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Kurzgeschichtenwettbewerb "Schlüsselerlebnis"

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Franz, ja du bist's!

© Anna Herzig


An irgendeinem Abend saß ich so da und hatte diesen Gedanken: Stell dir vor, du würdest in deinem Leben keine neuen Leute mehr kennen lernen. Du kennst nur die, die du jetzt kennst. Für immer. Und du willst dich verlieben. Irgendwann heiraten. Familie. Beruf. Zukunft eben. Was würdest du tun? Stell dir einfach vor, die Zeit friert ein. Alles bleibt so, wie es gerade ist. Außer, dass du älter wirst, dich veränderst, so wie sich deine Umwelt verändert. Aber die Darsteller ändern sich nicht mehr. Null. Zero. Was würdest du tun? Du gehst weg, in eine Disco, auf eine Party und triffst immer die gleichen Leute. Vielleicht einige davon öfter, manche selten, aber du kennst sie alle schon. Du gehst durch die Stadt, sitzt im Zug, in der U-Bahn, am Strand, im Urlaub. Kein Kribbeln mehr oder die Frage im Kopf, ob du die Person da in der roten Jacke, mit den karierten Turnschuhen, mit den abstehenden Haaren, … ansprechen sollst. Musst du nicht, denn es gibt ihn nicht mehr. Den "Typ Unbekannt".
Du sitzt also in deinem Leben und musst mit dem klarkommen, was du hast. Musst dich arrangieren. D.h. dich den Umständen entsprechend verändern, anpassen. Oder draufgehen. Seelisch. Was würdest du tun? Du gehst krampfhaft deine Bekannten durch und überlegst dir, soweit du es nicht längst davor getan hast, wen du wirklich zu deinen Freunden zählst. Wen rufst du oft an? Wen lädst du manchmal ein? Wer kommt? Wer lädt dich ein? Wem vertraust du? Wer nervt nicht nach dem 2. Tag Zusammensein? Vielleicht ist ja der Mensch des Lebens schon unter ihnen. Wenn nicht, dann such weiter. Forste deinen ganzen Bekanntenkreis durch. Angefangen im Kindergarten, die erste Sandkastenliebe, der erste Kuss in der Grundschule, das erste Verliebtsein. Was waren da noch für Leute außenrum? Was ist mit denen, die sich mal für dich interessiert haben und die du abgewiesen hast? Wärst du jetzt aufgeschlossener?
Da fällt mir sofort Jakob ein. Ich war 15. Italienurlaub. Ich sitze mit meiner Schwester am Pool unseres Hotels und beobachte die Leute, die auf der Promenade auf und abgehen. Mir ist langweilig, wie so oft in meinem pubertären Leben. Eva, meine ältere Schwester, scheint sich köstlich zu unterhalten. Wie immer. Sie liest wie ein Wurm.
Ich sitze also auf der Terrasse vor unserem Hotel und beobachte die anderen Urlauber. Gesättigt vom 5-gängigen mediterranen Abendessen schieben sie sich durch die noch warmen Straßen. Die italienische Nacht wird durch Neonstrahler klardeutsch erhellt. Zum Glück, wie mir heute scheint, denn in dem Moment taucht eine Gruppe junger Menschen auf, die ich ohne Flutlicht in meiner Kurzsichtigkeit nicht einmal wahrgenommen hätte. Dank Osram sehe ich sie. Und dann natürlich IHN. Einen Menschen, den sich jedes 15-jähriges Mädchen nur wünschen kann: Schön. Cool. (Was braucht man mehr?) In einiger Entfernung bleiben sie stehen.
