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Die Partnerfalle

Von M. Schwirkmann


"Du, hör mal", sagte meine Freundin Karin eines Nachmittags bei einer gemütlichen Kaffeestunde, "wär das nichts für dich? - Veterinärmediziner, Anfang 50 sucht lebensfrohe Partnerin, die viel Freiraum für sich beansprucht. Damit könntest du deine Tierarztkosten radikal senken."
"Du spinnst wohl", antwortete ich noch ziemlich entrüstet, "der Mann, der meine neu entdeckten Freiräume (ich hatte mich gerade von meinem getrennt) toleriert, muss erst noch gebacken werden."
"Da hast du wahrscheinlich Recht", stimmte sie mir zu und wir amüsierten uns weiter über die reichlich vorhandenen bildhübschen Wesen beiderlei Geschlechts, die in der Zeitung ihren Marktwert anpriesen.
Aber, oh Schreck, als Karin gegangen war, schnitt ich den Veterinär aus und steckte ihn erst einmal in meine Brieftasche. Warum nur? Erste Zeichen eines Rückfalls? Oder war es nur deshalb, weil mein Pferd zur Zeit ständige Dates mit dem Tierarzt hatte?
Jedenfalls schlummerte die Anzeige in meiner Brieftasche mindestens 14 Tage - böse Falle!
Irgendwann saß ich an meinem Schreibtisch, suchte einen Beleg und fand die Brieftasche voll mit unnützen Zetteln. Vieles davon konnte den Weg in den Papierkorb antreten.
Ein Zettelchen fiel daneben "Veterinärmediziner, Anfang 50". War das der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl? Mein Hang zum Mystischen besiegte wieder einmal meinen Realismus, und obwohl schon zwei Wochen seit Erscheinen der Annonce verstrichen waren, setzte ich mich hin und beschrieb dem Veterinär meine Vorzüge und vor allem meine Freiräume.
Anschließend war mir allerdings klar, dass selbst der toleranteste Mann aller Zeiten das nicht verkraften würde. Meine Emanzipation war so weit fortgeschritten, dass mir selbst schon beim Lesen Angst und Bange wurde. Trotzdem schickte ich den Brief an die akademische Partnervermittlungsstelle.
Das musste ja wohl etwas Seriöses sein.
Am nächsten Samstag um 16 Uhr klingelte mein Telefon.
Eine Frauenstimme fragte: "Spreche ich mit Frau S."
Als ich das bejahte, fuhr sie fort: "Sie haben auf eine unserer Anzeigen geschrieben, sind Sie immer noch interessiert?"
Das konnte nur die akademische Partnervermittlung sein und ich bekundete, vielleicht sogar etwas zu schnell, mein noch vorhandenes Interesse. Die Frau erklärte mir, dass der erste Kontakt über ihr Büro laufen würde und gab mir sofort für die nächste Woche einen Termin.
Karin, die in meiner Küche mal wieder Kaffee schlürfte, wollte natürlich sofort alle Einzelheiten erfahren. Die merkwürdige Kontaktaufnahme machte uns beide nicht stutzig, waren wir doch in Punkto Kontaktanzeigen blutige Anfänger.
Nun konnte ich den Termin kaum erwarten. Kurz vorher ereignete sich aber noch ein denkwürdiger Zwischenfall.
"Kannst du mich gleich in die Stadt fahren?" Es war keine echte Frage meines Sohnes. Genauso gut hätte er sagen können: "James, Sie fahren mich um drei Uhr in die Stadt!"
Um so mehr schockte ihn meine Absage: "Nein, tut mir Leid, ich muss gleich weg. Wichtiger Termin!"
"Musst du zum Anwalt, dann kannst du mich doch mitnehmen?"
Jetzt machte ich einen schrecklichen Fehler. Ich blieb meinem Grundsatz treu, meinem Kinde möglichst immer die Wahrheit zu sagen.
"Pass mal auf, Henny, ich habe da auf eine Anzeige geschrieben........"
Weiter kam ich nicht. Mit weit aufgerissenen Augen stammelte mein Sohn: "Eine Heiratsanzeige? Du bist noch nicht einmal geschieden!"
Wie Recht er hatte.
"Das kannst du mit mir nicht machen. Hier kommt mir keiner ins Haus!"
Und dann rannte mein eigentlich gelassener Sohn heulend aus dem Zimmer.
