© Dr. Ronald Henss Verlag
Kurzgeschichten - Erzählungen
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Mauerstücke - Erinnerungsgeschichten Der Füllfederhalter des Grauens Gruselgeschichten Hundert haarige Limericks Einbruch ins verschlossene Kurdistan Der Mann, der vergewaltigt wurde und andere Geschichten
Iranischer Frühling
© Barbara Naziri

Die wilden Tulpen blühen im Verborgenen. Gedankenverloren sitze ich auf der Dachterrasse und knabbere an meinem Dattelkeks. Von hier oben habe ich einen weiten Blick auf die Stadt, die sich in der Ferne verliert, denn die Dunkelheit streicht wie eine schwarze Katze um die Häuser. Der Himmel über Teheran zeigt sein Sternenlächeln, unbeeindruckt von dem künstlichen Lichtermeer unter ihm. Wie würde die Botschaft der Moralwächter an den Abendstern lauten? Etwa: "Achtung! Achtung! Teheran an Venus. Hier spricht das Komitee für Tugend und Kleiderordnung. Bedecken Sie umgehend ihre Blöße!" Solche Schilder stehen bei uns sogar in den Parkanlagen. Blödes Geschwätz von ein paar vertrottelten alten Greisen, die das Wort Lust nicht einmal buchstabieren würden. Trotz alledem quält mich der Abschied. Der Nachtwind haucht mir einen Kuss auf die Wange. Dann wiegt er sich in den Zweigen der Platane und säuselt durch die Blätter 'Zeit ist Veränderung'. Die Zeit ist momentan meine Feindin. Sie ist mir vorausgeeilt und hat mit einem Fingerschnipsen vier Wochen im Nu vergehen lassen.

Der Wunsch, das Norusfest im Kreise meiner Familie zu feiern, beherrschte mich seit Wochen. Ich lebe gern in Europa. Doch manchmal fühle ich mich behindert, so als bremse mich ständig jemand aus. Saeid, meinem Liebsten, geht es ähnlich. Ich fragte mich, woran es liegt, bis mir klar wurde, dass mir ein Teil meiner Kultur, der Tradition, selbst der Sprache abhanden gekommen ist. Saeid und ich sprechen fast nur Deutsch miteinander, als hätten wir alle Brücken hinter uns abgebrochen. Das bedrückt mich. Darum zieht es mich magisch dorthin, wo alle Iraner vereint sind, zum Norus. Sein Ursprung findet sich an der Wiege Zarathustras, als die Perser vor der Sonne knieten und das heilige Feuer in ihren Tempeln brannte. Dem Norus sind wir Iraner treu ergeben. Wir haben es uns nicht nehmen lassen, weder von den Arabern, die uns islamisierten, noch von den Unterdrückern und Ayatollahs, die ihnen folgten. So feiern wir ausgelassen wie die Kinder die 'Wiedergeburt des Jahres' mit der Tagundnachtgleiche, dem Frühlingsanfang. Unsere Zeitrechnung richtet sich nach dem Sonnenjahr, so wie die 'Wiedergeburt des Tages' mit der östlichen Morgenröte beginnt. Das macht uns zum Morgenland.

Wie ein Schmetterling schwebt die Vorfreude durch die Stadt und zaubert auf jedes Gesicht ein Lächeln. Fröhlich rufen die Menschen einander Segenswünsche zu. Der Koloss Teheran versteckt sein Alltagsgrau unter festlichen Blumengirlanden und wartet darauf, dass die tanzenden Goldfische das Neue Jahr verkünden. In den Gassen erscheint Hadji Firus, rot gekleidet mit geschwärztem Gesicht, um Freude auf Norus zu verbreiten und den Menschen ein Lachen zu entlocken. Es heißt, jedes Lachen bringe eine Blume zum Blühen. Noch bevor ich ihn zu Gesicht bekomme, kann ich ihn hören, denn er schlägt kräftig sein Daf, ein großes Tambourin. Seine schnarrende Stimme, mit der er einen Eunuchen imitiert, hallt weit über den Platz. Nun hat Hadji Firus mich entdeckt und kommt singend angehüpft, wobei er sein Gesicht zu lustigen Grimassen verzieht. Als ich von seinem Schabernack genug habe und die Flucht ergreifen will, bewirft er mich mit Süßigkeiten.

