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Kurzgeschichtenwettbewerb "Schlüsselerlebnis"

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Die Amsel

©Reinhard Stöckel

Der Himmel hing grau über dem Land. Die den Bahndamm säumenden Gärten trieften noch immer vor Nässe. Endlich, dachte Heinrich Kaspar, während er aus dem Abteilfenster blickte, verzieht sich der Regen. Der Boden wird bis zum Abend abgetrocknet sein. Gleichzeitig registrierte Kaspar zufrieden, dass der Zug die Laubenkolonie von Krahnsdorf fast pünktlich passierte. Kaspar zeigte seinem Gegenüber, der das Kinn in die gefesselten Hände stützte, die Taschenuhr und tippte stolz auf das Zifferblatt. Kaspar war Eisenbahner, und dass die Bahn noch immer wie ein - zugegeben manchmal stockendes - Uhrwerk funktionierte, erfüllte ihn mit Genugtuung. Das stählerne Rückrat des Reiches hielt stand, trotzte britischen Bombern und kommunistischen Saboteuren. Allerdings würde er wegen so einem heute seinen Feierabend nicht pünktlich antreten können. Mit Sorge dachte Kaspar an seine Parzelle, deren großes Beet linkerhand des Eingangs mit Rüben zu bestellen, er für den heutigen Nachmittag fest eingeplant hatte. Missmutig blickte Kaspar erneut zu dem eindösenden Polen hinüber. Hatten sie ihn im Stellwerk nicht immer gut behandelt? Oft genug hatten Bertram und er ungenutzte Essenmarken auf dem Tisch "vergessen". Als Fremdarbeiter so einen Posten ... Und dann das! Ein Glück, dass Bertram den Hemmschuh in der Weiche entdeckt hatte. Nicht auszudenken, wenn der Transport entgleist wäre. Es hätte Verletzte geben können, Tote. Ganz zu schweigen von den Folgen für den Bahnbetrieb! Der Fahrplan auf dem gesamten Streckenabschnitt wäre durcheinander geraten.
Nach einem Seitenblick auf den Polen knöpfte Kaspar den obersten Knopf seiner Uniformjacke auf. Jetzt schläfst du, dachte er, hättest du mal nachts geschlafen, statt dich auf den Gleisanlagen rumzutreiben. Verdammt noch mal, wenn das heut nichts wird mit den Rüben, wann dann?
Warum musste ausgerechnet er hier sitzen? Gut, Bertram hatte im letzten Krieg ein halbes Bein eingebüßt. Gut, Bertram trug auf seiner blauen Eisenbahnerbrust das Eiserne Kreuz. Gut, Bertram war 43 reaktiviert worden und, rechnete man gutwillig, fünf Dienstjahre älter als er. Trotzdem, Invaliden und Ostarbeiter wie sollte da die Bahn ihrer Aufgabe gerecht werden? Ein paar englische Bomben und schon bricht das Chaos aus, schon glaubt der Pole, er könne Züge entgleisen lassen, schon kann Hohenstedten keinen Gendarmen mehr schicken und ein Kriegskrüppel glaubt, ihm Befehle geben zu können.
Bring du den Pollack auf die Wache!
In welcher Dienstvorschrift steht, dass ich das muss!?
Wer, hatte Bertram geflucht, soll es sonst tun? Ich etwa mit meinem Bein?
Bertram fuchtelte mit einer Pistole herum: Ich kann den Pollack auch gleich abknallen!
Schon gut, sagte Kaspar, ich bring ihn ja weg.
Dann hatten sie den Siebenuhrneununddreißig angehalten und Kaspar war mit Bertrams Pistole und dem Polen in den Zug geklettert.
Kaspar betrachtete die Handfesseln des schlafenden Polen. Alles in Ordnung. Er stand auf, verschloss mit seinem Vierkant von innen die Abteiltür. Sicher ist sicher.
Vielleicht kann ich die Osterbesorgungen, sobald ich den Polen los bin, gleich in Hohenstedten erledigen. Dann kann ich morgen in den Garten gehen. Ja, das wäre sogar günstig, dann müsste ich nicht noch einmal ...