'Toll, du Pädagogin, das hast du ja wieder sauber hingekriegt!'
Wie immer in solchen Situationen schienen die Zeiger der Uhr zu rasen. Sollte ich jetzt ein langes, klärendes Gespräch führen? Dann würde ich womöglich meinen absolut toleranten Veterinär verpassen, der, soweit waren meine Tagträume schon gediehen, sehnsüchtig darauf wartete, die Abende, wenn es denn meine Freiräume zuließen, mit mir vor seinem lodernden Kaminfeuer zu verbringen.
Nein, das durfte nicht sein!
Also musste mein überreagierendes Kind erst einmal warten.
Herzklopfend stand ich eine Stunde später vor einer Villa im Nobelviertel der Nachbarstadt, die, laut Angabe der weiblichen Stimme am Telefon, die akademische Partnervermittlungsstelle beherbergen sollte.
Eine etwas seltsam anmutende Dame - sie machte eher den Eindruck einer Wahrsagerin - öffnete mir die Tür und ich blickte mich suchend nach Kristallkugel und schwarzem Kater um.
Stattdessen stand nur dekorativ ein riesiges Schaukelpferd in der Eingangshalle, was ich als absolute Pferdenärrin wieder als gutes Omen wertete.
Im Büro, das sich im Keller der Villa befand, erhoffte ich den vor freudiger Erwartung zitternden Veterinär, konnte ihn aber zu meinem Bedauern nirgendwo erblicken.
"Schön, dass Sie gekommen sind", begann die 'Wahrsagerin' das Gespräch, "ich habe dem Herrn Ihren Brief übermittelt und er ist sehr von Ihnen angetan. Sie haben ja so viele Gemeinsamkeiten!"
Staunend lauschte ich ihren Worten. Das Gespräch war mehr ein Monolog ihrerseits, wobei sie mir noch einmal ausführlich die Vorzüge ihres exklusiven Kandidaten schilderte, der sich aber zu meinem Bedauern immer noch nicht blicken ließ.
Jetzt kramte die Dame in ihrem Schreibtisch und knallte mir ein Formular auf den Tisch. Was ich nun zu hören bekam, verschlug mir den Atem.
Siebentausend (damals noch DM) sollte ich ihr überweisen, dann erst könnte ich meinen Traummann in Augenschein nehmen. Und sollte er wider Erwarten nicht meinen Vorstellungen entsprechen, würde man mir noch vier weitere Traummänner ohne zusätzliche Kosten vorbeischicken.
Bei diesen Worten klingelten bei mir alle Alarmglocken dieser Welt und ich fiel unsanft aus meinem Wolkenkuckucksheim.
"Das kann doch wohl nicht Ihr Ernst sein", entrüstete ich mich heftig, "ich habe auf eine Ihrer Anzeigen nur geantwortet, warum soll ich siebentausend Mark bezahlen!"
"Aber hören Sie mal", die plumpe Vertraulichkeit fiel von der Dame ab, "ich kann doch nicht umsonst für Sie arbeiten."
"Wer hat denn gesagt, dass, Sie für mich arbeiten sollen!" Ich geriet in Rage. "Sie arbeiten höchstens für den Mann, der hinter dieser Anzeige steht. Aber wissen Sie was, mir geht jetzt ein ganzer Kronleuchter auf. Diesen überaus toleranten Veterinär gibt es überhaupt nicht. Morgen teilen Sie mir wahrscheinlich mit, der Tierarzt sei plötzlich verstorben und wollen mich mit anderen, weniger exklusiven Exemplaren Ihrer Kartei trösten. Die will ich aber nicht, damit wir uns ganz klar verstehen. Ich will den Tierarzt, aber auch nicht für siebentausend Mark!"
Erschöpft lehnte ich mich in meinem Sessel zurück. Mir blieb aber keine Zeit, Luft zu holen, denn ich wurde ziemlich unhöflich von der Dame gebeten, das Büro zu verlassen.
"Sie müssen ja wissen, ob Sie Ihr Glück mit Füßen treten wollen", schnaubte sie und fügte hinzu, dass sie mit so einer wie mir nicht ins Geschäft kommen wollte.
Ich habe natürlich nie erfahren, ob ich in diesem Augenblick meinem Glück wirklich einen Fußtritt versetzt hatte.



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Eingereicht am 16. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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