Das Osterbündel
Von Rosemarie C. Barth
"Kann ich es mit auf mein Zimmer nehmen?", rief die vierjährige Annalena zu ihrem Vater und meinte ein kleines Babybündel, das sorgsam eingepackt auf der Gartenliege vor dem Ferienhotel lag. "Das hat der Osterhase extra für mich hingelegt. Ja, es ist mein Brüderchen!"
Inzwischen gab es einen turbulenten Menschenandrang auf der grünen
Osterwiese. Die Sonne strahlte schon sehr warm vom Himmel, und die
Hotelgäste hatten sich zum Osterspaziergang versammelt. Doch nun sahen
sie neugierig auf das Baby, das wie ein Bündel geschnürt, auf einer
mollig dicken Babydecke lag, mit seinen winzigen Ärmchen ruderte, und
munter vor sich hin gluckste. Direkt davor hockte ein quirliges
Mädchen, betätschelte das Menschlein und rief immer wieder: "Das ist
mein Brüderchen vom Osterhasen! Ja, ist meins! Mein Osternest habe ich
schon allein gefunden!"
Annalenas Vaters versuchte, seine Tochter von der Kuschelliege weg zu
ziehen. Es gelang ihm aber nicht, Annalena schrie aus Leibeskräften: "Ich habe es beim Osterhasen bestellt. Ja! Heute ist Ostern und er hat es mir gebracht. Ich nehme es mit aufs Zimmer."
Als Annalenas Mutter aus der Hoteltür trat, hörte sie schon von weitem ihre kleine
Tochter lärmen. Als sie vernahm, was Annalena so laut schrie, war es
ihr ein bisschen peinlich, dass irgendwer ihrer Annalena ein
Ammenmärchen vom Osterhasen, der Osternester und Ostergaben auf die
grüne Wiese legt, erzählt hat. Ich hätte Annalena aufklären müssen,
dass Hasen keine Geschenke bringen und erst recht keine Babys,
gestand sie sich ein. Sogleich nahm sie Annalena zärtlich in die Arme
und beruhigte ihr kleines Mädchen. "Das ist nicht dein Brüderchen,
Annalena. Es hat auch nicht der Osterhase gebracht. Wie soll ein
Hase ein Baby getragen haben? Und wo soll er es her geholt haben?"
Durch Annalenas fröhliches Gesicht zog ein dunkler Schatten. Aber die
Mutter redete liebevoll mit ihr und versprach der Tochter, sicher
würde sie ihr bald ein Brüderchen schenken, ganz bestimmt. Und zwar
sie selbst - nicht der Osterhase.
Plötzlich kam die Mutter des Babybündels mit einem Fläschchen Fencheltee angerannt. Sie drängte sich durch die schaulustige Menschenmenge und hob das Kind sanft in ihre Arme. Als sie den Nuckel in den drolligen Babymund gesteckt
hatte, setzte rundherum anheimelnde Stille ein. Alle schauten
befangen auf den lutschenden Säugling und vergaßen den geplanten
Osterspaziergang. Annalena schmiegte sich dicht an die Frau, die dem
Baby die Nuckelflasche reichte und fragte laut: "Darf ich bitte das
Osterbündel mal spazieren fahren? Nur solange, bis mir Mama ein
Brüderchen schenkt. Vielleicht klappt es ja schon zum nächsten
Osterfest."
Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten,
benutzen Sie bitte unser
Diskussionsforum.
Unsere Autorin ist sicherlich
genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.
|
Das ideale Ostergeschenk
Jetzt bestellen
Antonia Stahn
Max und Mäxchen
Kindergeschichten für große und kleine Leser
Mit Illustrationen von Sibylle Rencker
Dr. Ronald Henss Verlag, 2006
ISBN 3-9809336-7-9
Großformat 23cm x 21cm
123 Seiten, 17 Abbildungen
|
Eingereicht am 24. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.