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Kurzgeschichtenwettbewerb "Schlüsselerlebnis"

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Kein Ausweg aus dem Meer-Prinzip?

© Dietmar Wolfgang Pritzlaff


"Ralf, es wird Zeit. Kommst du?", rief besorgt die alte Frau aus der Küche. Ihr einziger Sohn saß auf der Couch im Wohnzimmer und starrte ins Leere. Frau Solter rief immer wieder nach ihrem Sohn.
Nur nicht aufregen, dachte sie. Sie war schon 67 Jahre alt. Die Jahre, die sie sich um Ralf kümmerte, hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie spürte wieder ihren Rücken.
Erst nach dem fünften Mal erhob sich Ralf, ohne etwas zu erwidern und schlich langsam in die Küche.
"Nimm deine Pillen, es wird höchste Zeit", forderte Frau Solter abermals und wusch weiter ab. Ralf nahm artig seine Tabletten mit einem bereitgestellten Glas Wasser. Er war 38.
"Der Junge ist geistig behindert", sagten die Verwandten und ließen sich nicht mehr blicken.
"Der Junge wird vernachlässigt", tuschelten die Nachbarn und blickten böse hinter Frau Solter her.
Die Ärzte übertrafen sich gegenseitig mit ihren hoch trabenden Diagnosen und Theorien. Von schweren Kindheitstraumen, Aphasie, manischer Depression, über Autismus und Schizophrenie, bis hin zur Psychose, erstreckten sich die Urteile über den Jungen. Was sollte nur aus ihm werden?
Gleich nach der Geburt fing es an. Das Baby schlief sehr viel, wie kein anderes, oder es döste nur vor sich hin. Es schrie nicht, wie die anderen Säuglinge, zeigt kaum eine Reaktion. Es regte sich über viele Stunden nicht. Es lag einfach nur da und starrte an die Decke.
Dann, ganz plötzlich, schlug es wild um sich, kreischte laut. Für ein paar Minuten kam Leben in das Baby, dann wieder nichts als Leere.
Erst nahm es die Brust, aber schon beim dritten Mal weigerte es sich. Auch die Flasche wollte es nicht.
"Wenn es Hunger hat, wird es schon trinken", empfahl eine Hebamme. Nach einem ganzen Tag musste es künstlich ernährt werden.
Frau Solter und ihr Sohn Ralf waren Dauergäste in dem Krankenhaus. Dann nahm die Mutter die Hilfe anderer Ärzte in Anspruch, aber die Ärzte waren alle mit dem Problem überfordert. Fachkliniken, Professoren, Psychotherapeuten, Heilpraktiker und Kinderpsychologen bissen sich an dem Jungen die Zähne aus.
Hellseher, Wunderheiler, Hypnotiseure - alle dokterten an dem armen Jungen herum, ohne sichtlichen Erfolg.
Er musste packungsweise Tabletten nehmen, bekam unzählige Spritzen und Elektrotherapien, aber nichts half. Mit Handauflegen und Beschwörungen versuchten es andere.
Ein Professor für Neurochirurgie forderte eine Gehirnoperation. Die Röntgenaufnahme des linken Kleinhirnlappens zeigte deutlich dunkle Schatten. Frau Solter willigte ein. Die Operation verlief gut, blieb aber für den Jungen erfolglos.
Dem Jungen war nicht zu helfen.
Ralf blieb ein Einzelkind. Sein Vater hatte sich schon kurz nach seiner Geburt aus dem Staub gemacht. Die Mutter blieb allein und sorgte für ihren Sohn.
Ralf wuchs heran und sprach kaum ein Wort. Die meiste Zeit saß er auf einem Stuhl am Fenster und beobachtete den kleinen Ausschnitt Leben, ohne wirkliches Interesse. Eine kaum zu fassende Langeweile herrschte über ihn.
"Schau, mein Kleiner, was ich dir mitgebracht habe", überraschte ihn seine Mutter eines Tages mit einem Geschenk.
Ralf riss das große Paket auf. Seine Augen wurden weit und - endlich malte sich ein entzückendes Lächeln in sein liebes Jungengesicht
Ralf war begeistert. Ein großes batteriebetriebenes Feuerwehrauto mit richtiger Sirene, Blaulicht und ausfahrbarer Feuerwehrleiter stand vor ihm. Drei Tage lang war Ralf nicht mehr wieder zu erkennen. Sein Feuerwehrauto war das Größte. Freudig erregt sprang er damit im Zimmer umher und war kaum zu bändigen. Er brauste mit dem Auto durch den Flur. Die Sirene heulte laut auf. Unzählige Stofftiere rettete der Junge aus höchsten Gefahren. Das neue Spielzeug hatte ihn wieder zum Leben erweckt, wenigstens für ein paar Stunden. Es war eine Freude ihm zuzusehen.
