Ricky Martin und Superman
© Cosmo Calypso
Die mexikanische Mittagssonne brennt auf mein Haupthaar, das erste Pacifico des noch relativ jungen Tages mundet derweil hervorragend. Und das obwohl, das letzte, oder besser die letzten mir ihre Restwirkung noch immer nicht vorenthalten. Der gestrige Abend war feucht, und vor allem war er fröhlich.
Da mir nach den ganzen familiären Turbulenzen erst bewusst wurde, wie richtig nichtig diese ganze selbstgeschaffene Divenfarce mit Timo eigentlich war, prosteten wir uns am gestrigen Abend am anderen Ende der Welt erstmals wieder als Kumpels zu. Und das, als ob nie etwas gewesen wäre. Das war es auch nicht wirklich. Irgendeine Klatschbase versuchte mit irgendeinem erdachten Mist einen Keil zwischen zwei Freunde zu treiben und hatte damit über ein Jahr lang Erfolg. Ob ihrer eigenen Biographielosigkeit musste sie sich stets in die Angelegenheiten anderer einmischen, diese dramatisieren und so mit Spass an der Freude Unfrieden stiften. Man selbst zeigte dann auch wieder übereifrigen Stolz und zog diesen bis zum eigenen Familienkollaps, der dann echte Probleme aufzeigen sollte, durch. Nun gut, Timo wollte mich am Flughafen in Puerto Vallarta, an der Pazifikküste Mexikos gelegen, abholen. Leicht bierselig trat ich vor den Zollbeamten. Im Flieger von Phoenix/Arizona hatte ich nämlich ein amerikanisches, aber nettes, Elefantenmädchen kennengelernt. Es las Hermann Hesse. Tja, an sich kenne ich kaum etwas von Hermann Hesse, meine jedoch, dass der was für Schlaue ist. Und die Schlauheit hatte ich Pauschalurteiler den Amerikanern bereits abgesprochen. Na dann, Hut ab - zückte ich meine imaginäre Kopfbedeckung. Wir kamen so ins Reden und ein Bud folgte dem anderen. Sie müsse das wegen ihrer Erkältung trinken. Ne, is schon klar, und ich wegen der Erkältungsprofylaxe. Zumindest schuf ich mir bereits während des Fluges die Basis, die ich mir erst Stunden später erhofft hatte. Ich passierte also den mexikanischen Zollbeamten und schwatzte ihn einen Stempel ab, da ich meine Statsymbole im Reisepass und nicht in der Garage parke. Es dauerte nicht allzu lang, bis mein suchender Blick in der Ankunftshalle Timo erspähte. Bis über alle vier Backen grinsend hieß er mich in seiner zweiten Heimat willkommen. Wir stopften mein Hab und Gut so gut es ging in den alten Käfer. Der alte Käfer, welcher uns bereits Jahre zuvor mehr oder minder durch das Land chauffiert hatte, so dass ich mir an dieser Stelle ein Lob in Richtung des Wolfsburger Konstrukteurenteams im Dienste der "Kraft durch Freude" Bewegung lediglich aus politisch korrekt angehauchten Gründen verkneifen werde. Es ging mal wieder ins Hotel Eloisa. Ein alt bekannter Ort, wo in Zimmer 310 noch ein mittelgroßer Gefrierbeutel bis zum Rand gefüllt mit feinstem TexMex-Ganja auf uns warten sollte. Doch weit gefehlt.