Zwischen Rüben und Hemmschuhen überkam Kaspar die Müdigkeit und das angenehme Gefühl, dass sich für alles im Leben eine Lösung finden lasse, wenn man nur wolle.
Plötzlich berührte ihn jemand am Knie. Kaspar schrak auf, war er etwa eingeschlafen? Sein erster Griff galt der Pistole, sein zweiter dem Vierkant. Der Zug hielt, er hielt, wo er nicht halten sollte. Und dieser Pole tippte das zweite Mal auf sein Knie.
Am besten ignorieren, dachte Kaspar.
Der Pole grinste, ein breites polnisches Grinsen.
Man, dir wird das Grinsen noch vergehen, dachte Kaspar, stand auf und schloss den Kragen seiner Uniform. In zehn Minuten würden sie in Hohenstedten sein, er würde den Polen abliefern und hätte bis zur Rückfahrt noch genügend Zeit ein paar Dinge zu erledigen - vorausgesetzt der Zug würde endlich weiterfahren. Mensch, was hat der Pollack bloß zu gaffen? Kaspar ließ sich zurück auf den Sitz fallen. Jetzt sah er, was den Polen so amüsierte.
In einer Pfütze neben den Gleisen badete ein Vogel. Eine Amsel. Sie spreizte das schwarze Gefieder, tauchte immer wieder den gelbschnäbligen Kopf ins Wasser und schüttelte sich, dass die Tropfen flogen.
Kaspar wandte sich ab. Doch es war zu spät, die Erinnerung kam. Er sah die junge Frau ihre langen dunklen Haare aus der Wasserschüssel heben, sah wie sie den Kopf lachend umherwarf, dass die Wassertropfen über die Terrasse stoben und wie ein kurzer Regenguss auf die sonnenwarmen Stufen fielen. Sie trafen auch den alten Musikanten, der mit gespieltem Erschrecken aufsprang und dann mit einem breiten grobknochigen Lachen nach seiner Laute griff. Seine schweren Finger wurden leicht und seine derbe Stimme weich, als er sang. Ein Lied, das die junge Frau später das Lied von der Amsel nannte. Da spielten ihre Finger schon an den goldenen Knöpfen seiner Uniform, der Uniform der deutschen Anatolischen Eisenbahngesellschaft, für die er damals vor einem Vierteljahrhundert Dienst tat in Konya im Herzen des osmanischen Reiches. Schwarzer Vogel, Siyahku, so hat Kaspar sie genannt. Siyahku war die Tochter des armenischen Telegrafisten. Eines Tages, so hatte er damals gedacht, wenn die deutschen Ingenieure die Felsen des Taurus durchbrochen hätten, wenn ihre kühnen Stahlkonstruktionen den Euphrat überspannen würden, dann würde er mit ihr im ersten Zug nach Bagdad sitzen zusammen mit dem Wanderderwisch und seiner Laute. Der hatte ihm, dem jungen deutschen Eisenbahnbeamten, den Tanz der Derwische gelehrt und Siyahku hatte dazu mit quellreiner Stimme gesungen.
Kaspar wusste damals nicht, was ihn mehr verwirrte, der wirbelnde Tanz oder die Liebe. Und doch erfüllten ihn beide mit einer großen Klarheit, ja Ordnung, einer Ordnung, die sich freilich von der einer Dienstvorschrift sehr unterschied. Dies war es, was ihn beunruhigte. Mehr und mehr begannen sich Fahrpläne und Reglements im wirbelnden Tanz der Derwische aufzulösen. Er begann, sich zum Dienst zu verspäten. Es brachte ihn nicht mehr aus der Fassung, wenn der türkische Schaffner erst nach Tabak lief, so dass Kaspar vor der Wahl stand, den Zug verspätet oder ohne Kontrolleur abfahren zu lassen. Er meldete es schließlich nicht mehr nach Istanbul, wenn wieder ein Fahrgast einen Gürtel trug, der eigentlich ein Lederriemen und dafür bestimmt war, die Abteilfenster aufzuziehen.
Was hatte Siyahku auf seine Klagen hin gesagt: Wenn du dir eine Perle wünschest, such sie nicht in einer Wasserlache. Denn, so spricht Rumi, wer Perlen finden will, muss bis zum Grund des Meeres tauchen.
