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Das große Weihnachtswunder

Ein Weihnachtsmärchen von Doris Ramler


"Es war einmal...", so beginnen alle Märchen. Aber was ist schon ein Märchen? Vielleicht ist diese Geschichte wahrer als wahr. Na ja, nicht mit diesen Namen, diesen Menschen und genau diesen Ereignissen. Aber vielleicht sinnbildlich - wer weiß denn das schon?

Ja, es war einmal ein Mädchen, das lebte alleine mit seinem großen Bruder in einer baufälligen Baracke am Rande einer Müllhalde. Die Eltern waren verschwunden. Sie hatten die Kinder einfach alleine gelassen. Das Mädchen war vielleicht acht oder neun Jahre alt, der Junge ungefähr 14. So genau konnte das niemand sagen. Der Junge hieß Anton, das Mädchen Clara. Clara, von allen nur Maus genannt, war zierlich, schwach, eher kränklich und klein.
Nun war es kurz vor Weihnachten und die Kinder froren schrecklich. Maus hustete und schien noch kränklicher als sonst. Anton bekam große Angst um seine Schwester. Holz war auch keines mehr in Haus. So musste er wohl raus Holz holen für den kleinen Ofen, damit sie nicht erfrieren müssten. Die kleine Maus konnte er nicht alleine zurück lassen. Er musste sie mitnehmen, weil sie an dem steilen Hügel beim Anschieben helfen musste, trotz ihrer Schwäche. Es half also alles nichts. Er weckte das leise weinende Mädchen und tröstete es. Dann half er Maus beim Anziehen, hob sie in den Wagen und wickelte sie warm mit Fetzen ein. Er selbst wickelte sich auch dick ein und band noch eine Schnur drum, damit es auch hielt. Dann zog er den Wagen Richtung Wald. Dort lag viel Fallholz, von dem sich arme Menschen nehmen durften.
In der Nähe befand sich eine Abfallhalde; und während der Bruder Holz klaubte, sah sich das Mädchen um, ob vielleicht etwas Brauchbares auf der Halde zu finden wäre. Aber sie gab bald auf, denn sie glaubte, diesmal habe sie kein Glück. "Schade. Noch dazu so kurz vor Weihnachten. Es wäre doch so schön gewesen, wenn ich hier ein kleines Weihnachtsgeschenk gefunden hätte." Doch dann sah sie etwas schimmern und trat näher heran. Da lag doch tatsächlich eine goldglänzende Halskette und daneben ein altes Bild. Die Kleine war sehr entzückt und nahm beides mit.
Frierend zogen die beiden Kinder zurück. Maus half noch beim Anschieben über den Hügel, aber dann war sie froh, dass sie wieder auf dem Wagen sitzen konnte.
Als sie zu Hause angekommen waren, erschrak Anton fürchterlich. Auf dem Fallholzberg lag Maus, leise wimmernd und zitternd und in Fieber glühend. Behutsam brachte der Junge das bebende Kind in das alte Bett und deckte es warm zu. Die kleine Clara redete nur mehr wirr im hohen Fieber und wälzte sich unruhig hin und her. Anton wusste, wenn er nicht sofort Hilfe holen würde, wäre es zu spät für Maus. Schweren Herzens musste er sie alleine lassen um Hilfe zu holen. Er wickelte die restlichen Fetzen um sie, und mit einem tiefen Seufzer band er sie am Bett fest: "Damit du nicht hinausfallen und dich nicht verletzen kannst."
So schnell er nur konnte rannte er ins Dorf. Jede Minute könnte entscheidend sein. Schwer atmend kam er im Dorf an, suchte verzweifelt den Arzt und fand ihn schließlich auch. Zum Glück war der Arzt ein guter Mensch. Er war bereit, auch ohne Geld mitzukommen, denn eine Krankenkassa hatten die Kinder keine.
Anton hatte große Angst, es könnte zu spät sein. Als sie endlich ankamen war Maus ganz verzweifelt, redete wirr, glühte wie Feuer und hatte schon einen flachen unregelmäßigen Atem. Der Arzt schüttelte den Kopf und meinte nur: "Ich versuche mein Bestes. Ich fürchte, deine kleine Schwester hat eine schwere Lungenentzündung." Dann gab er ihr Medikamente. Es wurde etwas besser, aber nicht viel.