Am Nachmittag des dritten Tages überschattete eine aufkommende Langeweile Ralfs Spiel. Er hatte schon alles mit dem Feuerwehrauto ausprobiert, war mit ihm in alle Ecken der Wohnung gefahren. Es gab nichts Neues mehr an dem doofen Ding, wie er sagte, zu entdecken.
Erst ganz langsam, fast unmerkbar, dann aber mit einer solchen Wucht und Intensität, überfiel Ralf wieder diese Gewohnheitslangeweile. Zuerst verstummte er. Sein Gesicht zeigte kein Minenspiel mehr. Seine Bewegungen wurden immer bedächtiger.
Ralf wollte nicht zurück. Zurück in die Teilnahmslosigkeit. Zurück in die Leere. Sein Inneres war zerrissen, das spürte seine Mutter. Es lehnte sich dagegen auf. Ralf wurde jähzornig, trat nach dem Feuerwehrauto und warf es so lange gegen die Wand, bis nicht mehr viel von dem Spielzeug übrig blieb. Wie bei Parkinsonkranken verfiel er danach wieder dieser unmenschlichen Lethargie. Die Leere bemächtigte sich seiner und zwang ihn zum ewigen Stillstand. Ganz still und starr saß er wieder auf dem Stuhl und starrte ins Weite.
Der Junge braucht neue Impulse, die ihn aus der Trance reißen, dachte Frau Solter. Sie überhäufte ihn mit Geschenken. Alle paar Tage stellte sie die Möbel um, oder kaufte gleich neue. Sie tapezierte und strich die Wohnung in immer neuen Farben.
Die Natur und ihre Jahreszeiten waren für ein paar Tage Glück gut. Wenn es über Nacht geschneit hatte und am nächsten Morgen die Welt im Weiß ertrank, erwachte neues Leben in Ralf.
Frau Solter ging mit ihrem Sohn spazieren. Niemals aber an dem gleichen Ort. Die kleine Stadt war schon ganz erkundet. Es mussten die nächst Größeren sein. Dann die Entfernteren.
Sie fuhr mit Ralf im Auto, mit dem Bus, mit der Bahn und mit dem Flugzeug in den Urlaub. Immer weiter gingen die Reisen. Sie bestiegen gemeinsam die höchsten Berge und tauchten in die tiefsten Tiefen der Seen und Meere, aber nichts half auf Dauer.
War Ralf schon ein paar Tage am selben Ort, überfiel ihn wieder seine krankhafte Antriebslosigkeit. Der Alltag stellte sich ein und damit auch die Macht der Gewohnheit.
Einmal jedoch lebte Ralf fast fünf ganze Monate auf. Ein Naturereignis ließ das Wunder wahr werden.
Frau Solter und ihr Sohn machten Urlaub in Dornumersiel an der Nordseeküste. Gleich am ersten Tag ging es an den Strand. Ralf schwamm in den Nordseewellen, baute Sandburgen und erkundete die Dünen. Am nächsten Tag wollte er unbedingt wieder hin. Es gab noch soviel Neues zu entdecken. Mutter war außer sich vor Freude.
Am nächsten Morgen ging es wieder zum Strand. "Was ist das?", fragte Ralf mit Forscherdrang, als er mit seiner Mutter landeinwärts vor einem Deich stand.
"Das hält das Meer vom Land zurück und heißt Deich", erklärte die Mutter.
Sie erklommen den steilen Hang. Ralf lief voraus. Oben angekommen schaute er über den Deich. Vor Staunen jubelte er. Er schrie aus vollem Hals. Dicke Tränen liefen seine Wangen hinunter.
Die Mutter hatte schreckliche Angst. Was hat er denn jetzt wieder, fragte sie sich und lief hinter ihrem Jungen her, der sich kaum beruhigen konnte.
Es gab kein Meer, dafür aber eine völlig neue Landschaft, die sich in strahlendem Sonnenschein hinter dem Deich erstreckte. Ralf war überwältigt.
"Wo ist denn das Meer?", fragte er aufgeregt.
"Das, was du jetzt siehst, nennt man Wattenmeer und dahinter ist jetzt das richtige Meer. Es zieht sich immer für sechs Stunden zurück, kommt dann wieder und bleibt sechs Stunden. Das nennt man die Gezeiten", erklärte Frau Solter und auch ihre Augen wurden feucht, beim Anblick ihres fassungslosen Sohnes.
"Ich werde dir noch viele solcher Sachen zeigen", versprach sie Ralf.