Die Telegrafendrähte surrten, die Bahn schnaufte heran, ein sonnenverbranntes Bäuerlein zog in letzter Sekunde seine Ziege von den Gleisen, eine Matrone schob erst mehrere Körbe, dann ihre mit Tüchern verhüllten Töchter in einen Waggon, türkische Soldaten saßen rauchend und schwatzend um ein Geschütz auf offenem Wagen, ein deutscher Offizier stolzierte zum Limonadenverkäufer und, so schien es Kaspar in diesem Moment, der weite Himmel über dem anatolischen Hochland schloss alles und jeden in seine blauummantelten Arme.
An einem schneeüberstäubten Spätherbsttag des Jahres 1915 wurde Siyahkus Vater von Gendarmen geholt. Sie und ihre Familie wurden in einen Waggon genötigt, in dem man sonst nur Hammel transportierte. Erregt hatte Kaspar an seinen Vorgesetzten telegrafiert. Man bemühe sich, kam es zurück, die armenischen Angestellten der Bahngesellschaft zu schützen. Doch Siyahkus Vater sei verdächtig, kriegswichtige Informationen an die Engländer verraten zu haben. Im Übrigen bestehe kein Grund zur Beunruhigung, man siedele die Armenier lediglich ins Zweistromland um. Ratlos stand Kaspar neben dem Zug, während vor der Lok auf den Gleisen der Derwisch saß und sang. Zwei Gendarmen packten schließlich den Sänger und schleppten ihn zu einem Wagen. Kaspar hob seine Kelle und der Zug verließ die Station. Noch lange, so schien es, hing überm Bahnsteig das Lied von der Amsel.
Als nach Kriegsende die Briten kamen und die Bagdadbahn in Besitz nahmen, war Kaspar froh, zurück nach Deutschland geschickt zu werden. Bald hatte er all das vergessen.
Und jetzt plötzlich blitzte aus dieser Wasserlache neben den Gleisen unvermutet die Erinnerung auf wie eine Perle, ja sogar in dieser Pfütze eine Perle, aber eine für immer verlorene Perle.
Der Zug ruckte und setzte sich in Bewegung. Lange noch reckte der Pole den Hals nach dem badenden Vogel. Sein Grinsen war vergangen, die hellen Augen über den breiten Wangenknochen blickten eher wehmütig zurück.
Sie werden ihn aufhängen, dachte Kaspar. Schon als er den Polen hatte vor Bertrams Pistole sitzen sehen, wusste er, sie werden ihn aufhängen, so wie sie kürzlich im Ausbesserungswerk zwei Serben aufknüpften, die Metallspäne in die Radlager der Loks geschüttet hatten. Doch erst jetzt stand diese Tatsache klar und fest inmitten seiner Gedanken.
Ich bringe ihn bloß zur Polizei. Er ist gefährlich, ein Saboteur. Er hat Menschenleben gefährdet ... All diese Sätze genügten nicht mehr, den einen zu verdecken: Sie werden ihn aufhängen.
Doch was konnte er, ein kleiner Bahnbeamter, schon tun? Es war doch seine Pflicht ...
Plötzlich bremste der Zug erneut, Rufe wurden laut, Menschen hasteten schreiend durch die Gänge, von draußen erklang das Geheul heranjagender Flugzeuge, schon schlugen die ersten Salven in den Schotter des Gleisbetts.
Da fasste Heinrich Kaspar einen Entschluss. Er zog, nachdem er die Vorhänge der Abteiltür geschlossen hatte, seine Uniformjacke aus. Dann griff er nach der Pistole. Der Pole zuckte unter dem angedeuteten Schlag zusammen. Kaspar entlud die Pistole und warf die Munition aus dem Fenster. Schließlich legte er die Waffe zusammen mit dem Vierkant auf die Sitzbank neben seinen Gefangenen und löste ihm die Fesseln. Der Pole hob den Blick und verstand.
Kaspar wandte sich ab und sah in Erwartung eines heftigen Schmerzes aus dem Fenster des Zuges. Ihm war, als könne dieser Schmerz, einen anderen, der heftiger war, endlich betäuben.


Eingereicht am 23. Januar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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