In den vergangenen zwei Jahren waren die Sanierer entgegen allen landestypischen Klischees doch recht fleißig gewesen und haben das Haus von einer schäbigen Schlaf-Spelunke zu einem selbst für teutonische Touristen zumutbaren Hotel ausgebaut. Wenn eines dieser fleißigen Bienchen dann unser Gras gefunden und damit seine Lungenflügel als auch die Synapsen verwöhnt hat, dann geht das schon in Ordnung. Außerdem wäre es wohl ein schweres Unterfangen geworden, die Bewohner von Zimmer 310 davon zu überzeugen, dass wir vor zwei Sonnenumdrehungen noch "etwas" in den Rattanrillen des Stuhles in ihrer Räumlichkeit vergessen hätten. Und da wir erst einmal ein Jahr verbal aufzurollen hatten, war uns "Tequila con Squirt" in dieser Sache bei Weitem dienlicher. Vom kumpelinternen Zwist war keine Rede mehr, diesen hatten wir bereits via digitaler Datenautobahn zwischen San Diego und Guardelajara ad acta legen können. Ein jeder umriss kurz die vergangenen Monate des beiderseitigen Schweigens. Ich berichtete vom Tod meines Vaters, den anschließenden Turbulenzen innerhalb einer Familie zu schimpfenden Pseudoeinheit sowie von den doch schon unerwarteten Neuerungen in Punkto Imke und Timo erzählte mir vom Stress eines alleinstehenden Herbergsvaters und Hundehalters. Wir waren uns schnell einig, dass der Stress zwischen uns beiden Stehpinklern keiner weiteren Erwähnung mehr bedurfte und gingen zum für uns gewohnten Mexikoprogramm über. Cuervo Especial floss in Strömen, unsere eh schon lockeren Zungen rutschen fast schon aus den Mundhöhlen und wir entschlossen uns zu einem spätabendlichen Zug durch das einst so beschauliche Fischerdörfchen. Die erste und an diesem Abend auch letzte Destination war der Frogs n´Nachos wo wir uns diverse Cervecas gönnten und die Bardamen wie pickelige Teenager in den 80ern Judy von "Ein Colt für alle Fälle" anhimmelten. Das stieß auch durchaus auf Gegenresonanz. Wir waren ja keine Gringos, hatten jedoch ähnlich hohes Budget in den Geldbörsen und hielten mit diesem nicht hinterm Berg. Der mitteleuropäische Exotenbonus gepaart mit unserer Kaufkraft, welche wir in dieser Nacht noch nicht hinterfragten, machten uns zu so etwas wie einer guten Partie. Doch noch war ich ja frisch verliebt und Timo als auch meine Wenigkeit hatten mit uns selbst ausreichend Kurzweil. Oberflächliche Smalltalks und Quicksnapschnappschüsse fürs heimische Fotoalbum mit Barchica und Tequillaflasche sollten fürs Erste reichen. Nicht unzufrieden ob des ersten Abends erreichten wir das Hotel, gönnten uns noch einen hochprozentigen Absacker und sackten ab ins Nirvana des Tiefschlafes. Aus diesem erwacht war der erste Gang des Tages zu Burros Bar, ein ebenfalls nicht unbekannter Ort.
Tom Vegas und meine Wenigkeit hatten dort vor zwei Jahren TazMan kennengelernt - der Rest ist Individualhistorie. Eigentlich wollten wir an diesem Morgen lediglich ein rustikales Frühstück zwecks Grundlagenschaffung zu uns nehmen. Doch da es schon Mittag war, die Sonne schien und der Restalkohol sich langsam aber sicher zu verflüchtigen drohte, sahen wir akutesten Handlungsbedarf, Letzterem Einhalt zu gebieten. Das Pacifico bestellten wir also gleich eimerweise. Dies wurde uns eisgekühlt serviert - ein Leberorgasmus aus Hopfen und Malz. Man muss sich das so vorstellen, eine Lage besteht aus neun 0,2l Pacificoflaschen, welche dann in einem bis zum Rand mit Eis gefüllten Alubehältnis serviert werden. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Lagen wir bei Burros bestellt hatten, wage jedoch zu behaupten, dass es mindestens fünf an der Zahl gewesen seien. Das war zwar nicht die Grundlage, die wir uns eigentlich erhofft hatten, doch, so waren wir uns einig, sollte man die Feste, und wenn sie auch nur imaginärer Natur waren, feiern wie sie fallen. Wir arbeiteten uns also voran, der verbale Output nahm nahezu skurile Züge an und die Mittagssonne tat ihr Übriges. Da ich stets ein Meister in Sachen Selbstbeschiss und autodidaktischer Wut war, redete ich mich mehr und mehr in Rage. Natürlich trug die Hauptdarstellerin meiner Ausführungen den Namen Imke. Ihr Brief war es, den ich als roten Faden benutzte, um aus mir den gehörnten Lover zu formen. Drei, ja gleich drei zwischenmenschliche Ereignisse, sprich Knutschereien, nannte sie in diesem. An sich war mir das zuvor egal gewesen, doch an diesem Tag bespielte das Orchester meiner Emotionen eine recht egozentrische Klaviatur. "Das habe ich doch wohl als Allerletzter nötig, mir von so einer so etwas gefallen zu lassen" oder "was die kann, das kann ich schon lange". Gesagt, getan, doch da es erst früher Nachmittag war, hatten der Timo und ich noch eine lange Zeit zu überbrücken. Mir flüsterte zunehmend mein Unterbewusstsein in steter Hartnäckigkeit zu, dass ich doch langsam mal versuchen solle, ob meine "Tajetta" überhaupt schon wieder funktionstüchtig ist. Unsere Pesos neigten sich dem Ende entgegen und die allerletzten verwendeten wir für die Beschaffung eben jener Substanzen, die ja eigentlich noch in Zimmer 310 auf uns warteten. Dass sich der Amigo, nennen wir ihn mal Ricky Ramirez, von unserem Geld als eine Art Beschaffercourtage die eigenen Nasenflügel innenwändig puderte, ging dann auch wiederum in Ordnung. Das beschaffte Ganja roch streng, klebte an den Fingern und passte wunderbar in die Silberpfeife, die wir zweckmäßig erstanden - ein Geschätsabschluss zur beiderseitigen Zufriedenheit. Und das alles, ohne uns auch nur einen Schritt von Burros entfernen zu müssen. Ja, ja, in Mexiko wird die Worthülse Dienstleistung noch in allen Belangen mit Inhalt gefüllt - ein Attribut mit Vorbildcharackter für das Abendland. Doch irgendwann war es an der Zeit, das liebgewonnene Strandetablissement zu verlassen. Ich würde flunkern, wenn ich behaupte, mich mit dem Strauß Blumen von Senior Ramirez in der Tasche besonders wohl gefühlt zu haben. Ich wusste zwar noch nichts vom Innenleben eines mexikanischen Gefängnisses, kannte die weitverbreiteten Klischees jedoch zu Genüge. So hielten wir es für durchaus angebracht, die stimulierende Pflanzenpracht im Hotel als späteres Betthupferl zu parken.
