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Impressionen eines Seminars

Von Felix Tim


Als ich ein Seminar im Norden unserer Republik besuchen sollte, musste ich erstmal zum Chef, da begann meine Odyssee.
Er empfahl mir, das Seminar "summa cum laude" abzuschließen. Da ich in meinem Leben genau zwei Vorlesungen in Latein besuchte, wusste ich nicht genau was das bedeutet, aber es musste was Gutes sein. Also nickte ich, lächelte und dachte "touche", was mich zur nächsten linguistischen Schwierigkeit führte, denn ich stellte mir gleich die Frage, was "touche" eigentlich bedeuten sollte und wie es wohl geschrieben wird. (Französisch hatte ich nämlich überhaupt nicht gehabt). Aber klar war, ich sollte es gut machen. Es sei eine wichtige Fortbildung, die mich voran bringen würde. Es war der 5. Januar 2002, ein wahrhaft traumhafter Tag, die Sonne schien, fünfzehn Grad Celsius, 60 Prozent Luftfeuchtigkeit. München lachte mich in Form des Terminals 1 an.
"Wegen Schneeverwehungen in Kiel verzögert sich der Flug von München nach Kiel um ca. 1 Stunde." Schnee? In Kiel? Liegt das nicht im Land der kalten Winde? Und seit wann schneit es im Norden? Aber was ist schon eine Stunde? Ich bin zwei Tage eher losgefahren, um nicht zu spät zum Seminar zu kommen. Ich besorgte mir einen Cappuccino, eine Zeitung und war sehr zufrieden mit meinem Leben.
"Wegen Schneeverwehungen in Kiel verzögert sich der Flug um ca. 1,5 Stunden." OK, das war jetzt nicht mehr lustig Jungs, - ihr habt euren Spaß gehabt -nun ists gut. Schleswig Holstein heißt mich willkommen, denn "dein ist mein ganzes Herz" - ging es mir durch den Kopf. Dieses Land fing an, ohne mich zu kennen, mich zu hassen. Der Cappuccino war teuer und ausgetrunken, die Zeitung ausgelesen, ich verfiel in grüblerisches Denken. "Wegen der Schneeverwehungen in Kiel…" Ja haben die denn in diesem plattdeutschen Flachland keine Räumfahrzeuge? Das ist doch nicht der verdammte Mount Everest!!!"
Sieben ein halb Stunden und sechs Cappuccino später betrat ich Schleswig holsteinschen Boden. Jetzt wurde mir auch klar, warum hier immer noch so viel Schnee lag. Ein Hausmeister versuchte mit einer Schaufel zur besonderen Verwendung aus dem zweiten Weltkrieg und hoher intrinsischer Motivation die Berge von Schnee vor einer Baracke wegzuschippen. Leider war es keine Baracke, es war der Flughafen. Wenn Sie mal da waren, wissen Sie wovon ich spreche - eine Attraktion. Ich trat ein. Eine einsame Dame am Schalter versuchte eine aufgebrachte Menge von zwei Leuten zu beruhigen. Die hatten wahrscheinlich auch Schneeverwehungen. Ich dachte kurz darüber nach, ob die Dame sich ihren Job so vorgestellt hat, als sie sich auf die Stelle mit der klangvollen Überschrift: "Traumjob in schöner Umgebung" beworben hatte. Ich hoffte, sie schafft es noch ein paar Jahre, vielleicht wird sie mal versetzt, vielleicht sogar nach Buxtehude.
Ich sah von weitem schon das Wohnheim mit der klangvollen Bezeichnung "Appartementpark". Ich besorgte mir meinen "Appartement"-Schlüssel und trat ein. Mein Appartement war keins. Ein neun-Quadratmeter-Zimmer im Sowjetstil der Breschnew Ära mit einem ockerfarbenen Schrank einem Tisch und einem Bett. Hier werde ich nun vier Wochen verbringen. Vier Wochen?! ich beschloss, keine weiteren großzügigen Angebote des Chefs entgegenzunehmen. Ich wollte die Gegend erkunden und begab mich dorthin, wo ich das Zentrum vermutete. Altenholz, schon der Name des Ortes strahlte Vitalität, Lust auf mehr aus. Ich fand das Zentrum nicht.
