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Kurzgeschichtenwettbewerb "Schlüsselerlebnis"

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Leib und Seele

© Ernst Bieber


"Weihnachten", grübelte meine Frau in dunkler Vorahnung, "werde ich nicht mehr erleben."
Mir schnürte es wieder die Kehle zusammen. Das Unausweichliche war nun, Anfang Dezember, bedrohlich nahe gerückt. Drei Jahre hatte Renate dem Krebs mutig die Stirn geboten, hatte drei schwere Darmoperationen über sich ergehen lassen, mit all diesen traumatischen, oft demütigenden Folgen, die ein künstlicher Darmausgang nach sich ziehen kann.
Sie habe das Gefühl, sagte sie mir, alles, was sie jetzt erlebe, sei traumhaft unwirklich, es sei ein anderer Mensch, dem das alles widerfahre. Sie schien mit den Gedanken oft unendlich ferne, meistens mit halboffenen Augen hindämmernd und müde, sehr müde wirkend. In den vergangenen zwei Wochen war sie immer mehr verfallen. Feste Nahrung konnte sie nicht mehr zu sich nehmen, sie ernährte sich nur noch von Suppe oder Griesbrei. Die einst blühende Frau war zum Skelett abgemagert, nur ihre Beine waren auf eine Furcht erregende Dimension angeschwollen, die Haut war porös und netzte, wenn man sie berührte. Am Vorabend hatte ich Renate, weil sie nicht mehr Stufen steigen konnte, ins Schlafzimmer im ersten Stock unseres Hauses getragen, und bei der Berührung ihrer Oberschenkel platzte die Haut. "Ich hab schon die Stiefel für den letzten Weg angezogen", sagte sie mit einem verzweifelten Versuch, einmal noch zu scherzen. Ihr Herz tat sich schon schwer beim Pumpen, das Wasser hatte bereits die Lunge erreicht.
Die folgende Nacht verbrachten wir im Bibliothekzimmer im Erdgeschoß, Renate in ihrem mächtigen Lehnstuhl, den man auf Knopfdruck wie eine Liege zurück klappen konnte, ich lag daneben auf der Couch. Geschlafen haben wir beide nicht in dieser letzten Nacht daheim. Renate klagte immer wieder über Luft- und Atemnot. Ich hatte direkt neben dem Lehnstuhl einen Wasserverdunster aufgestellt. Der Sauerstoffdampf zog hinauf zu Renates Schlafstelle. Das linderte ihre Not ein wenig. Zwischendurch bat sie mich immer wieder, das Fenster zu öffnen. Draußen war es bitterkalt, aber die Frischluft erleichterte ihr das Atmen. Den Tee, den ich ihr in der Nacht servierte, trank sie nicht mehr. In der Früh weigerte sie sich, auch vom Kakao, den ich ihr zur Stärkung zubereitete, einen Schluck zu nehmen.
Ihre Schmerzen müssen am Vormittag unerträglich geworden sein, denn sie, die früher nie schmerzempfindlich war und überdies täglich eine starke Morphiumdosis einnehmen musste, verlangte nun nach einem Arzt. Es war ein kalter, regnerischer Sonntag, ich rief Prof. R. an. Er hatte meine Frau in den vergangenen drei Jahren drei Mal operiert und, man kann es so sehen, auch psychisch betreut. Denn zu ihm hatte Renate wie zu keinem anderen Mediziner Vertrauen gefasst.
Ich werde nie die Szene vergessen, als wir rund zwei Monate nach ihrer dritten Operation zur Kontrolluntersuchung bei Prof. R. waren. Renate wollte ihn fragen, ob sie für ein paar Tage einen Kuraufenthalt buchen dürfe. Ein Freund von uns, der an MS litt, war seit einigen Tagen dort. "Einen Kurschatten hab ich dort schon", scherzte sie, und Prof. R genehmigte ihr Vorhaben. Dann untersuchte er Renates Operationsnarben und sagte, der Bauch gefalle ihm gut. Renate musste lachen, denn sie fand, den zerschnittenen Bauch müsste sie jetzt vor Bewunderern abdecken. Der Professor betonte, er sei zufrieden mit ihm. Renate klagte dann, dass sie ab und zu furchtbare Schmerzen im Bauch spüre. Manchmal habe sie das Gefühl, die sieben Geißlein spielten darinnen.
"Na", antwortete der Professor, "wir vermissen aber keine Schere im Krankenhaus." Renate musste wieder lachen. An so was habe sie nicht gedacht.
"Und ein Messer auch nicht", ergänzte R. "Aber da wäre ja die Spitze schon zu sehen", überlegte er.
Zeitweise war der Dialog der Beiden kabarettreif. R. verstand es jedenfalls, Renate Vertrauen einzuflößen und sie zum Lachen zu bringen.
