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Der Gasthof von Antfeld
Von Erna Landsknecht
Anja hatte ihre Prüfung als Innenarchitektin mit Auszeichnung bestanden und dachte daran, sich in ihrem Beruf selbständig zu machen. Sie besaß in München eine schön eingerichtete Wohnung, die sie nach ihrem Geschmack eingerichtet hat. In der freien Zeit traf sich Anja mit ihrem Freund Jürgen. Heute wollten sie auf ihr bestandenes Examen mit einer Flasche Sekt anstoßen. Auch der Tisch war reichlich gedeckt mit allerlei Köstlichkeiten, als plötzlich das Telefon läutete. Das kann doch nur Jürgen sein, so dachte
Anja. Umso erstaunter war sie als sich eine Frauenstimme meldete und von Jürgen ausrichten sollte, dass er noch beruflich unterwegs sei und es spät würde, ehe er zurückkommt. Aber daran wollte Anja so recht nicht glauben, denn ihr Freund war noch nie beruflich unterwegs gewesen und wollte sich mit einem Anruf bei Jürgen selbst überzeugen, ob er nicht doch anwesend ist. Es meldete sich eine Frauenstimme, die nach Anjas Ermessen ein und dieselbe Stimme war, von der sie soeben angerufen wurde. Da ist doch was faul
dran. Er lässt sich einfach verleugnen, das kann und darf er mit Anja nicht machen. So überlegt sie, was sie mit dem verdorbenen Abend anfangen soll. Da kam Anja ein rettender Gedanke. Ich fahre zu meiner Mutter und packte ihre Koffer, denn sie wollte um keinen Preis alleine sein, da sie ja zur Zeit auch Urlaub hat, passt es ja ausgezeichnet sich von der Mutter ein wenig verwöhnen zu lassen. Außerdem wird sich meine Mutter bestimmt freuen über den unverhofften Besuch.
Am nächsten Morgen machte sich Anja reisefertig, um mit ihrem Auto zu ihrer Mutter zu fahren. Sie wohnte in einer Kreisstadt nahe bei München. Sie betreibt dort einen Gasthof mit einer Fremdenpension. Der Vater, der die Mutter unterstützen sollte, ist seit einem Jahr verstorben. So plagte sich die Mutter mit zwei weiteren Angestellten ab. Über den unerwarteten Besuch freute die Mutter sich riesig. Ja wo kommst du denn plötzlich her? Ja Mutter, wo sollte ich wohl herkommen. Direkt aus München. So fielen sie sich
erst mal beide in die Arme. Ich denke, dass es wieder mal an der Zeit ist, mich mal wieder bei dir sehen zu lassen, meinte Anja. Das ist lieb von dir meine Tochter. So wie ich dich kenne, hast du bestimmt etwas auf dem Herzen, sagte die Mutter. Da hast du nicht ganz Unrecht, sagte Anja. Mein Freund betrügt mich. Er hat eine andere Frau kennen gelernt. Woher willst du das so genau wissen, fragte die Mutter. Da erzählte Anja vom Anruf einer Frau, die gesagt hat, dass Jürgen beruflich unterwegs wäre und zu dem verabredeten
Zeitpunkt nicht kommen könnte. Daraufhin wollte ich mich selber überzeugen und rief ihn kurzerhand an. Darauf meldete sich die gleiche Frauenstimme, die mich zuvor angerufen hat. Dann lass die Finger von dem Mann, er ist es nicht wert, ihm nachzujammern. Bei deinem Aussehen bekommst du alle Tage einen Mann, meinte Anjas Mutter. So eilig habe ich es ja auch nicht, einen Mann kennen zu lernen. Erst mal möchten ich meinen Urlaub bei dir verbringen. Wie du weist, hatte ich meine Prüfung als Innenarchitektin mit "gut"
bestanden. Darauf wollen wir heute Abend mit einem Glas Wein anstoßen und mit einem guten Essen. Du darfst dir etwas wünschen, sagte die Mutter. Und wie läuft das Geschäft, wollte Anja wissen. Es könnte besser sein, meinte die Mutter. Außer unseren Stammgästen kommen nur wenige Urlauber zu uns. Die Fremdenzimmer müssten renoviert werden. Aber dafür fehlt mir das nötige Kleingeld erzählte Anjas Mutter. Wie du weist, hatte Vaters Krankheit fast unsere Ersparnisse aufgebraucht. Für mich alleine reicht der Verdienst
aus unserem Geschäft. Ob es aber so bleiben wird, vermag ich heute noch nicht zu sagen. Mann könnte schon einiges hier in der Wirtschaft verbessern, denn es hat eine ideale Lage nahe am Wald und nicht weit vom See entfernt.
