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Alfred

Eine Weihnachtsgeschichte von Conny Thorjussen


Lisa drückte ihr Gesicht an die Fensterscheibe. Dicke Schneeflocken rieselten herab, und alles war weiß. Lisa entdeckte Arthur und Kalle, die im gegenüber liegenden Park spielten. Das Lachen der beiden Jungen hörte man bis in die 2. Etage, in der Lisa und ihre Eltern wohnten. In der Wohnung duftete es nach frisch gebackenen Plätzchen.
"Lisa! Kannst du bitte einen Liter Milch und eine Packung Mehl kaufen?", rief Lisas Mutter aus der Küche.
Lisa lief in die Küche, ließ sich das Geld geben, zog ihre Stiefel und ihren Mantel an und verließ die Wohnung. Draußen angekommen stapfte sie eine Weile im Schnee umher. Der Supermarkt befand sich auf der anderen Seite einer 4-spurigen Hauptstraße.
Es gab aber eine Unterführung. Ein langer Tunnel führte direkt bis zum Supermarkt. Normalerweise lief Lisa schnell durch die Unterführung bis auf die andere Seite. Doch diesmal hielt sie auf dem halben Weg an. Ungefähr auf der Hälfte des Weges lagen riesengroße Pappen, und auf diesen Pappen lag ein Mann, der mit einer weiteren Pappe zugedeckt war und schlief. Lisa schlich sich leise heran und beugte sich neugierig über den schlafenden Körper. Sie wurde bemerkt. Der Mann drehte sich langsam um und blickte Lisa an. Lisa war erschrocken und ging ein paar Schritte rückwärts.
"Du brauchst keine Angst zu haben!", sagte der Mann mit sanfter Stimme.
Lisa schwieg und starrte den Mann an. Ihre Eltern hatten ihr verboten mit fremden Männern zu sprechen. Und den Weg durch die Unterführung hätte sie allein auch nicht gehen dürfen.
"Darfst du denn allein hier durchgehen, Kleine?", fragte der Mann, der ein sehr schmutziges Gesicht und Hände hatte und ebenso schmutzige Kleidung trug.
"Nein, eigentlich nicht", antworte Lisa leise und starrte den Mann an.
Der Mann lächelte. " Ich hatte 5 Töchter. Sie hätten den Weg durch diese Unterführung auch nicht allein gehen dürfen!", sagte der Mann.
"Sie hatten 5 Töchter?", fragte Lisa.
"Ja!", antwortete der Mann nur knapp und forderte Lisa auf, nun weiter zu gehen.
Als Lisa wieder zu Hause war, bat ihre Mutter sie endlich ihr Zimmer aufzuräumen. Lisa nickte nur still und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer. Die Mutter war überrascht nicht auf den üblichen bockigen Widerstand ihrer 10 jährigen Tochter zu stoßen, wenn es darum ging ihr Zimmer aufzuräumen. Eine halbe Stunde später befand sich das Zimmer in einem völlig ordentlichen Zustand. Auch Lisas Vater war überrascht und lobte seine Tochter, die wiederum dieses Lob mit einem süßen Lächeln quittierte.
Lisa saß über ihren Hausaufgaben und musste die ganze Zeit an den Mann in der Unterführung denken. Sie entschied sich vor Anbruch der Dunkelheit noch einmal dort hin zu gehen und beeilte sich mit den Hausaufgaben.
"Ich gehe noch zu Gaby!", schwindelte Lisa und verließ die Wohnung.
Auf der Straße angekommen lief sie direkt zur Unterführung. Der Mann lag noch immer auf den Pappen und drehte sich sofort um, als er die Schritte von Lisa hörte. "Was machst du denn schon wieder hier?", fragte der Mann freundlich.
"Wo sind deine Töchter?", -fragte Lisa und erschrak sich selbst über ihre Neugier.
"Sie sind tot!", antwortete der Mann und wirkte plötzlich sehr traurig.
"Was ist denn passiert?", fragte Lisa vorsichtig.
