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Kurzgeschichtenwettbewerb "Schlüsselerlebnis"

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Das Schließfach

© Adam Geremek


Ich öffnete meine Hand, in der ich den Schlüssel fest umklammert hielt, der mir wie ein kleiner, silberner Fisch, mit seinem hohlen Auge zuzwinkerte. Ich hielt ihn fest wie ein Juwel, dessen Wert noch nicht geschätzt, welcher aber als kostbar gilt, möglicherweise überschätzt, so umklammerte ihn meine Faust auf dem gesamten Weg, bis meine Knöchel weiß aufleuchteten unter der von Farbe und Lösungsmittel gezeichneten Haut.
Ich stieg aus dem Zug und trat auf den nassen Stein des Bahnsteigs, des einzigen Bahnsteigs meiner Heimatstadt, eher eines kleinen verschlafenen Städtchens, eines dieser Orte, die in den Reisekatalogen mit Ruhe und Erholung vom Alltag werben, so sehr sie etwas außer der Abgeschiedenheit zu bieten haben, eben wie dieses, das eine angebliche Heilquelle besitzt, sowie sich mit dem zweifelhaften Ruhm brüstete, dann und wann echte Prominenz zu beherbergen, ob das nun der Erholung dienlich ist oder nicht, wer weiß das schon. So tastete ich mich wie ein scheues Tier im fremden Revier langsam voran, schob den einen Fuß vom nassen Stein vor den nächsten, unsicher, ob darunter Gefahr lauert, ungewiß, ob Bekanntes vertrauenswürdig ist oder bloß fauler Zauber, die einzige Sicherheit in der Hand, ich blickte abermals herab, er zwinkerte noch immer fröhlich herüber, und ich hatte noch nicht einmal eine Ahnung, in welches Schloß er hineinpaßte, ob überhaupt irgendwohin, vielleicht war alles nur ein großer Bluff. Doch letztendlich war er meine einzige, meine letzte Verbindung zu diesem Ort.
Der Schaffner schaute nach links, nach rechts, blies seine Backen auf, pfiff laut, als ich gerade an ihm vorüberging, und bemerkte nicht, dass er in einer riesigen Pfütze stand, erst als er langsam in die letzte offene Tür des Zuges stieg, sah er, wie seine Schuhe tropften, dabei rümpfte er seine Nase, er hatte einen dichten Schurbart unter einer leicht hakenförmigen Nase, und klopfte die Schuhe nacheinander an den Treppen des Einstiegs ab, als der Zug bereits anfuhr. Er hatte ein sehr französisches Gesicht, das heißt Züge eines klischeehaften, französischen Gesichtes, fast übertrieben und aufgesetzt, und man erwartete beinahe, dass er jeden Augenblick "On y va!" hinterherschrie, ein sehr französisches Gesicht, wie in der Werbung für Weichkäse oder Wein oder sonstige Produkte, die man gemeinhin mit Frankreich verbindet, man konnte förmlich der kitschigen Erwartung nicht widerstehen, er müsse, sobald er zu Hause angekommen ist, französischen Weichkäse essen und einen schönen Bordeaux trinken oder zumindest nebenberuflich Werbung für derlei Produkte machen. Er klopfte seine Schuhe sehr eingehend und gründlich ab, so als ob er sein eigenes Wohnzimmer beträte und jeder Fleck auf dem teuren Teppich unverzeihlich wäre, ich musste schmunzeln, denn ich überlegte tatsächlich, ob er wohl französische Vorfahren habe, es wäre nicht verwunderlich hier im Schwarzwald, womöglich waren seine Eltern Franzosen und wohnten eben diesseits des Rheins, scherten sich nicht um die olle Grenze, und aßen weiterhin französischen Käse und tranken französischen Wein oder taten sonst sehr französisch.