Den Abend verbrachten Mutter und Tochter in gemeinsamer Harmonie und rundeten ihn mit einem guten Abendmahl ab, als sie durch einen Anruf aufmerksam gemacht wurden. Wer ruft uns noch in so später Stund an, sagte die Mutter. Ihr schwante nichts Gutes, als sie am Telefon die Stimme ihrer Schwester vernahm. Sie hatte eine Bitte und fragte Betty: Kannst du nicht für drei Wochen zu mir kommen, ich muss mich dringend operieren lassen. Du kennst ja mein Leiden und mein Gustav mag ich nicht alleine lassen. Er ist auch
nicht mehr der Gesündeste. Da hast du Glück gehabt Ilse, unsere Anja ist zur Zeit bei mir. Ich werde eben mal fragen, was sie dazu sagt, aber ich höre schon, Anja ist damit einverstanden. Sie wird die Wirtschaft weiterführen. Sie ist ja nicht alleine hier, wir haben ja noch zwei Bedienstete, die Anja unterstützen können. Dann danke ich dir Betty und erwarte dich übermorgen. Dann gehe ich ins Krankenhaus.
Anja sagte zu ihrer Mutter, ich möchte mir noch ein wenig die Füße bewegen und frische Waldluft einatmen. Und sie konnte dabei ihren Gedanken freien Lauf lassen. Nachdem sie den frischen Duft der Tannen einatmete überhörte Anja das herannahende Gewitter. Sie war nicht mehr dazu gekommen, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, und wurde bis auf die Haut nass, als ganz in ihrer Nähe ein Blitz einschlug und wäre beinahe von einem abfallenden Ast getroffen worden, wenn nicht in diesem Moment ein beherzter Mann
sie davor bewahrt hätte. Anja war so erschrocken, woher der Mann so plötzlich herkam und zitterte teils aus Angst und vor der Kälte, denn ihre Kleidung war ja patschnass. Der Fremde sprach auf Anja behutsam ein und sie brauchte keine Angst zu haben und er gab Anja seinen Mantel. Sonst erkälten Sie sich noch und zu Ihrer Beruhigung ich komme vom Schloss Antfeld und mein Name ist Jürgen Schlüter. Ich bin als Verwalter auf dem Schloss tätig. Ich schlage vor, dass ich Sie mitnehme auf unser Schloss, bis dahin ist
es nicht sehr weit. Ihre nassen Kleider können Sie dort trocknen und eines unserer Dienstmädchen wird Ihnen mit einem Kleid aushelfen. Anja wunderte sich, dass der Verwalter sie so ohne weiteres mitnehmen wollte, aber einerseits war sie froh, ihre nasse Kleidung abzulegen.
Im Schloss bekam Anja ein Dirndlkleid, das ihr ein junges Mädchen überlassen hatte und Herr Schlüter brachte zur Aufwärmung für Anja und sich selber einen heißen Grog, das beide sichtlich aufgewärmt hat. Anja wurde danach etwas gesprächiger, sie sagte, dass sie bei ihrer Mutter zur Zeit ihren Urlaub verbringen würde. Wir besitzen in Antfeld eine Gastwirtschaft und Anja musste sich entschuldigen, dass sie sich noch nicht mit Namen vorgestellt hat, und sagte, dass sie Anja Rau heißt. Da sagte Herr Schlüter, das
Lokal kenne ich. Ich war einige Male schon dort und ich finde, dass die Wirtschaft eine gute Lage hat. Das stimmt sagte Anja. Nur müssen wir alles neu renovieren lassen. Nach Vaters Tod hatte meine Mutter jegliches Interesse daran verloren. Das wäre nötig, so wie ich die Gastwirtschaft in Erinnerung habe, würde es sich doch allemal lohnen es zu erneuern. Nebenbei gesagt, führt Ihre Mutter eine gute bürgerlich Küchen, denn ich hatte schon wiederholt gespeist bei Ihrer Mutter, erwähnte Herr Schlüter. Das erzählen
