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Sehnsucht nach Geschichte

Von Angelo John Ashman


Um Missverständnissen vorzubeugen, sollte man wissen, ein Verfasser wie dieser, seines Zeichens anerkannter Pessimist und tageslichttuntauglicher Freischärler konnte durch den jahrelangen Genuss von Meskalin-Joghurt dieses dilettantische Geschreibsel in einem milchstraßenähnlichen Umfeld endlich vollenden. Die durch diesen Umstand hervorgerufene Annahme, dass zufällige Erleuchtung in ihrer reinen Form äußerst selten vorkommt und Buddha eine Mailbox haben muss, um auch für assoziationsschwache, welche unfreiwillig im Exil leben, erreichbar zu sein, bewogen ihn, das Folgende zur Entschleunigung seiner innerbetrieblichen Schwebeteilchen niederzuschreiben.
Im nordöstlichen Teil von Husum, einer Kleinstadt im schleswig-holsteinischen Küstengebiet, kam Arthur als unfreiwilliger Spross von einer zur Fortpflanzungspflicht gedrängten Generation eigentlich als Füllmaterial geplant - ohne nennenswerte Schleimspuren durch eine Rohrzangengeburt zur Welt. Viel schlimmer hätte diese Art degenerierter Wildecker-Herzbub-Mutation mit kosmetisch nicht einwandfreien Erbanlagen nicht kommen können. Wenig später, als übergewichtiger Hobby-Legastheniker von der örtlichen Schulbehörde wortlos zum Unterricht gebeten, teilte er sich mit sporenbildenden Wanderamöben der Gattung ‚Endzeit' den vorletzten Platz der Beliebtheitsskala unter den Schulkameraden.
Arthur Fischel - genannt Arty - war bekennender Bettnässer, in einem System von symbolischer Bedeutungsproduktion hatte er sich als Schutzmechanismus eine eigene Ozonschicht aus Dreck und Gestank zugelegt. Nun sollte man glauben, es könnte reichen, wenn jemand viermal täglich Corega-Tabs-Cocktails gegen paralysierenden Mundgeruch schlabberte. Doch das Einzige, worauf man sich verlassen konnte, war seine Schizophrenie. Sei es nun eine tatsächliche Trübung seines Verstandes oder nicht, einige unter den Lesern würden zu dem Schluss kommen: eindeutig ein Fall für das Präzisionsgewehr.
Irgendwann zwischen dreizehn und sechzehn Jahren, als er noch Clearasil-Gutscheine gegen Fußball-Bilder tauschte oder versuchte, den Osterhasen auszupeitschen, wurden "The Anarchist Cookbook" sowie "Die 120 Jahre von Stammheim" seine Lieblingslektüre. Allesamt Ratgeber für Hobbyanarchisten oder Neben-Straßen-Rambos. Da stand was von "BND-Fisting", "Wir stricken uns eine Atombombe" oder "megatoxischen Geheim-Substanzen zum Bau für weibliche Genwaffen". Gerade in den Zeiten globalen Terrors war es wichtig, sich durchzusetzen gegen volksverblödende, schleimige Parteibonzen und heuchlerische Megakapitalisten, welche galant mit ihrem festgeklebten Lächeln auftraten.
Doch sein Steckenpferd waren virtuelle Schießübungen, wo er imaginären Wirtschaftskapitänen mit Kalaschnikows so lange auf den Kopf ballern konnte, bis Gehirnflüssigkeit, Blut oder Eiter die Zeichen von Hammer und Sichel auf dem Bürgersteig formten. "Da oben in der Politik, wo die Ordnung einer Willkürlichkeit unterlag und das Zauberwort nicht Bitte, sondern Bakschisch heißt, herrscht sie, die legitimierte Korruption", dachte Arty leise und zwar auf Armenisch, nachdem er sich wie üblich seine Hoden bei dem obligatorischen Masturbationsmarathon ausgewrungen hatte. Wie immer kamen dann Erinnerungen an das Kraftwerk Stelle / Wittenwurth und den irrtümlichen Defekt der Dieselaggregate; dabei kam die Frage auf: Wie gehe ich in die Geschichte ein? Selbst bei einer Glaubenskraft von 150 Ohm ahnte er, als Badewannentaucher oder drittes Mitglied von Modern Talking würde man ihn nicht über die Grundstücksgrenzen des im Familienbesitz befindlichen Schrebergartens hinaus kennen lernen.