Vertieft in meine albernen Überlegungen bemerkte ich kaum, dass ich bereits den kompletten Bahnsteig wohlbehalten überschritten hatte und bereits an der Treppe angekommen war, vollkommen abgelenkt und schmunzelnd, ich hörte auf einmal meine Schritte, das hat mich aus meinem Tagtraum geweckt, es ist ungewöhnlich, seinen eigenen Schritt so deutlich und abgehoben wahrzunehmen, für gewöhnlich verleiht es einem Sicherheit, wenn man den Rhythmus des eigenen Gangs hört, doch isoliert und ohne das Hintergrundsgeklapper fremder Absätze verunsichert es, man fühlt sich beobachtet. Ich sah mich also um und bemerkte erst jetzt, dass ich der einzige Fahrgast war, der an diesem verlassenen Ort ausgestiegen war oder möglicherweise haben die anderen den Bahnsteig schon verlassen, ich wusste es nicht, und ich war der einzige, der dem französischen oder französisch aussehenden Schaffner hinterhersah, der mit seinen nassen Schuhen sein fahrendes Wohnzimmer betreten hatte.
Nun sah ich ihn klar und deutlich, den Bahnsteig, den ich als Jugendlicher so oft aufgesucht hatte, um eine Zigarette zu rauchen, auf dem Boden kauernd, die Hände vor den Knien verschränkt, den Rücken gegen einen Blumenkübel gelehnt, manchmal rauchte ich auch zwei oder drei, manchmal kullerten auch ein paar Tränen über meine Wangen, ganz klar, hier sah mich niemand. Ich blickte dann Richtung Nordosten, denn dorthin gingen alle Züge, die von hier hinausführten sollten, wo Stuttgart nach feinem Leben schmeckte, und Frankfurt nach fernen Welten roch. Die roten Lichter der Regionalbahnen brannten sich in meine Netzhaut ein, ich zählte die Fahrgäste und hoffte, einer würde mich fragen, ob ich einsteigen möchte, ich würde generös abwinken, lügen, dass es mir hier gefalle, ich stierte auf die roten Lichter der Züge, schloß die Augen und zählte die Sekunden, bis die grünen Nachbilder unter meinen Lidern abklangen, und wenn ich die Augen wieder öffnete, war der Stummel zwischen meinen Fingern fast auf die Haut abgebrannt, ich vergaß vor Schmerz zu schreien.
Flüchtig bekam ich etwas Gänsehaut, am Nacken nur, als ich die sechs Stufen herunterstieg, ich habe sie gezählt, merkwürdig, dass ich das tat, vielleicht wollte ich überprüfen, ob welche dazu oder abhanden gekommen waren, ich wusste es nicht, ich war mir noch nicht einmal sicher, ob es auch früher sechs gewesen waren, es war ja so lange her. Ich wusste es einfach nicht mehr, das wurmte mich. Als ich auf dem Bahnhofsvorplatz ankam, guckte ich mich um, es hatte sich natürlich einiges verändert, doch ich konnte nicht sagen, was genau, es bildete sich eher ein unbestimmtes Gefühl von Fremde, das mich überkam, wie ein Schauer, kalt und heiß zugleich, das heißt ich wusste, es müßte sich dies und jenes verändert haben, nach fünfzehn, beinahe sechzehn Jahren, was sollte man erwarten, doch insgeheim hatte ich gehofft, den Ort so vorzufinden, wie er sich in mein Gedächtnis eingebrannt hatte, wir Menschen mögen keine Veränderungen, sie verunsichern uns und heimlich, natürlich nicht in aller Öffentlichkeit, ganz heimlich hegen wir den Wunsch, alles bliebe so wie es war, als wir jung gewesen waren oder vielleicht schon älter, dafür reifer und fähiger, das Glück wertzuschätzen, oder als wir glücklich waren, gleichgültig, wann.
