Sie wachen über uns
Von Agnes Jäggi
Alle wollten wissen, weshalb ich noch vor dem kleinen Eingriff das
Krankenhaus fast fluchtartig verlassen hatte. Nun es gab eine Menge
Gründe und die erzählte ich meinen Lieben auch bereitwillig. Ich sagte
zum Beispiel, dass ich mich nicht wohl gefühlt hätte, oder dass man mich
unverschämt lange habe warten lassen, dass ich während des Wartens
beschlossen hätte, der Eingriff wäre absolut nicht nötig und so weiter.
Ihnen aber, verehrte Leserschaft, werde ich nun verraten, was mir dort
tatsächlich widerfahren ist. War es ein eindrücklicher Traum oder
tatsächlich ein längst toter Freund, der mich vor einem schlimmen
Schicksal bewahrt hat?
Am Mittwochmorgen traf ich im Spital ein. Alle waren sehr nett. In
meinem Zimmer lagen noch drei weitere Frauen, zwei in meinem Alter und
eine ältere Dame. Als ich meine Sachen ausräumte und verstaute,
unterhielt ich mich mit zwei meiner Zimmergenossinnen. Der einen sollten
noch am selben Tag die Mandeln entfernt werden. Sie war etwas nervös,
ansonsten wirkte sie aber heiter, sogar vergnügt. Die ältere Dame wurde
wegen eines kleinen Knotens am Hals zweimal pro Tag bestrahlt. Die
dritte Patientin lag gerade auf dem OP; sie lernte ich dann am Abend
kennen. Allerdings schlief sie die meiste Zeit. Ich musste an jenem Tag
von einer Untersuchung zur anderen, verschiedene Ärzte sahen sich meinen
Hals an, wirkten etwas ratlos, alle waren sie aber sehr freundlich.
Zuletzt wurde ich noch in ein unterirdisches Gewölbe geführt, wo man
eine Röntgenaufnahme von meinem Hals machte. Am Abend besuchte mich mein
Mann, schließlich schaute noch die Narkoseschwester vorbei. Alles war
bereit für den Eingriff am folgenden Morgen. Es wurde dunkel, die Nacht
brach herein. Eine die ich niemals vergessen sollte.
Ich konnte trotz der Schlaftablette nicht einschlafen, also las ich noch
ein wenig. Hin und wieder schaute ich aus dem Fenster, welches tagsüber
einen hübschen Ausblick auf einen sanft geschwungenen Hügel und dichten
Wald bot. Jetzt aber, in der Nacht, verschmolzen die Bäume zu einer
düsteren undurchdringlichen Wand mit einem schwarzen, drohenden Himmel
darüber. Meine Zimmergenossinnen schliefen fest und schnarchten, dass
die Wände krachten. Irgendwann muss ich dann wohl eingenickt sein, denn
ich schreckte plötzlich zusammen. Als ich die Augen öffnete, spürte ich
mehr als das ich sie sah, eine Gestalt, die am Fußende meines Bettes
stand. Erst dachte ich, es sei die junge Frau, deren Mandeln am Mittag
entfernt worden waren, und die nun aufgewacht war und nicht wieder
einschlafen konnte. Ich warf einen Blick auf die Digitalanzeige meiner
Uhr. Sie zeigte zwei Uhr morgens an. Leise, um die beiden anderen Frauen
nicht zu wecken, fragte ich: "Kannst du nicht mehr einschlafen?" Keine
Antwort. Ich versuchte es noch einmal: "Wollen wir ein wenig reden?" Als
sie wieder nicht antwortete, glaubte ich, dass sie schlafwandelte.