Renate wandte ein: "Ich kenn mich ja nicht so aus, Herr Professor."
Der Professor versicherte: "Aber ich kenn mich aus. Ich kenn Ihren Bauch sehr gut."
"Ich hoffe", sagte Renate. "Mit meinem Wissen hätt' ich mich ja von Ihnen nicht operieren lassen."
In dieser Tonart ging es weiter, und der Professor erlaubte Renate wieder ein Vollbad und das Autofahren, "aber nur mit Mieder". Dann wünschte er ihr einen guten Kuraufenthalt.
Professor R., so erfuhr ich an diesem traurigen Samstag im Dezember übers Tonband, war auf Urlaub. Ich versuchte es über die Ärztezentrale. Es tue ihr Leid, sagte eine Dame dort, der Professor sei nicht in Wien, ich müsse mich an den Notarzt wenden. Um 10.30 Uhr rief ich die Notarztnummer an, um 11.45 Uhr kam endlich das Notarztauto. Der Arzt konstatierte mit nüchterner Gelassenheit, Renate habe zu wenig Blut, also Anämie, und müsse dringend in ein Krankenhaus. Er stellte eine Spitalseinweisung aus und telefonierte dann mit dem Rettungsdienst. Wieder eine halbe Stunde später traf ein Ambulanzauto mit zwei Sanitätern ein. Sie kümmerten sich in rührender Weise um Renate und fragten wegen eines freien Spitalbettes an, doch in jenem Krankenhaus, wo man Renate schon mehrmals behandelt hatte, war kein Bett verfügbar.
Nur im Lainzer Krankenhaus hatte man noch Kapazitäten. Renate wurde von den Sanitätern liebevoll eingepackt und auf einen Tragesessel gehoben, dann fuhr man sie 33 Kilometer weit nach Lainz an den westlichen Stadtrand von Wien. Ich folgte mit dem Pkw.
In der Station hatte ein junger, freundlicher Arzt Dienst. Ich gab ihm die Krankengeschichte meiner Frau, und er ließ Renates Bett in ein Krankenzimmer schieben, wo noch eine 90-jährige Patientin lag, die immerzu stöhnende Laute von sich gab. Ich nehme an, es war das Sterbezimmer dieser Abteilung. Ich durfte am Bett meiner Frau bleiben, und das Spitalspersonal bot mir sogar Kaffee an. Doch ich brachte weder einen Schluck noch einen Bissen hinunter. Renate war zeitweise bei Bewusstsein, obwohl sie starke schmerzstillende Injektionen bekommen hatte. Sie zeigte sich auch noch erfreut, als unsere beiden Söhne mit ihren Frauen und einem damals vier Monate alten Enkelkind sie besuchten.
Als wir wieder allein waren, murmelte Renate, sie hätte nicht gedacht, wie schwer das Sterben ist. Am Morgen verließ ich das Spital, um in einem nahen Blumenladen dreißig Rosen zu besorgen, und als ich zurückkam, war Renate kaum noch ansprechbar. Die Schwestern hatten an ihrem Bett Gitter angebracht, aber diese Vorsichtsmaßnahme war unnötig. Renate bewegte sich kaum noch.
Im Blumenladen hatte ich weiße Rosen verlangt, Renates Lieblingsblumen, doch diese Farbe war nicht vorrätig. In sechs Wochen wären wir 30 Jahre verheiratet gewesen, und ich wollte Renate mit dem Rosenstrauß an unsere vielen schönen Gemeinsamkeiten erinnern. Ich wisperte ihr ganz liebe Worte ins Ohr und bedankte mich, auf die roten Rosen deutend, für ihre Liebe, Treue und Herzlichkeit. Tatsächlich reagierte sie auf diese Geste und flüsterte: "So schöne Blumen. Danke." Es waren ihre letzten Worte.
Gegen 15 Uhr betrat eine Schwester das düstere Zimmer und gab Renate neuerlich eine Spritze. "Gegen die Schmerzen", erklärte sie. Renate schlief dann mit großen, offenen Augen. Ihr Brustkorb bewegte sich rascher als am Vortag. Sie litt immer noch Atemnot.
Zu Mittag hatte mir ein Arzt mitgeteilt, dass man jetzt stündlich mit dem Ende rechnen müsse. Auch das Knochenmark sei schon vom Krebs befallen, sagte er.
