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Kurzgeschichtenwettbewerb "Schlüsselerlebnis"

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Schlacht an der Schlucht

© Bernhard Bauer

Sie trafen sich schon seit Jahrzehnten an derselben Straßenecke. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit kamen sie behänden Schrittes, voller Vorfreude auf das heutige Beisammensein, zu "ihrer" Ecke an der Kreuzung Andersen Street / Bowmore Avenue.
Sam hatte es dabei leichter mit dem Gehen. Das hohe Alter hatte ihn noch nicht so mitgenommen wie seinen "besten Freund" und "Lebensgefährten" Virgil. Der konnte sich wegen seiner Rückenprobleme eigentlich kaum noch bewegen. Doch das tägliche Ritual des Zusammentreffens, die gemeinsamen Erinnerungen und die lebhafte Gegensätzlichkeit verliehen ihm ungeahnte Kräfte.
Während Virgil der Typ Mensch war, der Geschehens leichter hinnehmen und verarbeiten konnte, der Hoffnung und Trauer in der gleichen Art und Weise emotionslos hinnahm und dennoch mit Optimismus und guter Laune durch sein - zweifelsohne nicht mehr lange andauerndes - Leben ging, war Sam das genaue Gegenteil davon: Immer skeptisch, nirgendwo zu Hause und bei jedem Menschen nur auf der Suche nach seinen Fehlern. Trotz allem konnte man ihm eine gewisse Gutmütigkeit nicht ableugnen.
Wahrscheinlich war es gerade dieser große Unterschied zwischen den beiden, der sie miteinander verband, sie aneinander band, und mit einer Kraft anzog, die bislang nur selten zwischen zwei Individuen entstanden ist. Sie ergänzten sich in jeder Hinsicht.
Doch an diesem Abend lag etwas in der schwülen und regentropfenschwangeren Luft. Anders als sonst kam Virgil heute zu spät. Und wie er aussah. Gezeichnet vom Schmerz, geschlagen vom Schicksal: Ein Wrack. "Sam", rief er, "es tut mir Leid. Ich habe meine Regenkleidung nicht gefunden." "Dann wärest du halt ein bisschen nass geworden", sagte Sam verärgert. Als "Weichei" hatte er seinen Freund noch nie bezeichnet. Jetzt lag es ihm auf der Zunge.
Nach all den "Fluten des Unglücks", die sich über Virgil ergossen hatten, suchte er gerade am heutigen Abend nach Regenschutz und -schirm. Sam versuchte seinen Ärger dennoch zu unterdrücken. Immerhin war er selber auch gut eingepackt!
"Lass uns gehen", sagte Sam leicht verärgert und begann zu gehen. Die Route war in all den Jahren immer dieselbe geblieben. Zuerst über die Wooden Bridge in das Villenviertel. Dort spazierten sie zwischen den Häusern der "Reichen und Schönen", wie Sam sie spöttisch nannte, umher und diskutierten über alles Mögliche. Meist waren es Erinnerungen, verpasste Gelegenheiten und falsche Entscheidungen, die sie noch heute schmerzten.
"Hätte ich mich für ihn opfern sollen?", fragte Virgil in einem merkwürdigen Tonfall. Schließlich war es damals ja seine Idee gewesen, den eigenen Bruder als Bordingenieur anzuheuern. Auf dem gemeinsamen Meeresfrachter "Sam & Virgil's" hatten sie Waren zwischen den Kontinenten transportiert. "Wir hatten die schnellste Route durch den Atlantik", behauptete Sam noch heute stolz, wenn er mit Virgil in Erinnerungen schwelgte. Als eines Tages Virgils Bruder Tate vor ihm stand und sein Herz ausschüttete, versuchte er nur ihm zu helfen, indem er ihm diesen gefährlichen Posten anbot. Keiner konnte wissen, dass diese Fahrt die letzte von "Sam&Virgil's" werden würde.
"Der Sturm riss uns immer tiefer in die Misere", meinte Sam, "und als Bordingenieur sitzt man immer ganz tief unten." Virgil hatte das Tate's letzte Schreie noch gehört - er wollte ihm zur Hilfe eilen, doch Sam zog Virgil mit sich in das Rettungsboot. "Ich bin noch hier unten - lasst mich nicht alleine ..." Tate's Stimme weckte Virgil nach wie vor aus dem Schlaf. "Du hast das Richtige getan", beruhigte Sam Virgil. "Sonst wäret ihr beide verloren gewesen!" "Nein, ich hätte uns beide retten können! Du hast nur nicht daran geglaubt. Du konntest noch nie auf ein Quäntchen Glück vertrauen, du würdest niemals ins Ungewisse gehen!"