Unser Haus liegt im Norden Teherans, in der Nähe der Vali Asr, der bekanntesten Straße der Stadt, die von wuchtigen Platanen gesäumt wird. Ihr Name - Prinz der Zeit - könnte nicht passender gewählt sein, denn sie hat Herrscher kommen und gehen sehen. Wie eine Lebensader zieht sie sich 20 Kilometer quer durch den Körper von Teheran. Hier protestierten die Menschen gegen den Schah und die ungeliebten Besatzer, die Islamische Revolution hat hier gewütet, und jedes Mal, wenn Menschen sich verbünden, um gegen das Regime aufzubegehren, finden sie sich auf dieser Straße wieder ein. Ich mag diese Straße, die nicht nur quer durch die Stadt verläuft, sondern auch Menschen aller Schichten berührt. Sie ist somit auch ein Spiegel unserer iranischen Gesellschaft. Die Vali Asr nimmt ihren Verlauf im Norden, wo einst der Schah residierte und die betuchten Teheraner leben. Sie führt vorbei an exklusiven Geschäften und schlossähnlichen Villen, deren Schönheit sich hinter hohen Mauern verbirgt, sowie an weitläufigen Parkanlagen, in denen sich Gruppen von Joggern und Schattenboxern treffen. Auch in der Nacht bis hin zum frühen Morgen ist die Vali Asr ein Quell pulsierenden Lebens. Restaurants und Coffee-Shops quellen über von fröhlichen Menschen, deren Lachen bis auf die Straße klingt. Hier treffen sich in Ermangelung von Bars und Diskotheken unsere jungen Wilden, Liebespaare oder Nachtschwärmer. Weiter windet sich die Vali Asr durch das Zentrum und streift den großen Basar mit seinen feilschenden Händlern im Süden, in dem die Lastenträger und sozial Schwächeren zu Hause sind, um dann beim Teheraner Hauptbahnhof zu enden, von dem aus die Züge in alle Richtungen unseres weiten Landes davonbrausen.

Seit ich in Teheran bin, befällt mich mehr denn je die Lust, die Heimat zu bereisen. Ich lasse mich treiben wie Wüstensand, denn nirgends kann ich lange verweilen. So wandere ich auf einsamen Wegen durch das Elbursgebirge, zu dessen Fuß Teheran wie eine verschmähte Jungfrau liegt. Wildzerklüftete Berge stehen wie Wächter, die ihre Gipfel wie Sperrspitzen in den Himmel stoßen, und König Damavand mit seiner Schneekrone, blickt majestätisch auf mich herab. Ab und zu ergreift der Windgeist spielerisch meinen Rusari und haucht seinen kühlen Atem in mein vom Aufstieg erhitztes Gesicht. In der Ferne sehe ich Schahin kreisen, den mächtigen Königsvogel, der einzig Freie in diesem geknechteten Land. Die Luft wird immer dünner und das Atmen fällt mir schwer. Kurz vor der Schneegrenze mache ich ohne Bedauern kehrt, denn die Schönheit hat den Anblick in mein Herz gemalt.

Südlich von Teheran liegt die Wüste und in ihr wie das Herz Namak, der große Salzsee. Die flirrende Luft gaukelt mir seltsame Bilder vor. Wie sehr ich auch dem See entgegenlaufe, er kommt mir nicht näher, ja, er scheint sein Spiel mit mir zu treiben und sich von mir zu entfernen. Der Wüstenwind brennt ein Tatoo auf meine Haut, während ich mit den Händen in der trockenen Erde wühle. Ich sehne mich danach, den Blick so lange in die Weite zu richten, bis ich bei mir angekommen bin. Erschöpft setze ich mich auf einen einsamen Felsbrocken. Das gleißende Weiß des Namaks blendet meine Augen, bringen sie zum weinen. Ich höre den Wüstenwind mit den nackten Steinen flüstern. Spielerisch greift er den staubfeinen Sand und pustet ihn mir ins Gesicht. Meine Lippen sind trocken und schmecken die salzige Erde, wobei die Stille mich umgarnt. So werde ich eins mit der Wüste, die ihre Farbe je nach dem Stand der Sonne richtet. Mal bin ich rosé, mal blau, dann wieder gelb oder grün. Ein Gecko, kaum vom Boden zu unterscheiden, huscht an mir vorbei, während Himmel und Erde miteinander verschmelzen.

