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Kurzgeschichtenwettbewerb "Schlüsselerlebnis"

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Die Generalprobe

© Antonia Stahn


Beinahe wäre Maren eingeschlafen. Das sanfte Auf und Ab des Schaukelstuhls bringt sie auf den Weg in ihr Traumland. Dahin möchte sie heute aber nicht. Besuch ist im Haus.
Abschalten, möglicherweise ein wenig schlafen kann sie sich jetzt nicht leisten. Sorgfältig breitet sie die Decke über die ewig kalten Beine aus. Die Fenster des Wintergartens spiegeln ihr Gesicht. Regelmäßige Pflege hat den Alterungsprozess lange aufgehalten und doch nicht verhindern können. Zum Glück ist das Alter für die Enkelkinder nicht wichtig. Die Töchter haben nur Augen für die eigene Veränderung. "Gut, dass die kleinen Eitelkeiten mir nichts mehr anhaben können. Alt sein ist gar nicht so tragisch. Viele Wichtigkeiten werden zu Nichtigkeiten. Natürlich gibt es andere Probleme, aber mit denen wird man fertig. Ach, genug gegrübelt, wo bleiben die Kleinen?"
Mit Schwung wird die Tür aufgestoßen. Der dreieinhalbjährige Lucas läuft singend auf seine Oma zu.
"Eins, zwei, drei im Sauseschritt, läuft die Zeit, wir sausen mit! Hey, Oma!"
"Guten Tag, mein Schätzchen. Du kannst schön singen, und sogar die Stimme halten." Liebevoll streicht Maren dem kleinen Kerl über die Haare.
"Hat die Kindergärtnerin heute auch zu mir gesagt. Und weißt du nämlich was, Oma?"
Maren lächelt. Und ‚weißt du nämlich was' - bedeutet fast immer: Ich habe etwas Neues, oder: Ich habe eine super coole Idee!
"Was meinst du denn, Lucas?"
"Ich weiß jetzt genau, was ich werde, wenn ich groß bin, Oma! Rate mal was?" Spannung, auch ein wenig Schalk, blitzt in den fröhlichen Kinderaugen auf.
"Ich weiß, dass du nicht Feuerwehrmann, Lokführer oder Kapitän werden willst. Da muss ich wohl genau nachdenken: Pilot! Ja, das ist es. Bestimmt willst du Pilot werden, Lucas."
"Ganz falsch Oma!" Stolz wirft der Kleine sich in die Brust. "Ein Sänger möchte ich sein - und sehr berühmt werden. Dann kann ich viel Geld haben und dir immer tolle Geschenke kaufen."
"Als ich noch ein Kind war, hatte ich den gleichen Wunsch, Lucas. Aber ich wollte auch eine berühmte Schauspielerin und Tänzerin werden."
Nachdenklich schaut der Kleine seine Oma an.
"Und, Oma, warum bist du das alles nicht geworden?"
"Tut mir Leid, mein Junge. Diese Frage kann ich dir nicht so ohne weiteres beantworten. Möchtest du denn wirklich wissen, weshalb deine Oma nicht berühmt, sondern "nur" eine ganz normale Großmutter geworden ist?"
"Ja klar, Oma. Ich weiß schon, ich weiß. Du musst jetzt erst einmal nachdenken. Da lasse ich dich lieber allein."
Fröhlich lächelt der kleine Mann seine Oma an, streichelt kurz über die zusammengefalteten Hände der alten Dame. Immer, wenn Oma "erst mal nachdenken muss", hat sie eine neue Geschichte für Lucas.
"Ich helfe Mama jetzt den Kuchen für Tante Bia zu backen. Bis später Oma.. Wir rufen dich, sobald der Kaffeetisch gedeckt ist."
Eins, zwei drei, im Sauseschritt, verlässt der Kleine den Wintergarten.
Maren lehnt sich zurück, schließt die Augen. Weit, sehr weit fliegen die Gedanken in die Vergangenheit, formen sich zu beweglichen Bildern. In rascher Folge laufen sie ab. "Wie ein Film, leider nur im "Super 8 Format". Zur Breitwand hat es eben nicht gereicht", denkt sie ironisch.
Plötzlich stoppt der Film. Maren sieht ein kleines Dorf. Es ist Sommer. Ungewöhnliche Hitze hält die Menschen in den Häusern. Nur ein ‚kleiner Mensch' ist draußen. Das etwa sechsjährige Mädchen liegt bäuchlings auf der Mauer der alten Steinbrücke. Unentwegt starrt das Kind in das brackige Wasser. "Hab ich doch gewusst! Den Wassermann gibt es gar nicht. Der Bach ist fast leer. Jetzt müsste ich das Ungeheuer wohl sehen können. Aber ich sehe nur ein paar Stichlinge, Kaulquappen und viele Mücken. Wieder so ein merkwürdiges Märchen der Erwachsenen. Warum sagen sie nicht einfach, dass es zu gefährlich ist, am Bach zu spielen?"
