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Kurzgeschichtenwettbewerb "Schlüsselerlebnis"

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Rotes Kunstleder

© Ilsa Ramm


"Bitte! Lass mich einfach hier sitzen!", ich weiß nicht, wie oft ich das heute schon gesagt habe. Der erste Morgenschimmer glimmt schon durch die Brandlöcher in den dunkelgelben, schäbigen Vorhängen. Wieder werde ich der letzte Gast sein, wie immer. Der dicke, alte Rauch nervt mich schon lange. Schlimmer ist aber der abgestandene kalte Dunst, gemischt mit dem Geruch von schwitzigen Körpern und alkoholischer Gärung. Besonders am Abend, bevor die Kneipe öffnet, ist es unerträglich. Wie oft hatte ich den Wirt zu überreden versucht, schon morgens aufzumachen, einen Brunch anzubieten. Dann wäre es nicht so einsam hier. Ich bin nicht sicher, ob ich es anders gemacht hätte. Vielleicht hätte ich es gar nicht gekonnt. Als ich es damals ausprobiert habe, war ich schon stark angetrunken, sonst hätte ich es vielleicht nie gemacht. Denn es war eine tolle Erfahrung soviel Macht über die Materie und sich selbst zu haben.
Sogar nach Indien war ich gereist. Alles drehte sich um die Beherrschung des eigenen Körpers und der Feststoffe. Ich traf auf Gleichgesinnte. Wie in einem geheimen Abkommen waren wir alle zur gleichen Zeit an den gleichen Ort gekommen, einer inneren Stimme folgend. Es gab keinen, der die Gruppe hierher geführt hatte und keinen der vorher wusste, wieso er ausgerechnet heute hier war. Wir verständigten uns auf Englisch. Wie ein Hungriger hing ich an den Lippen meiner Sinnesbrüder und -schwestern. Ich sog alles auf, was sie an Erfahrungen mitteilten. Ich wollte nicht nur so gut sein, wie die besten unter ihnen, ich wollte am weitesten kommen. Besonders ein älterer Mann mit dünnem, weißem Haar, aber sehr jungem Gesicht, berichtete von Außergewöhnlichem. Der starke Akzent in seiner Stimme ließ halbe und ganze Sätze bis auf einzelne Worte verschwimmen. Es war nicht klar, woher er kam. Von ihm ging eine so starke Faszination aus, dass ich heimlich versuchte mehr über ihn herauszufinden. Meine aktivierten, übersinnlichen Kräfte waren wie ein schmales geistiges Lichtgefährt. Ich war gerade am Rande seiner Wahrnehmung angekommen, als die gesamte verfügbare Fläche mit seinem freundlichen Gesicht ausgefüllt war. Niemals hatte jemand bisher mehr als ein kleines Signal an diese Stelle setzen können. Er war außerdem nicht nur in Großformat vor meinem Lichtgefährt, er füllte plötzlich meine gesamte Gedankenwelt aus. Ohne dass ich eine Frage auch nur gedacht hätte, gab er mir umfangreiche Antworten, wortlos mit einem Lächeln, auf alle jemals gedachten Fragen. Dann verblasste sein Bild in meinem Kopf. Mir war jetzt vieles klar! Er saß wie vorher, ein paar Meter entfernt, im intensiven Gespräch mit einem anderen. Keine Regung seines Körpers deutete an, was eben gedanklich zwischen uns abgelaufen war. Ich war verwirrt. Die unglaubliche Flut an Informationen musste ich erst einmal wie ein Buch lesen und verarbeiten. Er hatte mir nichts zu seiner Herkunft mitgeteilt, dafür hatte ich jetzt erfahren, wie alles zusammenhing. Am nächsten Tag reiste ich ab.
Wieder in Deutschland kam es mir vor wie ein Traum. "Kulturschock!", sagten meine Freunde. Das war es aber nicht. Ich musste es ausprobieren! Er hatte etwas von großen, kosmischen Wellen gesagt, die man beherrschen müsse. Massive Strömungen würden die kugelförmigen, riesigen Energiewellen begleiten. Ich verbrachte viele Stunden damit sie aufzuspüren. Nichts! Ich konnte jetzt unglaublich viele Gedanken aus meinem Umfeld wahrnehmen, aber das war nur sehr selten interessant für mich. Ohne Filter spülten Einkaufszettel, Erinnerungen, Gefühlswallungen, Zukunftspläne, technische Anleitungen und abgebrochene Ansätze in meine Wahrnehmung. Früher hatte ich es spannend gefunden zu sehen, was mein Gegenüber dachte. Jetzt war ich schockiert, wie viele Anteile durch die allgemeine Höflichkeit überspielt wurden. Zu den meisten Freunden hatte ich in dieser Phase den Kontakt abgebrochen, weil ich nicht damit klar kam. Ich war sehr verletzt. Erst in den letzten Wochen hatte ich wieder angefangen, einige von ihnen zu treffen. Ich konnte meine Wahrnehmung jetzt im übersinnlichen Bereich auf verschiedene Kanäle einstellen. So war es manchmal wieder fast wie früher.
Ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet eines Tages weiter zu kommen. Es war schon zu viel Zeit vergangen. Ich saß gerade in meiner Lieblingskneipe mit meinem alten Freund Josch.