Als wir am frühen Morgen Teheran verlassen, liegt der müde Drache noch im tiefen Schlaf. Nur ab und zu höre ich sein Gähnen, wenn der Imam zum Gebet ruft. Wir sind unterwegs auf der ehemaligen Karawanenstraße. Unser Ziel ist Yazd, die goldene Oasenstadt und Stätte Zarathustras. Sie liegt 650 Kilometer von Teheran entfernt im Süden Irans. Auf den alten Karawanenwegen hat die Zeit nicht verweilt, sie wurden gestampft und asphaltiert. Wo früher Händler mit ihren Wüstenschiffen gemächlich durch den Sand zogen, rasen nun schwer beladene Trucks die Trasse entlang. Morgengrauen im Morgenland. Nur widerwillig weicht die Dunkelheit dem Zwielicht. Weiße Nebelschleier schweben über dem kargen Wüstenboden, während in der Ferne wilde Kamele äsen. Der junge Morgen malt zartes Rot auf seine Himmelspalette und tuscht noch ein bisschen Gelb hinzu, bevor die ersten Sonnenstrahlen die Wüste aufheizen.

Gegen Mittag erreichen wir Yazd. Ockerfarben erhebt sich die ehrwürdige Stadt aus der Wüste, geschmückt mit ihren Windtürmen, die den Häusern im Sommer Kühlung und im Winter Wärme einhauchen. Die Altstadt mit ihren hohen Lehmmauern, Winkeln und Gässchen versetzt uns in eine archaische Welt. Ich bestaune die kunstvoll geschnitzten Holztüren, an denen ich zu meiner Verwunderung zwei Türklopfer entdecke, deren Klang sich unterscheidet. Ein alter Mann, der gerade das Haus verlässt, klärt uns lächelnd auf. Der unterschiedliche Klang der Türklopfer verkündet den Bewohnern, ob draußen weibliche oder männliche Besucher Einlass begehren. So gebührt der linke den Frauen und der rechte den männlichen Besuchern. Aha.

Im Basar schaue ich den Töpfern zu, die ihre Gefäße nach uraltem Brauch formen und bemalen. Wie das allwissende Weltrad sich unermüdlich dreht, so dreht sich auch die Töpferscheibe. Lautes Hämmern lenkt meinen Blick auf den Schmied, der gegenüber mit kraftvollen Schlägen das heiße Eisen zu einer Messerklinge formt. Wie in Feuer getaucht hebt sich seine starke Gestalt aus dem dunklen Raum und seine schwarzen Augen, mit denen er mich kurz mustert, gleichen reifen Oliven. Ein Lächeln schleicht sich kurz auf seine Lippen, als er bemerkt, wie gebannt ich ihm zuschaue. Atesch Afrus, denke ich. So stelle ich mir den ältesten Feuer spuckenden Boten des Norus vor, der einst durch die Straßen Persiens zog, um den Menschen Hoffnung zu bringen. Ein paar Schritte weiter knetet der Bäcker emsig seinen Teig und backt das Brot, wie schon vor tausend Jahren, auf heißen Steinen. Sangak. Das heiße Brot duftet verführerisch und ich kann nicht widerstehen, ich muss davon kosten. Im Kellergewölbe des Basars, nahe seinem Ausgang, bereiten die Zuckerbäcker Paschmak zu, eine schmackhafte Zuckerwatte. Sie ziehen die weiße Masse wie Seile auseinander, um sie sofort wieder zu falten, und wiederholen den Vorgang so oft, bis sie ausschaut wie Schafwolle. Paschmak eben. Lachend lassen sie mich kosten. Das süße Naschwerk hat einen zarten Sesamgeschmack und schmilzt wie Tau auf meiner Zunge. "Dast-e shoma derd nakonid" - Möge eure Hand niemals schmerzen, bedanke ich mich artig und wir ziehen weiter zum Feuertempel, unserem eigentlichen Ziel.

Ateshkadeh, der Feuertempel, liegt etwas außerhalb der Stadt. Hier soll das Feuer seit Jahrhunderten brennen, das nach dem Glauben der Zoroastrier Wahrheit und reinigende Kraft in sich birgt. Der betagte Hüter des heiligen Tempels wacht über der Flamme, damit sie nicht erlischt, und erinnert mich mit seinem schlohweißen Haar und dem langen Bart an einen Druiden. Plötzlich beschimpft er einen arabischen Besucher, Schuld daran zu sein, dass der Islam den alten Glauben verdrängt habe. Unter der Oberfläche gärt es hier gewaltig. Mein Weltbild von der alten Religion gerät dabei etwas ins Wanken.