Von nun an erklärte Frau Solter die Krankheit ihres Sohnes mit den Worten: "Er leidet an dem Meer-Prinzip."
Frau Solter fertigte eine Liste von Naturereignissen an. Einige Positionen waren schon durchgestrichen. Sie hatten zusammen eine Sonnenfinsternis gesehen und auch eine Mondfinsternis. Jeweils für drei Wochen erweckten sie Ralf. Sie hatten einem Ausbruch des Ätna beigewohnt. Zwei ganze Monate. Einen Taifun beobachtet: Drei Monate.
Als nächstes standen noch Sandsturm, Hochwasser, Sturmflut, Waldbrand und Erdbeben auf der Liste.
Es hatte schon etwas Makaberes, wenn sich Frau Solter bei diesen Naturschauspielen an Ralfs erwachende Lebensfreude ergötzte und sich zur gleichen Zeit andere Menschen in höchster Not befanden.
Sie dachte sich, irgendwann etwas zu finden, was ihren Sohn auf Dauer bei Laune hält. Das war ihre einzige Hoffnung.
Wenn Frau Solter mal wieder etwas gespart hatte, plante sie schon den nächsten Urlaub.
Einmal streichelte sie Ralf über den Kopf und sagte: "Ich würde dir so gern die Erde zeigen. Von ganz weit oben, von einem Raumschiff aus, aber das kostet zu viel Geld. Das können sich nur reiche Leute leisten." Vielleicht, dachte sie, vielleicht würde das seine Seele wieder zusammenfügen und weinte still in sich hinein. Wusste sie doch, dass dieser Traum niemals in Erfüllung gehen würde.
Frau Solter wurde zu alt und zu gebrechlich, um sich noch selber um ihren Sohn zu kümmern. Sie konnte auch keine Reisen mehr unternehmen. Schweren Herzens gab sie ihren Sohn mit 50 Jahren in eine psychiatrische Anstalt.
Die neue Umgebung hatten Ralfs Lebensgeister für eine Woche geweckt. Man versuchte ihn jede Woche in ein anderes Zimmer zu verlegen, aber die Zimmer waren meist alle gleich. Ralf vegetierte weiter vor sich hin.
Ein Arzt hatte eine Idee: Vier Tageslichtprojektoren warfen ein Landschaftspanorama auf Ralfs Zimmerwände.
Anfangs reagierte Ralf drei Tage auf diesen Trick. Als sich aber die Bilder irgendwann mal wiederholten, war der ganze Zauber dahin.
Eines Tages wurde Ralf von Verwandten aus der Psychiatrie abgeholt. Jahrelang hatten sie sich nicht um ihn oder seine Mutter gekümmert und jetzt kamen sie einfach und nahmen ihn mit.
Sie fuhren in einem schwarzen Mercedes zu einer Kirche, in der Ralfs Mutter aufgebahrt lag.
Ralf stand an dem mit Gold beschlagenen Sarg. Er streichelte die Hand seiner Mutter. Sie war kalt und steif. Er sah sie an und es schien als lächelte sie zurück.
Erst jetzt begriff Ralf.
Er wurde von einem Anfall gepackt. Es rüttelte und schüttelte an ihm. Er tobte, trat vor die Kirchenbänke. Zerriss Blumenkränze und zerbrach die Altarkerzen. Drei Männer warfen sich auf ihn und konnten ihn nicht bändigen. Er schlug wild um sich, brüllte und weinte. Die Männer wollten ihn vom Altar wegziehen, da packte Ralf ein Griff des Sarges. Die Männer zogen Ralf samt Sarg mit sich. Der Sarg krachte auf den Boden und die Tote lag halb über dem Rand.
Plötzlich war alles still in der Kirche. Alle hielten den Atem an.
Ralf schreckte auf und sah seine Mutter. Dieser Anblick weckte neue Lebensgeister in ihm. Er wurde ganz ruhig und weinte nur noch.
"Ist schon gut. Es geht schon wieder. Alles in Ordnung", beruhigte er schluchzend die drei Männer, die ihn immer noch hielten.
Der Pfarrer und ein Messdiener eilten zu dem Leichnam und legten ihn wieder in den Sarg zurück.
Ralf weinte drei Tage lang. Danach aber war er wie ausgewechselt. Ein neuer Mensch war in ihm geboren worden. Er spürte deutlich eine neue innere Stärke, Sicherheit und Zufriedenheit aufkeimen. Er wollte leben, endlich leben.
Nach einem Jahr unter weiterer Beobachtung, wurde Ralf von den Ärzten entlassen.



Eingereicht am 02. Februar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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