Wir hatten ja noch viel vor und ein Zug von der scharfgemachten Pfeife hätte uns nur ins Straucheln gebracht. Sozial kompatibel wollten wir bleiben und bekifft schmeckt eben nur noch Tortilla statt Tequila. Ferner hatte ich die längste Zeit das Kreditkartenproblem erfolgreich verdrängt. Außer ein paar Centavos blieben uns lediglich die Pacificokronkorken in den Taschen. So mussten wir wohl oder übel den Gang nach Canossa, sprich zur nächstgelegenen BanaMex, antreten. Trotz des guten Glimmers pumpte sich das Adrenalin durch meine Venen. Das sollte jedoch nicht lange dauern. Die kompetenten Damen und Herren von Master-Card hatten ganze Arbeit geleistet und die Karte wieder freigeschaltet. Frei, ja so fühlte ich mich in diesem Augenblick. Ran an den Penunsenautomaten, Pesos gezogen und appigaloppi ins chica- und tequilalastige Getümmel. Zunächst lag die erste Priorität gar auf die Aufnahme von Nahrung. Da fackelten wir nicht lange. Keine Zeit galt es zu verlieren und wir wählten für die nun doch schon überfällige Grundlage den nächstbesten Schuppen aus dem es nach Essbarem roch. Dass diese Wahl nicht gerade die Beste war, bermerkte Timo erst, nachdem er eine pussierliche Fliegenfamilie unter dem Salatblatt auf seinem Teller willkommen hieß. Mir war das nur recht - meinen Teller hatte ich zügig verputzt und meine kulinarische Ekelgrenze lag stets ziemlich hoch. So hatte ich zwei Gerichte zum Preis von einem. Die Fliegen hatten entweder schon das Zeitliche gesegnet oder den Tiefschlaf neu definiert. Zumindest hatte sich keines der Insekten darüber mukiert, dass ich jetzt von ihrem Tellerchen aß. Und wenn mein Magen dann zu späterer Stunde auf Schubumkehr stellen sollte, so würde ich den Grund auch nicht mehr genaustens bestimmen können. Doch soweit sollte es in dieser Nacht nicht mehr kommen. Wir sattelten also unsere Pferde. Duschen, Waschen, Kämmen lautete die Losung, Puller im Hotelzimmer putzen und los. Wir verloren nicht viel Zeit und tanzten wie die kleinen Knaben der wilhelminischen Epoche im Matrosenanzug und mit Blechtrommel behangen um den Weihnachtsbaum ins erst kürzlich eröffnete Juniors. Juniors, dieser Name, dieses Etablissment, eine Art erotische Friendchisekette, war uns aus dem guten alten Guardelajara noch in bester Erinnerung. Allerdings ging an diesem Abend dort gar nichts. Wir wechselten nach nicht langer Zeit die Location. Das war nicht schwer, der nächste Table-Dance-Schuppen war gleich nebenan und die Securitytypen begrüßten uns dort nahezu euphorisch.