Also sollte ich mich nun in das Abenteuer stürzen, das man Heimkehr nennt, ich schämte mich beinahe, dass ich etwas enttäuscht war, enttäuscht darüber, dass man mich nicht erwartete, keine kitschige Blaskapelle, keine Fähnchen schwenkenden Kinder, keine stolzen Stadtväter, die sich das mediale Ereignis nicht entgehen lassen, mit einem Prominenten gesehen zu werden, eine widerliche Geste, davon blieb ich verschon, zugegeben, andersrum hätte ich´s auch über mich ergehen lassen, für ein warmes Hallo oder Willkommen oder Stolz begrüßen wir den heimkehrenden Sohn der Stadt, alles zwar schnulzig und sentimental, aber auch idyllisch und heimisch, ich sah mich noch einmal um, niemand da, wieso eigentlich nicht. Zur meiner Verteidigung muss ich gestehen, dass ich es auch sonst nicht leiden konnte, gleichgültig bei wem oder wo ich ankam, nicht abgeholt zu werden, ich bin stets gekränkt, wenn mir niemand am Bahnhof entgegensieht und winkt und mir das Gefühl gibt, willkommen zu sein, sonst fühle ich mich stets nicht erwartet, vielleicht als Störenfried, und nun das, auch du, Brutus, meine Heimatstadt.
Ich schüttelte mich, versuchte die angenommene Demütigung zu verhöhnen, es gelang mir mehr schlecht als recht, ich beschloß noch einmal großstädtisch großzügig zu sein, nicht gleich Streit suchen, es war doch erst halb zwölf. Dennoch brannte meine Neugier in mir, was dies zu bedeuten hatte, was dieser einzige Ruf aus meiner Heimatstadt in sechzehn Jahren bedeutete, was für eine Funktion der Schlüssel haben mochte, ich hatte unzählige Stunden meine Phantasie angestrengt, gegrübelt, beschloß zuletzt aber, es sei ein Symbol, eine Geste der Versöhnung, ein Lockruf meiner Eltern, symbolisch als Schlüssel zur Tür meines ehemaligen Zuhauses, eine ausgestreckte Hand über die Türschwelle hinweg, ich schaute abermals herab, er zwinkerte immer noch fröhlich.
Nach diesen Kneippschen Seelenbädern suchte ich ein Taxi, das mich durch den Dschungel aus Unbekanntem sicher hindurchlotsen würde, machte eines aus, nicht weit entfernt, bald bemerkte mich auch der dazugehörige Taxifahrer, er war zuvor noch in seine Zeitungslektüre vertieft, das heißt, es mussten keine mitreißenden Neuigkeiten gewesen sein, denn ich sah, bevor er mich wahrnahm, dass er abermals gelangweilt aufblickte und seinen Blick über den nassen, silbrigglänzenden Asphalt gleiten ließ, beinahe so glänzend wie mein zwinkernder Freund in meiner Hand, ich schaute noch mal zu ihm. Als der Taxifahrer meine Absicht erkannte, ihn und nur ihn für meine Fahrt auserkoren zu haben, hüpfte er beinahe fröhlich aus seinem Wagen, es fehlte, dass er in der Luft die Hacken zusammenschlug, er sprang aus seinem Wagen, er parkte auf meiner Straßenseite, und stolperte über den hohen Bordstein, nun sah ich ihn in seiner Gesamterscheinung, er war untersetzt, aber nicht dick, etwas klein vielleicht, dennoch entsprach er im Grunde meiner klischeehaften Vorstellung eines Taxifahrers, das ist immer wieder ärgerlich, aber ich bemerkte in der letzten Zeit, wie ich mir immer häufiger Klischees als Hilfskonstrukte im Kopf bildete, vielleicht um dem zunehmenden Chaos der Welt außerhalb meiner vier Wände als gewappnet zu begegnen, man hangelt sich von einem Klischee zum nächsten, von Muster zu Muster, irrt an virtuellen Krücken durch den Alltag umher, setzt unendlich viel Energie ein, um dieses Gesamtbild zu erhalten. Die Bestätigung meiner festgefahrenen Klischees bereitete mir Angst und innere Befriedigung zugleich.
