Heimkehr
Von Agnes Jäggi
Der Zug glitt durch den langen, schwarzen Tunnel und fuhr sachte an die
kleine Station heran. Geräuschlos öffnete sich eine der Türen und eine
junge Frau stieg aus. Die Tür ging wieder zu, der Zug entschwand mit
leisem Ruckeln in die Nacht. Der Bahnhof lag etwas außerhalb des
Dorfes. Vor der jungen Frau lag ein einsamer Spaziergang auf der breiten
Hauptstraße, welche zur linken Seite von einem dichten Wald, zur
Rechten von Feldern und Wiesen gesäumt wurde. Sie hatte
keine Angst, weder vor den wispernden Bäumen noch vor
der kalten Dunkelheit, die sie umfing. Sie verspürte eine Art
Glücksgefühl; eine unbestimmte Freude erfüllte und wärmte sie. Elena war
auf dem Weg nach Hause. Alle, die in jenem Dorf aufgewachsen waren,
kehrten eines Tages dahin zurück. Jetzt war sie an der Reihe. Sie
brauchte sich also nicht zu fürchten, sie wusste, was passieren würde,
wusste auch, dass alle immer nachts heimkehrten. Nach einigen hundert
Metern leuchtete die erste Straßenlaterne auf und verströmte weiches
goldenes Licht. Alles war so, wie die Gestalt es Elena am Vortag erklärt
hatte. "Du wirst den Zug verlassen, eine Weile durch die Nacht wandern
und dann werden die alten Laternen dir den Weg weisen." "Wer bist
du?", hatte Elena die Frau - oder war es ein Mann? - fragen wollen. Doch
nach einem kurzen Blick in das sanfte Gesicht mit den tiefblauen Augen
wusste sie, wer ihr Gast war. Sie brauchte nichts mehr zu fragen,
lauschte nur noch den Anweisungen. Bei Einbruch der Dunkelheit verließ
Elena ihr Zimmer, wanderte zum Bahnhof und stieg in den Zug, der sie
heimbringen würde.
Sie erkannte das Dorf, auch wenn es kaum mehr dem Ort glich, den sie
einst verlassen hatte. So musste es hier vor langer, langer Zeit einmal
ausgesehen haben. Anstelle der schmucken Ein- und Mehrfamilienhäuser
standen da wuchtige Bauernhäuser mit angebauten Scheunen und Ställen
sowie einige einfachere kleinere Häuser. Um den Dorfplatz gruppierten
sich der hübsche Lebensmittel- und Kramladen, die Sägerei, die Schmiede
und die Mühle. Dieses Bild erkannte Elena aus einer alten Dorfchronik
wieder. Sie erhob ihre Augen und erblickte auf dem Hügel über der Mühle
die hübsche kleine Kirche, welche man über eine steile steinerne Treppe
erreichte. Es war nicht die Kirche ihrer Kindheit, sondern die Kirche aus
der alten prächtigen Dorfchronik. Vor dem stattlichen Gasthaus standen
zwei antike Fahrräder und ein Pferdefuhrwerk. Elena trat zu dem
neugierig blickenden Haflinger und fuhr ihm sachte über die Mähne.
Sie vernahm Musik, fremde und trotzdem vertraute Weisen,
Stimmen erklangen aus dem Wirtshaus, Kinderlachen erfüllte den
Dorfplatz. Marktstände wurden errichtet. Still stand Elena neben dem
Pferd und betrachtete das plötzliche geschäftige Treiben. Eine
Stimme hallte lautlos in Elena wider: "Alles wird anders sein, doch du
wirst alles kennen und vor allem wirst du Menschen und Tiere
wiedertreffen, die du vor langer Zeit gekannt hast, mit denen du gelacht
und um die du getrauert hast. Nichts und niemand verschwindet jemals
wirklich."
Nun begriff Elena ganz und gar. Nicht die letzten dreißig Jahre waren
ihr Leben, das Leben überhaupt gewesen, sondern die Zeit davor und
danach.
Elena erblickte ihren Vater, erkannte ihre Katze Maudi und die kleine
Hündin Susi. Alle lebten sie. "Ich werde noch viele Bekannte treffen.
Mit manchen muss ich wieder ins Reine kommen, weil dazu in der Zeit
zwischen den Zeiten keine Gelegenheit war und einige werde ich einfach
umarmen, ohne etwas erklären zu müssen", flüsterte Elena dem Haflinger
ins Ohr. Und sie hatte alle Zeit der Welt, denn ausnahmslos alle
kehrten irgendwann zurück.