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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Tag an der Himmelstür

Eine Kurzgeschichte von Uve Eichler


"Also, dann mach's gut, Du alter Schwede", wollte ich mich verabschieden. Mir fiel gerade noch rechtzeitig ein, die Unterlagen für meinen Termin aus dem Zimmer zu holen; also ging ich noch mal zurück und beeilte mich dabei.
"Hoffentlich haste jetzt alles zusammen", ermahnte mich Codo.
Ich ging schnurstracks an ihm vorbei und versuchte krampfhaft zu lächeln. Endlich stand ich wieder an meinem Auto und wollte einsteigen.
"Mensch Codo, ich habe da so ein Drücken auf der Brust, ich glaube ich gehe erst noch ein bisschen spazieren, bis zum Termin sind es ja noch ein paar Stunden". Er nickte und ging ins Haus zurück.
Der Sicherheitsgurt war in seiner ganzen Anspannung zu spüren. Dieses Gefühl hatte ich vorher nie gekannt. Ein unangenehmes Drücken, welches die Schmerzen im Oberkörper noch verstärkte.
-erst mal in den Stadtwald um frische Luft zu tanken.-
Seltsam, sonst hörte ich die Vogelstimmen oder wenigstens die Wildschweine, wenn sie in ihrem Gehege grunzten. Heute war das nicht so, meine ganze Konzentration war diesem dämlichen Druck unter meinem Hals gewidmet.
-ab nach Hause.-
-zunächst mal baden.-
-Mist, das blöde Gefühl ist immer noch da.-
-moment, die Zeit,... erst mal den Termin absagen.-
-das wäre geschafft.-
-immer noch nicht besser.-
-wie war das noch gestern, was falsches oder zuviel gegessen?-
-der Druck.-
-lieber Gott, hilf mir doch und nimm dieses verdammte Lasso von meinem Körper, es schnürrt die Luft ab.-
-ins Bett legen, vielleicht hilft das?-
-Quatsch, keine Veränderung.-
-was soll ich nur machen, warum hilft mir denn keiner?-
"Hallo, jemand zu Hause?"
Endlich, eine menschliche Stimme, die ich sehr gut kannte. Es war meine Frau, die gesehen hatte, das die Schlafzimmertür aufstand. Als sie herein kam erschrak sie.
"Du bist ja kreidebleich, was ist passiert?"
"Kann ich Dir gar nicht sagen, ich habe schon eine ganze Zeit so einen Druck auf der Brust."
Sie überlegte nicht lange, stützte und brachte mich zum Auto. Diesmal saß ich auf der Beifahrerseite, doch auch dieser Gurt hatte die gleiche Wirkung. Jeder Millimeter dieses Rückhaltesystems schnitt sich in meinen Körper.
-Mensch, hört das denn gar nicht mehr auf?-
Die Straßen waren belebt und wir hielten an einer Ampel. Nachdem das Licht sich in ein Froschgrün verwandelt hatte, wollte meine Fahrerin weiter fahren, aber die Kupplung klemmte.
-auch das noch.-
-Scheiße-
-der Wagen war doch gerade zur Inspektion.-
-egal, ich muss was tun.-
"Lass uns die Plätze wechseln", versuchte ich die Situation zu beruhigen.
"Bitte?"
"Ja, ich glaub' ich schaff das schon."
-schaff ich das wirklich?-
-jetzt muss ich handeln, ich kenne meine Frau und weiß, dass sie technisch nicht so sehr begabt ist, schließlich habe ich ihr einiges in dieser Beziehung voraus.-
-was geht mir denn da durch den Kopf?-
-schnell wechseln und versuchen weiter zu fahren.-
Wir tauschten die Plätze. Ich sah in die Augen meiner Retterin und wusste, was sie dachte.
Dann gelang es mir tatsächlich den Wagen wieder in Bewegung zu setzen und zum Arzt zu fahren.
"Hallo, guten Tag, ich komme...", versuchte ich mich anzumelden, doch die Arzthelferin verhielt sich diesmal anders als sonst, wenn ich ein Rezept für meine Schwiegereltern holte, sie ließ mich gar nicht ausreden.
"Kommen Sie bitte mit zum EKG."
-du meine Güte, ich muss ja schlimm aussehen!-
-ich glaube die warten schon alle auf mich.-
Nachdem ich auf der Pritsche lag und durch die elektrischen Leitungen mit dem Aufzeichnungsgerät verkabelt war hörte ich nur noch einen pulsierenden Echoton.