"Wie, wo ist dat Zentrum", ein Passant starrte mich erstaunt an. "Sie sind im Zentrum". Ich hatte es befürchtet. Eines war klar: "Hier möchte ich nicht tot überm Zaun hängen!" Aber irgendetwas musste dieses Land doch haben, welches mich so herzlich mit einer Temperatur von Minus siebzehn Grad empfangen hatte. Es hatte so wunderbare Menschen hervorgebracht wie Theodor Storm, Heide Simonis, und natürlich meinen Chef, der aus dem Norden kam und tagaus, tagein von diesem Land schwärmte. Als ich später auf der Autobahn fuhr, erkannte ich es. Ich sah es. An der Landesgrenze sah man ein großes Schild: "Willkommen in Schleswig-Holstein, dem Land der Horizonte."
Ah, ja. Horizonte. Land der Horizonte. Klar, dachte ich mir, keine Berge, keine Wälder. Horizonte. Das gleiche Schild hängt sicher auch an der Grenze zu Kasachstan.
Ich brauchte jetzt dringend Abwechslung. Ich war seit zwei Tagen in Altenholz, habe noch keinen einzigen Menschen gesehen und musste jetzt dringend mit einem menschlichen Wesen sprechen, oder zumindest eines sehen. Ich fuhr in das Zentrum von Kiel. Es schneite so, als hätte Frau Holle Drogen genommen, sie kippte einfach eine Lastwagenladung nach der anderen auf die Erde, wahrscheinlich in der Hoffnung, Kiel im Schnee versinken zu lassen, auf dass es niemand mehr finde. Ich fragte nach dem Zentrum und hatte gleich Bedenken wegen der Antwort. Diese Befürchtungen wurden auch gleich bestätigt. Ich war schon da. Es war Sonntag, die Läden hatten geschlossen. Ich sah mir die Innenstadt an. Kurz auf den Punkt gebracht: Backstein, Backstein, Backstein, Möwe, Backstein. Ähnlich Don Quichote kämpfte ich mich durch den Schneesturm zum Hafen und suchte das, wofür dieses Land bekannt wurde - die Horizonte. Leider verklebte mir der Schnee meine Augen… ich beobachtete lange die Stelle, wo ich den Horizont vermutete. Ich gab erst auf, als ich aufgehört habe, meine Zehen zu spüren.
Nun ich war nicht wegen der Horizonte hier. Ich fuhr zurück in mein Appartement. Es war gespenstisch ruhig, keiner auf dem Gelände, keine Autos. Es erinnerte mich an "Shining" von Stephen King. Meine Heizung lief nicht an, warum sollte sie auch bei minus siebzehn Grad, hätte ich auch keine Lust zu arbeiten.
Ich dachte an meine Eltern, ob sie mich wohl vermissen würden, wenn man meine Leiche erst nach vier Wochen finden würde. Ich stellte mir meine Kollegen vor.
"Wann kommt eigentlich Herr Tim wieder?" - Oh, der Herr Tim ist in Altenholz im Hotel zur ewigen Ruh!" Betretenes Schweigen. Hr. Lehmann spielt mit seinem Kugelschreiber, Herr Müller macht sich eine Notiz in seinem Heft.
"Könnte sich jemand darum kümmern? Eine Seebestattung wäre vielleicht gut." Hr. Meyer: "Wir müssten ihn aber auftauen"… traurige Geschichte. Herr Müller erzählt noch ein, zwei lustige Begebenheiten mit Herrn Tim - "dis war scho a neta Kärl." Würde er im bayrischen Dialekt sagen. Dann würde man übergehn zu einem anderen Thema: es ist ein Seminarplatz frei geworden in, in ja in Kiel. Möchte jemand daran teilnehmen- ein Appartement-Platz ist auch frei. Hätte jemand Interesse?
Ich war eingeschlafen, die Heizung lief an und der Erfrierungstod rückte in weite Ferne. Am Montag begann mein Seminar.
Ich habe viel gelernt.