Es war kein neuer Vorwurf mit dem Sam konfrontiert wurde. Aber Virgil hatte Recht! "Ich wollte dich nicht verlieren", antwortete Sam. Doch diese Antwort hatte Virgil noch nie genügt. Er wollte nur einmal erleben, dass Sam "den Schritt ins Ungewisse" wagt, dass er etwas tut, das nicht bewiesen und erprobt ist - auch wenn es nur etwas "Unwirkliches" war. Er wollte versuchen, es Sam zu beweisen.
"Bitte bleib stehen", sagte Virgil, "wie lange spazieren wir schon durch dieses Viertel? Zehn, Zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig - wie viele Jahre?" Sam sagte nichts. Er kannte die - wie er sie gerne nannte - "melancholisch-emotionalen Anfälle" seines Freundes nur zu gut. "Sam! Ich meine es ernst! Glaubst du, dass du hier jeden Fleck kennst?", fragte Virgil fordernd. "Fast jeden! In den Häusern war ich noch nicht. Worauf willst du hinaus?", entgegnete Sam.
Sie standen an einer stillen Straßenecke im Villenviertel. Der tiefschwarze, dunkle Schatten des Eckhauses lag wie ein überdimensionales Trauerband auf dem unbefahrenen Weg. Wie ein Spalt, der unendlich weit in die Tiefe reicht, trennte der Schatten den Weg in zwei Teile. "Woher weißt du Skeptiker eigentlich, dass die Straße hier weitergeht? Ich meine - sieht es nicht so aus, als wäre hier eine tiefe Schlucht? Kannst du dich da hineinversetzen?" Sam lächelte. Heute würde er auf Virgils Spielereien eingehen. Normalerweise tat er das nicht. Doch heute spürte er, dass da etwas in der Luft lag - er antwortete ihm: "Dann wäre sie doch tagsüber auch hier, deine Schlucht. Dann wäre sie gestern Nacht da gewesen oder man hätte schon in der Zeitung darüber gelesen!" "Nun, ich denke, das ist nur eine Frage des Glaubens. Wenn man fest an etwas glaubt, kann es Wirklichkeit werden!" Virgil wollte beinahe mit "...ich hätte Tate retten können..." fortsetzen, doch er fühlte, dass Sam bereits an seinem Angelhaken baumelte.
"Fein, ich könnte es mir wirklich vorstellen, dass hier eine tiefe, furchtbare Schlucht liegt - aber dennoch weiß ich, dass es nicht so ist!" "Dann stell es dir nicht nur vor, sondern lass dich von diesem Gedanken einnehmen. Lass dich von ihm fort tragen und wieder hierher zurückbringen - dann wird hier ein Spalt klaffen." Sam verstand. Er schloss die Augen und flog in Gedanken davon, flog zum Grand Canyon, packte ihn in seine Tasche und landete wieder im Villenviertel. Er holte den Grand Canyon aus seiner Tasche und fügte ihn - er passte wie angegossen - in den Nachtschatten ein. Dann öffnete er seine Augen wider und sagte lächelnd: "Da bin ich wieder!" Virgil zitterte, er wusste, dass Sam nicht bewusst war, dass er tatsächlich etwas bewegt hatte. "Und nun, tritt in deine Schlucht und lass dich fallen", rief Virgil beschwörend. Sam lachte, er war amüsiert. Jetzt übertrieb es Virgil aber! "So ein Unsinn! Mich fallen lassen - pah!" Virgil spürte dennoch etwas Furcht in Sams Stimme. Nie würde er zugeben, dass er daran glaubte, dass hier ein Spalt klaffte, weil er sich das in seinen Gedanken so konstruiert hatte - das wäre gegen seine so genannten Prinzipien. "Los! Spring jetzt!", schrie Virgil nun aufgeregter, "ich bin damals doch auch zu dir ins Boot gekommen!" Sam sah Virgil verblüfft an. Der alte Vorwurf. Wieder einmal. Nun, wenn er es ihm so wiedergutmachen konnte.... "da hast du es alter Sack", rief Sam.
Und weg war er.
Kapitel 2
Am darauffolgenden Abend kam Virgil wieder zu "ihrer" Ecke an der Kreuzung Andersen Street / Bowmore Avenue. Er blickte auf den Himmel. Sternenaufgang. Würde Sam kommen? Er erinnerte sich noch an seine Verzweiflung gestern Abend. Sam war gesprungen - und er konnte ihm nicht nachfolgen, da war doch nur ein Schatten! Was hat er getan? Wo war Sam geblieben? Getrieben von Schuldgefühlen und Vorwürfen gegen sich selbst verstärkte sich seine Sorge um Sam. Nervös blickte Virgil um sich. Es dämmerte ihm bereits, und jeden Moment wurde es klarer: Sam würde nicht mehr kommen. Wolken zogen auf. Regen tropfte. Er würde dennoch warten. Es war doch bloß ein Schatten ...
Plötzlich, wie aus dem Nichts klang eine vertraute Stimme: "Virgil, Virgil! Da bin ich." Virgil stutzte. In der Ferne sah er jemanden auf ihn zu laufen.
Es war Tate.


Eingereicht am 09. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.

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