-was ist denn bloß los?-
-keiner spricht ein vernünftiges Wort mit mir.-
Die Zeit erschien mir als Momentaufnahme, als schon ein Mann in einer Feuerwehrjacke neben mir stand und mich anlächelte.
-was will der denn?-
-den kenn ich doch gar nicht.-
"Guten Tag, mein Name ist Doktor Hilsbereit, ich bin Notarzt."
-auweia, was ist denn jetzt?-
"Sie hatten gerade einen Herzinfarkt, bitte bleiben Sie ruhig, wir übernehmen jetzt und bringen Sie ins Krankenhaus zur Untersuchung."
-das träum ich doch nur, oder?-
-hallo! Kann ich nicht aufwachen?-
-warum hört mich denn keiner?-
-ach klar, im Traum kann mich keiner hören, ich Dussel!-
"Ich verstehe nicht, was Sie meinen!"
"Ganz ruhig, wir legen Sie nun auf die Bahre und transportieren Sie zum Krankenwagen. Mit dem fahren wir dann ins Krankenhaus."
-was für ein Krankenhaus, ich hör immer nur Krankenhaus.-
-der Mann muss sich irren, da stimmt was nicht! Die wollten bestimmt jemand mitnehmen der krank ist, aber ich bin doch nicht krank. Oder doch?-
-überhaupt, was heißt hier Bahre, bin ich vielleicht gar nicht mehr? Quatsch, dann könnte ich mich nicht mit dem freundlichen Notarzt, in Feuerwehrjacke, unterhalten.-
-langsam wird mir die Sache unheimlich, hier draußen spüre ich die Kälte.-
-das ist doch echt, ich bin Live dabei und träume nicht.-
Irgend jemand beförderte mich in den Versorgungsraum des Wagens und dann hörte ich Sirenen. -das ist alles für mich! Mensch was für'n Aufwand, sagenhaft.-
-wo fahr'n die denn hin?-
-der Eingang vom Krankenhaus ist da vorne, die fahr'n daran vorbei.-
-aha, durch den Lieferanteneingang. Aber? Ne, das ist ja die Notaufnahme.-
Die Jungs vom Feuerwehrauto trugen mich vorsichtig in einen gekachelten Raum.
-Das sieht aus, wie auf dem Schlachthof. Wieso habe ich solche Gedanken?-
Man bettete mich um, auf einen Tisch oder ein ähnliches Ding.
Rund um diesen Tisch standen drei, vier oder fünf, vielleicht auch sechs oder sieben Leute. So genau weiß ich das nicht mehr. Auf jeden Fall war alles weiß.
"Guten Tag! Mein Name ist Professor Siebenstein, und das sind Chefarzt Doktor Liebevoll und Oberärztin Frau Doktor Einfühlsam, wie geht es Ihnen?"
-wie geht es Ihnen? Ich glaub der meint mich.-
-da stimmt was nicht!-
-wieso fragt der mich nicht, welcher Krankenkasse ich angehöre oder so was?
"Danke, mir geht's gut und Ihnen?"
"Danke, mir geht es auch gut. Sie hatten einen Herzinfarkt und wir möchten Sie nun untersuchen. Ich höre nur kurz nach Ihrem Puls und messe eben den Blutdruck, bitte beantworten Sie doch derweilen die Fragen unserer Oberärztin."
-der meint das ernst.-
Die Ärztin war nett und ich antwortete artig auf alle Fragen. Dann schaltete sich wieder der Professor ein.
"Ich möchte gerne ein Herzkatheter bei Ihnen anlegen, das birgt einige Risiken in sich und ich muss Sie darüber aufklären."
Es folgten Erklärungen über die möglichen Auswirkungen, der ach so gut gemeinten Hilfe, die mir zu Teil werden sollte. Die Infos waren knackig. Wenn es schief gehen würde, dann sollte ich günstigstenfalls tot sein, ansonsten hätte ich ein Leben in der Geschlossenen zu erwarten, oder es würde alles gut verlaufen, wovon man natürlich ausging.
"Sie müssen noch Ihre Einverständniserklärung unterschreiben."
"Habe ich denn eine andere Wahl?"
"Lassen Sie es mich so ausdrücken, wenn sie auf dem OPTisch nicht mehr ... mitmachen, dann müssen wir für Sie entscheiden. Also eine Wahl, ...eigentlich nicht."