Ärgerlich gleitet die Kleine rückwärts von der Mauer. Ein Ameisenzug hat ihr Interesse geweckt. Gebannt beobachtet sie die winzigen Tierchen, die eiligst über das Kopfsteinpflaster laufen und in einem Sandloch verschwinden.
Ein Fahrrad hält neben dem hockenden Mädchen. "Na, was machst du denn hier so allein? Bist du nicht die Kleine, die neulich im Kindergarten so schön ein Sommerlied gesungen hat? Ja, ja du bist es. Sehe ich an deinen großen braunen Augen. Du kommst aus der Bäckerfamilie. Die singen alle so schön. Aber du besonders. Ich glaube, du wirst mit dieser Stimme einmal sehr berühmt werden." Die Frau lässt der kleinen Maren keine Zeit zu antworten.
Sie tätschelt dem Kind die Wange, steigt auf ihr Rad und fährt davon.
Da war es. Das Wort: Berühmt! Es nistete sich in Marens Gedanken. Es ließ sie nicht mehr los.
Eine andere Szene drängt sich in die Erinnerungen. Ein Wanderzirkus kommt ins Dorf. Laut klappern die Räder der Wagen über das Kopfsteinpflaster. Am Abend steht das Zirkuszelt schon auf dem Marktplatz. In unmittelbarer Nähe sind die Wagen mit den wilden Tieren in einem Rund abgestellt.
Ein zwölfjähriger Junge hält Wache. "Kommt morgen wieder, da könnt ihr die große Tierschau erleben. Eintritt nur zwanzig Pfennig", erklärt er den Dorfkindern.
Ein etwa zehn Jahre altes Mädchen verteilt Programmzettel. Um 15.00 Uhr am nächsten Tag gibt der Zirkus eine Sondervorstellung. Die Wanderbühne zeigt das Märchen ‚Hänsel und Gretel'.
Viele Kinder stehen am nächsten Tag vor dem Eingang zur "großen Tierschau". Aufgeregt sind sie. Wilde Tiere kennen sie nur aus Büchern. Maren und ihre Schwester Luisa gehen langsam von Wagen zu Wagen.
"Der Löwe sieht aber sehr alt aus. Guck mal. Er hat nur noch vier Zähne in seinem Maul. Sein Fell hat überall kahle Stellen", flüstert Luisa.
"Stimmt. Er sieht überhaupt nicht böse aus. Der Bär auch nicht. Er schläft nur. Das Lama ist völlig dreckig. Es hat viele Knoten im Fell. Hühner, Kaninchen, Ziegen und Schweine können wir uns auch zu Hause ansehen." Enttäuscht verlassen die Mädchen den Platz. Sie setzen sich auf die Bänke vor der Wanderbühne.
Pünktlich um 15.00 Uhr beginnt die Vorstellung. Maren und Luisa kennen das Märchen. Das Spiel der Zirkusleute zieht sie trotzdem in ihren Bann.
Immer wieder schaut Maren auf Gretel. Sie findet das Mädchen wunderschön. Gestern hatte es noch schwarze Haare. Heute trägt es blonde, lange Zöpfe und ein rotweiß kariertes Kopftuch. Ein beinahe sauberes Dirndlkleid, weiße Kniestrümpfe und dunkle Lackschuhe.
Das Zirkuskind singt und tanzt. Nicht einmal vergisst es den Text! Bewundernd verfolgt Maren jede Aktion des fremden Mädchens.
"Das mache ich auch, wenn ich erwachsen bin. Singen kann ich ja. Sagen schließlich alle. Tanzen und schauspielern ist sicher nicht schwer", erklärt sie ihrer Schwester.
Seit der Zirkus im Dorf war üben Maren und Luisa jeden Tag Theaterspielen. Ein leichtes Lächeln huscht über das Gesicht der alten Maren.
"Meine Güte, haben wir viel gelacht zu dieser Zeit! Schrecklich albern waren wir auch. Nie wieder habe ich eine so unbeschwerte Zeit erlebt."
Neue, dennoch alt vertraute Bilder spult der Film der Erinnerungen ab.