Kein Wunder, auch dort steppte besuchertechnisch nicht gerade der Papst im Kettenhemd, die Chicas waren jedoch mannigfaltigsterweise zugegen. Man musste irgendwie schwarze Zahlen schreiben und hofierte uns wie Könige aus dem Abendland. Als solche fühlten wir uns auch. Diverse Damen wurden uns vorgestellt, wir hatten quasi die Qual der Wahl und entschieden uns für die, das sollte uns erst später bewusst werden, beiden wohl verdorbensten Luder der Pazifikküste. Zunächst fing noch alles relativ stubenrein an, wenn man von reinen Stuben in solchen Etablissements überhaupt sprechen kann. Die eigentlich funktionierenden Spühlkästen lässt das Gro der männlichen Besucher meist arbeitslose Spühlkästen sein. Die großen und kleinen Geschäfte stapeln sich auf den Präsentiertellern und entfalten eine duftende Laison aus großer wie kleiner Geschäftlichkeit. An sich ist das weder was fürs Auge noch für die Nase. Da man auf den Banjos ja eigentlich nicht die meiste Zeit verbringt, kommt das Auge außerhalb wahrlich nicht zu kurz. Ich fühlte mich stets wie bei Dusk till dawn im Titty Twister - bloß ohne dämonisches Erwachen. Eingeölte Latinakörper räkelten sich ganz gleich wohin das Auge reichte. Gravitation ist in solchen Etablissements noch ein Fremdwort. Allein an der Nippelstellung der meisten Tänzerinnen hätte Isaac Newton seine hellste Freude gehabt. Doch muss man nicht unbedingt ein historisch renomierter Physiker sein um sich solcher Optik erfreuen zu können. Nein, nein, auch der Ottonormaltrinker, dessen Sexualität als hetero einzustufen ist, kommt dort ob des lebendigen wie liquiden Angebotes vollends auf seine Kosten. Und in diese Schublade waren auch wir zu stecken.
Mit Physik hatte ich nie wirklich etwas am Hut. Ich wusste, dass ich in Australien nicht unbedingt auf dem Kopf stehe und in den Orbit stürze. Dass das irgend etwas mit der Gravitation zu tun haben muss, das war mir ebenfalls klar und das sollte auch reichen für ein Leben außerhalb panischer Festhalteattacken - außerdem war ich ja als Europäer auf der sicheren Seite.
Da nahm ich es eher mit Dean Martin, der seinerzeit so treffend die These aufstellte, dass man erst besoffen sei, wenn man auf dem Boden läge und sich festhalten müsse. Und diese These hatte mit Gravitation und Physik nun wahrlich nichts am Hut. Festhalten, das war auch das meinige Ziel des Abends. Am Boden oder einem Wesen aus Fleisch und Blut, welches das kleine Geschäft sitzenderweise zu erledigen pflegt - dies galt es auszuloten. Und das sollte nicht allzu lange dauern. Recht zügig fanden wir Gefallen an den uns vom Management feilgebotenen Damen. Meine nannte sich der Erinnerung zufolge nach Susi. Der Name von Timos Chica ist mir derweil gänzlich entfallen. Das war wohl auch nicht wirklich von Belang. Es begann also das ganz normale Prozedere, wie es bei einem Besuch in einem mexikanischen Table-Dance-Schuppen halt so üblich ist. Natürlich waren unsere Anstandsdamen höflich und zuvorkommend. Ach was, sie taten geradezu als wären wir Rockstars, die im Zuge ihrer Welttournee nach ein wenig Abwechslung lechzten. Ahh´s und Ohh´s ob unserer grünen, bzw. blauen Augen markierten den Anfang unserer ganz persönlichen Götterdämmerung. Jeder zusätzliche Tequilla tat sein Übriges, um mich des Spanischen zunehmend sicherer zu fühlen, so dass ich ab einem gewissen Zeitpunkt annahm, auch in dieser Sprache zu denken. Doch mit dem Denken war es dato nicht mehr weit her. Keine Ahnung, ob ich Susi etwas von Imke, "mis novia", erzählt hatte.