Behutsam, um sie nicht zu erschrecken, schlüpfte ich aus dem Bett, um
die junge Frau wieder zurück zu ihrem Bett zu geleiten. Früher hatte ich
das oft mit meiner Schwester getan, die häufig im Schlaf gesprochen und
dabei im Zimmer herumgewandert war. Beim Aufstehen fiel mein Blick auf
das Bett gegenüber und ich erstarrte. Das Bett war besetzt. Das Atmen
fiel mir plötzlich schwer, und ganz langsam wie in Trance drehte ich
meinen Kopf nach rechts, dort wo die Gestalt noch immer bewegungslos
verharrte. Schwaches bläuliches Licht umgab den jungen Mann, ich fühlte
den brennenden Blick seiner Augen. Ich wollte schreien, doch kein Laut
kam über meine Lippen. Ich fühlte wie meine Beine zu zittern begannen,
wollte weglaufen, doch ich stand wie erstarrt da. "Das ist ein Traum,
ein böser, unheimlicher Traum", hallte es in meinem Kopf, "ich will
aufwachen, oh bitte, lass mich aufwachen. Diese blöde Tablette, sie
musste schuld sein an diesem grausigen Traum." - "Ich habe auf dich
gewartet." Seine Stimme klang sanft und fern, so als würde er von sehr
weit her mit mir sprechen. Ich hatte noch immer große Angst, doch nun
erwachte auch meine Neugier, und ich sagte mir, dass dies ein Traum sei,
aus dem ich sowieso bald erwachen würde. Also spielte ich mit. "Wer bist
du? Ich kenne dich nicht." Noch während ich sprach, kam die Erkenntnis.
Er sah nicht aus wie Luciano, er klang auch nicht wie er, und doch war
er es. Die Angst verschwand, wurde abgelöst von tiefer Trauer, die mich
sprachlos machte. Er war es, und er war zurückgekommen. Damals vor bald
zwanzig Jahren war er gestorben, in diesem Krankenhaus, in das ich ihn
zwei Tage vor seinem Tod begleitet hatte. Er war neunzehn, ich zwanzig.
Wir hatten gelacht. Keinem von uns wäre es in den Sinn gekommen, dass
wir uns nicht mehr wiedersehen würden. Und doch war es so. Es hatte
Jahre gedauert, bis ich mit dem Verlust und dem Entsetzen umgehen
konnte, der Schock saß so tief, dass ich glaubte, auch nicht
weiterleben zu können. "Ich habe lange nicht mehr von dir geträumt",
flüsterte ich, "warum jetzt?" In meine Trauer mischte sich nun auch der
alte Zorn darüber, dass ich ihm nie hatte sagen können, wie gemein es
von ihm gewesen war, mich allein zurückzulassen in dieser komplizierten
Welt. Aber er sagte: "Wir sterben nie, keiner von uns geht wirklich weg."
"Ach was, dann bist du also gestorben, um hier zu bleiben, ausgerechnet
hier in einem Krankenhaus?" Meine Stimme muss wohl ein bisschen zu
ironisch geklungen haben, denn sein Lächeln verschwand und ich spürte
eine eisige Kälte von ihm ausgehen. "Du siehst nicht aus wie Luci",
sagte ich trotzig. "Ich sehe nicht aus wie dein Luci von damals, weil
sie den verbrannt haben. Du hast mich nie besucht auf dem Friedhof,
warst auch nicht an der Beerdigung." Nun sollte ich also auch noch ein
schlechtes Gewissen haben, nachdem er einfach abgehauen war. Wütend
zischte ich: "Ich glaube nicht an Friedhöfe, und wie ich sehe, bist du
dort auch nicht." Er verzog wieder das Gesicht zu diesem vertrauten,
ausgelassenen Grinsen, das ich so an ihm gemocht hatte - damals, als die
Welt noch in Ordnung gewesen war. "Ich muss dir sagen mein Gummibärchen,
(so hatte er mich immer genannt), dass fast gar nichts von dem stimmt,
was uns die Pfarrer erzählt haben. Das Einzige, was stimmt ist, dass wir
nicht sterben, sondern ewig leben. Und das ist manchmal ganz schön
langweilig. Weil ich hier gestorben bin, werde ich auch hier bleiben, so
einfach ist das." Tja, also so hatte ich mir die Sache mit dem Leben
danach auch nicht vorgestellt. Ich war einigermaßen ratlos und schwieg
betreten. Doch er lachte wieder: "Mach dir nichts draus, so schlimm ist
es gar nicht. Das Leben hier kann auch ganz schön aufregend sein." Er
erzählte mir ein paar Müsterchen aus seiner Erfahrung als guter
Spitalgeist. Während wir gemütlich plaudernd aus dem Zimmer schlenderten
- ich durch die offene Tür, er durch die Wand daneben -, freute ich mich
insgeheim darüber, einen so spannenden Traum zu träumen. Doch eines
ließ mir keine Ruhe, wieso hatte Luci gewusst, dass ich hierher kommen
würde.
