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Kurzgeschichtenwettbewerb "Schlüsselerlebnis"

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Vater-Gefühle

© Julia D. Hillebrandt


An jenem Tag stand ich lange am Fenster und starrte in den Regen. Mein Leben bröckelte an allen Ecken und Enden, ich hasste den Gedanken, dass meine Beziehung sich langsam in Rauch auflöste, dem man nachlief und zu fangen versuchte, aber der verflog und verwischte, sobald man in greifbare Nähe kam.
Zudem hatte ich große Orientierungsprobleme, was die Universität anging. Wie zur Hölle konnte ich, eine junge Frau mit 21 Jahren, in der Lage sein, jetzt schon zu wissen, was gut für mein späteres Leben sei? Was ich mein ganzes Leben lang machen wollte?
Ich seufzte, als das Telefon klingelte. Die fröhliche Stimme meines Vaters drang an mein Ohr, als ich abnahm:
"Du, ich komme doch morgen vorbei, ich muss dann was Wichtiges mit dir besprechen."
Mir schwante Übles. Etwas Wichtiges wollte er schon lange nicht mehr mit mir besprechen, zuletzt, als er unsere Familie verließ.
Ich richtete trotzdem alles für den Besuch her, schließlich hatte ich ihn lange nicht mehr gesehen und ich brauchte seinen Rat und seinen Beistand, wie wohl jeder den Rat seiner Eltern braucht, auch, wenn er es sich nicht immer eingesteht oder es nicht wahrhaben will.
Wie immer kam er verspätet, etwas, worüber ich mich nur noch aufregte, wenn es eine halbe Stunde überschritt.
Seine graumelierten braunen Locken hingen ihm in Nacken und Stirn, er lachte mich an, als er mich sah, zog mich erstmal in seine Arme. Es sind Momente wie diese, in denen ich mich fühle, als könnte mir die Welt da draußen nichts anhaben. Aber das stimmt wohl nicht so ganz.
Auf jeden Fall unterhielten wir uns dann, aßen zusammen Kuchen und genossen den Blick auf den sonnigen Platz vor meinem Fenster, als ich mich erinnerte, dass er ja etwas angekündigt hatte.
"Was wolltest du eigentlich mit mir besprechen?"
Auf einmal wich das Lächeln aus seinem Gesicht, er fuhr sich durchs Haar und lehnte sich zurück, lachte unsicher.
"Tja, es ist so... Ich bin nahezu unfruchtbar."
Ich muss ihn ziemlich fragend angeschaut haben, habe sein Anliegen auch nicht verstanden. Es ist normal, dass Männer in einem gewissen Alter das Risiko haben, nicht mehr zeugungsfähig zu sein, aber ich verstand den Bezug zu mir nicht.
Bis er weiter ausholte, und mir mehr über sein Leben vor 22 Jahren erzählte.
"Ich war's schon damals, bevor deine Mutter dich bekam. Wir waren in einer Spezialklinik, dort haben sie mir gesagt, dass es an mir liegt. Aber ich wollte unbedingt eigene Kinder und unbedingt mit deiner Mutter eine Familie gründen. Sie haben mir gesagt, dass es sein kann, dass ich nie eigene Kinder haben werde..."
Ich war sprachlos. "Ja, aber..."
"Du willst wissen, was ich dir damit sagen will?"
Ich konnte nur noch kraftlos nicken.
"Es kann sein, dass ihr nicht meine Kinder seid, du und deine Schwester", stellte er den bösen, alles verändernden Satz in den Raum.
Mir blieb die Luft weg.
"Was? Aber..."
"Ja, ich weiß. Aber ich hatte vor deiner Mutter eine Freundin, mit der ich vier Jahre zusammen war, wir haben nie verhütet und da ist nichts passiert. Du weißt, dass ich mit meiner jetzigen Freundin auch schlafe und wir verhüten auch nicht - mein Sperma ist zu dickflüssig und die Zellen bringen sich quasi gegenseitig um."
Das war mehr Information als ich haben wollte... Ich schluckte schwer, überlegte fieberhaft.
"Und nun?" Ich war wirklich nicht mehr in der Lage, ganze, vernünftige Sätze zu formulieren.
"Weißt du, ich habe schon damals den Verdacht gehabt, dass deine Mutter mich betrogen hat. Erst bei dir und dann bei deiner Schwester. Denn wir wollten zwar ein zweites Kind, aber wir haben nur ein halbes Jahr gebraucht, bis es geklappt hat - und vor diesem Hintergrund ist es schon seltsam, oder? Zumal sie damals schon ihren jetzigen Freund kannte..."
"Du glaubst also, dass sie mit Manfred geschlafen hat?", wollte ich ungläubig wissen, fand langsam meine Sprache wieder.
"Das wäre immerhin möglich", gab er zu. "Ich habe darum beschlossen, einen Vaterschaftstest zu machen. Ich habe das Röhrchen hier, du müsstest gleich nur eine Speichelprobe..."
Mein Hirn setzte aus.