Der Taxifahrer rappelte sich auf, und ich bemerkte, dass er sich sein rechtes Knie aufgestoßen hatte, denn die ausgebeulte Stelle seiner Hose färbte sich dunkelrot, eigentlich eher bräunlich, es war eine Bluejeans, er bemühte sich, seine Haltung zu wahren, und verzog keine Miene, einmal nur faßte er sich an den Oberschenkel, das heißt in die Nähe der Wunde, und kniff sich dorthin, wahrscheinlich um den Schmerz zu übertünchen, das hilft manchmal, dabei lächelte er leicht gequält, nicht wesentlich, hätte ich die Szenerie nicht beobachtet, ich würde seinen Gesichtsausdruck seinem Gemüt, dem Wetter, wem auch immer zusprechen. Dann luchste er mir meinen Koffer ab, verstaute ihn und musterte mich mißtrauisch vom Fahrersitz aus, als ich noch geistesabwesend neben der offenen Beifahrertür stand, versuchte, mich an den Duft zu erinnern, die Farben wieder in Erinnerung rief, die kühle Aquarelle direkt nach einem Regen prüfend beäugte.
Gleichzeitig mit dem Zuschlagen meiner Tür sprang der Taxameter um fünfzig Einheiten hoch, der Motor heulte auf, und die Reifen quietschten laut, all das statt der Frage, wohin die Fahrt gehen solle, das Knie musste weh tun, dachte ich bei mir, der Motor heulte immer noch wie ein geprügeltes Tier, denn der Taxifahrer vergaß zu schalten, ich sah, wie der Fleck an seinem rechten Knie größer wurde, fasziniert konnte ich meinen Blick davon nicht losreißen, nun muss er aber endlich schalten, dachte ich, er griff nach der Schaltung wie nach einem Prügelknüppel und fragte, wohin? Wir fuhren durch die Stadt, nicht ganz die Strecke, die ich gehofft hatte, ich wollte den Taxifahrer eine Runde drehen lassen, sehen, was sich so verändert hatte, ihn als meinen Beschützer vor den Veränderungen dabei, aber ich erwähnte es nicht mehr, sein Knie musste schmerzen, er verzog sein Gesicht, ich wollte Rücksicht nehmen, nicht sofort mit Forderungen anfangen, zeigte mich versöhnlich, nicht gleich Streit suchen mit meiner Heimatstadt, wie damals, als ich fortging, da war von Rücksicht die Rede und von Verantwortung, wie sollte ich davon eine Ahnung haben, ich wollte nur malen, hatte ich gesagt, und nicht nur die roten Rücklichter der Regionalbahn sehen müssen, habe ich mir gedacht, das wird ihm schon vergehen, beruhigte mein Vater meine Mutter und richtete mir auf dem Dachboden ein Atelier ein, wird ihm schon vergehen, wenn er merkt, dass er kein Talent hat, sagte mein alter Herr, woher soll er's haben, von Dir etwa?