Ich unterschrieb vollkommen überzeugt mein Einverständnis einen Schlauch durch meine Blutbahnen in mein Herz einzuführen.
Dann ging alles sehr schnell. Den Eindruck hatte ich jedenfalls. Ich hatte bestimmt nur zweimal tief Luft geholt, da wurde ich schon wieder auf einen Tisch umgelegt. Der war nicht mehr so komfortabel. Eigentlich sehr eng.
-hoffentlich fall ich hier nicht runter. Die lieben Leute müssten mich dann wieder auf dieses Brett legen. Naja, so siebzig Kilo das ist doch schon was.-
-wenn ich mir die Schwester ansehe, mit ihrer zierlichen Figur, die hat doch bestimmt nicht mehr als fünfzig Kilo Eigengewicht. Was soll's? Die beiden Ärzte sind ja auch noch da und da kommt ja auch noch der Professor.
Über mir hatte man eine Kommandostation installiert. Mister Scott hätte seine wahre Freude gehabt. Ein Monitor der ein weißes Bild zeigte und unzählige Zahlen in Leuchtschrift. Das nötigste, was für mich wichtig war, glaubte ich zu erkennen.
Inzwischen hatte man mich verkabelt und an einige Schläuche angeschlossen.
-kommt jetzt der große Augenblick, wo man mich in den Schlaf versetzt?-
Der Chefarzt erklärte mir, was geschehen sollte.
Nachdem man einen Schlauch durch meinen Oberschenkel bis an mein Herz geführt hatte, bekam ich neue Informationen.
"Sehen Sie, die vordere Herzkammer ist noch voll aktiv. Leider ist die hintere Herzkammer geschlossen, sehen Sie, dieses kleine Schwänzchen müsste normalerweise geöffnet sein, weil das die Zuleitung für das gesamte Versorgungssystem der hinteren Kammer ist. Wir werden diese Verengung nun öffnen und notfalls einen Stend einsetzen."
Der Puls beschleunigte sich auf hundertachtzig und der Blutdruck blubberte so um zweihundert zu hundert. Dann wurde der Blutweg mit diesem Ballon geöffnet.
Es begann eine heiße Phase in meinem Leben. Das Bein wurde wohl mit einer heißen Tasse Kaffe oder Tee befüllt. Mein lieber Herr Gesangsverein! Mir wurde anders.
Das Messgerät über mir zeigte meinen Pulsschlag, der sich in Windeseile zurückzog. Fünfundsiebzig, achtundvierzig, siebenunddreißig....
Bei der Zahl sechsundzwanzig brachte ich noch einen Satz raus:
"Mir iss schlecht!"
Sollte das mein Schicksal gewesen sein?
...
-alles so ruhig.-
-da ist nichts mehr-
-schön!-
-eine neue Dimension beginnt.-
-leicht und locker.-
-alles ist egal.-
-moment, da ist doch ein Licht.-
Ich öffnete meine Augen und sah in ein blasses, ja schon blutleeres Gesicht. Es war die Schwester.
"War ich jetzt gerade tot?", fragte ich tollpatschig.
Sie versuchte mir zu antworten:
"Dazu wird,...wird..., wird..."
-na, was wird denn nun?-
"wird der Arzt gleich was sagen."
-da bin ich gespannt.-
Der gute Mann sah nicht weniger erschrocken auf mich herab. Aber er war Arzt und fasste sich selbstverständlich recht schnell.
"Nun wenn Sie es so direkt sagen, so muss ich Ihnen sagen, dass Sie Recht haben. Sie hatten ein Kammerflimmern, so nennen wir das. Machen Sie sich keine Sorgen, das passiert schon mal, also etwas alltägliches."
Ich war beruhigt, denn er legte die kleinen Bügeleisenhälften wieder in einen Armaturenwagen. Komisch war nur, dass ich Schmerzen beim Schlucken hatte.
"Ich habe so Schmerzen beim Schlucken."
"Nun, wir mussten intubieren, das heißt, dass wir mit einem Schlauch die Halsröhre gereizt haben um Sie wieder zu beatmen."
"Ach so, dann ist es ja gut."
Der Monitor zeigte nun ein anderes Bild und der Arzt erklärte mir, dass alles gut verlaufen war.
Eigentlich war das doch gar nicht so schlecht drüben. Oder war das nicht die andere Seite des Lebens? Eigentlich egal. Ich war eine Erfahrung reicher und änderte seit diesem Tag mein Leben.




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Eingereicht am 27. Oktober 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.