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Eine besondere Gabe für die Hasen

© Enrico Andreas Brodbeck


Vor langer Zeit langer Zeit, als der Sohn Gottes geboren werden sollte, waren die Engel des Herrn mit den Vorbereitungen für das bevorstehende Ereignis beschäftigt. Sie waren während dieser Zeit sehr aufgeregt, denn schließlich mussten sie für diese Aktion auf viele Einzelheiten besonders acht geben. Zum Beispiel benötigten sie sehr viel Zeit, bis sie eine Frau mit dem Namen Maria, als Mutter für das Christuskind, ausgesucht hatten. Auch bei der Suche nach dem Ehemann mit dem Namen Josef, waren sie sehr wählerisch. Als der Zeitpunkt der Geburt immer näher rückte, musste der Herrgott den angespannten Engeln, fürsorglich zur Hand gehen. Dennoch waren Josef und Maria auf die Unterstützung eines kleinen Esels angewiesen und erreichten irgendwann den Stall von Bethlehem. Als das Christuskind dann endlich zur Welt kam, herrschte im Himmel große Freude. Die Engel frohlockten sogleich und sangen froh stimmende Psalme zu Ehren des Herrn. Sie waren sehr erleichtert, weil während der Prozedur keine größeren Probleme aufgetreten waren. Derweil lehnte sich der Herrgott zufrieden an eine Wolke und betrachtete das Geschehen auf Erden. Besonders freute er sich über den kleinen Esel, der die werdende Mutter Maria den ganzen weiten Weg getragen hatte. Zum Dank für seine Mühe, wollte der Herrgott den Tieren ein besonderes Geschenk machen. Sie sollten die seltene Gabe erhalten, jedes Jahr in der Heiligen Nacht für eine Stunde über dieses große Ereignis zu sprechen. Damit das funktionierte, sandte der Herrgott den Heiligen Geist aus, damit dieser, jeweils ein Tier von jeder Gattung segnen sollte und somit jedes Tier für diese Gabe empfänglich war. Nur von den Hasen konnte der Heilige Geist in dieser Nacht kein Exemplar erreichen. Die Hasen waren nämlich zu der Überzeugung gekommen, dass der Stern von Bethlehem auf die Erde fallen würde und somit eine unmittelbare Verwüstung der Oberfläche bevorstand. In ihrer Furcht, vor so einer großen Katastrophe, vergruben sie sich so tief unter die Erde, dass der Heilige Geist sie überhaupt nicht erreichen konnte. Viele Jahre später, als traditionell zu Ehren Gottes die heilige Nacht gefeiert wurde, fiel ihnen auf, dass sich die anderen Tiere angeregt miteinander unterhielten. Nur sie selber konnten kein Wort verstehen. Darüber waren die Hasen sehr erbost und ärgerten sich über diesen Missstand. Jahre später erfuhren sie dann durch Zufall, dass der Herrgott den Tieren die Gabe des Sprechens verliehen hatte. Nur sie selber waren immer noch davon ausgenommen. Also überlegten sie, wo und wie sie sich beim Herrgott beschweren konnten. Sie versammelten sich auf einem großen Feld und hielten Rat.
"Wir müssen alle gleichzeitig zum Herrgott beten", sagte ihr Anführer und Älteste in ihrer Sippe. "Das ist richtig, denn sonst würde der Herrgott wohl kaum auf uns aufmerksam werden", fügte ein anderer Hase hinzu, der abseits von der Gruppe stand.
"Also werden wir auf den höchsten Berg in dieser Gegend steigen, um dem Herrgott sehr nahe zu sein", verkündete der Älteste Hase in weiser Voraussicht. Für diese Unternehmung wählte er ein paar Hasen aus, die ihn auf dem Weg auf die Bergspitze begleiten sollten. Wenige Tage später begab sich die Gruppe der Auserwählten auf die höchste Erhebung in ihrem Revier. Dort stellten sie sich dicht beieinander und fingen einträchtig mit ihrem selbst verfassten Gebet an.
"Lieber Gott wir glauben dir, dass du uns nicht absichtlich übersehen hast, lieber Gott erhöre uns, Amen!"
"Lieber Gott wir glauben dir, dass du uns nicht absichtlich übersehen hast, lieber Gott erhöre uns, Amen!"