Die nasse Flagge der Europäischen Union hing müde neben der deutschen vor dem Rathaus, und beide scherten sich nicht um den leicht nervösen Wind, der an ihnen unermüdlich rupfte, das Rathaus hatte einen neuen Anstrich bekommen, das war unverkennbar, die Fahnenmaste zierten den Vorplatz auch noch nicht, als ich das letzte Mal vorüber fuhr, glaube ich, auch die Gesichter, an denen wir vorbeifuhren scherten sich nicht um mich und um meine Ankunft, alles neue Gesichter, neue Kleider, neue Farben, Anstriche, Kontraste, neue Ausdrücke, alles neu, wie ausgetauscht, fremd, nicht vertraut, wie sollten sie sich auch um meine Ankunft kümmern, sie kannten mich nicht, wissen Sie eigentlich, wer ich bin, wollte ich den Taxifahrer fragen, schaute auf sein Knie und ließ es bleiben. Man stellt sich immer seine Heimkehr als einen Triumphzug vor, zumindest ich, oder sollte ich sagen, gerade ich, der doch im feinen Stuttgart und im fernen Frankfurt und im großen Berlin so bekannt war, zeitweise zumindest, man stellt sich fern der Heimat vor, die Leute daheim nehmen von einem Kenntnis, stolzerfüllt deuten sie mit dem Finger Richtung Fernseher oder Zeitung und sagen, schau her, er ist einer von uns, er hat es geschafft im fernen Berlin, jaaa, er hat es geschafft. Aber wie sollten sie von meiner Ankunft wissen, ich wusste es doch auch nicht, bis vor kurzem zumindest, bis der Brief kam mit dem Schlüssel, im Umschlag ohne ein Wort, ohne einen Brief, ein Brief ohne Brief so zu sagen, nichts, nur der Poststempel deutete auf meinen Heimatort hin, sonst nichts, außer des Schlüssels. Dabei fiel mir wieder der silberne Schlüssel in meiner Hand ein, der mir keck zuzwinkerte und den ich immer noch in der Hand hielt, fest umklammert. Ich hielt ihn hoch und musterte ihn, und mit einem mal meldete sich der Taxifahrer zu Wort, der Schmerz musste nachgelassen haben, oder er wird sich an den Schmerz gewöhnt haben, das ist für gewöhnlich so nach einiger Zeit, man adaptiert, er fragte, was haben Sie da, und ich sagte einen Schlüssel, ich weiß nur nicht, wohin er paßt, zeigen Sie mal her, sagte er an einer roten Ampel, der ist doch von den Bahnhofsschließfächern, ich kenn die doch, na dann, sagte ich, dann wissen wir das auch schon, und zwinkerte dem kleinen, kecken Fischchen zurück. Wollen Sie wieder zurück, fragte der Taxifahrer, sein Taxameterinstinkt war wieder aufgewacht, das Knie durfte nun gar nicht mehr schmerzen, ich blickte unwillkürlich an die ausgebeulte Stelle mit dem braunen Fleck und sagte, wieso nicht.
Was mochte es also sein, das mich in einem Bahnhofsschließfach erwartete, wer mochte es dort deponiert haben und zu welchem Zweck, ging mir auf dem Rückweg durch den Kopf, den letzten Weg, den ich in dieser Stadt zurücklegen sollte, aber das wusste ich da noch nicht, denn noch war alles geheimnisumwittert, womöglich war es eine Überraschung, man wollte mich auf die Probe stellen, "Verstehen Sie Spaß am Heimatort", und dann sollten die Feierlichkeiten doch noch beginnen, alle würden sie aus ihren Schlupflöchern herauskommen, all die, die ich kannte und noch mehr, die ich nicht kannte, alle aber stolz und freundlich und versöhnlich, ich musste tapfer sein, bald war es soweit. Zurück am Bahnhof stellte ich fest, dass mein Schließfach oder das von meinem Silberfischchen, leer und sperrangelweit offen stand, ohne Rechtfertigung oder Entschädigung, ich war verärgert, aber auch froh, wohl ein Mißverständnis, ein Versehen, ein dummer Scherz, war die Prüfung noch nicht vorbei, nein, Schluß damit. Es würde keinen Empfang geben, keine Blaskapelle und keine offizielle Anerkennung, Schluß, basta, ein für alle Mal, da winkte schon ein Bahnbeamter, der meine verwunderte Miene bemerkt hatte, ja, ja, Sie mein