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Platsch - Die Geschichte eines Regentropfens

© Andreas Hartmann


Platsch wurde geboren, als zwei Wolken zusammentrafen. Die Feuchtigkeit wurde immer größer, bis er schließlich ein runder Tropfen war. Zusammen mit Millionen und Abermillionen anderer Tropfen war er nun in der Wolke zu Hause. Platsch und die anderen Tropfen bewunderten die Aussicht, die sie von hier oben hatten: Wälder und Felder zogen unter ihnen vorbei, gefolgt von Städten, und schließlich zog die Wolke hinaus aufs offene Meer. Das gefiel ihnen nicht so gut, die Aussicht wurde ihnen bald langweilig.
"Es wird kälter", meinte Plitsch, ein kleiner Tropfen. "Ich werde immer schwerer!", rief Platsch. "Ich sacke nach unten!" Auch die anderen Tropfen schrien nun aufgeregt durcheinander. Und weil es so furchtbar viele waren, verstanden sie bald ihr eigenes Wort nicht mehr. Durch dieses Durcheinander taumelte nun Platsch, dicht gefolgt von Plitsch. Zusammen mit unzähligen anderen Tropfen schwebten sie unaufhaltsam abwärts. Plötzlich riss das wattige Weiß der Wolke auf. Platsch und all die anderen befanden sich nun zwischen Himmel und Erde und sausten auf das Meer zu. Platsch sah deutlich all die Tropfen, die das Meer bildeten. "Vorsicht!", rief er ihnen zu. Dann plumpste er auch schon mitten in sie hinein. "Platsch", machte Platsch. "Plitsch", machte Plitsch. "Plutsch", machte ein besonders runder Tropfen neben ihnen.
Platsch tauchte unter die Meeresoberfläche und war hingerissen: So viele Tropfen hatte er selbst in der Wolke nicht gesehen. Hier waren alle dicht an dicht. Das Durcheinander war noch größer als in der Wolke, aus der sie herabgeregnet waren. Plitsch hatte er längst aus den Augen verloren, doch das machte nichts. Der kleine Tropfen würde hier ebenso wenig allein sein, wie er selbst. Platsch drängte sich zur Oberfläche vor. "He, nicht drängeln", sagte ein Tropfen verärgert. Platsch schaukelte auf der Oberfläche und sah, wie immer noch unzählige Tropfen aus den Wolken über ihnen fielen. "Hoffentlich haben wir hier alle genug Platz", murmelte Platsch besorgt. Der Tropfen, der Platsch zurechtgewiesen hatte, lachte laut auf. "Man merkt gleich, dass du neu bist." "Sei nicht so vorlaut", sagte ein anderer Tropfen, "du warst auch mal neu und hattest von nichts Ahnung." Zu Platsch sagte er: "Mach dir keine Sorgen, notfalls holen wir uns den Platz, den wir brauchen." "Das geht?", fragte Platsch ungläubig. "Wir sind doch so klein." "Klar geht das", sagte der Tropfen überzeugt. "Wir sind zwar sehr klein, aber wie du siehst, sind wir sehr viele. Merkst du, wie das Schaukeln stärker wird? Ich wette, irgendwo schlagen schon ein paar von uns als Welle an Land." Platsch war sehr verwirrt von all den Dingen, die er hier hörte. "Was ist denn eine Welle?", fragte er. Doch dann sah er, wie der Tropfen plötzlich fortgeschwemmt wurde. Er selbst wurde sanft angehoben, und schon hörte er Tausende von Stimmen schreien: "Achtung!" "Platz da!" Oder: "Hier komme ich!" Platsch sah einen riesigen Turm aus Tropfen auf sich zustürzen. Direkt über ihm schlugen sie zusammen, und Platsch wurde wieder nach unten gedrückt. "Entschuldige den Schubser", sagte ein großer Tropfen neben Platsch. "Aber wenn man auf so einer Welle reitet, kann man sich nicht aussuchen, wo man landet." "Das eben war also eine dieser Wellen, von denen hier die Rede ist?", hakte Platsch nach. "Ach so, verstehe", sagte der große