An einem Montag oder Dienstag in einer wolkigen Minute wurde alles anders. Anna hieß sie, eine 18 Jahre ältere, aber nur 32 Kilo schwerere silikongeschwängerte Ersatz-Blondine, welche stilistisch den Heider Bekleidungswerken die Treue hielt. Nebenbei verdiente sie als Klofrau ihr Geld, auf einem legendären Rastplatz. In ihrer stickigen 14-Quadratmeter-Höhle mit künstlerischem Schimmelmuster an der Decke, gab sie ihm fantastische Schwellkörper-Massagen, unterstützt durch die Gleitfähigkeit von nativem Olivenöl. Eine frische Zucchini war auch mit von der Party, welche gerade im äußeren Verdauungstrakt verweilte. Mit zittrigen Händen wie ein Fernseh-Koch schmierte er seiner tabulosen Schönheitsgöttin den Cellulitehintern mit der Faltencreme "E.T. Spezial" ein. Innovativ besuchte er unendliche Weiten ihrer schmatzenden Blume, welche wie ein Sommerloch tief und endlos zu sein schien. Sie sprachen nicht viel, da sie sich mochten. Es passierte nichts Ungewöhnliches. Sie lagen einfach nur da und leckten sich kontinuierlich. Insgesamt mehr als nur ein preisgekrönter Holsteiner-Fick.
Dem Erektionstod auf der Spur und völlig überfordert von sinnerzeugenden Prostata-Tangos, tolerierte er den Zustand des Vergessens über seine Guerilla-Pläne, mit denen er sämtliche Schreckensherrschaften von heimtückischen Diktatoren, die wohl alle von Gehirnparasiten befallen sein mussten, beenden wollte. Schade, es wäre zu schön als Ausdruck subkultureller Lebensfreude, schonungslos alle dünnschissverklappenden Wirtschaftsmagnaten mit Ebola oder anderen Aushilfsviren zu verseuchen.
Folgende Fragen mögen jetzt für den schwermetallverseuchten Leser angebracht sein: Sind das Racheträume, welche zum Handeln, Kotzen, Staunen oder Grinsen anregen? Oder nur ein interner Kabelbrand im Biorhythmus eines budgetorientierten Kritzlers, dessen geistige Abschürfungen sich aus Vorurteilen und Meinungen bilden und dessen effizient abgebremstes Tun sich aufs Schreiben beschränkt?
Wie dem auch sei. Früh am Morgen stand Arty vor der Küche, noch den Geruch vom nächtlichen Natursektumtrunk in der Nase, erfreut darüber, dass dieser nicht in Annas Möbelgarnitur gezogen war, schwebten alle Gedanken über sein berufliches Glück. Als Wickert-Double bei der Tagesschau wollte er kräftesparend von sich reden machen, doch die ABM-Stelle als Leichenwäscher im staatlichen Krematorium kam seinem Berufswunsch auch sehr nahe. Dort konnte man in freigelegte Geschlechtsmerkmale hineinspähen - wofür man sonst viel Geld bezahlen musste. Wenn die duckmäuserischen Kollegen nicht immer so kritische Blicke werfen würden und sich nicht schon diverse Male beschwert hätten, könnte man noch ganz andere freundliche Serviceleistungen anbieten.
Es geschah eine Unzahl nicht nennenswerter Ereignisse, bis alle Kollegen während einer Mittagspause seine Mischung aus K.O.-Tropfen, Eigenurin und Zweikomponenten-Kleber verrührt mit Kaffee würdevoll schlürften. "Die paratoxologischen Feldstudien haben sich ausgezahlt", schrie er wie ein Britney-Spears-Fan, als die Wirkung von dem Gemisch einsetzte. Wie der Einblick ins Privatarchiv von gnadenlosen Selbstmordkandidaten so ätzend friedlich lagen sie da. Bevor sein Vorgesetzter banal den Inhalt der Kaffeekasse in die Mundhöhle bekam, zog er ihm die Hose herunter, um zu überprüfen, ob dieser nun wirklich unter Hämorriden litt, dann verschwand seine Gestalt nickend hinter einer großen Eisentür. Er war halb voll und ganz damit beschäftigt an einem frisch gelieferten Unfallopfer wie ein Schönheitschirurg zu testen, ob sich Air-Brushing als künstlicher Haarersatz im Scham- und Kopfbereich eignen würden. Noch in seinem Element gefangen, noch immer Teil dessen, was er tat, wollte er nichts ordnen und nichts relativieren. So wurden einfach Stücke seiner Wahl herausgerissen und sich dabei köstlich vergangen an den frischen Leichenteilen, ganz ohne an die Genfer Konventionen zu denken.
Ab und zu nahm er auch mal ein Stück Rückenfilet mit nach Hause, um mit Anna in der guten Stube kulinarische Feste gepflegt zu zelebrieren. So waren sie nicht mehr auf das deutsche Laden-Schlussgesetz angewiesen und konnten sich autark versorgen. Damit wurde der Einstieg in den Fleischgroßhandel besiegelt. Feierlich wurde sich von jeder Leiche höflich verabschiedet, richtige Umgangsformen gehörten mittlerweile bei ihm einfach zum guten Ton. Es gab Tage, an denen er sich einbildete, man könnte handverlesene Kameraden, welche schon mit Manitu Skat gedroschen haben, direkt ins Leben zurückführen, wenn nur mehr Zeit zum Basteln wäre. Alles andere wird Geschichte.



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Eingereicht am 13. September 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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