Die Zoroastrier, deren Prophet Zarathustra war, glauben an vier heilige Elemente: Feuer, Wasser, Erde und Luft und sehen im ewigen Feuer und Licht das Sinnbild des höchsten Gottes, Ahura Mazda. In den Zeichen der Zoroastrier findet sich stets die Zahl Drei, welche für gutes Reden, reines Denken und richtiges Handeln steht. Ein Ritual aus jener Zeit wird noch heute bei uns gepflegt. Am letzten Mittwoch vor Norus springen die Menschen im Iran über das Feuer, indem sie flüstern: "Das Gelbe aus mir, das Rote in mich." Damit wollen sie sich vom Bösen reinigen und ihr Herz für das Gute öffnen.

Außerhalb der Stadt erheben sich die Türme des Schweigens (Dakhmah). Spontan denke ich an Tolkiens Mordor. Nicht das kleinste Blümchen wurzelt hier und kein Vogel lässt sich blicken. Nur der Tod ist spürbar. Gewaltig und abweisend erheben sich die Türme von den kahlen Bergen. Seltsamerweise ist der eine gelb, der andere tiefschwarz. Zu ihren Füßen versanden klaglos Ruinen. Der Aufstieg zum Turm des schwarzen Berges ist beschwerlich. Als wir keuchend ans Ziel gelangen, bleibt uns der Eingang versperrt. Jemand hat ihn zugemauert. Jedoch auf dem gelben Berg gibt es einen verdeckten Einlass zum Inneren des Turms. Ein Turm ist es aus meiner Sicht nicht, die Felskuppe wurde einfach ummauert. Ungeschützt brennt die Sonne auf die Kultstätte nieder. Hier wurden bis vor dreißig Jahren die Toten offen bestattet. Ihre Körper warf man den Geiern zum Fraß vor, damit das verweste Fleisch nicht die heiligen Elemente beschmutzte. Hatten Geier und Witterung ihr Werk vollendet, wurden die blanken Knochen in Felsgruben oder Kisten bestattet. Nach der islamischen Revolution wurde diese Art der Bestattung verboten. Nun werden die Toten auf dem neuen Friedhof, der sich zu Füßen der Türme des Schweigens befindet, in Betonzellen bestattet. Ein uralter Wächter sitzt hier auf einem Plastikstuhl wie ein vergessenes Relikt. Was mag er bewachen?

Plötzlich spüre ich zwei Hände auf meinen Schultern. Erschrocken fahre ich aus meinen Gedanken und blicke in Simas fragendes Gesicht. "Was machst Du so allein hier draußen auf dem Dach?"

"Ich nehme Abschied."

Simas bernsteinfarbene Augen schimmern feucht. "Die Zeit war viel zu kurz. Morgen fliegt ihr schon wieder zurück", sagt sie traurig.

"Es fällt uns schwer zu gehen. Aber ich bin dankbar. Es war eine gute Reise, ja, mehr als das."

"Für den, der bleibt, ist der Abschied schwerer", flüstert sie und setzt sich neben mich. "Ich habe übrigens ein Buch von Dir gefunden. Du hast vergessen, es einzupacken."

"Oh nein, ich habe keinen Platz mehr in meinem Koffer. Es ist seltsam. Jedes Mal, wenn wir zu euch kommen, sind unsere Koffer voll. Wenn wir gehen, scheinen sie uns schwerer als zuvor, obwohl wir doch etwas hier lassen."

Sie lächelt. "Du glaubst doch nicht, dass wir euch ohne Geschenke ziehen lassen! Übrigens - mir fällt gerade etwas ein. Das Buch ist doch in deutsche Sprache geschrieben, oder?"

"Ja, wieso?"

"In unserem Viertel gibt es in der Vali Asr eine deutsche Buchhändlerin."

"Oh, und das sagst Du mir erst jetzt!"

"Ich hatte es vergessen."

"Kennst Du sie?"

"Nein, aber es wird viel von ihr gesprochen. Eine belesene Frau mit einem guten Herzen, so sagt man. Hast Du Lust auf einen kleinen Spaziergang. Wir könnten sie besuchen. Die Läden schließen erst in einer Stunde."

Erfreut springe ich auf und werfe mir rasch meinen Rusari über. Fünf Minuten später laufen wir schweigend Hand in Hand die Straße bergab. Es braucht keine Worte. Sima bedeutet mir viel. Sie ist mir zugleich Schwägerin, Schwester und gute Freundin und ich vermisse in Deutschland ihre Nähe. Jedes Mal schmerzt es mehr, sie zu verlassen.

Gegen 21 Uhr ist der Buchladen nicht mehr so stark besucht. Sima hält nach der Buchhändlerin Ausschau und weist auf eine Frau mit weißgrauem Haar und lebhaften braunen Augen, die fragend auf uns zukommt.

"Kann ich Ihnen helfen?", fragt sie auf Farsi.