Tropfen. "Du bist neu hier. Ja, das war eine Welle. Ich heiße übrigens Plotsch." "Angenehm, Platsch", antwortete Platsch. Plötzlich wurde er nach oben gezerrt. "Was passiert denn nun?", fragte er. "Schätze, du wirst gleich deine erste Welle erleben, du Glückspilz. Kaum hier unten, schon bist du in einer Welle." "Woher weißt du das so genau?", fragte Platsch. "Och, wenn du erst mal so oft herabgeregnet bist und so lange im Meer warst wie ich, dann kennst du dich aus. Pass auf: Gleich geht's steil nach oben." Und wirklich wurde Platsch nach oben gerissen, dass er sogar kurz den Halt verlor und in der Luft schwebte. Dann war er wieder umgeben von vielen anderen Tropfen, und mit ihnen raste er auf dem Wellenkamm voran. "Juchhuuuh!", frohlockte Plotsch neben ihm. "So eine Welle macht schon Spaß, was, Platsch?" Platsch wusste nicht so recht, was er davon zu halten hatte. Schließlich wurden sie immer schneller und sausten nun auch noch steil nach unten. "Weg da!" "Vorsicht!" "Aus der Bahn!" Die Tropfen in der Welle schrien alle durcheinander, als sie auf der Oberfläche zusammenschlugen. "Na, ist das nichts?", lachte Plotsch. Platsch spürte wieder den Sog, der ihn gleich über die Wasseroberfläche heben würde. "Na, wer hätte das gedacht: Die nächste Runde beginnt schon. Alles einsteigen, Ihre Welle legt in Kürze ab!", ulkte Plotsch. Ein paar Tropfen kicherten über die ansteckende Heiterkeit des großen Tropfens.
Platsch und Plotsch wurden ein ums andere Mal in Wellen emporgehoben, und mit der Zeit gefiel es Platsch ausgezeichnet. An die paar empörten Gesichter der anderen Tropfen, über denen sie zusammenschlugen, gewöhnte er sich rasch. "Die sind alle nur neidisch, weil sie nicht bei den Wellen dabei sind", brummte Plotsch. Dann sah Platsch den Strand. "Wir rollen ja genau auf den Strand zu", rief er. "Und ob", antwortete Plotsch. "Irgendwann müssen einige von uns das Meer ja mal verlassen. Nur die Tropfen, die sich mitten im Meer aufhalten, bleiben lange. Ich war auch mal dort. Das wird schnell langweilig. Hier oben, an der Oberfläche, passiert viel mehr. Da ist alles gleich viel spannender." Der hellbraune Sandstrand war nun deutlich zu sehen. Es gab ein großes Hallo unter den Tropfen, denn aus einer Flussmündung strömten unzählige Tropfen ins Meer, die viel zu erzählen hatten. "Ja, so eine Flusspartie ist auch lustig", meinte Plotsch. "Da fließt man durch die Lande und bekommt viel zu sehen." "Und was passiert mit uns, wenn wir am Strand angekommen sind?", wollte Platsch wissen. "Abwarten", erwiderte Plotsch. "Entweder wir versickern im Boden - dann reisen wir durch all die Erdschichten und sammeln uns mit anderen von uns als Grundwasser; oder wir verdunsten." "Was ist das nun wieder: verdunsten?" Platsch war vollends verwirrt. Seit er die Wolke verlassen hatte, war alles ziemlich kompliziert geworden. Plotsch schien das nichts auszumachen. Der genoss die Wellenreiterei. "Das einzige, was unangenehm werden kann, ist das ständige Anbranden am Strand." Platsch war noch nie in einer Brandung gewesen. Aber als er die Welle vor ihnen am Strand brechen sah, wusste er genau, was Plotsch meinte. Schon schossen sie auf dem Wellenkamm auf den harten Sand zu. Die Welle brach, und Platsch und Plotsch und all die anderen Tropfen schlugen hart auf. Ihr gleichzeitiges "Platsch", "Plotsch", "Plutsch" oder "Pletsch" wurde zu einem rauschenden Tosen, dass den Küstenbewohnern verriet, dass die Flut einsetzte.