"Warum um Himmels Willen hätte Mama dich betrügen sollen? Sie hat dich geliebt ohne Ende..."
"Ich habe einen Bericht gesehen, nach dem 1/5 der Kinder untergeschoben sein sollen. Und ich möchte einfach diesen Zweifel aus der Welt haben, weißt du? Ich kläre das dann mit ihr und fertig."
"Aber... Wenn Jenny nicht von dir ist, dann sagst du ihr das doch nicht, oder? Sie ist im Moment so labil, die verdammte Pubertät, und ich will nicht, dass sie da auch noch Probleme mit bekommt..."
"Muss ich mir noch überlegen, weiß ich noch nicht." Da war wieder dieser wild-entschlossene Ausdruck in seinen Augen, den ich nun schon zu gut kenne. Dieser Ausdruck, der auch dort ist, wenn er wieder einen seiner manisch-depressiven Schübe bekommt.
Ich seufzte und nickte leicht.
"Gut. Um dir zu beweisen, dass Mama sowas nicht macht. Aber versprich mir vorher, dass du Jenny nichts sagst, wenn sie von Manfred sein sollte, ihr halt erzählst, dass sie von dir ist und so weiter!"
Widerstrebend nickte er. "Wenn du meinst..."
"Ja, ich meine."
Ich gab mir selbst einen Ruck und meinem Vater die Speichelprobe, die er noch am selben Tag einsenden wollte.
Die nächsten Tage waren die Hölle für mich. Ich hätte nie gedacht, dass nach all den Verletzungen, die die Scheidung meiner Eltern damals mit sich brachte, noch mal etwas so sein konnte, noch mal soviel kaputtmachen konnte. Denn wenn meine Mutter auch nur ein Wort davon erfahren hätte, wäre sie meinem Vater ins Gesicht gesprungen und hätte ihn fertiggemacht - was aus ihrer Sicht auch sicherlich richtig gewesen wäre.
Meine Mutter ist eine sehr aufrechte, geradlinige Frau, die sagt, was sie denkt. Vielleicht war gerade das der Grund, warum mein Vater damals gegangen ist, im Zusammenhang mit seiner Krankheit natürlich.
Ich habe sogar angefangen, meine Mutter in Frage zu stellen, habe überlegt, ob sie soweit ginge, fremdzugehen, nur, um das zweite Wunschkind zu bekommen, damit die Beziehung weitergehen könnte, denn auch zu diesem Zeitpunkt hat mein Vater nach eigener Aussage die Familie verlassen wollen.
Ich flüchtete vor all diesen Fragen in die Musik, vergaß meine Sorgen, wenn ich den Schmerz in die bittersüßen Melodien fließen ließ.
Doch auch das half nur für kurze Zeit, sobald der letzte Akkord verklungen war und meine Stimmbänder nicht mehr vibrierten, war ich zurück in der Realität, die mich anzuschreien schien, dass mein Vater nicht mein Vater sei.
Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie erleichtert ich war, als ich nach zwei Wochen grausamen Ausharrens endlich die Nachricht bekam, dass das Ergebnis da und wir wirklich seine Kinder seien.
Ich weiß nicht, wie viel ich in der Zeit geweint habe, weiß nicht, wie oft ich ihn angerufen habe, um noch mal mit ihm darüber zu diskutieren, warum er diesen Test denn unbedingt brauchte.
Es war eine Zeit des Nachdenkens, eine Zeit des In-Frage-Stellens meiner ganzen Wurzeln und vor allem auch eine Zeit, in der ich gelernt habe, wie wichtig mir meine Eltern sind und wie viel mir mein Vater bedeutet, ganz gleich, was er auch zwischendurch tut oder getan hat.
Vielleicht sollte jeder von uns einmal an so einen Punkt kommen, bevor Familien auseinanderbrechen, nur, weil man irgendwann einmal Streit hatte oder jemand einen anderen in Frage gestellt oder kritisiert hat.
Es gibt immer Situationen, in denen die Wahrnehmung völlig verschieden sein kann. Wenn meine Mutter mit Manfred geschlafen hätte, um Jenny zu zeugen, damit sie mit meinem Vater weiterhin glücklich sein kann, wäre das ja kein Betrug im herkömmlichen Sinne gewesen, auch, wenn mein Vater das vermutlich so gesehen hätte.
Darum: es lohnt sich nicht, den Kontakt zu Familienmitgliedern abzubrechen, schließlich können sie gute Gründe für ihr Verhalten haben, die uns selbst nicht immer so klar sind!
Seit dieser Sache gehe ich offener mit anderen um, denke darüber nach, warum mich bestimmte Dinge so verletzen und spreche mit denjenigen, die es betrifft, darüber. Ich treffe mich wieder häufiger mit meinem Vater, lasse ihn an meinem Leben teilhaben und behandele ihn nicht länger wie einen Zaungast.



Eingereicht am 27. Februar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.



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