Sie meiner Mutter mal selber. Ich glaube, dass sie sich darüber freuen wird. Nur das Problem ist, dass die Renovierung eine Menge Geld kosten wird und daran hapert es bei meiner Mutter. Auch wenn ich als Innenarchitektin viel selber in Eigenleistung dazu beitragen würde, reicht das Ersparte von meiner Mutter nicht aus, erzählte Anja. Ein großer Teil an Geld hat die Krankheit von meinem verstorbenen Vater gekostet. Da sagte Herr Schlüter kommt Zeit kommt Rat. Da meinte Anja, dass sie nach Hause gehen muss. Meine
Mutter wird auf mich warten und in Sorge sein, wo ich bei dem Gewitter geblieben bin. Herr Schlüter bot Anja an, sie mit seinem Wagen nach Hause zu bringen. Herr Schlüter bat Anja um ein Wiedersehen, welchem sie freundlich zugestimmt hat. Sie mochte den gebildeten Mann gut leiden. Als Anja bei der Mutter eintraf, war ihre erste Frage: Kind, wo warst du bei dem Gewitter. Ich habe mir schon ernstlich Sorgen um dich gemacht. Aber Anja konnte ihre Mutter beruhigen und erzählte von dem Vorfall im Wald und dass Herr
Schlüter sie vor einem herab fallenden Ast bewahrte. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte mich der Ast getroffen. Dass ist ja furchtbar, was ich von dir hören muss. Du hättest ja tot sein können, erregte sich die Mutter. War den der Graf von Antfeld nicht auf seinem Schloss fragte Anjas Mutter. Wie mir Herr Schlüter mitgeteilt hatte, ist der Graf wieder mal auf Reisen.
Von nun an traf sich Anja mit Herrn Schlüter immer öfter. Da sich beide auf Anhieb sympathisch waren, beschloss man auf Brüderschaft zu trinken. In ihm fand Anja einen guten Zuhörer. Mit ihm konnte sich Anja über alle Probleme unterhalten. Als sich Anja und Jürgen Schlüter wieder einmal trafen, sagte sie unter anderem, dass die Mutter für drei Wochen zu ihrer Schwester gereist ist. Ich glaube, dass ich dir davon schon berichtet habe. Das wäre doch eine Möglichkeit eure Wirtschaft zu renovieren. Vor allem die
Fremdenzimmer, meinte Jürgen Schlüter. Aber dazu fehlt es mir am nötigen Kleingeld sagte Anja. Das lass mal meine Sorge sein, sagte Jürgen. Im Schloss ist Malermaterial vorhanden und gut erhaltene Bauernmöbel. Kannst du so einfach darüber verfügen, wollte Anja wissen. Auch das lass ruhig mal meine Sorge sein. In gewissen Dingen kann ich darüber verfügen. Und hast du so viel Zeit um mir bei der Umgestaltung in unserem Lokal zu helfen, fragte Anja. Immerhin bist du ja beim Graf von Antfeld beschäftigt. Wenn der
Graf nicht anwesend ist, kann ich mir meine Arbeit selber einteilen. Außerdem ist er noch nicht anwesend, erwähnte Jürgen. Ich bringe für die Arbeit ein paar Leute mit. Damit wir eure Gaststube fertig haben, ehe deine Mutter zurückkommt. Damit bei Anja gar keine Zweifel aufkommen sollten, nahm er sie erst mal in die Arme und gab ihr einen herzhaften Kuss und sagte ich hatte mich vom ersten Moment an in dich verliebt. Daher ist für mich die Arbeit bei euch nicht schwer gefallen und Anja sagte, ich war zuerst nur
ein wenig skeptisch darüber, dass du so uneigennützig deine Hilfe angeboten hast. Ich bin von einem guten Freund belogen und betrogen worden. Daher meine Zweifel an dir, Jürgen. Aber wie ich feststellen muss, ist eher das Gegenteil der Fall und ich und meine Mutter können dir nicht genug dafür danken.
Die Arbeit ging auch zügig voran. Alles verlief nach Plan so wie es sich Anja und Jürgen vorgestellt hatten. Die Wirtschaft strahlte in hellem Glanz. Auch die Fremdenzimmer nahmen ihre Formen an. Die Dekoration machte Anja und dieses mit viel Liebe, das hatte sie ja als Innenarchitektin gelernt. Anja meinte, wenn alles so zügig verläuft, können wir unsere Wirtschaft schon bald eröffnen. Anja sagte zu Jürgen, am Wochenende können wir unsere Wirtschaft eröffnen und sie schmückte jeden Tisch mit frischen Blumen.