Von Küstenbewohnern wusste Platsch nichts, er hatte mit sich selbst zu tun. "Autsch!", rief er. "Endet ein Wellenritt immer auf einem so harten Strand?" "Nicht, wenn du mitten im Ozean bist", sagte Plotsch. "Da kannst du stundenlang auf riesigen Wellen reiten, ohne dass weit und breit ein Strand zu sehen ist." "Wäre ich bloß mitten im Ozean gelandet", murmelte Platsch. "Tja, man kann es sich nicht aussuchen, wo man herabregnet", philosophierte Plotsch. "Na, wenigstens haben wir die Brandung jetzt hinter uns", seufzte Platsch. Doch kaum hatte er das gesagt, wurden er und die anderen Tropfen wieder ins Meer gesogen. Dort türmten sie sich zu einer neuen Welle auf und rollten auf den Strand zu. "Nicht schon wieder", stöhnte Platsch, und kurz darauf rief er wieder: "Autsch!" Dann wurden sie wieder zurückgesogen. "So, nun langt es aber", fand Platsch. Diesmal schlugen sie nicht auf den harten Sand, sondern schwappten in eine kleine Pfütze. "Platsch", machte Platsch. "Plotsch", machte Plotsch. "Plitsch", machte ein kleiner Tropfen neben ihnen, der jedoch nicht der Plitsch war, den Platsch aus der Wolke kannte.
In der Pfütze landeten sie weich auf den anderen Tropfen, die sich zwar lautstark beschwerten, doch Platsch hatte von Plotsch bereits gelernt, sich nicht von solchen Nörglern die Laune verderben zu lassen. Ihn beunruhigte viel mehr, dass er nicht wusste, wie es nun weitergehen würde. "Abwarten", meinte Plotsch gelassen. "Das merkst du schon früh genug." Als Plotsch sah, dass Platsch aufgeregt in alle Richtungen schaute, seufzte er. Aber Plotsch war auch einmal vor langer Zeit zum ersten Mal aus einer Wolke geregnet, und er konnte sich gut an seine eigene Aufregung erinnern. "Also", erklärte er deswegen, "wenn ich die Situation hier in dieser Pfütze richtig einschätze, werden wir vielleicht versickern." "Versickern war die Reise durch die Erde, nicht wahr?" "Genau. Wenn du zum Grund der Pfütze schaust, kannst du sehen, wie sich die ersten Tropfen bereits auf die Reise machen." Tatsächlich sah Platsch, wie einige Tropfen im Boden verschwanden. Den meisten schien das nichts auszumachen. Sie waren schon länger im ewigen Kreislauf des Wassers und einiges gewöhnt. Dann fiel Platsch ein, dass Plotsch draußen im Meer noch von etwas anderem gesprochen hatte. Doch das Wort wollte ihm nicht mehr einfallen. "Vandursten, verdnasten, verdusnern", stammelte Platsch vor sich hin. Plotsch bog sich vor Lachen. "Was redest du da für einen Unsinn?" Da schrie Platsch: "Ich werde auf einmal ganz leicht! Ich kann mich kaum noch bei euch halten!" "Hm", machte Plotsch, "die Sonne kommt ja auch hervor. Wir im oberen Teil der Pfütze werden wohl verdunsten." "Verdunsten!", rief Platsch. "Das war das Wort, das ich gesucht habe. Was bedeutet das, verdunsten?" "Durch die Wärme der Sonne wirst du so leicht, dass du wieder in eine Wolke hinaufschwebst", erklärte Plotsch. "Schau: Plitsch hat sich schon auf den Weg gemacht. Da er kleiner ist als wir, verdunstet er früher." Und tatsächlich war Plitsch bereits aus der Pfütze verschwunden und schwebte nach oben. Platsch sah, wie er ihnen zuwinkte. Eben wollte Platsch Plotsch noch fragen, ob er auch wirklich in einer Wolke ankommen würde. Doch da wurde er schon aus der Pfütze gehoben. "Plotsch!", schrie er, "ich verdunste!" "Das sehe ich doch", sagte Plotsch ruhig, "das ist doch kein Grund, gleich so zu schreien." "Ich bin aber noch nie verdunstet. Was soll ich denn jetzt machen? Wie geht es denn weiter?" "Das siehst du dann schon, wenn es so weit ist", rief Plotsch ihm hinterher. "Du kannst gar nichts falsch machen. Es kommt wie es kommt. Also genieß es."