Ich musste entweder laut gesprochen haben, oder aber, er konnte meine
Gedanken lesen. Er wandte mir sein Gesicht zu. Das Lächeln war wieder
daraus verschwunden. "Ja, ich wusste, dass du herkommen würdest. Wir
Geister haben hier zwar viel Spaß und sorgen dafür, dass traurige
Menschen lustige Träume und heitere Gedanken haben, aber manchmal werden
wir auch geschickt, um neue Patienten zu warnen." "Na ein Glück, dass ich
das alles nur träume", dachte ich bei mir, doch er fiel mir ins Wort
bzw. in den Gedanken: "Hör zu, Gummibärchen. Bei unserer großen Sitzung,
sie findet immer montags statt, werden uns die jeweiligen Wochenaufgaben
zugeteilt. Die meisten Aufgaben sind Routine, ich muss trösten,
Patienten aufheitern, zum Lachen bringen, hin und wieder auch eine etwas
zu stramme Schwester ärgern. Wir erhalten eine Liste mit Namen, Station
und Zimmernummer unserer Kunden." Wieder konnte ich mir eine Frotzelei
nicht verkneifen: "Das geht bei euch Krankenhausgeistern also genau so
bürokratisch zu wie im richtigen Leben." - "Ja, lach du nur, glaub mir,
ich hab mir dieses Leben nach dem Tod auch ein wenig anders vorgestellt,
aber so ist es nun mal. Also, auf meiner Liste für diese Woche stand
dein Name. Zwar bist du inzwischen verheiratet, aber wenn wir einen
Namen lesen, dann sehen wir auch die Person. - Nein, nein, kein Foto" -
unterbrach er schon wieder meine Gedanken "ich meine, wenn ich den Namen
lese, sehe ich auch automatisch das dazugehörige Gesicht." Ich glaube
nun zu verstehen. "Also bist du hier, um mich aufzuheitern?" "Nein,
nicht ganz. Ich will, dass du das Krankenhaus verlässt, gleich morgen
früh. Lass dich auf keine Diskussionen ein, sonst kann ich dir auch
nicht mehr helfen." Inzwischen war mir das Lachen gründlich vergangen.
Was für ein ernster Traum das plötzlich wurde. Wieder unterbrach Luci
mich: "Du glaubst immer noch zu träumen. Dann muss ich dir eben zeigen,
weshalb du nicht hier bleiben darfst." Schweigend lief er mir ein paar
Schritte voraus, und ich stellte erstaunt fest, dass seine Füße den
Boden nicht berührten. Schließlich gelangten wir an eine merkwürdige
kleine schwarze Tür, die so gar nicht in diesen Flur zu passen schien.