Doch der Mann antwortete nicht. Lisa wartete noch eine Weile. Doch der Mann sprach nicht mehr mit ihr.
"Ich werde morgen wiederkommen!" sagte Lisa, verabschiedete sich und lief davon.
Als Lisa die Wohnungstür aufschloss kam ihr der Duft von frisch gebackenem Kuchen entgegen. Der Vater war gerade dabei, die Fenster mit Lichterketten zu schmücken. Denn Morgen war schon der 1. Advent. Lisa liebte diese Weihnachtszeit.
"Warst du bei Gaby?", fragte der Vater seine Tochter.
Diese schüttelte den Kopf. "Ich habe es mir anders überlegt und ein wenig im Schnee gespielt", gab sie vor.
Als Lisa am Abend im Bett lag, setzte sich ihr Vater eine Weile zu ihr aufs Bett. "Ich brauche morgen früh eine Thermoskanne für die Schule", sagte Lisa und zog sich die Bettdecke bis über die Nasenspitze.
"Nimm doch die blaue Thermoskanne!", schlug Lisas Vater vor und gab seiner Tochter einen Gute Nacht Kuss auf die Stirn. Lisa nickte und dreht sich zur Wand.
Als Lisa am nächsten Morgen aufwachte, waren die Eltern bereits außer Haus. Lisas Mutter war Krankenschwester und hatte Frühdienst. Lisas Vater war Lehrer an einer Realschule und musste zur Frühstunde. Das Frühstück für Lisa war an solchen Tagen immer vorbereitet und auch die Pausenbrote befanden sich längst in ihrem Schulrucksack. Auch die blaue Thermoskanne stand mit frischem Früchtetee bereit. Lisa schmierte noch ein paar belegte Brote.
Als sie angezogen war eilte sie in den Keller. Dort befand sich nämlich noch ein altes, warmes Steppbett von ihrem im Frühjahr verstorbenen Großvater. Sie rollte es zusammen und legte es über ihren Arm. Als sie wieder in der Wohnung war nahm sie ihre Schulsachen, packte die Brote und die Thermoskanne in eine Tüte, drückte das Steppbett unter den Arm und verließ die Wohnung.
Der Mann sah Lisa erstaunt an, als diese mit dem Steppbett und der Plastiktüte voller Proviant vor ihm stand und ihm alles überreichte.
"Ich glaube du wirst dir großen Ärger einhandeln!", sagte der Mann und sah das Mädchen an.
Lisa lächelte und schüttelte mit dem Kopf.
"Die Decke gehörte meinem Opa Alfred. Der ist aber schon tot. Und die Thermoskanne gehörte ihm auch", sagte Lisa.
"Alfred hieß dein Opa?", fragte der Mann.
Lisa nickte.
"So heiße ich auch!", sagte der Mann.
"Aha, und ich bin Lisa!", stellte Lisa sich vor und lief davon.
Lisa wollte Alfred am Nachmittag wieder besuchen und ihm ein paar frisch gebackene Plätzchen bringen. Doch sie musste für eine Klassenarbeit lernen. Anschließend besuchte sie ihre Freundin Jeanette.
Als Lisa im Bett lag, setzte sich ihr Vater wie fast jeden Abend zu ihr.
"Papa, kannst du dir vorstellen keine Wohnung zu haben?", fragte Lisa ihren Vater plötzlich.
Dieser schüttelte den Kopf und erzählte von den Großeltern, deren Wohnung im 2. Weltkrieg in Schutt und Asche gelegen hatte. Lisa musste an Alfred denken und machte ein trauriges Gesicht.
Der Vater streichelte der Tochter über die Wange. "Du wirkst so bedrückt! Was hast du denn auf dem Herzen mein Kind?", fragte er besorgt.
Lisa wusste nicht , ob sie von Alfred erzählen sollte. "Er lebt unter einem Pappkarton. Er hat kein Zuhause und keine Familie!", sprudelte es plötzlich aus Lisa hervor.
Der Vater dachte eine Weile nach. "Ist es ein Igel?", fragte er dann.