Maren sieht sich in der sechsten Klasse der Volksschule. Der Schulchor probt für die diesjährige Theateraufführung zu Weihnachten. Auch Luisa ist dabei. Mit ihrem kräftigen Sopran, der Gabe die Stimme zu halten, fällt sie natürlich auf. Alle sind sich einig: Luisa und Maren sollen als Engel an der Krippe ein Weihnachtslied für das Christkind und die Zuschauer singen. Maren singt die zweite Stimme. Sofort erklären die Kinder sich bereit, eine Probe ihres Könnens abzugeben. ‚Bethlehem, hörst den Heiland, du' haben sie zu Hause schon oft gesungen. Die Mitschüler und der Musiklehrer sind beeindruckt.
"Das geht in Ordnung, braucht nicht mehr geprobt zu werden", freut sich der Lehrer. Maren ist glücklich. Endlich! Zum ersten Mal in ihrem zwölfjährigen Leben darf sie auf einer Bühne stehen. Die Rolle ist nicht besonders groß, aber es ist ein Anfang.
Jetzt kann sie allen zeigen, was in ihr steckt! Schnell vergeht die Zeit. Das Krippenspiel soll am vierten Adventssonntag im Saal der Gaststätte Austermann aufgeführt werden.
Die Generalprobe am Samstag, vor allen Kindern der Schule, klappt hervorragend. Maren und Luisa bekommen besonders viel Applaus. Angst oder Lampenfieber kennen sie nicht.
Sie freuen sich auf die Premiere am Sonntag. Da schaut bestimmt das ganze Dorf zu. An dieser Stelle hält der Film der Erinnerungen kurz an. Die folgenden Bilder möchte Maren nicht sehen.
"Nun bist du alt, allmählich musst du mit diesen Bildern fertig werden", ermahnt sie sich. Tapfer schaltet sie sich wieder ein. Denn dieses kleine - und doch so maßgebliche - Erlebnis lässt sie bis heute die Gefühle und Empfindungen des zwölfjährigen Mädchens nicht vergessen.
Leise seufzt die alte Dame. Sie lehnt sich zurück, schließt wieder die Augen: Die Vorstellung ist ausverkauft. Langsam gehen im Saal die Lichter aus. Scheinwerfer sind auf die Bühne gerichtet. Maria und Josef schauen auf das Kind in der Krippe. Zwei Engel erscheinen, machen eine Verbeugung vor dem Kind. Sie legen die Hände aneinander. Alle warten. Luisa schaut ihre Schwester fragend an. "Los, fang an!" flüstert sie Maren zu. Maren möchte ja gerne. Aber sie kann nicht. Sie hat einen Blick auf das Publikum im Saal geworfen. Anstelle der Menschen beherrscht ein riesiger, schwabbeliger schwarzer Moloch den Raum. Sein überdimensionales Auge starrt Maren durchdringend an.
Für die Kleine hat es etwas Böses. Sie bekommt Angst. Der Magen fängt an zu zittern. Die Knie werden so weich. Kein Ton kommt über ihre Lippen. Schweiß läuft über das blasse Gesichtchen.
Luisa hat schnell begriffen. Unverzagt beginnt sie zu singen, zwingt die Schwester einzustimmen. Maren bemüht sich sehr. Doch die schöne Alt-Stimme hat das Tremolo einer uralten Ziege. Tapfer quält Maren sich durch die Strophen. Etwas eiliger als geplant verlassen die beiden Engel die Bühne. Maren klammert sich an die kleine Schwester, weint und weint. Sie kann nicht aufhören. Der Lehrer, auch alle Mitspieler, wollen sie trösten. "Bei der morgigen Vorstellung klappt es bestimmt! Du hast heute nur etwas Lampenfieber gehabt."
Worte nur Worte! Sie helfen der verzweifelten Maren nicht.
In der kurzen Zeit der drei Strophen hat ihr Weg eine neue Richtung genommen. Tanzen, Singen, Schauspielern will sie in Zukunft anderen überlassen. Die Bretter, die für manche Menschen die Welt bedeuten, wird sie nie wieder betreten. So viel Angst und Lampenfieber sind sie nicht wert.
"Gut, dass ich dieses Erlebnis durchstehen musste. Auch ohne Öffentlichkeit, Ruhm und Applaus ist mein Leben nie langweilig verlaufen. Und meinen Enkeln ist zum Glück eine extrovertierte, alternde, zänkische Diva als Großmutter erspart geblieben!"
"Hey, Oma! Hast du nun zu Ende nachgedacht? Komm mit ins Wohnzimmer. Alle sind heute da. Sogar Tante Luisa. Sie will uns nachher mit dir zusammen ein Weihnachtslied vorsingen. Möchtest du denn mitsingen, Oma?"
"Natürlich, mein Schatz. WeIches Stück hat Tante Luisa vorgeschlagen?"
"Irgend etwas mit dem Heiland und Bethlehem. Kennst du das, Oma?"
"Und ob, mein Junge! Ich singe es immer wieder gern."



Eingereicht am 07. Februar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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