Der Arzt meinte: "Um richtig gesund zu werden, müsste das Kind in die Stadt ins Spital. Aber leider sind die Ärzte dort nicht so hilfsbereit. Wenn es um das Honorar geht, zeigen sie kein Erbarmen."
Traurig dachte der Junge schon daran, dass er von seiner Schwester Abschied nehmen müsse. Der Arzt gab ihr noch ein fiebersenkendes Mittel. Und dazu noch ein Beruhigungsmittel und ein Schlafmittel. Er befürchtete, dass er dem Mädchen wohl nicht mehr helfen könnte, und so wollte er es ihm so leicht wie möglich machen. "Soll sie wenigstens ruhig hinüberschlafen", dachte er, "und keine Angst mehr haben müssen." Traurig wachten die beiden bei dem fiebernden und im Schlaf wimmernden Kind. Im Stillen machten sich sie auf das Schlimmste gefasst.
Als der Arzt am Morgen vor die Baracke trat, fiel sein Blick auf das Fallholz auf dem Wagen. Zwischen dem Geäst erblickte er das Bild. Da er sich mit Bildern ein bisschen auskannte, ahnte er sofort, dass es vielleicht etwas Wertvolleres sein könnte. Dann sah er auch noch die Kette. Er nahm beides an sich, ging hinein und sprach zu dem Jungen: "Ich will mal schauen, was da finanziell zu machen ist." Er gab Anton noch Medikamente und gab ihm ein paar Tipps.
Mit dem Bild und der Kette fuhr er in die Stadt. Dort erfuhr er, dass das Bild und die Kette einem alten Mann gehört hatten, der vor einiger Zeit verstorben war. Sie waren wohl bei den Entrümpelungsarbeiten verschwunden. Da es keine Erben gab, gehörten die Sachen rechtlich den Findern. Ein befreundeter Kunsthändler machte den Arzt darauf aufmerksam, dass die Kette und das Bild sehr wertvoll waren. Gerade in der Vorweihnachtszeit waren solche Dinge sehr gesucht. Und so konnte der Arzt das Bild und auch die Kette zu einem sehr hohen Preis verkaufen.
Eilig fuhr er zu den Kindern zurück. Er kam keinen Augenblick zu früh. Die Kleine war wieder in hohes Fieber gefallen und wimmerte nur mehr schwach, war schon mehr drüben als herüben. Der Arzt war sehr traurig, genauso wie der Bruder. Aber nun waren die Kinder reich und Maus könnte im Spital behandelt werden.
Liebevoll packte Anton seine röchelnde Schwester in eine warme Decke, die der Arzt mitgebracht hatte. Dann setzte er sich mit ihr hinten in den Wagen, und der Arzt fuhr mit den beiden in die große Klinik. Unterwegs schien es ein paar Mal als setzte bei Maus der Atem aus. Aber schließlich kamen sie doch noch rechtzeitig zum Spital.
Die Ärzte meinten, dass nur noch ein Wunder helfen könne. Trotzdem kämpften sie und gaben ihr Bestes. Und tatsächlich wurde es allmählich besser. Das Kind wurde gesund und alle meinten: "Ja, das kann nur ein Weihnachtswunder sein!"
Von dem Geld kaufte der Arzt für die Kinder ein kleines schönes Haus ganz nahe bei seiner Familie. Zu Weihnachten war Maus wieder zu Hause, und die beiden Kinder feierten mit der Familie des Arztes.
Die "Weihnachtsgeschenke", die Maus auf der Müllhalde gefunden hatte, hatten viel Geld erbracht, und davon konnten die Kinder fortan gut leben. Der Arzt kümmerte sich auch weiter um die beiden. Anton bekam eine gute Ausbildung und Clara eine gute weitere Schulbildung.
So war also in allergrößter Not doch noch ein Weihnachtswunder geschehen.




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Eingereicht am 10. November 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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