Ich erfrischte Renates Stirn, Wangen, Hals und Arme mit Franzbranntwein und streichelte und küsste ihre Hände. Ich musste daran denken, wie viel sie für mich, für die Familie, getan hatten. In diesen letzten Stunden lief unser gemeinsames Leben wie ein Film vor mir ab. An einem Faschingssamstag im Februar hatten wir geheiratet. Wir fuhren in getrennten Autos zur Kirche. Der Chauffeur in meinem Wagen hatte das Radio eingeschaltet, und später verriet mir Renate, dass sie es ebenfalls gehört und darüber geschmunzelt hatte. Es gab damals eine Wunschsendung, meistens eine Hitparade mit Omas Lieblingsmelodien. Ich hatte wirklich nichts bestellt, aber auf dem knapp halbstündigen Weg zur Kirche waren zwei Musikstücke zu hören, die ein Scherzbold in beziehungsvolle Verbindung zu unserem Ereignis hätte bringen können. Einmal schmetterte Zarah Leander "Gebundene Hände, das ist das Ende" von Ralph Benatzky in den Äther, und wenig später ertönte Giuseppe Verdis Gefangenenchor aus "Nabucco".
So verheißungsschwanger alles begann, so glücklich wurden wir beide mit zunehmenden Jahren. Immer wieder dankte Renate dem Schöpfer, dass es ihr so gut gehe, dass wir gesund und in Frieden zusammen leben konnten. Das Ende begann, als wir restlos glücklich schienen. Die beiden Söhne waren versorgt und hatten schon ein eigenes Zuhause, die finanziellen Probleme, mit denen fast alle jungen Paare konfrontiert werden, waren längst überwunden, und wir genossen den neuen Lebensabschnitt. Renate war mein Motor, sie animierte mich, unternehmungslustiger zu werden, organisierte Urlaubsreisen ans Meer, und ich schob zwischendurch zum beruhigenden Ausgleich immer wieder Ferientage in der von uns beiden geliebten Südsteiermark ein.
Bis die tückische Krankheit zuschlug. Die Symptome zeigten sich erstmals vor drei Jahren, als Renate an einem Novemberabend über Schmerzen im Bauch klagte, "als würde jemand mit einem Messer in mir herumschneiden". An einem Montag entschloss sie sich, endlich den Arzt aufzusuchen.
Wir sollten es erst später erfahren, dass am selben Tag einer unserer liebsten Freunde gestorben war, Helmut B., Hofrat der Salzburger Landesregierung, einer der führenden Forstfachleute Österreichs und zuletzt Landesforstdirektor. Renate mochte Helmut besonders gern. Er litt seit drei Jahren an Darmkrebs, aber er meisterte sein Schicksal bewundernswert. Noch ein halbes Jahr vor diesem traurigen Novembertag schien Helmut geheilt, er war voller Tatendrang, baute ein luxuriöses Wohnmobil, mit dem er und seine Frau Gerlinde in den Süden kutschieren wollten. Doch ein Rückschlag zerstörte die Urlaubsträume, die Reise musste abgesagt werden, stattdessen trat Helmut seine letzte Reise an.
Dass Renate sich am selben Tag zum Arztbesuch aufraffte, hat ihr im Nachhinein zu denken gegeben. Als sie nämlich vier Tage nach ihrem ersten Arzttermin, nach Vorliegen der Befunde, in ziemlich direkter, fast schockierenden Art und Weise vom Röntgenologen erfuhr, was ihr vermutlich fehlte, musste sie an Helmut denken. Die Diagnose lautete, wie einst bei Helmut, Darmkrebs. Und kaum war sie, noch völlig unter Schock der Hiobsbotschaft, daheim angelangt, fand sie im Briefkasten die Todesnachricht von Helmut B.
Doch Renate erholte sich vom Tiefschlag des Schicksals. Sie empfand das zeitliche Zusammentreffen mit ihrem Arztbesuch wie einen Wink unseres toten Freundes aus einer anderen Welt. Und wie Helmut kämpfte Renate mit unerschütterlichem Optimismus drei Jahre gegen die Krankheit an. Bis vor wenigen Tagen hatte sie tapfer dem Tod getrotzt.
Jetzt schlief sie, und ich hielt ihre Hände. Als ich an diesem 7. Dezember um 17.31 Uhr diese lieben, immer fleißig gewesenen, geschickten Hände wieder liebkoste, hörte Renate zu amten auf. In diesem Moment spürte ich es fast physisch und ich empfand es, mit einem Schauder am Rücken, wie ein überirdisches, geheimnisvolles Erlebnis: Wie das, was man Geist, Wesen oder Seele nennen könnte, wie Renates Ich den gemarterten Leib verließ. Zurück blieb eine zum Skelett abgemagerte Körperhülle auf dem Totenbett als Zeichen irdischer Vergänglichkeit. Für einen Moment vermittelte mir diese Wahrnehmung ein Ewigkeitsgefühl, als hielte auch die Zeit den Atem an. Und ich begann zu ahnen, was der christliche Glaube unter Erlösung, Auferstehung und Unsterblichkeit versteht.



Eingereicht am 13. Februar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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