Er forderte mich auf, die niedrige Türe zu öffnen. Ich betrat einen
stockdunklen Flur und blieb dann verunsichert stehen. "Ich gehe voraus,
damit du etwas sehen kannst", sagte Luci. Ich folgte also dem blauen
Licht, das seine Gestalt umgab. Es war stickig und eng in dem langen
Gang, das Atmen fiel mir schwerer und schwerer. Außerdem vernahm ich
gequälte Laute, es war, als würden Menschen um mich herum schweben,
traurige, weinende Menschen. Mein Hals schmerzte, ich konnte kaum noch
schlucken. Und als ich mit der Hand über meinen Hals strich, bemerkte
ich zu meinem Entsetzen, dass direkt unterhalb der Gurgel ein großes
Loch klaffte. Ich wollte nach Luci rufen, ihn bitten, mich wieder zurück
in mein Zimmer zu bringen, verfluchte diesen dummen, fürchterlichen
Traum. Doch ich konnte nicht sprechen, nur ein Gurgeln entwich meiner
offenen Kehle. Luci drehte sich um, lächelte mitleidig und sagte: "Ich
hätte dir das gerne erspart, aber du wolltest mir nicht glauben. Es ist
so, dein Eingriff ist eigentlich eine Routineangelegenheit, aber diesmal
wird ein Fehler passieren. Du wirst zwar nicht sterben, aber glaub mir,
das was danach folgen wird, kann man auch nicht als Leben bezeichnen. Du
würdest für lange, lange Zeit im Koma liegen, gefangen in einem Körper,
der ohne Maschinen nicht funktionieren kann. Du wirst nie mehr lachen,
nie mehr sprechen, nie mehr träumen, nie mehr aufwachen, bis vielleicht
endlich ein mitleidiger Mensch die Maschinen ausschaltet, um deine Seele
zu befreien oder der Tod selber sich einschaltet. Was du hier in diesem
grausigen Tunnel hörst, sind die Klagen derer, die ich dir nun zeigen
werde. Schließ die Augen."
Ich tat wie Luci mich geheißen und fand mich in einem Saal mit vier
Betten wieder. Die blassen Menschen, die darin lagen waren, hingen an
Schläuchen, die wiederum mit blinkenden und piepsenden Apparaturen
verbunden waren. Abgesehen von den Geräuschen der verschiedenen
Maschinen, war es totenstill in dem Raum. Doch es war eine Stille voller
Pein und Ruhelosigkeit. Plötzlich öffnete sich die Türe, es wurde
gleißend hell im Zimmer und eine Nachtschwester erschien. Sie trat an
das erste Bett heran, kontrollierte die Apparate, die Schläuche und warf
abschließend einen mitleidigen Blick auf das Gesicht des regungslosen
Patienten. Dann trat sie zum nächsten Bett, die Prozedur wiederholte
sich. Ich stand am Ende der Bettenreihe. Als sie an mir vorbeihuschte,
roch ich ihr dezentes Parfum. Sie konnte mich nicht sehen. Luci stand
direkt neben dem Bett eines Kranken, legte seine Hand auf dessen Stirn
und lächelte leise. Die Schwester konnte zwar auch ihn nicht sehen, doch
als sie ihn im Vorbeigehen streifte, verharrte sie kurz. "Warum hast du
am Bett des Mannes gelächelt", fragte ich Luci später, als wir wieder
auf dem Weg in mein Zimmer waren. "Er wird erlöst, schon morgen. Ich
habe es gesehen", antwortete er. "Das ist gut. Alles ist besser, als
dieses schreckliche, hoffnungslose Dasein in dem düsteren langen Gang",
seufzte ich erleichtert. "Dann glaubst du mir also?"
Oh ja, das tat ich. "Ich danke dir, lieber Freund. Es ist schön, dass
ich dich noch einmal sehen konnte." - Er stand dicht vor mir, und ich
sah, dass seine Augen Lucis Augen waren. Er wartete, bis ich wieder im
Bett lag und löste sich dann langsam auf, wie von fern drang seine
Stimme, Lucis Stimme, noch einmal zu mir: "Geh auch in nächster Zeit in
keine andere Klinik. Warte eine Weile. Aber einmal sehen wir uns wieder,
ganz bestimmt."