Ich glaube, diese Thematik hätte dem eigentlichen Ziel lediglich contraproduktiv entgegengewirkt. Sie zumindest bauchpinselte mich mit Schmeicheleien. Die langen, blonden Haare, der Kinnbart und das Tattoo - ich war angeblich genau ihr type of guy. Mir war das nur recht, denn auch mein Gegenüber war nicht von schlechten Eltern - typisch mexikanisch halt. Heiß wie die Mittagssonne, scharf wie Chilli und stachelig wie eine Kaktee. Auch Reichspropaganderminister Joseph Goebbels wäre bei diesen rassigen Königinnen der Nacht mehr als schwach geworden. Das behaupte ich jetzt mal so frank und frei, da ihm ja bereits bei tschechischen Filmdiven wegen ihres "mediterranen" Flairs des Öfteren die Pferde aus dem Stall brachen. Anfangs agierte ich noch recht grobmotorisch, kein Wunder, da meine letzten Chicaerfahrungen ja bereits einige Zeit zurück lagen. Doch da der beste Freund eines schüchternen Mannes ja des Öfteren Gevatter Alkohol heißt und dieser in all seiner Pracht zugegen war, sollte es auch nicht allzu lange dauern, bis das Eis zwischen Susi und mir zu brechen begann. Como te Illamas?, Como estas? ....und so weiter, und sofort - das anfängliche Bra, bra, bla, bla erreichte fast schon superlative Züge in Sachen Unbeholfenheit und Oberflächlichkeit. Zum Glück hatte ich jedoch einen Profi an meiner Seite, welcher bereits seit Monaten im Training war. Die gegebene Situation war für Timo in den vergangenen Wochen schon wieder zum Alltag geworden. Er agierte so selbstsicher wie ein Casting-Agent, der in der mexikanischen Provinz nach einem unbekannten Latina-Gesicht für den nächsten Hollywood-Blockbuster suchte. Sein für meine Ohren fließendes Spanisch tat vermutlich dann sein Übriges. Auf diesem Zug sprang ich dann auch auf. Timo, der landeskundliche Exilmexikaner und ich, der Besuch aus South-California, beide mit einem Pass aus Deutschland ausgestattet - das brachte uns nicht nur einen Fuß in die Tür unserer beiden Gegenüber ein. Wir hätten wahrscheinlich machen können, was wir wollen, die Mädels wären bis zum Toreschluss nicht von unserer Seite gewichen. Wir hatten Durst und wollten nicht alleine trinken. Somit waren wir alle vier mit dem Verzehr von Tequilla con Squirt bestens unterhalten - und natürlich mit uns selbst. Ab und an musste eine unserer Damen auch wieder ihrer eigentlichen Profession, dem Tanzen, nachgehen, doch nach spätestens fünf Minuten hingen sie schon wieder auf unserem Schoß. Timo hatte sogar zweimal die Sexioption gezogen- mir brachte dieses offensichtliche Kommerzgebalze jedoch schon immer recht wenig, so dass ich an diesem Abend gänzlich darauf verzichtete.
Währenddessen versahen uns die Damen des Hauses noch mit Kosenamen, ach was sag ich, mit Namen derer, die uns ansatzweise ebenbürtig seien. Ricky Martin und Superman...? So, so, dass der Timmo auf Grund seiner Anatomie zwischen den Schenkeln als Superman bezeichnet werden könnte, das kann ich ja noch ansatzweise nachvollziehen. Aber eben auch nur ansatzweise. Doch was ich nun für Gemeinsamkeiten mit Mr. Latinlover No.1 haben sollte, das blieb und bleibt mir bis zum heutigen Tage ein wahrhaftiges Rätsel. Archivmaterial ließ mich wenig später mutmaßen, dass es eventuell die langen Haare sein könnten, welche uns einen Hauch von Ähnlichkeit verliehen. Die Haarfarbe stimmte des Weiteren. Mein oktavenübergreifendes Stimmvolumen hingegen war es eher nicht. Dann wohl doch eher dieser maskuline Hüftschwung, welchen wir unabhängig voneinander, ich in der alten, der Ricky, wie ich ihn lax nenne (und wohl auch der Rest der Welt), in der neuen Welt bis zur Y-Chromosomgeschwängerten Perfektion brachten. Aber halt, es gab jener Tage doch Gerüchte, Senor Martin könne außer labern mit dem weiblichen Geschlecht eher weniger anfangen.... Einen Gedanken, welchen ich jetzt nicht weiter spinnern möchte, da, wie ich meine, mein sehnsüchtiger Blick nun wahrlich nicht Timos zuckenden Pobacken galt. Kurz vor Feierabend ritt mich aber dann doch noch der Testosteron-Schalk und ich ließ meine Zunge im Rachen von Susi vorstellig werden. Spätestens danach wusste ich, dass da noch mehr gehen würde - wenn ich denn nur wollte. Doch eigentlich war ich mit dem Verlauf des Abends bereits zufrieden. Das zwischenmenschliche Ereignis, sprich, die Knutscherei, hatte ich in trockene Tücher legen