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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Und krank bin ich doch!

Eine Kurzgeschichte von Ernst Stimmer


Der Schweiß bricht mir aus, mein Herz springt mir förmlich aus der Brust, die Straße verschwimmt vor meinen Augen. Es ist das Herz, es ist ein Infarkt. Und ich bin mitten in der Pampa, das Handy funktioniert nicht. Die Hände können das Lenkrad kaum mehr halten, so sehr läuft mir der Schweiß aus allen Poren. Ich drehe die Lüftung voll auf und lasse den kalten Strom direkt in mein Gesicht lenken. Tief durchatmen - war da nicht ein stechender Schmerz beim Atmen?! Vielleicht doch eine Lungenembolie, aber ich habe keine Atemnot. Obwohl, der Kloß in meinem Hals fühlt sich schon sehr stark an. Das ist kein Kloßgefühl, die Luftröhre verkrampft sich, weil die Bronchien nicht mehr ausreichend belüftet werden! Wann tritt der Schmerz auf - ist es bei tiefem Einatmen oder auch nur bei leichten Atembewegungen? Bei tiefen spräche es eher für eine Interkostalneuralgie. Die Schilddrüse könnte auch dafür verantwortlich sein, es ist eine thyreotoxische Krise - eine Vergiftung des Körpers durch die Schilddrüse. Natürlich kommen auch noch Schlaganfall, beginnendes Leber- und Nierenversagen, ein akuter Bauch - Moment, der Bauch. Der Magen wird nach oben gedrückt, das Herz dadurch nicht mehr optimal versorgt. Ich taste meinen Bauch ab, aber er ist weich. Wenn ich jetzt anhalte und ohnmächtig werde, dann findet mich keiner. Am besten ich fahre auf dem direkten Weg zum Arzt, oder besser noch direkt ins Krankenhaus. Im Handy wähle ich die 112, der Finger ruht auf der Verbindungstaste. Moment - vorhin, als ich durch das kleine Dorf gefahren bin hat es dort so komisch gerochen, ich habe doch gleich die Lüftung abgedreht. Es waren bestimmt giftige Dämpfe. Gleich kommen Nachrichten im Radio, ich muss hören ob da was dran ist. Ich halte an, will die Blutdruckmanschette aus dem Kofferraum holen. Wie wird es beim Aufstehen - was ist, wenn mir schwarz vor Augen wird? Erst mal den Puls messen. Der ist hoch, über 100. Aber das kann auch eine Kompensation des zu niedrigen Blutdruckes sein. Also eine beginnende Schocksymptomatik. Ich muss den Schockindex ausrechnen, dazu brauche ich aber die Scheiß-Manschette, und die ist im Kofferraum. Also Tür auf und ich steige aus. Verharre einen kurzen Moment und schon ist er da - der Schwindel. Dennoch schaffe ich es die Manschette zu holen. Der Druck ist 150/100. Und dann noch der hohe Puls - ich steuere auf eine hypertensive Krise zu! Nebennierenrindentumor oder was weiß ich nicht noch alles, was dafür in Frage kommen kann. Was ist, wenn der hohe Druck ein Gefäß im Gehirn platzen lässt?! Mein ganzer Körper beginnt zu kribbeln. Allergische Reaktion - was habe ich gegessen, getrunken? Eigentlich nichts, was ich nicht schon immer getan hätte, aber manchmal entwickelt sich so was erst im Laufe der Zeit und kommt dann ganz plötzlich. Das Handy vibriert, ein Anruf. Es ist die Schule, einer meiner Auszubildenden wurde aus der Praktikums-Firma entlassen. Ich halte an, notiere mir eine Telefonnummer und rufe sofort dort an, vielleicht lässt sich ja noch was retten. Das Gespräch dauerte ein paar Minuten, wir haben einen Termin vereinbart. Während ich weiter fahre fällt mir plötzlich auf, dass ich keine Beschwerden mehr habe! Yeah, es ist doch alles Ok. Ich zünde mir sogar eine Zigarette an und drehe das Radio lauter. Jetzt kann der Tag vergnügt weiter gehen. Warum sehen die Zahlen auf dem Radiodisplay so verschwommen aus? Sehstörung, Unterversorgung des arteriellen Zuflusses zum Auge - Embolie eines kleinen Gefäßes, beginnende Kreislaufschwäche ...




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Eingereicht am 18. August 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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