
Dann noch die Scheidung von Robert vor zwei Monaten. Fünf Jahre waren sie verheiratet. Am Anfang war alles noch frisch und lebendig in ihrer Beziehung. Dann verschrieb sich Robert ganz seiner Arbeit von früh bis spät. Er handelte nach dem Scheuklappenprinzip. Er nahm sonst nichts mehr wahr, keine Freunde, keine Freizeitaktivität, keine Katharina. Ich Arme, schmollte sie und Gefühle der Trauer und Wut wechselten sich ab. Warum hat er unsere Ehe so aufs Spiel gesetzt? Wem wollte er durch seine extreme Arbeitswut etwas beweisen? Sich selbst, seinem Vater? Sie hätten ein so schönes Leben zusammen haben können, vielleicht hätten sie doch noch ein gemeinsames Kind gehabt? Aber nicht mal für das fand er noch Zeit. Ich habe doch alles versucht, um unsere Beziehung zu retten, habe auf ihn eingeredet, aber das hat alles nichts genutzt. Dieser Idiot! schimpfte Katharina, soll er doch sehen, wo er bleibt. Bestimmt sitzt er jetzt alleine zuhause und feiert Weihnachten mit seinen Akten! Soll er doch, ich jedenfalls feiere zusammen mit meiner Mutter. Mit ihr kann ich wenigstens sprechen und bekomme auch Antworten, anstatt gegen eine Wand zu sprechen, wie bei Robert. Oh Gott! Sie erschrak, als sie auf die Uhr blickte. Nur noch zwei Stunden bis Mutter kam, der Braten war auch noch nicht in der Röhre und der Baum ohne Dekoration. Schnell ging sie ans Werk und schon bald verwandelte sich die Wohnung in eine glitzernde, in Kerzenlicht getauchte "bessere" Welt.
Die kleine, bunt mit Kugeln, Sternen, Kerzen, orangen und blauen Kugeln geschmückte Tanne war der Blickfang in ihrem kleinen Wohnzimmer. Den Esstisch zierte eine orangefarbene Tischdecke mit Tannenzweigen und goldenen Tannenzapfen. So Mama, jetzt kannst Du kommen! murmelte Katharina und legte noch die Weihnachts-CD mit Liedern von Elvis, Frank Sinatra und Dean Martin auf.
"Frohe Weihnachten, Katharina!" Herzlich umarmte und küsste Vera ihre Tochter. "Frohe Weihnachten Mama, komm, ich habe schon alles fertig!"
"Ach Katharina, das hast Du aber wundervoll gemacht. Welch romantische, liebliche Atmosphäre, da geht einem ja das Herz auf!" Lachend beugte sich Vera zu ihrer Tochter. "Komm, setzen wir uns doch unter den wundervollen Baum!". Da saßen nun beide und Vera bemerkte den sorgenvollen Gesichtsausdruck ihrer Tochter. Behutsam legte sie die Hand auf ihre Schulter: "Du siehst nicht gerade glücklich aus Katharina, was ist denn los?"
"Ach ich weiß nicht, Mama. Ich bin einfach etwas deprimiert und unglücklich. Mir macht nichts mehr so recht Freude und alles kommt mir so sinnlos vor. Die Welt ist so kalt, hektisch und Weihnachten hat sowieso seinen Sinn verfehlt. Die Leute kaufen sich immer mehr und immer teurere Geschenke und trotzdem macht es sie nicht satt. Wer ist heutzutage noch richtig glücklich?"
"Du hast Recht Katharina, Weihnachten ist eigentlich das Fest der Liebe und manchmal auch der Erkenntnis. Du vermisst sicher einen guten Partner, Deine Scheidung war ja erst kürzlich und Papa ist auch erst vor einem Jahr verstorben. Die teuersten Geschenke können nicht über den Verlust eines geliebten Menschen hinweghelfen. Ich verstehe dich sehr gut. Und an Weihnachten wird einem das umso mehr schmerzlicher bewusst. Uns beiden fehlt der Ehemann und ich vermisse besonders meine Mutter Elisabeth, die mir immer mit Rat und Tat zur Verfügung gestanden hat. Aber das Leben geht für uns weiter und wir müssen versuchen, es sinnvoll zu nutzen, denn es ist ein Geschenk Gottes. Schau Katharina, ich bin so froh, dass wir beide uns haben und nun gemeinsam unter dem herrlichen Baum sitzen. Und obwohl dir Geschenke nicht viel bedeuten, möchte ich dir von Herzen etwas besonderes geben; mach es bitte auf! Nochmals ‚Frohe Weihnachten!'"
Lächelnd überreichte Vera ihrer Tochter ein kleines Geschenk, verpackt in goldglänzender Folie. Behutsam öffnete diese das Paket und zum Vorschein kam ein in hellbraunes Leder gebundene Büchlein. Katharina hielt inne und fragte erstaunt: "Was ist das? Das kenne ich doch!".
"Ja, Katharina erinnerst du dich noch? Dieses Buch ist von Oma Elisabeth, weißt du noch?"
"Oh, nein, das gibt es doch nicht, Mama! Wo kommt denn dieses Buch her?" Erstaunt blickte sie ihre Mutter an.