können. Alles, was darauf folgen sollte, war nicht mehr Pflicht, sondern Kür. Und diese wurde recht unspecktakulär eingeläutet. Nach einigen Stunden voller Kurzweil wurde im Etablissement die Schlussglocke geläutet. Mir war das nur recht, mein Ziel hatte ich ja erreicht und im Hotel wartete bereits die nigelnagelneue Silberpfeife samt Inhalt. Der Timmo und meine Wenigkeit traten also den Heimweg an. Timo jedoch recht schweigsam. Erst während der Fahrt ins Eloisa offenbarte er mir, dass er noch so etwas wie ein Rendevouz mit seiner Chica hätte und dieses sicherlich nicht im Sande verlaufen lassen wolle. Nun gut, dachte ich bei mir selbst und ließ Timo von Dannen ziehen. Über alle vier Backen strahlte er, als er noch einen letzten Blick auf mein Häuflein Elend richtete, welches sich im Sud eines ganzen durchzechten Tages räkelte und wie ein kleines Kind nach der Aftershowparty lechste, die sich langsam aber sicher anzukündigen wagte. Es galt lediglich die Pfeife zu stopfen und das Tape zurückzuspulen - fertig. Eine tiefe, tiefe Inhalation und Fred Durst sollten mir in dieser Nacht an sich reichen - an sich. Wahrscheinlich glitt ich bereits nach den ersten zwei Titeln der "Chocklate starfish and a hot dog flavoured water" CD ins Nirvana meiner selbstherrlichen Rockstarphantasien ab und verharrte in diesen bis ich wieder wagte, die Augen zu öffnen. Mein Gott, ich hatte doch das Licht ausgemacht, dachte ich mir nach einiger Zeit. Das Licht brannte jedoch wie eine Festtagsbeleuchtung. Und auch die Sophranstimmen aus dem Badezimmer verwirrten mich zunehmends. Gut, Timo könnte sich noch im Bad Bettfertig machen, doch warum im Sophran? Es gab wahrlich keinen triftigen Grund, warum Timo eine solche akkustische Scharade durchziehen sollte, um mich nur zusätzlich zu verwirren. Ich konnte nur imaginär nach dem Grund suchen und diese Option blieb mir verwehrt, da nach dem Zuendespinnen eben jenen Gedankens mir die ungeschminkte Fratze der Wahrheit zutage kam. Die Badezimmertür öffnete sich wie von Geisterhand und aus dieser stolperten zwei aufgekratzte Mexikanerinnen heraus, wie ich sie bisher nur aus zweitklassigen Amipornos her kannte. Und als ob das in meinem zugeknisterten Zustand nicht schon gereicht hätte, sprangen die beiden mit Anlauf auf mein Bett und hüpften spanischlallend wie die kleinen Kinder vor der Bescherung auf mir herum. Eine Bescherung gab es allerdings für mich. Dass mich das ganze Szenario ob meines Zustandes ziemlich zu überfordern drohte, bedarf hier sicherlich keiner weiteren Erwähnung. Doch durfte ich in den Gabensack meiner beiden Gäste spekulieren und entdeckte Hilfsmittel, mit denen es ein Leichtes werden sollte, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen. Eine noch verschlossene Flasche feinstem Don Julio, Spuirt bis zum Abwinken und ein kleines Tütchen mit einer misteriösen weißen Substanz. Letzteres Mitbringsel ließ mich wieder optimistisch in die nahe Zukunft blicken, da ich neben aufgezählten Gaben auch eine 20er Packung Condome erblickte. Also ließen wir es in Mexiko mal so richtig schneien. In Verbindung mit dem Tequilla brachte mich dieser unerwartete Wetterumschwung von Null auf Hundert. Timo hatte derweil wieder über alle vier Backen grinsend das Szenario betreten. Er musste nur mit dem Nachtpförtner abklären, dass das Doppelzimmer in dieser Nacht, bzw. an diesem Morgen, es war ja bereits sechs oder sieben Uhr morgens, zu einem Viererzimmer zweckentfremdet werden sollte. Gut, da saßen wir also alle vier beisammen. Ich und Susi auf meiner Pritsche und Timo samt Angebeteter auf der seinigen. Ein jeder im Raum wusste, wie weit diese ganze Kiste noch ausufern sollte, doch ein letzter Hauch kollektiver Schüchternheit war noch zugegen. Ich schmiss nochmals die Schneekanone an, während Mr. Chicaloverlover Schulenberg bereits ins Eingemachte ging. Dem wollte ich natürlich in Nichts nachstehen und Susis Mimik (mannomann, wie scheiße ich den Namen Susi finde) verriet einen Hauch von Unverständnis, warum ich denn noch nicht über sie hergefallen war. Aber auch ich bin nur ein Mensch, dem eine solche Situation doch recht fremd anmutete. Ich brauchte halt meine Vorlaufphase, sprich gewissen Wetterumschwung. Nun gut, Zunge in die Speiseröhre und der Rest wird schon von alleine kommen. Eine Rechnung, die aufgehen