Wie bei einem Stundengebet, leierten sie ihr Gebet herunter in der Hoffnung, irgendwann von einer Himmelsmacht erhört zu werden. Es war schließlich der Erzengel Gabriel, der am Himmel eine Runde drehte und ihr inniges Gebet hörte. Er machte sich sogleich auf dem Weg und erstattete dem Herrgott einen Bericht. Als der Herrgott den Bericht über die Hasen hörte, schmunzelte er und begab sich unverzüglich zu der Stelle, wo die Hasen weiterhin in ihrem Gebet vertieft waren. Vorsichtig setzte er sich auf eine Wolke, die in diesem Moment direkt über die Gruppe der Hasen stand.
"He, ihr dort unten, was wollt ihr von mir", fragte der Herrgott und lugte dabei ein wenig über den Rand der Wolke.
Ähnlich einem grollenden Donner, schallte die Frage zur Erde hernieder. Aus Furcht vor dem Zorn Gottes, sprengten die Hasen auseinander und liefen eiligst davon. Als der Herrgott die aufgeschreckte Meute davonlaufen sah, rief er ihnen mit sanfter Stimme hinterher. "Halt, halt wartet doch und lauft nicht sofort weg!"
Die Hasen drehten sich vorsichtig um, versammelten sich ängstlich auf dem Berg und schauten gespannt zum Himmel. Außer die Wolke, die dort am Himmel verweilte, konnten sie aber niemanden erkennen.
"Nun", fragte der Herrgott mit wohlwollender Stimme, "hattet ihr nicht ein besonderes Anliegen?"
"Sicher", antwortete der mutigste Hase unter ihnen und richtete sich auf um ein wenig größer zu wirken. "Weißt du Herrgott", sagte er weiter, "wir sind nämlich, bei der Vergabe einer besonderen Fähigkeit, übersehen worden, man hat uns einfach vergessen!"
Aus Ehrfurcht und Demut vor dem Herrgott, drehte sich der Älteste Hase um und haute dem vorlauten Hasen mit der Pfote auf die Nase. "Weißt du eigentlich, mit wem du da gerade sprichst", raunte der Älteste den vorlauten Hasen an, "es ist unser aller Herrgott und Schöpfer der dir dort oben zuhört, also benimm dich bitte!"
"Na, na, wer wird denn gleich Gewalt ausüben!" Die Worte des Herrn schallten mit einem mahnenden Unterton aus der Wolke heraus zu den Hasen hernieder.
Eigentlich wollte der Herrgott die Hasen beruhigen. Aber, weil es nun einmal die Worte des Herrgottes waren, wurden die Hasen nur noch ängstlicher. Sie fühlten sich in ihren Fellen überhaupt nicht mehr wohl.
"Nun sagt schon, worum geht es euch eigentlich", sagte der Herrgott zu dem Ältesten Hasen, der aufrecht in der vordersten Reihe von der Gruppe stand.
"Wir fühlen uns, gegenüber den anderen Tieren, benachteiligt", antwortete der Hase und machte dabei ein enttäuschtes Gesicht. "Weißt du", stammelte er unsicher vor sich hin, "wir verstehen nämlich nicht, was sich die anderen Tiere in der Heiligen Nacht untereinander erzählen."
Einige von den Hasen wurden unterdessen unruhig. Andere wiederum murmelten sogar etwas von ungerechter Behandlung, Diskriminierung und von einer zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit.
"Aha", sagte der Herrgott sichtlich erfreut, "ihr wart also jene Gruppe von Tieren, die der Heilige Geist in dieser besonderen Nacht nicht erreichen konnte!" Der Herrgott lehnte sich an die Wolke und überlegte eine Weile.
Gespannt sahen die Hasen zu der großen dunklen Wolke hinauf, die immer noch über ihnen weilte und ihre Position nicht veränderte.
"Seht ihr da irgendjemanden stehen", fragte ein kleiner Hase die erwachsenen Hasen. Aber die erwachsenen Hasen konnten auch nichts Besonderes in der Wolke oder um die Wolke herum erkennen.
"Jetzt hat er sich bestimmt aus dem Staub gemacht", bemerkte einer der Hasen, der in der hintersten Reihe stand. Der älteste Hase drehte sich um, ging zu ihm hin und versetzte auch diesem Hasen einen kräftigen Hieb auf die Nase. "Siehst du denn nicht, dass der Herrgott gerade überlegt", raunte er den Hasen rüde an.