Platsch wurde immer leichter und stieg immer höher und höher. Und je höher er stieg, desto mehr Tropfen traf er. Endlich kam er in der Wolke an. Hier waren viele Tropfen, die sich die Zeit damit vertrieben, ihre Erlebnisse auszutauschen. "Ich war in einem reißenden Fluss. Besonders lustig waren die Stromschnellen, manchmal wurde man richtig in die Luft geworfen." "Ist von euch schon mal jemand einen Wasserfall heruntergestürzt?", schwärmte ein anderer. "Das ist ein Spaß, sage ich euch. Man saust pfeilschnell in die Tiefe, und um einen herum ist ein gewaltiger Lärm. Ob ich das jemals noch einmal erleben darf..." Ein anderer Tropfen war ganz ruhig, hörte schweigend zu und bewegte sich kaum. "Was ist mit dir", fragten die anderen. "Was hast du so erlebt?" "Ich war tausend Jahre in einem Gletscher eingeschlossen", antwortete der Tropfen mit ruhiger, tiefer Stimme. Die anderen Tropfen sahen ihn neugierig an. "Tausend Jahre? Ist das nicht furchtbar langweilig?" "Immerhin hast du viel Zeit zum Nachdenken, und wenn man tausend Jahre an einem Fleck ist, lernt man die Tropfen um einen herum viel besser kennen." Platsch staunte, was einem da unten so alles widerfahren konnte. Inzwischen wurde auch er neugierig, was er denn noch alles erleben würde. Er fragte sich, wo Plotsch jetzt steckte. War er ebenfalls verdunstet oder war er im Erdreich versickert? Eigentlich war es egal. Wo immer sich der große Tropfen jetzt befand, er hatte bestimmt wieder eine Menge Spaß.
Platsch war eine ganze Weile in der Wolke. Er schaute zu, wie andere Tropfen herabregneten und neue Tropfen zu ihnen stießen. Und immer gab es viel zu erzählen. Schließlich wurde es kälter. Platsch bemerkte, wie die Tropfen vor ihm auf einmal so komisch aussahen. Er wollte sich umschauen, ob alle anderen Tropfen auch so merkwürdig wurden. Aber er musste feststellen, dass er ganz steif und starr geworden war. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Trotzdem war Platsch hingerissen: Die Tropfen waren alle zu leuchtend weißen Sternen geworden, die alle verschieden aussahen, einer schöner als der andere. Er selbst war auch einer dieser wunderbaren Sterne, strahlend und einzigartig. Dann spürte er, wie es wieder abwärts ging. Das hatte er schon einmal erlebt, damals noch als runder Tropfen. Er würde sicher wieder aus der Wolke herabregnen. Um ihn herum waren einige sehr junge Tropfen, die das noch nicht kannten, und aufgeregt durcheinander riefen. "Keine Sorge", rief Platsch ihnen zu. "Wir regnen nur vom Himmel herab. Davon geht die Welt nicht unter." "Verzeihung: Wenn ich mir die winzige Korrektur erlauben darf", hörte Platsch eine Stimme neben sich. "Wenn wir wie weiße Sterne aussehen, dann regnen wir nicht herab, sondern wir schneien. Und wir sind dann keine Tropfen mehr, sondern Flocken." "Schneien? Flocken?", wunderte sich Platsch. Was war das nun wieder? Und würde er je wieder zu dem runden Tropfen werden, der er eben noch gewesen war? Es war alles so kompliziert. Oder war es das wirklich? Eigentlich konnte es ihm egal sein, ob er herabschneite oder regnete. Was hatte Plotsch zu ihm gesagt? "Du kannst gar nichts falsch machen. Also genieß es." Platsch wartete also ab. Als die Wolken unter ihm aufgingen, hielt er den Atem an - gleich würde er wieder hinuntersausen. Doch zu seinem Erstaunen schwebte er federleicht durch die Luft, von einem sanften Wind mal hierhin mal dorthin getragen. Er wusste zwar nicht, wohin der Wind ihn trug, doch das würde er schon früh genug sehen. Im Augenblick genoss er den sanften Tanz mit dem Wind und den anderen Flocken um ihn herum.
"Es schneit", rief das Mädchen begeistert und rannte zum Fenster. "Endlich gibt es diesen Winter Schnee." Der Vater hatte seine Pfeife fertig gestopft und stellte sich neben seine Tochter an die Fensterscheibe. "Schau mal, die vielen Schneeflocken am Fenster", sagte er. "Weißt du, dass nie eine Flocke der anderen gleicht? Sie sind alle verschieden." Lächelnd beobachtete er, wie seine Tochter ganz nah am Fenster hockte und die einzelnen Flocken genau betrachtete. Dann hauchte das Mädchen gegen die Fensterscheibe, wo eine große Flocke saß. Sie hauchte wieder und wieder gegen die Scheibe, bis das Glas so warm war, dass die Schneeflocke schmolz und als runder Tropfen die Fensterscheibe hinunterlief.



Eingereicht am 22. Februar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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