sollte. Susi war ja wahrlich keine Klosterschülerin und wusste durchaus, wie sie ihre optischen Reize einzusetzen hatte. Nach nur wenigen Zungenrotationen griff Susi bereits in die Zone, wo der Eike nun mal am Meisten Eike ist. Mmmmhh, dachte ich mir, so muss ich wohl nicht den aktiven Part spielen. Es wäre derweil gelogen, würde ich behaupten, ich hätte das jemals gedacht. Puritaner mögen dieses Verhalten seitens der Dame vermutlich als schlampig bezeichnen, ich hingegen fühle mich mit der Definition erotisch-romantisch extrovertiert um Einiges wohler. Nun ja, wo die Liebe hinfällt, es sollte also alles so kommen wie der Situation samt aller Protagonisten danach dürstete, dass es nun auch so kommen solle. 11, in Worten elf Stunden lagen nun also vor mir, vor uns. Da Mr. Cicaloverlover bereits den vierten Gang befuhr und kurz davor war, noch einen hochzuschalten, fühlte ich mich genötigt, dem gleichermaßen bunten wie lautstarken Treiben nachzusetzen. Einzelheiten möchte und kann ich an dieser Stelle nicht verraten, da, erstens die ganze Berichterstattung ins trivial-pornographische absacken würde und, zweitens, ich die ganze Schose nicht mehr in allen Einzelheiten vor meinem inneren Äuglein abzurufen vermag. Nur eines, das kann ich mit Sicherheit rekapitulieren - es war dreckig, es war laut und es hat Spass gemacht. Neunundsechzig, Villariba, Villabajo - undsoweiterundsofort. Full Service, wie der angloamerikanische Imperialist oder einfach nur der Gringo von nebenan eben jene Situation zu kommentieren wüsste. Full Service - und mein altes, nahezu eingerostetes Getriebe befuhr den Highway of love wieder, oder auch das erste Mal überhaupt, auf der linken, der Überholspur. Vermutlich hatte ich das Gefühl für die Konstante Zeit verloren. Ich kann es mir nicht erklären, doch hatten wir vier innerhalb, wie ich meine, kürzester Zeit das gesamte Lümmeltütendepot, welches ich zuvor als eher illusorisch einstufte verbraucht, verballert - verbummst. "Grande Problema" lautete der kurze aber zutreffende Kommentar seitens Susi auf eben jene Situationsproblematik. Mir war das zu diesem Zeitpunkt jedoch schon fast egal. Ich war auf meine Kosten gekommen und, rekapitulierend die vergangenen zwei Tage gesehen, bildete ich mir ein, es überkäme mich ein leichtes Gefühl der Müdigkeit. Während es aus dem Bad noch recht frivol herausschallte, stellte ich in meinen Einschlafphantasien bereits die Stammelf des S04 für die Saison 2000/2001 auf. Obwohl ich seinerzeit noch nicht erahnen konnte, dass es Andi Möller von Schwarzgelb zu Königsblau ziehen würde, spielte diese Personalie an eben jenem Vor- oder Nachmittag eine große Rolle. Ich schlief also ein. Und ich dachte an Andi Möller - und das obwohl eine Mexikanerin naggisch neben mir lag, wie sie mexikanischer nicht hätte sein können. Beim Schreiben dieser Zeilen bekomme ich Angst.... und denke wieder an Andi Möller. Was macht er wohl jetzt so nach seiner aktiven Laufbahn? Ist er glücklich? Jüngst habe ich ihn noch mit Klinsi und Jogi auf der Tribüne des Westfalenstadions während des Derby-Krachers BVB gegen Schalke gesehen. Er sah zumindest nicht schlecht aus. Somit muss ich mir um ihn also keine Sorgen machen. Puhhhh, noch mal Schwein gehabt. Und ich bekomme schon wieder Angst. Nun also zurück zum eigentlichen Anliegen dieser Zeilen. Es gab diverse Resumees zwischen unseren beiden Herzdamen ob unserer Liebes- und Leibesfertigkeiten. Meine Aktionen wurden eher minder in diesen behandelt. Lediglich der kulinarische Beigeschmack eben jener wurde abgehandelt. Mein "Pichon" mundete indes hervorragend. Beileibe sehr von Merkwürden behaftet, da ich den lütten Namensvetter seit nunmehr über 16 Stunden, oder mehr, nicht mehr einem reinigenden Ritual unterzogen hatte. Vermutlich handelte es sich dabei aber um DAS Geheimrezept schlechthin. Des Öfteren mal lachs den Puller inner Buxe verschwinden lassen ohne noch nicht ausgiebig abgeschüttelt zu haben.... das muss es sein. Beim Schreiben dieser Zeilen übermannt mich das Bedürfniss, demnächst meine Gäste mit einer ganz besonderen, intimen Surprise überraschen, ach was, verwöhnen zu wollen. Man kann dies ja auch in nette Worte kleiden. Mexikanisches Dünstgemüse, serviert im Eichelkuchenbett und garniert mit einer leichten, aber auch sehr persönlichen maritimen Note.