Rechtswissenschaften - sehr einfach. Es gibt nur einen Satz den der Jurist beherrschen muss: "Es kommt drauf an." Mit diesem Satz bringt man den Gesprächspartner gleich auf den unfruchtbaren Boden der Realität zurück und stößt ihn in ein Tal der Ehrfurcht. Alle Probleme lassen sich mit diesem Satz aufschieben. Ist das strafrechtlich relevant? Sind objektive Tatbestandsmerkmale gegeben? Muss ich in den Knast? Ist das Steuerhinterziehung? Ja, "Es kommt drauf an"... Wen interessiert da noch das Ergebnis rechtlicher Beurteilung? Garniert mit ein zwei Sprüchen auf Latein oder Griechisch vom Typ: "Summa cum Laude", "in dubio pro reo", "in vino veritas" wird sich der Gesprächspartner hinknien und Sie anbeten.
Ein weiteres interessantes Thema ist Führungslehre. Auch nicht schwer, lieben Sie ihre Mitarbeiter wie sich selbst, versuchen Sie, sie nicht zu schlagen, auch wenn sie Sie reizen. Stellen Sie an Ihre Mitarbeiter keine Anforderungen des Typs: "Ich will das bis vorgestern haben". Sie wissen, es ist physikalisch nicht möglich. Geben Sie ihnen ein bis zwei Tage Urlaub im Jahr, auch wenn sie es nicht verdient haben. Geben Sie ihnen ab und zu etwas Geld zum Essen, alle Menschen haben Hunger, sogar Ihre Mitarbeiter. Lassen Sie auch Ihre Mitarbeiter bei einer Besprechung nach einer Meldung etwas sagen, vielleicht möchte jemand auf die Toilette.
Zusammengefasst ist das dann das kooperative Führungssystem. Ein Beitrag hat mich besonders fasziniert: Psychologie. Da werden die banalsten Sachen so kompliziert gemacht, dass sie keiner versteht. Aber die Grundsätze der Anwendung sind einfach: Reden Sie, reden Sie, reden Sie, reden Sie: wenn man Ihnen nicht zuhört sprechen Sie lauter und schneller, wenn der Gesprächspartner aufgestanden und gegangen ist, sprechen Sie weiter über Ihre eigenen Probleme - Selbsterkenntnis ist der erste Schritt in Richtung Therapeut.
Es folgte nun die Betriebswirtschaft, Finanz- und Rechnungswesen und ähnliches. Ich dachte nach, wozu ich das brauchen könnte. Ich muss nicht einmal mein Gehalt zählen, das macht dankenswerterweise die Personalabteilung. Meine Einkäufe berechnet die Frau an der Kasse, meine Schulden berechnet meine Bank, meine Verfehlungen zählt der Chef, die herumliegenden Socken meine Frau. Also wozu dann noch Rechnungswesen? Aber auch das war ein Erlebnis im Land der Horizonte, ich wusste nun was "cash flow" bedeutet und was der "break even point" ist. Ich konnte nun so richtig angeben. In Kombination mit ein paar Paragraphen, garniert mit viel angewandter Psychologie wäre ich nun unschlagbar.
Als ich zurückkam fragte keiner, wie es mir geht. Ist ja auch nicht wichtig. Ich habe die Hälfte meines Lebens in der Ukraine gelebt, also musste ich ja wohl auch Kiel schaffen. Mein Chef war zufrieden mit meiner Leistung und stellte mir in Aussicht, nächstes Jahr ein weiteres Seminar besuchen zu können. Ich stellte nur zwei Bedingungen: nicht das fantastische Land der Horizonte und eine funktionierende Heizung. Ich traute mich nicht nach Urlaub zu fragen, aus Angst davor, er würde sagen, ich hätte ja wohl genug Urlaub gehabt. Ich musste doch Urlaub haben. Dringend. Ich musste heiraten. Für diesen Satz: musste heiraten würde meine bessere Hälfte vermutlich zur schlechteren Hälfte tendieren. Ich fragte nicht und stürzte mich in das Vergnügen der Vorbereitung für den schönsten Tag in meinem Leben.



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Eingereicht am 08. April 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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