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Wettlauf gegen den Schmerz

Von Norman Roscher


Er rannte. Die Zweige peitschten ihm ins Gesicht, rissen blutige Wunden auf, doch den Schmerz spürte er nicht. Tränen strömten seine Wangen hinab und wuschen den Schmutz aus den Blessuren. Seine Lunge brannte, das Blut rauschte in seinen Ohren, sein Blick war zu einem schmalen Tunnel verengt und sein Herz hämmerte wie ein Pressluftmeißel. Der Wald raste an ihm vorbei, doch er bekam kaum noch etwas davon mit; die schmerzstillenden Endorphine hatten ihn in einen Runner's High versetzt. Tatsächlich waren seine Sinne derart nach innen gekehrt, dass sie auch die Wurzel nicht bemerkt hatten, über die er jetzt stolperte. Als er nun, lang ausgestreckt, auf dem Waldboden lag, kehrte nach und nach das Gefühl in seinen erschöpften Körper zurück. Der einsetzende Schmerz zog den Geist des fanatischen Läufers in die Realität zurück. Als ihm die Situation bewusst wurde, fragte er sich als erstes, wie weit, wie lange er eigentlich gerannt war. Er sah sich um, konnte in dem Wald aber keinen Anhaltspunkt ausmachen, der ihm verraten hätte, wo er sich überhaupt befand. Der Waldrand war jedenfalls über einen Kilometer von seinem Haus entfernt - somit war es definitiv kein Kurzstreckenlauf gewesen. Sein Haus - seine Türklingel. Die Polizei. "Es war ein Unfall..."
Mit der Intensität eines Schlages ins Gesicht holte ihn die quälende Erinnerung wieder ein. Der seelische Schmerz, den er schon vorhin empfunden hatte, kehrte mit voller Wucht zurück; und hätte er noch die Kraft dazu besessen, er wäre genauso davor geflohen wie nach dem Erhalt der Kunde durch den grünen Todesboten.
Gedankenfetzen begannen durch seinen Kopf zu wirbeln, Bruchstücke von Erinnerungen, einzelne Bilder, Tonfetzen, die in seinem Kopf nachhallten: "Komm schon...", "Hahaha!", "Oh, du Chaot!", "Na, da müssen wir wohl was tun...", ein Lächeln, "Ich liebe dich dich dich dich dich dich dich!"
Die Worte dröhnten mit unbändiger Gewalt durch seinen Schädel, drohten ihn zu sprengen und lösten eine neue Schmerzwelle aus. In seinen brennenden, immer noch krampfhaft nach Sauerstoff ringenden Lungen staute sich ein Luftschwall an, der kurz darauf entwich. Aus den tiefsten Eingeweiden heraus formte sie einen Schrei, der nicht aus dem Mund eines Menschen, sondern aus dem Maul eines rasenden, verwundeten Ungetüms zu stammen schien. Als der gewaltige Urschrei zwischen den Bäumen verhallt war rappelte er sich wieder auf. Sein Herz schlug noch immer heftig in seiner Brust, er keuchte noch immer wie ein geschundenes Pferd, doch er rannte wieder los. Er würde schon herausfinden wer zuerst aufgab, der Schmerz oder er...




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Eingereicht am 04. Juni 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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