Mmmmh.... ein aphrodisierendes Gedicht von wahrhaft epochaler Größe - einfach Gaumenschmeichlerisch!!!! Ich meine mich zu erinnern, dass der Stundenzeiger bereits die Fünf erreicht hatte - und zwar die Fünf des Nachmittages. Es hieß also Abschied nehmen. Als ob unsere beiden, allen voran die meinige, Begleitungen zu viele Telenovelas geschaut hatten, fiel eben jener recht tränenlastig aus. Richtig verstehen konnte ich ihre Ausführungen zwar nicht, meine jedoch sie meinte, dass die Tatsache so traurig sei, mich in diesem Leben wohl niemals wiederzusehen. Ich tat also so, als ob ich rein gar nichts verstanden hätte. Eher unglaubwürdig, da ich am Abend zuvor noch so vieles verstand. Aber was sollte ich denn machen.
Eine Fernbeziehung zwischen Hackfeld und Puerto Vallarta hätte mich vor zu große logistische als auch finanzielle Probleme gestellt. Und Abschied für immer nehmen war eh nie mein Ding. Und da war ja auch noch Imke.... ach ja, die Imke. Eine Personalie, welche ich in den vergangenen Stunden doch eher stiefmütterlich behandelt hatte. Aber die war ja vermutlich schon in der Wiege der Menschheit angekommen. Und was man(n) oder Frau über die Anatomie des Schwarzafrikaners an sich so zu Ohren, oder auch zu Augen, bekommen hat, spricht Bände und füllt ganze Schmuddelvideothekenregale. Zumindest machten sich unsere Zimmergenossinen Abreisefertig, sprich, sie zogen sich an.
Währenddessen scheiterten diverse Überredungsversuche, uns nur wenige Stunden später noch mit auf eine Privatparty zu schleppen. Mein bereits gebuchter Rückflug stand unmittelbar bevor und auch wenn nicht, wohin hätte das denn noch ausufern sollen? Verdammt!!!! Schade, eigentlich. Den Flug hätte ich auch sausen lassen können, und dann.... einfach nicht weiter drüber nachdenken. Timo blieb noch ne Nacht. Auf die Party wollte er allerdings ob seines körperlich eher kritischen Zustandes auch nicht mehr.
Er hatte ja noch das Paket von Dr. Feelgood, eine angebissene, kalte Pizza - und Satellitenfernsehen. Gibt es einen größeren Garanten für einen gelungenen Abend? Ich denke nein. Für mich galt es nach nur 48 Stunden auch von Mexiko Abschied zu nehmen. Diese 48 Stunden, so waren wir uns beide einig, hatten es aber dann doch inne. Zumindest um Einiges mehr inne als es ein jeder von uns erwartet hatte. Rein in den alten Käfer und ab zum Fliegerhorst, die Zeit drängte. Dort angekommen noch mal eben Emails abchecken. Stratze war heil in Teutonia zurück und die Imke derweil nicht minder heil in Ghana eingetroffen. Sie denke an mich.... Ich doch auch - zumindest jetzt wieder. Ich würde flunkern, behauptete ich, ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben. Allerdings fühlte ich mich in der MuchoMachoArschlochRolle auch nicht wohl, ich fühlte mich erst gar nicht als MuchoMachoArschloch. Nun ja, im Flieger nach San Diego gab es keine besonderen Ereignisse. Dort angekommen berichtete ich Micha, welcher mit immer größer werdenden Augen meinen Ausführungen folgte, von jüngst Erlebtem. Sein bester Kumpel hatte sich ja bereits angekündigt und ein adäquates Besucherprogramm galt es noch auszuklabüstern. Was bot sich da Besseres an als nach Mexiko rüberzumachen. Keine Sperrstunde, moderate Preise.... und Chicas. Dass dieser Schuss in Tijuana dann absolut nach hinten losgehen sollte, das erfuhr ich erst ein halbes Jahr später. Revue passierend bleibt am Ende dieses Wochenendes stehen: So etwas erlebt ein Ottonormalpopper wie meine Wenigkeit eigentlich nur in seinen freuchten Träumen und beim Handanlegen an sich selbst. Dass mir dieses Szenario auch in der Realität zu Teil wurde, das sehe ich noch heute als Privileg. Und wer kann schon von sich behaupten, von mexikanischen Halbprostituierten ausgehalten worden zu sein? Ich bis dato zumindest nicht. Superman und ich waren wieder dicke miteinander und harmonierten bestens als Traumduo in benachbarten Betten. Ähnlich wie seinerzeit Uwe Bein mit Andi Möller auf dem Spielfeld zu harmonieren wusste. Ach ja, der Andi. Ich werd ihn wohl gleich mal anrufen....
Eingereicht am 13. Februar 2006.
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