"Ja, ich würde mich gerne ein bisschen mit Ihnen unterhalten", antworte ich auf Deutsch. "Vor allem würde ich gerne erfahren, wie Sie die Lage hier meistern."

Überrascht schnellen ihre Augenbrauen in die Höhe. "Du sprichst fabelhaft Deutsch."

"Nun, ich lebe auch dort", lache ich. "Und Du? Lebst Du schon lange in Teheran?"

Wie selbstverständlich sind wir zum Du übergegangen.

"Oh ja, seit zwanzig Jahren. Mein Mann ist Dozent an der Teheraner Uni."

"Hast Du Kinder?"

"Ich bin kinderlos. Aber das macht nichts." Sie lächelt sanft. "Ich nenne alle Iraner meine Kinder.

"Kommst Du mit der Situation hier klar?"

"Leicht ist es nicht, aber man findet seine Nischen. Die äußere Freiheit dürfen wir nie mit der inneren verwechseln. Wie Du siehst, habe ich mir einen Pony wachsen lassen. Das ist meine Art Protest, mehr Haar unter dem Rusari zu zeigen."

"Fühlst Du Dich hier zu Hause?"

"Ich lebe gern hier, auch wenn es nicht immer leicht fällt. Iran ist meine Heimat geworden, ja sogar ein bisschen mehr als Deutschland, denn ich fühle mich den Menschen hier sehr verbunden. Es ist ihre Warmherzigkeit, die mich berührt, das kindlich Naive und der Mut, noch aus dem Nichts etwas hervorzuzaubern."

Ich bin gerührt.

Zum Abschied schenkt sie mir ein paar Heftchen. "Mein Mann hat hierin ein paar politische Thesen aufgestellt." Verstohlen sieht sie sich um. "Wir dürfen keine weiteren Hefte drucken. Von Seiten der Behörden wurde uns ein Verbot auferlegt. Aber", fügt sie verschwörerisch lächelnd hinzu, "ein Buch schließt sich, ein anderes öffnet sich."

Als ich im Flieger auf dem Weg nach Hamburg sitze, denke ich an ihre Abschiedsworte, die sie mir zuflüsterte, als wir uns umarmten: "Sei gewiss, die Wende im Iran wird von den Frauen ausgehen. Sie sind stark, mutig und handlungsfreudig. Ihr Widerstand gegen das Mullahregime wird letztendlich auch die Männer bewegen und mitreißen." Inshallah, flüstert eine Stimme in mir. In der Iran-Air-Maschine herrscht Kopftuchzwang. Doch während des Rückfluges fallen im Flugzeug plötzlich die Schleier. Nur wenige Frauen legen ihn nicht ab. Stolz recken die Frauen ihre unbedeckten Köpfe empor. Manche blicken trotzig die Flugbegleiter an. Doch die lächeln nur zurück und ihr Lächeln wird im stillen Einvernehmen immer breiter.

Wochen später demonstrieren Hunderttausende auf der Vali Asr und in anderen Großstädten Irans gegen den Wahlbetrug der sogenannten Gottesmänner, darunter viele junge Frauen und Männer, die sich hintergangen und belogen fühlen, aber auch alte Menschen und sogar ein paar Mullahs, welche die Last der Diktatur und den Missbrauch der Religion nicht mehr mittragen wollen. Blut fließt auf den Straßen und ich bange täglich um meine Familie, die unter den Demonstranten mit marschiert und hoffnungsvoll grüne Bänder in den Händen hält, während Heckenschützen der Basidji mit Gewehren auf sie zielen. Blut fließt. Menschen sterben, Oppositionelle werden zu Hunderten verhaftet und ich sitze hier in Freiheit und fühle mich dennoch gefangen, muss hilflos zuschauen wie die Kinder Irans zusammengeknüppelt und weggesperrt werden. Das Regime vertuscht die eigene Unfähigkeit, indem es Verbindungen nach draußen abschneidet, das Internet kappt, Mobilfunk unterbindet und die Telefonleitungen lahm legt. Trotzdem gelingt es Menschen immer wieder, Wege zu finden, um mit ihren Handys die Zustände im Lande zu dokumentieren. Das Unfassbare geschieht. Das Sterben einer jungen Studentin wird auf Handy festgehalten. Neda. Iran hat eine Frau, die für den Widerstand steht.

In mir tobt ein Meer von ungeweinten Tränen. Ich denke zurück an die Buchhändlerin, deren Namen ich nicht einmal kenne, und höre, wie sie lächelnd zu mir sagt: "Alle Iraner sind meine Kinder."



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