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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Lippenstift und Herzblut

© Victoria Süß


Heute wollte sie es ihm endlich sagen. Seit zwei Jahren nun schon war sie in ihn verliebt. Sie konnte es schließlich nicht ewig für sich behalten. Außerdem konnte es doch durchaus sein, dass er ebenso empfand, ermutigte sie sich. Auch wenn sie bereits mehrmals den Vorsatz gefasst hatte ihm die Wahrheit zu sagen, kniff sie jedes Mal kurz vorher. Diesmal hatte sie sich während der freien Tage komplett neu eingekleidet und war beim Frisör. Sogar neue Schminkutensilien hatte sie erstanden. Mary wollte sich rundum hübsch und begehrenswert fühlen, um selbstbewusst zu wirken.
Jedoch war das leichter gesagt als getan. Die Barriere zwischen ihr und Christoph war womöglich zu groß, als dass sie überwunden werden konnte.
Pünktlich um acht Uhr vernahm man das schallende Geläut der Schulglocke. Dennoch waren in den Bänken vereinzelt Gespräche zu hören, die zusammen ein lautes Gemurmel ergaben. Wer ließ sich schon von linearen Gleichungssystemen mit drei Variablen abschrecken, wenn doch bald die große Schuldisco anstand.
Mary stand von ihrem Stuhl auf und ging die wenigen Schritte zum Lehrertisch.
"Guten Morgen, Herr Schönbaum."
"Den wünsche ich dir auch, Mary. Was kann ich für dich tun?"
"Sie haben letzte Woche vergessen ins Klassenbuch einzutragen."
"Tatsächlich?" Mit seinen großen Händen öffnete er ungeschickt das Buch auf der entsprechenden Seite.
Verwirrt hob er den Kopf und kräuselte die Nase. Dann drehte er sich in die andere Richtung und schnupperte in der Luft.
"Du hast wohl ein bisschen viel Deo aufgetragen", scherzte er und zwinkerte dabei Mary zu.
Diese lief hochrot an und wäre am liebsten sofort im Erdboden versunken. Wie peinlich! Eigentlich war es das teure Parfüm ihrer Mutter gewesen, welches der Mathelehrer als Deodorant bezeichnete. Sie hatte es doch extra für Christoph benutzt.
Nachdem sich Mary wieder auf ihren Platz begeben hatte, zischte Robert zwei Tische hinter ihr "Streber" in ihre Richtung.
Böse funkelte sie ihn an und als Herr Schönbaum an die Tafel ging, um etwas anzuschreiben, streckte sie ihrem Mitschüler die Zunge raus.
Das Topthema in der Hofpause war die Schuldisco in der nächsten Woche. Die Mädchen steckten auf der Wieso ihre Köpfe zusammen und berieten sich, was sie tragen sollte. Außerdem wurden Spekulationen über künftige Pärchen angestellt. Ein wenig traurig war Mary schon bei dieser Unterhaltung, denn ihr sehnlichster Wunsch war nur einen Abend mit Christoph zu tanzen. Natürlich hatte sie ihm heute nicht ihre Liebe gebeichtet, sondern war mit eingezogenem Kopf schnell an ihm vorbeigehuscht.
Am Freitag, als die Schulparty stattfinden sollte, waren alle aus dem Häuschen und schenkten den Lehrern im Unterricht kaum Beachtung. Mary schloss sich dem weitestgehend an, außer in Mathe. Schließlich hatte sie gehört, dass Christoph Schönbaum die Aufsicht bei der Feier machen würde. Vielleicht könnte sie ihn irgendwie dazu bringen ein kleines Tänzchen mit ihr zu wagen; nur so zum Spaß natürlich. Also zog sie sich zu Hause ihr schönstes - und zugleich auch kürzestes - Kleid an und legte genügend Make-up auf. Außerdem trug sie ihre neuen hohen Pumps. Er konnte sie einfach nicht übersehen! Der Wandel vom grauen Mäuschen und Mauerblümchen zum Supermodel war überwältigend.
Gleich beim Reingehen erntete Mary gierige Blicke ihrer männlichen Mitschüler, mit denen sie sich für gewöhnlich auf dem Schulhof prügelte. Aber heute war sie eine Dame. Nur einen Tanz und dann würde sie Christoph vergessen. Es konnte ja gar keine Zukunft haben, in seinen Mathelehrer verliebt zu sein.
Um 21 Uhr kam Christoph in ausgewaschenen Jeans und Polohemd durch die Aulatür. Mary hielt die Luft an und wagte es nicht wieder auszuatmen. Nachdem er einige Schüler und Kollegen begrüßt hatte, wandte er sich an seine Klasse. Mary nahm ihren ganzen Mut zusammen und traute sich fast eine ganze Stunde später endlich zu ihm hin. Bevor sie die Chance hatte zu kneifen, fragte sie ihn rasch, ob er nicht Lust hätte mit ihr zu tanzen. Dabei legte sie einen möglichst beiläufigen und vor allem belustigten Ton an den Tag. Als wäre es das Normalste von der Welt und als ob sie nichts anderes tun würde als Lehrer zum Tanzen aufzufordern.
Er lächelte sie an und stimmte ihrem Vorschlag zu: "Na aber sicher. Wozu sind denn diese Feiern sonst da?"
Von diesem Augenblick an schwebte Mary für fast 10 Minuten auf Wolken und nahm um sich herum nichts wahr.
Als er seinen starken Arm um ihre Schulter legte, drohte sie an Ort und Stelle zu zerschmelzen. Seine Berührungen lösten bei ihr einen Hitzeschwall aus und es durchzuckte sie jedes Mal. Rhythmisch sich zur Musik bewegend flogen sie durch einen rosaroten Nebel.
Mary stiegen die ersten Tränen in die Augen, also biss sie sich entschieden auf die Oberlippe. Nach schier endlosen Minuten des Glücksgefühls und der Liebe riskierte sie es nicht die grün geschminkten Augen zu öffnen. Herr Schönbaum durchbrach den Schwall an Zuneigung, der von Mary ausging und zwischen ihnen lag. Er zerstörte den himmlischen Zauber, indem er von ihr augenzwinkernd - und flüsternd - wissen wollte, für wen sie sich derart herausgeputzt hatte. Grinsend gab er sie wieder frei und betrachtete sie von oben bis unten.
"Ich wette, du wolltest deinen Schwarm eifersüchtig machen, indem du mit dem sportlichen Mathelehrer tanzt. Habe ich nicht Recht?" Dieser Gedanke schien ihn prächtig zu amüsieren und in seinen Augen traf Mary sowohl auf Verständnis als auch auf Mitleid.
"Ja, so ist es", japste Mary als sie endlich ihre Sprache wieder fand. Obwohl sie sich hätte denken können, dass es so ausgehen würde, brach innerlich eine Welt in ihr zusammen. Noch Jahre später verband sie das Erwachsenwerden mit dieser Schuldisco in der neunten Klasse. Egal wie sehr ihr in im Leben wehgetan wurde, Mary empfand niemals mehr den Schmerz, die Scham und die Enttäuschung dieses Abends.
"Deine Lippe blutet ja", bemerkte Herr Schönbaum plötzlich.
Ebenso wie mein Herz, fügte Mary im Stillen hinzu.



Eingereicht am 16. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.



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