ich, kommen Sie doch rüber. Meinen Sie mich, fragte ich, während der Taxifahrer, der neben ihm stand, auch wie verrückt hin und her winkte, wie peinlich dachte ich auf einmal, so ein Aufruhr wegen eines Schlüssels, ich wünschte dem Taxifahrer kurz seine Schmerzen wieder herbei, aber nur kurz, dann tat es mir leid, ich ging herüber. Ihr Paket ist bei mir, wissen Sie, die Schließfächer werden nach einiger Zeit geleert, je nach dem, für wie lange bezahlt wurde, aha, dachte ich, und nun? Ich hab ihr Paket, geben Sie mal kurz den Schlüssel her, ich sah aus dem Augenwinkel, dass der Taxifahrer sich sein Hosenbein hochkrempelte, um die Wunde zu begutachten, na also, sagte der andere, wer sagt´s denn, hier ist´s. Ich bekam das Paket, ein weiches, in Zeitungspapier eingewickeltes Etwas, musste quittieren, was ich etwas umständlich tat, da ich das Paket nicht aus der Hand lassen wollte, wer weiß schon, was drin ist, mein Schlüssel war übrigens weg, fiel mir ein, und ich überlegte, ich weiß nicht, woher diese Enttäuschung kam, ob ich ihn nicht wieder eintauschen wollte gegen das Paket, um nochmals von vorn zu beginnen, noch mal bitte. Nun machen Sie schon auf, hörte ich, das war der Taxifahrer, und ich spürte seinen Blick und den des Bahnbeamten auf mir, was mir schon immer unangenehm war, ich merkte, wie ich zitterte, ein kurzer Schauer jagte über meinen Rücken und ich bekam Gänsehaut, zum zweiten Mal heute, bloß jetzt am ganzen Körper, die Schnur wollte nicht reißen und der Knoten ging nicht auf, hier haben Sie´ne Schere, wie aufmerksam dachte ich, und drehte mich etwas weg von den kleinbürgerlichen Blicken, die Schnur gab nach, das Papier fiel ab, und die ganze Welt begann sich auf einmal zu drehen, ja ich hätte schwören können, dass sich die Welt drehte, immer schneller und schneller, und während ich mich wunderte, wieso ich nicht fiel, oder ob es wieder ein Erdbeben im Schwarzwald war, das gab´s hin und wieder mal, fingerte ich in dem steifen Material herum, ich habe es sofort erkannt, ein Bündel Stoff, steif und voller Farbe, an vielen Stellen bröckelte sie ab, aber nicht wesentlich, man würde noch Vieles erkennen können, ich würde es erkennen.
Also bekam ich mein Atelier, damit ich Ruhe gab, und mein Kunstlehrer, der einzige, der damals an mich glaubte, damit auch er Ruhe gibt, Herr Kuntz, der einzige, mit dem ich reden konnte, ganz oben, am Dachboden, ohne Heizung, im Winter musste ich Handschuhe anziehen, auch so ein Klischee, als ich es bezogen hatte, war es Winter. Also gab ich Herrn Kuntz die Hand in Handschuhen, dem ersten Gast in meinem eigenen Atelier, was übertrieben war, meine Mutter hatte auf dem Speicher etwas Platz geschaffen, die Wäscheleinen umgehängt, hier hast du etwas Platz, reicht das auch, fragte sie, natürlich reicht es, sagte ich, ohne zu wissen wofür, hatte ich doch nie ein Atelier gehabt, wie sollte ich´s also wissen. Ganz egal, was und wofür, war es doch meins, und ich hätte vor Stolz platzen können, mach doch sagte er, Herr der Kuntz, dann aber verpaßt du das hier, sagte er und kramte eine Flasche Wodka aus seinem Mantel, ich machte große Augen, ich war fünfzehn und brav, verdammt, dachte ich, und er sagte, guck nicht so doof und besorg uns zwei Gläser, mit ihm konnte man reden. Also tranken wir und redeten, er erzählte Geschichten, auch seine Geschichte, das konnte er, er sagte immer, er teile Menschen auf in zwei Gruppen ein, in solche, die Geschichten erzählen können, und solche, die es nicht können, er sagte, jeder erlebt etwas Erzählenswertes, man muss es nur erzählen können, und du tust es in Bildern, verstanden? Wieso sind Sie nicht Schriftsteller geworden, fragte ich ihn, er schaute kurz abwesend, vielleicht bedrückt, ich weiß es nicht, so gut kannte