"Nein, ist es nicht!", gab Lisa schnippisch zurück und drehte sich einfach zur Wand.
Lisas Vater erhob sich, wünschte seiner Tochter eine Gute Nacht und verließ das Zimmer.
Als Lisa am nächsten Morgen erwachte waren die Eltern noch im Hause. Als sie ihren Teller Cornflakes gegessen hatte, machte sich Lisa daran das Frühstück für Alfred vorzubereiten. Diesmal entschied sie sich für ein paar Käsebrote. Lisa hatte nicht bemerkt, dass ihr Vater in die Küche gekommen war und sie beobachte.
"Brauchst du vielleicht noch etwas?", fragte der Vater seine Tochter.
"Ja, ein wenig Obst und eine Flasche Wasser wären nicht schlecht", antwortete das Mädchen.
"Wie heißt es denn?", fragte der Vater vorsichtig. Er war sich ziemlich sicher, dass sich seine Tochter um ein ausgesetztes Haustier oder ähnliches kümmern würde.
"Alfred", gab die Tochter knapp zurück.
Der Vater nahm seine Tochter in den Arm und dachte daran, dass sie den Tod ihres Großvaters noch lange nicht verkraftet hatte. Am Abend sprachen die Eltern lange darüber und entschieden sich dafür, ihrer Tochter mitzuteilen, dass sie ihren Alfred mitbringen könne und ihn nicht mehr heimlich irgendwo versorgen müsste.
"Ach ich weiß nicht so recht", sagte Lisa nachdenklich.
"Nun, wir wollten nie Haustiere in der Etagenwohnung. Doch du zeigst, dass du alt genug bist, um die Verantwortung für die Versorgung zu übernehmen, Lisa", sagte die Mutter.
Lisa blickte zu ihrem Vater, der ihr wohlwollend zuzwinkerte. Lisa zögerte dennoch.
"Es ist doch hoffentlich kein Pferd?", fragte der Vater scherzhaft.
Lisa schüttelte den Kopf. "Ich weiß nur nicht ob ich ihn hier her bringen soll. Vielleicht darf ich ihn dann doch nicht behalten!", meinte Lisa und packte ihre Sachen für die Schule.
Die Eltern sahen sich fragend an. Der Vater strich seiner Tochter über die Wange. "Meinst du nicht, dass dein Alfred froh sein wird ein neues Zuhause zu bekommen?", fragte er seine Tochter ermunternd. Lisa nickte.
"Wir können gleich heute Nachmittag eine Ecke für Alfred in deinem Zimmer frei räumen!", schlug die Mutter vor.
"Also ich wäre dafür, dass wir Alfred in Opas Zimmer unterbringen. Da ist doch viel mehr Platz!", entgegnete Lisa.
Die Eltern waren einverstanden.
"Soll ich ihn wirklich mitbringen?", vergewisserte sich Lisa noch einmal bei ihren Eltern.
Die Eltern nickten. "Alfred würde sich riesig freuen jetzt zu Weihnachten ein neues Zuhause zu bekommen", flüsterte Lisa. "Wir sollten Opas Zimmer aber ein wenig weihnachtlich schmücken!", schlug Lisa vor.
Die Eltern waren einverstanden und Lisas Vater versprach am Nachmittag auch in Opas Zimmer noch eine Lichterkette anzubringen.
Als die Schule aus war lief Lisa direkt zur Unterführung, um Alfred aufzusuchen und ihm die freudige Neuigkeit mitzuteilen. Dieser blickte das Mädchen nur gequält lächelnd an und schloss die Augen.
"Freust du dich denn gar nicht?", fragte Lisa und wirkte enttäuscht.
Aber Alfred lag da mit geschlossenen Augen und rührte sich nicht.
Lisa lief nach Hause. Dort angekommen musste sie plötzlich bitterlich weinen. Sie setzte sich in die Küche und wartete bis ihre Eltern endlich nach Hause kamen.
"Wo ist er?", fragte der Vater neugierig.
Lisa schwieg.
"Ist er nicht mehr da?", fragte der Vater vorsichtig.