"Als ich kürzlich den Dachboden des Hauses entrümpelt habe, habe ich es in einer deiner Spielzeugkisten gefunden. Ich dachte sofort daran, es dir an Weihnachten wiederzuschenken."
Katharinas Augen wurden ganz feucht: "Oh, Mama, dass ich das vergessen hatte, wie konnte ich nur. Meine liebe Oma, sie war so gescheit und wusste auf alles einen Rat. Vielen herzlichen Dank!"
Vera erinnert sich: "Ich weiß noch genau die Situation damals. Wir beide hatten gerade in der Küche zu tun, um das Weihnachtsessen zuzubereiten. Oma saß in ihrem gemütlichen Fernsehsessel und sah uns beiden zu. Du hast Oma dann mit allerlei Fragen gelöchert und ich sagte dir, du sollst sie doch in Ruhe lassen, da du sie sonst überstrapazierst. Aber Oma hat geduldig alle deine Fragen beantwortet. Dann war die Zeit der Bescherung und wir hatten uns alle vor dem Christbaum versammelt. Oma, du, Papa und ich. Die Atmosphäre war friedlich und es duftete nach Orangen, Punsch, Zimt und der Tannenbaum verbreitete einen wundervollen Geruch von Harz. Unser Weihnachtsbaum war damals noch üppig mit silbernem Lametta geschmückt, mit Strohengeln und echten roten und weißen Wachskerzen. Papa zündete dann die Sternwerfer an und eine andächtige, besinnliche Stimmung war im Raum. Oma stimmte das Weihnachtslied ‚Oh, du fröhliche' an und alle sangen mit. Dann packte jeder seine Geschenke aus. Oma überreichte dir das in goldene Folie gepackte Buch. Du hast es aufgerissen und gedacht, es wäre ein Mädchenroman. Oma sah deine Enttäuschung und sagte: ‚Auch wenn du damit momentan nicht viel anfangen kannst, Katharina. Aber hebe dieses Büchlein gut auf. Eines Tages wird es Dir sehr hilfreich sein.' Ja, und so kam es dann auch, dass du das Buch in deiner Spielzeugkiste verstaut hast und dort blieb es, bis ich es jetzt auf dem Dachboden entdeckte."
"Ach Mama, vielen herzlichen Dank, dass du daran gedacht hast. Wie Unrecht ich doch Oma getan habe. All die Jahre war es auf dem Dachboden." Seufzend blickte Katharina das Buch an und strich mit ihren Fingern der Schrift entlang: "Meine Weisheiten" stand da in goldenen Lettern.
"Komm Katharina, schlage doch die ersten Seiten auf", ermunterte die Mutter ihre Tochter.
Als erstes stand da eine Widmung in schwarzer Tusche geschrieben. "Gewidmet meiner lieben Enkeltochter Katharina. In dieses Büchlein habe ich all meine Lebensweisheiten zusammengetragen, die ich in guten und schlechten Tagen erfahren durfte. Darin kannst du den Sinn des Lebens erkennen und du findest viele Antworten auf deine Fragen. Sicher wirst du sie nicht alle gleich verstehen; aber mit der Zeit wird dir immer wieder mal ein Licht aufgehen und diese Erkenntnisse werden dir sehr hilfreich sein. Liebe Katharina, bewahre dieses Buch gut auf und wenn du verzweifelt bist und Probleme hast, dann schlage es doch auf und suche die Antwort. Vergiss mich nicht! Deine Oma Elisabeth. Weihnachten, 24.12.1974."
Katharina kullerten die Tränen vom Gesicht und wieder seufzte sie tief. "Ach Mama, meine liebe Oma. Warum habe ich nie an das Buch gedacht?"
"Mach dir keine Gedanken darüber, deine Oma hat sicher gewusst, dass du dieses Buch erst viel später lesen wirst." Zärtlich streichelte sie Katharina übers Haar.
Katharina schnäuzte sich und las das Inhaltsverzeichnis, das nur aus wenigen kurzen Sätzen bestand.
Kapitel 1
Und wenn DU meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her......
Kapitel 2
Das Leben ist zum Lernen da, so hat auch alles eine bestimmten Bedeutung was auf einen zukommt
Kapitel 3
Engel begleiten Dich, Du musst sie nur um Hilfe bitten
Kapitel 4
Gib weiter an die anderen und es wird eine Kettenreaktion stattfinden
Kapitel 5
Sende rosa Wolke der Liebe
Kapitel 6
Sende weiße Wolke für Gesundheit
Kapitel 7
Alles hat seinen Sinn, alles negative hat auch was positives, auch wenn man es nicht gleich erkennen kann.
Kapitel 8
Jeder hat seine eigene Lebensaufgabe
Katharinas Gesicht hellte sich plötzlich auf und sie fiel ihrer Mutter erneut mit einem befreienden Lachen um den Hals. "Danke und nochmals danke, Mama. Das ist das beste und tollste Weihnachtsgeschenk. Nichts Materielles kann wertvoller sein als Omas Weisheiten. Ach, Mama, wie blind doch die Menschen oft sind. Ich dachte nicht, dass ich heute noch so einen glücklichen Moment haben darf, jetzt spüre ich wieder Zuversicht und Hoffnung!"
"Komm Katharina, lass uns doch eine Kerze unter Omas Bild stellen und uns Weihnachten zu dritt feiern".




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Eingereicht am 05. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.