Besorgt beobachte ich meine lesende Schwester und erschrecke wie so oft über ihr nervtötendes Witterungsvermögen, das einem Trüffelschwein Konkurrenz gemacht hätte. Ich kann geradezu mit ansehen, wie sich ihr die Testosterongerüche in die Nase schieben. Sie blickt von ihrem Buch auf und blinzelt zur erleuchteten Gruppe rüber. Mir ist klar: wenn ich jetzt zögere, dann blättert meine Schwester für den Rest des Urlaubs nicht nur genüsslich in Büchern, sondern noch wo ganz woanders. Außerdem hatte ich keinen Bock mehr pubertär gelangweilt in Schwester Eva den Film zu sehen, für den ich so gern gecastet worden wäre. Ein bisschen unsicher, da größte postnatale Willenskraft meines bisherigen Lebens aufbringend, erhebe ich mich. Schlendere wie zufällig der Promenade entgegen und tue so, als ob ich etwas suchen würde. Was, das weiß ich noch nicht genau. Vielleicht einen Ball, Tennisball, Beachball, Gummiball, ….. , egal, irgendwas. Zufrieden ob meines kreativen Schachzugs werfe ich mich ins Gebüsch des Hotelvorgartens. Biege fiese, da dornige Zweige weg und flüstere laut vor mich hin: "Ja, wo issa denn, ja wo issa denn?" (Mir fällt wirklich nichts Besseres ein.) Ich bin jetzt so nah an der Gruppe dran, dass ich hören kann, was sie miteinander sprechen:
"Geh´n wir jetzt in diese Disse, oder nicht?"
"Klar, Mann, scheiß auf den Eintritt!"
"Schaut aber gar nicht so cool aus…"
"Ist bestimmt Kindergarten da drin!"
"Hey, jetzt sind wir hier, jetzt geh ma rein!" Das sagt meiner. Wow, ein Mann ein Wort!
Ich fluche laut, weil meine Unachtsamkeit weiteren Stacheln erlaubt hat mich wodoo-mäßig zu durchbohren. Er schaut zu mir rüber, unsere Blicke treffen sich. Die Zeit bleibt stehen, die Dornen in meinem Arm werden zu Rosenblättern, die langsam zur Erde segeln, aus den blutigen Kratzern tropft Honig.
"Was suchst´n da?" Das Streichorchester bricht ab. Generalpause. Flöten setzen ein: "Einen Ball, einen Ball!"
Er lächelt und gibt seiner Gruppe mit einem Kopfnicken ein Zeichen, dass jetzt Gummiball und nicht Tanzball angesagt ist. Zu fünft kriechen wir in dem bösartigen Vorgartengestrüpp herum und suchen nach etwas nicht vorhandenem.
"Ähem, Leute", meine Schwester. "Ich stör ja nur ungern", (klar!) "aber ich glaub, da könnt ihr lange suchen…" Wir halten verdutzt inne. Mittlerweile hab sogar ich daran geglaubt, dass doch da irgendwo ein Ball sein muss! "Anna", (das bin ich) " der Ball ist doch oben in deinem Zimmer!" - Traraaaa - blutende acht Arme, inklusiv meiner, zehn, tauchen aus dem Grün hervor und tropfen anklagend auf die Marmorfließen.
"Ohooo, das hatte ich vergessen…. setzt euch doch bitte, setzt euch, ich bring euch was zu Trinken!" Mein Held lässt sich irritiert auf eine Pool-Liege fallen, zwei andere folgen ihm. Der Vierte eilt mir nach. "Ich helf dir." Schuldgefühl plus Vorfreude gemischt in einem Krug Fanta Lemon lassen meine Gedanken Purzelbäume schlagen. "Wo kommt ihr her? Wo wohnt ihr hier? Wie heißt ER? Was macht ER? Wie alt ist ER?" Ich kann gar nicht mehr aufhören Nummer vier auszufragen. Er antwortet leise, während er gewissenhaft Eiswürfel in die Becher fallen lässt.
Draußen am Pool unterhalten sich alle prächtig. Dank Schwester Eva ist wieder alles im Lot. Supi. Demonstrativ stelle ich den Krug auf SEINE Liege und erkläre ihm lang und breit, dass ich wirklich dachte den Ball verloren zu haben, und wie unglaublich dumm das von mir war und wie leid es mir tut, all das Blut und Blablabla. Den ganzen Abend stiere ich ihn an, er lächelt oft und ich schmelze wie ein Toffiffee zwischen Daumen und Zeigefinger. Wir verabreden uns alle für den nächsten Tag. Beachvolleyball. "Verlier den Ball aber nicht", sagt er zum Abschied und zwinkert und lässt seine braunen Augen funkeln und seine langen Wimpern flattern wie Flamingoflügel.