Wir diskutierten über die Sinnlosigkeit der Zeit und des Raumes und tranken sehr viel. Stundenlang. Vom Alkohol benebelt und völlig übermüdet, spürte ich plötzlich ein Zeichen. "Ein Zeichen!", ich versuchte Josch in meiner Aufregung einzubeziehen. "Was für'n Zeichen?", er verstand nichts! Ich versuchte ihn soweit einzuweihen, dass jetzt die große, kosmische Welle in der Nähe sei. Seine Augen schielten, als er müde beim Wirt noch zwei Bier bestellte. Es hatte keinen Sinn ihm noch etwas zu erklären. Ich musste mich jetzt konzentrieren. Materie und Körper beherrschen, endlich könnte ich es wirklich versuchen. Meine Wahrnehmung schwankte durch den Alkohol. Mal war ich ganz klar, dann verschwamm alles für Momente und wurde dann aber wieder klar. Ich nahm meine gesamte übersinnliche Kraft zusammen und begann zu warten, bis die kosmische Welle mich ganz umhüllen würde. Eine massive Energie strömte durch meinen Körper und mein Bewusstsein. Ich spürte den Alkohol nicht mehr, ich nahm nicht mehr wahr, was um mich herum passierte. Die Energiewelle schob sich wie eine gigantische Kugel durch den Raum. Im Zentrum sollte es möglich sein vollkommen über alles Materielle zu bestimmen. Nur noch ein paar Sekunden und sie umschließt mich, im Mittelpunkt! Dann müsste ich nur noch ganz stark an die Wunschzustände denken und es würde passieren. Das spürte ich jetzt genau. Meine Energie nahm immer mehr zu, je näher ich der Mitte kam. Ich hatte einen Moment Angst, dass der Mittelpunkt ein Stückchen neben mir vorbei gleiten würde, als der enorme Sog und Schub der Energie wie ein Rütteln durch meinen Körper ging. Ich hatte mich so stark darauf konzentriert, die Mitte nicht zu verpassen, dass ich gar nicht wusste, was ich jetzt durch Geisteskraft für mich oder die mich umgebende Materie verändern wollte. Nur eine Sekunde und alles wäre vertan. Da meldete sich meine Stimme aus dem Unterbewusstsein "Nie wieder diesen Platz verlassen müssen!". Das war gut! Ich war sowieso zu müde und betrunken, um jetzt nach Hause zu gehen. Außerdem regnete es draußen. Das war gut! Mit maximaler gedanklicher Energiebündelung dachte an mich, an den Barhocker und eine ewige Verschmelzung an diesem Ort. Genau pünktlich! Das Rütteln verschwand aus meinem Körper. Kurz darauf wich auch die relative Klarheit der Schwere eines Vollrausches. Meine Kräfte waren jetzt vollständig aufgebraucht. Vor Erschöpfung schlief ich am Tresen ein.
Josch rüttelte mich unsanft wach. Er wollte los. Ein Taxi hatte er für uns schon bestellt. Außerdem hatte er ein schlechtes Gewissen, dass er mein letztes Bier noch ausgetrunken hatte. Ich hätte aber so ausgesehen, als wäre es mir egal, entschuldigte er sich. "Lass uns jetzt los! Das Taxi ist gleich da!" Josch zog umständlich seine Jacke an, bevor er mir meine gab. Ich fühlte mich wie gerädert. Hatte ich mir das alles nur eingebildet? Langsam zog ich meine Jacke an. Ich fühlte mich eigentlich zu schwer, um nach Hause zu gehen oder zu fahren. Dennoch versuchte ich vom Hocker zu gleiten. Es ging nicht. Ich versuchte mich mit Schwung vom Hocker zu stürzen. Es ging nicht! Mit den Füßen stieß ich mich am Tresen ab, um mitsamt dem Barhocker umzukippen. Nichts! Es war wie ein Traum. Einerseits war ich überwältigt, dass mir die Beherrschung der Materie und meines Körpers gelungen war, andererseits wollte ich irgendwann nach Hause. Ich bat Josch mich vom Hocker zu ziehen. Es ging nicht!
Der Hocker wich keinen Millimeter von der Stelle, mein Körper blieb auf dem weichen, roten Kunstleder haften, wie festgeklebt.
Immer noch bin ich erstaunt, dass mir das Außergewöhnliche gelungen ist. Oft denke ich, dass ich den Moment sinnvoller genutzt haben könnte. Wie gern wäre ich im Sommer mal hier herausgekommen, aber jetzt ist es draußen ohnehin schon wieder kalt geworden. Ich hab mich mit dem Leben hier arrangiert. Ich bin mittlerweile sogar eine kleine Berühmtheit. Zuerst kam einer von der Regionalzeitung. Eine ganze Seite über mich. Seitdem kommen viele die wissen wollen, wie ich das gemacht habe, hierher. Das Niveau hier ist höher geworden! Im Fernsehen gab es Berichte und wissenschaftliche Sendungen über mich. Ich wurde auch in talkshows eingeladen. Wie soll das gehen? Die haben nichts verstanden! Mein Leben ist jetzt hier! Hoffentlich hat Mischi, der Wirt, daran gedacht der neuen Putzfrau Bescheid zu sagen, dass ich hier sitze. Ich hab schon genug Ärger.



Eingereicht am 17. Februar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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