ich ihn auch nicht, das, sagte er, das gehört zu den sogenannten Großen Fehlern des Lebens, er hob seine Stimme, machte eine unbestimmte Geste mit seiner Hand, als ob er das ganze Leben und den ganzen Erdkreis abzeichnete und nahm einen Schluck aus der Flasche, aber du solltest ihn nicht begehen, und ich sollte dich nicht vom Malen abhalten, sagte er und ging, einfach so. Der Junge hat Talent, hörte ich ihn noch auf der Schwelle meinen Eltern zurufen, glauben Sie´s ruhig, er wird mal was, nicht wie wir alle hier, verstehen Sie, er hat´s raus, mir war´s peinlich, er war angetrunken. Und so stand ich da und sollte nun malen, damit meine Eltern Ruhe geben, denn nach drei Tagen fragten sie mich, und?, das muss man sich vorstellen, nach zwei Tagen, und?, und ich sagte, was und?, na hast schon was gemalt, Junge?, ich winkte ab und holte den Fernseher hoch, damit mir oben nicht langweilig würde, wenn ich alleine vor mich hinfror, einen alten Fernseher, einer dieser Fernbedienungswaisen, die man noch von Hand ein- und aus- und umschalten musste, die Knöpfe von der Sorte haben, dass der eine rausspringt, wenn ein anderer gedrückt wird, das heißt manchmal nicht, manchmal, wenn man nur leicht drückt, dann springen beide heraus, und es kommt nur Schneegestöber.
Manchmal ließen wir das Schneegestöber laufen, wenn wir uns liebten, später, viel später, als es schon Sommer war und sie mich ständig besuchte, um mir beim Malen zuzusehen, nicht um zu posieren, einfach um da zu sein, und mich beobachten, sagte sie, ich möchte dich sehen, und ich ließ sie rein, wir kannten uns kaum, hatten uns in der Schule hin und wieder unterhalten, und auf einmal stand sie vor der Tür da, und sagte sie möchte mir zusehen, weiß der Geier, woher sie wusste, dass ich nun malte, es wusste eigentlich keiner, dachte ich. Da war sie also, und ich hatte keine Ahnung, was ich mit ihr anfangen sollte, ich war bis dahin noch nie länger mit einem Mädchen allein in einem Raum gewesen, ich meine freiwillig, ich hatte bis dahin keine Erfahrungen mit Mädchen, schon gar nicht mit solchen von ihrer Sorte, ganz geheuer war sie nämlich nicht, wie sie einfach da auftauchte und blieb, von Geschlechtsverkehr, wie man das bei uns nannte, ganz zu schweigen, den hatte ich schon mal gar noch nicht. Das heißt schweigen ist das falsche Wort, denn bei uns in der Familie sprach man von solchen Sachen ganz frei und ungezwungen und streng sachlich, Geschlechtsverkehr eben, ich wurde auch schon mit sechs Jahren aufgeklärt, bevor ich in die Schule kam, ganz sachlich medizinisch, man sollte kein Aufhebens drum machen, sagten meine Eltern, die alten 68er, das und das tun Menschen miteinander, das geht da rein und da raus, alles ganz fein sachlich, so dass ich mir damals dachte, das möchte ich auf gar keinen Fall tun, was die mir da erzählen, dazu hab ich keine Lust, was dazu führte, diese Anekdote erzählen meine Eltern wahrscheinlich bis heute noch, dass ich meinem Vater im Beisein eines Freundes, eigentlich seines alten Lehrers, verkündete, mit sechs Jahren wohlgemerkt, dass ich niemals heiraten wollte, er hörte mir kaum zu, denn er war mit seinem Freund in ein wichtiges Gespräch verwickelt, wir gingen im Wald spazieren und die beiden hatten den Hund und mich mitgenommen, also wiederholte ich meine Standpunkt laut und deutlich, also nie heiraten zu wollen, worauf der Freund meines Vaters ihr gemeinsames Gespräch unterbrach und mich wohl mehr aus Höflichkeit als Interesse nach dem Grund fragte, der alte Pauker, woraufhin ich wiederum erwiderte, ich will nicht heiraten, weil ich nicht jeden Tag meinen Penis in eine Vagina stecken möchte, nein, das wollte ich doch nicht. Einfach ganz sachlich, das gibt wahrscheinlich bis heute einen Lacher.