Nun freust du dich doch noch, dass alles so gut gelaufen ist, meinte Jürgen. Deine Mutter wird sich hier nicht mehr auskennen. So wie meine Mutter gesagt hat, kommt sie an diesem Wochenende zurück. Da verriet Jürgen, dass er für das Lokal schon vorsorglich Werbung gemacht hatte und sich bald die ersten Gäste einstellen werden, so in etwa Gasthof mit Fremdenzimmer und gut bürgerlicher Küche, nahe am Wald und See gelegen. Ich glaube Jürgen, du denkst auch an alles. Du wärst der geeignete Wirt. Da meinte Jürgen,
nur mal zum reinschnuppern, mehr ist bei mir nicht drin.
Ein paar neugierige Gäste aus Antfeld hatten sich in der Wirtschaft eingefunden. Alle wollten sehen, was aus dem Gasthof geworden war und alle waren hell begeistert über die Veränderung. Anjas Mutter, die gegen Abend eintraf staunte nicht minder schlecht. Sie glaubte sich hier verirrt zu haben. Das ist doch nicht unsere Wirtschaft Anja, fragte die Mutter ganz erstaunt und konnte sich nicht genug daran satt sehen. Alle Räumlichkeiten erschienen ihr so klar und hell, dank der guten Beleuchtung. Bei der Besichtigung
der Fremdenzimmer konnte sie vor Freude kein Wort des Dankes herausbringen. Ich muss sagen Anja und Herr Schlüter, diese Überraschung ist euch beiden gut gelungen. Bei dieser Gelegenheit lernte die Mutter den Freund ihrer Tochter kennen und bedankte sich ausschließlich noch einmal bei ihm. Darauf wollen wir heute Abend mit einem guten Tropfen Wein anstoßen, den ich nur ausgesprochene Gäste habe. Und so stießen alle drei auf ein gutes Gelingen an, als sich ein Mann ihrem Tisch näherte und Jürgen mit Graf ansprach.
Mutter und Tochter sahen sich verdutzt an, bis die Mutter von Anja sagte, dann bist du der kleine Junge von Antfeld. Ich hatte dich in all den Jahren nicht gesehen, deshalb kamst du mir so bekannt vor erwiderte die Mutter. Ich hatte Anja sofort wieder erkannt. Ich darf doch du zu deiner Mutter sagen, fragte Jürgen. Das ist doch selbstverständlich, meinten Anja und die Mutter. Aber warum hattest du mir nicht gleich gesagt wer du bist, fragte Anja. Hätte ich gesagt, dass ich Jürgen von Antfeld bin, hättest du und
auch deine Mutter sich nicht von mir helfen lassen. Die Rolle mal einen Verwalter zu spielen gefiel mir auch ganz gut. Außerdem wollte ich auch als solcher geliebt werden. Ich muss gestehen, dass dir die Komödie gut gelungen ist, sagte Anja. Außerdem machte es mich einfach glücklich, vor allem, dass ich hier helfen konnte. Und das mit wenig Geld. Ich denke, dass was ich hier erarbeitet habe mit Anja in der Familie bleibt, sage Jürgen zu seiner zukünftigen Schwiegermutter. Daraufhin fragte Jürgen: Anja willst
du meine Frau werden und mit mir auf Schloss Antfeld leben. Anja fiel ihrem Jürgen um den Hals und nahm sein Heiratsangebot mit Freuden an. Und mich fragst du nicht, ob ich gewillt bin, dir meine Tochter zur Frau zu geben, meinte die Mutter von Anja. Verzeih liebe Schwiegermutter, hiermit bitte ich in aller Form um die Hand deiner Tochter Anja. Und wie gedenkt ihr wer hier die Wirtschaft weiterführen soll, fragte Anjas Mutter. Wir nehmen doch an, dass du die Wirtschaft in deinem Sinne weiterführen wirst. Außerdem
bist du ja noch nicht zu alt dafür. Wenn es Not am Mann ist werden ich und Jürgen gerne einspringen. Außerdem kannst du dir in der Hauptsaison noch Leute einstellen. Ich denke, dass ich klarkommen werden, versprach die Mutter. Dann schlage ich vor, dass wir auf unsere Verlobung anstoßen sollten, sagte Jürgen. Anjas Mutter holte den besten Wein aus ihrem Weinkeller, der nur für besondere Anlässe getrunken wird. Bis zur Hochzeit wollte Anja ihrer Mutter in der Wirtschaft behilflich sein.