"Nö, ich sehe überhaupt nichts", entgegnete ihm der Hase empört und drehte sich beleidigt zur Seite.
Weil der Herrgott aber gute Ohren hatte, schaute er plötzlich durch die Wolke auf die Hasen hernieder, um zu sehen was sich dort abspielte.
"Ach herrje", prustete ein Hase lauthals heraus, "schaut euch einmal die dicke Nase und die kurzen Ohren von dem Typen an!" Vor lauter Lachen, hielt er sich den Bauch und klopfte sich mit einer Pfote auf die Schenkel.
Der Herrgott überhörte diese Äußerung und schmunzelte über den Nasenhieb, den der lachende Hase unterdessen von dem ältesten Hasen bekommen hatte. "Nun", sprach der Herrgott mit gütigem Unterton, "ich möchte euch auf gar keinen Fall benachteiligen, ihr habt somit einen Wunsch frei, überlegt aber gut und weise, welchen Wunsch ihr äußern möchtet!"
Erst wunderten sich die Hasen über dieses unerwartete Angebot. Als sie aber begriffen, welche Möglichkeiten sich für sie ergeben würden, wurden sie sogleich übermütig.
"Das ist ja super", rief einer von Ihnen und hüpfte vor Freude in die Luft.
"Eier", Eierlegen wäre nicht schlecht", rief ein anderer munter hinterher, "und nicht immer diese kleinen braunen Knicker!"
Der älteste Hase drehte sich in aller Ruhe um und haute allen vorlauten Hasen mit der Pfote auf die Nase. "Benehmt euch", raunte er die verdutzten Hasen an, "schließlich steht ihr dem Herrgott gegenüber!"
"Aber er hat Recht", entgegnete ein anderer entrüstet und rieb sich seine Nase, "wir würden durch diese Gabe die gleiche Achtung erlangen wie die Hühner! So aber, sind wir für die Jäger nur Freiwild und landen in deren Kochtöpfe!"
"Halt, halt", entgegnete der Herrgott, "dass Eierlegen habe ich den Vögeln und einigen Echsen und Schlangen vorbehalten und so sollte es auch bleiben!"
"Das ist ja wohl das Allerletzte, erst Wünsche verteilen und dann einen Rückzieher machen", schrie der frechste Hase unter ihnen und hob wütend die Pfote.
Wieder drehte sich der Älteste herum und haute ihm wieder mit der Pfote auf die Nase.
"He", antwortete dieser verdrießlich, "warum haust du uns eigentlich wegen jeder Kleinigkeit auf die Nase?"
"Ja, warum eigentlich, schließlich hat er ja Recht", entgegneten die anderen Hasen etwas zaghaft.
Der Herrgott lehnte sich wieder an die Wolke, dachte kurz nach und sprach mit gütigem Unterton: "Um euch auch eine besondere Gabe zu erteilen, sollt ihr von heute an das Osterfest durch bunte Eier verschönen. Ihr bekommt in der Osternacht eine Stunde, um bunt geschmückte Osternester mit bunten Eiern zu verstecken, damit die Menschenkinder sie am Ostersonntag suchen können. Damit man euch aber nicht unerwartet als Hasen erkennt, sollt ihr Kleider, eine Brille und dazu einen Korb tragen."
Als die Hasen dieses Angebot hörten waren sie sichtlich erfreut. Das war genau die Gabe, durch die sie endlich mehr Anerkennung bei den Menschen erlangen würden.
"Da sind wir ja der Nikolaus zu Ostern", rief ein Hase aufgeregt dazwischen.
"Nur nicht übermütig werden", raunte der Herrgott herunter und erhob drohend seinen Zeigefinger. Die Hasen erschraken und duckten sich. Als sie aber merkten, dass sie nichts zu befürchten hatten, fingen sie vor Freude an zu kreischen an. Vor lauter Übermut, tanzten sie einen Ringeltanz, wie ihn zuvor noch nie einer gesehen hatte.
Seit dieser Zeit suchen und finden die Kinder zu Ostern bunt geschmückte Osternester mir bunten Eiern, die von kleinen unscheinbaren Hasen verteilt werden.



Eingereicht am 30. September 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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