"Doch, aber er wollte nicht mit!", antwortete Lisa.
"Hättest du ihn nicht in einem Karton herbringen können?", fragte der Vater.
"Nein hätte ich nicht!", antwortete Lisa und begann zu schluchzen.
Lisas Vater tröstete seine Tochter und versprach ihr, ihren Alfred mit ihr gemeinsam abzuholen. Lisa nickte, verließ mit ihrem Vater die Wohnung und führte ihn zur Unterführung. Lisas Vater sah seine Tochter fragend an.
"Da unten drin ist er", sagte Lisa leise und eilte mit ihrem Vater die Treppe zur Unterführung hinunter.
"Alfreeeeeeeeed! Ich habe meinen Papa dabei!", rief Lisa und zog ihren Vater durch die Unterführung.
Der Vater blieb plötzlich wie angewurzelt stehen als er sah "wer" Alfred wirklich war. Lisa eilte zu Alfred und versuchte ihn wachzurütteln.
Alfred war schweißgebadet und seine Stirn war kochend heiß.
"Papa, tu doch was!", stammelte Lisa.
Der Vater nahm sein Handy und rief völlig verwirrt einen Krankenwagen an. Als der Krankenwagen eintraf und Alfred auf eine Trage gelegt wurde sammelte Lisas Vater schweigend alle Gegenstände ein, die Lisa in der letzten Zeit aus der Wohnung entwendet hatte und ging mit seiner Tochter zurück nach Hause.
Als ihr Vater die Wohnungstür aufgeschlossen hatte, befürchtete Lisa ein großes Donnerwetter wegen der Sache mit Alfred. Doch Lisas Vater setzte sich in die Küche, nahm sich einen Kaffee und blickte schweigend aus dem Fenster. Lisa setzte sich zu ihrem Vater an den Tisch und beobachtete ihn.
"Er hatte fünf Töchter. Sie sind tot. Seine Frau auch.", erzählte Lisa.
Der Vater sah Lisa an. "Du hättest niemals allein durch die Unterführung gehen dürfen!", ermahnte er seine Tochter.
"Ich weiß!", sagte Lisa kleinlaut.
"Aber darüber reden wir noch einmal in Ruhe: Heute Abend werde ich im Krankenhaus anrufen, und mich nach deinem Freund erkundigen!", sagte der Vater.
Lisa lächelte.
Einige Wochen später war es endlich so weit. Es war Heilig Abend. Lisa stand wieder am Fenster und blickte hinaus. Wieder drückte sie ihr Gesicht gegen die Scheibe als sie plötzlich das Auto ihres Vaters, der nur noch ein paar Besorgungen machen wollte, sah. Lisa stellte fest, dass er nicht allein war. Doch sie konnte aus der Entfernung nicht erkennen wer sich auf dem Beifahrersitz befand. Erst als der Vater die Beifahrertür öffnete und dort jemand langsam ausstieg erkannte Lisa wer es war.
"Alfred!", rief Lisa überrascht und eilte in die Küche, um ihrer Mutter die Neuigkeit mitzuteilen, die gerade dabei war die Forellen zuzubereiten. Lisa sah, dass der Tisch für vier Personen gedeckt war. Und dann klingelte es auch schon. Lisas Mutter bat Lisa die Tür zu öffnen. Lisa war ziemlich aufgeregt und öffnete.
Vor ihr stand Alfred und blinzelte ihr zu. Lisa wusste nicht was sie sagen wollte und ergriff die Hand ihrer Mutter, die plötzlich hinter ihr stand.
"Wollt ihr unseren Gast denn nicht herein bitten?", fragte der Vater seine beiden Frauen und legte eine Hand auf Alfreds Schulter.
"Herzlich Willkommen!", sagte Lisas Mutter und wollte Alfred gerade die Hand reichen. Lisa stieß sie zur Seite und zog Alfred am Ärmel in die Wohnung.
"Frohe Weihnachten! Komm, ich zeige dir dein neues Zimmer!", rief Lisa und zog Alfred hinter sich her.


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