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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Antike von Ephesus und Klöße aus Thüringen

Eine Kurzgeschichte von Rosemarie C. Barth


Um Himmelswillen, wenn ich geahnt hätte, was ich auslöse, kein einziges Wort wäre mir über die Lippen gekommen. Doch zu spät. Mit der Videokamera im Reisegepäck war mein Sohn Tom in die Türkei gedüst. Ausgerechnet ich hatte ihn dazu überredet. Allah und brodelnde Hitze hatte ich nicht erwähnt, doch von der Ägäis geschwärmt, die antike Stadt Ephesus und das Naturwunder Pamukkale in den prachtvollsten Farben beschrieben.
Nirgendwo auf der Welt sind die Augen der Mädels so braun wie in der Türkei, auch das sollte mein Sohn unbedingt wissen.
Nun saß ich bei Tom in der Stube und beäugte ihn skeptisch. Seinen blonden Schopf zierte eine goldgelbe Türkenkappe und er grinste, als hätte ihn Allah persönlich geküsst.
Drei Stunden Urlaubsvideo lagen hinter uns, als Toms Ruf auf der Kassette den Start des vierten Tages meldete.
Oh nein!", gellte ich, als mir Tom den Rauch der orientalischen Wasserpfeife ins Gesicht blies. "Sind das noch die ersten Tage?"
Mein Sohn nickte fanatisch: "Klar, ist geil was?"
Allah musste wohl Mitleid mit mir gehabt haben, als plötzlich das Videoband jäh versiegte. Tom hatte das Ladegerät für den Akku vergessen und frohlockte: "Macht nichts, die übrigen zehn Tage erzähle ich dir gleich." Dabei hatte er zwei große Stück Türkischen Honig auf die Zunge geschoben.
Klar sei er auch durch Ephesus gepilgert. Aber ein wenig hätte es ihm die Stimmung vermiest. Diese Fremdenführer dort jagen die Touristen regelrecht durch Kunst und Antike. Etwa so - rechts ist das Amphitheater und links der Ausgang. Ein wenig stolzer und ehrfürchtiger sollten die Erben von Atatürk sich schon geben. Ich ahnte, was nun kommen würde.
"Den Brüdern hab' ich aber gezeigt, wie man eine ordentliche Touristenführung macht. Nämlich mit aufrechter Brust. Stolz alle Mimik und Gestik, die Körper und Geist hergeben, spielen lassen." Tom faltete vielsagend die hohe Stirn. "Und schwer war das", knurrte er, "Sprachprobleme, hin und wieder, verstehst du?"
"Ach was?" stutzte ich.
"Mit den Thüringer Klößen konnte dieser Ali gar nichts anfangen."
Jetzt faltete ich die Stirn und bohrte: "Wie? Was haben denn die Thüringer Klöße mit den Reiseführern in der Türkei zu tun?"
Tom japste und knallte mir das Wort Tradition an den Kopf. Das sei doch nur ein Vergleich zweier Völker, quasi eine Metapher zu Ephesus. Jede Nation hätte ja Dinge, auf die sie stolz sein müsste.
"Also, so ein Unsinn", versuchte ich Tom aufzuklären, "Thüringer Klöße zu kochen oder eine Marmorstadt wie Ephesus zu bauen, dieser Vergleich dürfte gewaltig hinken."
Man sollte sich nicht in Details verlieren, wenn es darum ginge, dem Land zu helfen, seine Kostbarkeiten stolzer zu präsentieren.
Doch abgesehen davon, habe es ihm in der Türkei prima gefallen. Auch wenn Ordnung und Sauberkeit bisweilen zu wünschen übrig ließen. Wie man ja an einigen Ausgrabungen deutlich sieht, die vielbrüstige Artemis zum Beispiel, wo gibt's denn so was? Jeder weiß, dass sonst die Göttinnen nur zwei davon haben. Manche Gebäude in Ephesus seien auch nicht mehr zum Besten bestellt. Hier und da müssten mal wieder die Gesteine geordnet werden.
Aber auch die Händlerkolonnen seien recht aufdringlich gewesen. Kein Vergleich, so ein Einkaufspark im Thüringischen mit einem türkischen Basar. Welten liegen dazwischen, jawohl! Die deutsche Verkaufskultur ist an denen tatsächlich spurlos vorübergegangen.
"Und alle sind nur scharf auf dein Geld!" Damit schien Tom seine Urlaubserlebnisse beendet zu haben.
"Die haben ja auch wenig davon", murmelte ich.
Tom winkte ab. "Nie, nie wieder...", rief er bekräftigend.
Und Sekunden später: "Einen großen Reiserucksack hab' ich mir dort gekauft."
Völlig erschöpft vernahm ich noch, im nächsten Sommer will er mal in Nordafrika nach dem Rechten sehen.




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Eingereicht am 01. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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