Am nächsten Tag liege ich in der Sonne, neben meinen Eltern und versuche mich zu aalen. Was auch immer das heißt. Klingt auf jeden Fall sexy und heute will ich unbedingt sexy sein. Ich aale mich also in der Hitze und schwitze und warte und langweile mich. Fange wieder an zu pubertieren, wie mir entsetzt klar wird. Versuche den Wunsch zu unterdrücken eifersüchtig meine blonde Schwester zu beäugen.
Und dann lieg ich so da und döse vor mich hin (wahrscheinlich nicht mehr aalend) und höre die süßeste Stimme, die mein Ohr je vernommen hat: "Anna. Anna? Hmmmm. Schläfst du?" Ich öffne langsam die Augen. Will den Moment so richtig genießen. Fühle mich wie Sissi als Franz sie zum ersten Mal küssen will. Da auf dem Baumstamm, mitten im Wald. "Ja, Franz", hauche ich. "Ja ich bins, wollte nur fragen, ob du jetzt zum Volleyball kommst." Ich reiße die Augen auf. Und vor mir steht - ja, Franz. Die Nummer vier von gestern. Oh, welch enttäuscht Gesicht muss ich gezogen haben. Aber ich kann nicht anders. "Und wo ist ER, Jakob?" "Ah, der ist vorne und spielt schon." Unsere Gesichter werden zum Spiegel der Mimik des anderen.
Wir stapfen durch den Sand auf das Spielfeld zu. Enttäuschte Fußspuren bleiben zurück. Wir spielen und schwitzen und werden lockerer. Ich zähle, wie oft Jakob mir zulächelt. Elf mal während der ersten 25 Punkte! Franz spielt in meiner Gruppe. Er zeigt mir, wie man von oben aufschlägt. Er nimmt meine Hand und macht es mir vor. Sein Schweiß tropft auf meine Haut und ich finde es schön. Im zweiten Match zähle ich dreizehn Jakobslächler. Ich kann einfach nicht aufhören seinen pumaartigen Bewegungen nachzuschauen.
Und so vergehen die schönen Italientage und die duftigen Nächte und ich fülle mein Tagebuch mit Gedichten an Jakob und träume des Nachts von Pumababys.
Am letzten Tag treffen wir uns alle vor unserem Hotel. Dort, wo alles begann. Lachend deuten wir auf das fiese Gebüsch und suchen nach Narben auf unserem Unterarm.
"Anna, machs gut." Jakob blinzelt mir zu. "Es lebe der Ball, haha. Hat Spaß gemacht, das Volleyball spielen!" Ich stehe da und warte. Das kann ja wohl nicht alles sein. Nach 49755 Lächlern!!! Sagt einfach so "adios amigo"??? Franz tippt mir auf den Rücken. Ich drehe mich um und grinse ihn schief an. Gebe ihm einen Knuff auf seine Schulter. Er knufft mich zurück. Unser Siegesgeste beim Volleyball. Sein Knuff ist ziemlich hart und ich knuffe nochmal und so knuffen und knuffen wir uns …. bis er mich fragt, ob ich mit ihm noch dem Volleyballplatz "ciao" sagen möchte.
Wir schlendern zum Strand und ich merke wie all meine Enttäuschung von mir abfällt. Wir bohren die Zehen in den Spielfeldsand und spielen Stuntman und wiederholen die schönsten Paraden und die cleversten Spielzüge. Wir gehen zurück.
Das Auto ist startbereit, meine Familie sitzt schon drin. Ich setze mich in den Wagen und kurble die Scheibe runter. Jakob und Franz stehen daneben. Ich starre Jakob an und versuche wie ferngesteuert wieder seine Lächler zu zählen. Und dann höre ich ihn. Den Groschen. Wie er so fällt und fällt. Während ich die soeben gesehenen Lächler zu den 49755 davorigen dazuzähle, schweift mein Blick zu Franz. Ich schaue ihn an und vergesse all die Grinser, Zwinkerer und lächerlichen Lächler, höre auf zu zählen und zu hoffen. Die grünen Augen brennen und durchleuchten mich und während mein Vater langsam rückwärts aus dem Innenhof fährt, weiß ich, was ich verpasst habe.



Eingereicht am 28. Februar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.



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