Und dann tat ich es doch, ganz nebenbei, durch einen Trick, das hatte sie geschickt eingefädelt, so ganz nebenbei, sie sagte malen sollte ich sie, das sagte sie, nach ein paar Monaten, ob ich denn nicht Lust hätte, sie zu malen, nackt? fragte ich und erschrak selbst über meine plötzliche Kühnheit, nein anders sagte sie, mal auf mir, sagte sie, während sie ihr T-Shirt auszog, und ihre Brüste und ihre Figur und ihr ganzer Körper zum Vorschein kamen, ich bin deine Leinwand. Sie trug stets T-Shirts in XXL, eine furchtbare Angewohnheit, dass man nie die Figur abschätzen kann, alles verdecken sie, ich würde lügen, ich hätte mir nie vorgestellte, wie sie darunter aussah, weshalb auch nicht, schließlich kam sie zu mir, um mir beim Malen zuzusehen, wieso nicht, sagte ich, während sie sich auf den Tisch legte, weshalb auf dem Tisch, dachte ich noch bei mir, komm her, rief sie mich, und laß den Fernseher laufen, das macht Stimmung, ich trat an sie heran. Ich führte meinen Pinsel zu ihrem Nabel und versank dort, ich hatte noch nie einen anderen Nabel angefaßt als meinen, ich umkreiste ihn mit meinem Pinsel, führte ihn höher zu ihren Brüsten, beim Kontakt mit der kühlen Farbe stellten sich ihre Brustwarzen auf wie zwei kleine Zinnsoldaten, in Habachtstellung, so passierte es immer wieder, wenn er den Pinsel an sie führte, sie mussten beide lachen, wenn das geschah, mehr aber auch nicht, bis zu dem Tag als sie ihn vereinnahm. Kalt und heiß wurde ihm zugleich, als er in sie eindrang, nein nicht er, sie ihn einsog, plötzlich, ohne Vorwarnung, eine Boa constrictor, er ergriff keine Initiative, er wollte bloß malen, auf ihr malen, sie wollte aber ihn, und nun hatte sie ihn mit diesem Trick, er stand zwischen ihren Schenkeln, wie immer, als sie auf einmal mit ihren Füßen seine Hose geschickt und flink auszog und ihn in sich aufsog, seinen Penis in ihre Vagina, wie seine Eltern sagen würden, er wusste nicht, wie ihm geschah, und als er zurückwich, stieß sie ihn zurück, immer wieder stieß sie mit ihren Fersen von hinten, hin und her, wie einen Gaul trieb sie ihn an, gab ihn mit ihren Fersen die Sporen, bis sie schrie, laut, viel zu laut, dass er sich die Ohren zuhalten musste, auch später, als er lief und lief, hörte er ihre Schreie immer noch und spürte ihre Stöße von hinten, als er am Bahnhof stand, noch immer trieb sie ihn vor sich her, weiter und immer weiter, Richtung Stuttgart, wo das Leben sein Leben keiner kannte und Frankfurt, wo er ihren Körper nicht mehr roch, nach Ausdünstungen und Farbe und seinem Saft und ihren Schreien. Er zündete eine Zigarette an, lehnte gegen einen Blumenkübel und blickte Richtung Nordost, wo die Regionalbahnen ihre roten Lichter nachzogen, und er wusste, er würde ihnen nie mehr hinterhersehen müssen.



Eingereicht am 27. Februar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.



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