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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Sprachlos

Von Antonia Stahn


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sherryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnellstrasse beträgt die Fahrzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Jeden Tag sitzt Karl stundenlang in seinem Lehnstuhl am Fenster. Sein altes, faltenreiches Gesicht hat die Farbe gegerbten, braunen Leders angenommen. So braun wie die Walnussmöbel zwischen denen Karl seit vielen, vielen Jahren lebt.
Wann er hier in der Oase der Ruhe angekommen ist, weiß er nicht mehr. Es muss Jahrzehnte her sein. "Inzwischen bin ich alt geworden", denkt er manchmal. Natürlich könnte er jemanden aus dem Haus fragen. Doch seit damals, Karl denkt immer nur bis zum Damals<7i>, hat er beschlossen, nie wieder zu sprechen. Menschen und ihre Sprache machen ihm Angst. In der Sprache stecken zu viele Fragen. Keine hat er seit der Zeit des Turms je beantwortet. Das Bemühen um Karl hatte schnell nachgelassen. Die "Weißkittel", so nannte er die Herren oft verächtlich - nur in Gedanken natürlich -, wären fast an ihm verzweifelt.
"Die Gräuel des Krieges haben ihn um seinen Verstand gebracht. Menschliche Nähe erträgt der Patient nicht. Sie schmerzt ihn physisch. Deshalb ist es angeraten, ihn in einer Einzelzelle unterzubringen", konnte man in einem Gutachten lesen.
Aus der Einzelzelle ist mit den Jahren ein behagliches Zimmer geworden. Karl verlässt es nur selten. Selbst die Mahlzeiten nimmt er hier ein. Sein Fenster bietet jeden Tag nur einen kleinen Ausblick in die Welt. Das stört Karl nicht. Er liebt es, links den Alten Turm, rechts die Dorfkirche, und vor sich die sanften grünen Hügel zu sehen. Seit einiger Zeit hat eine Schnelltrasse des ICE die Landschaft nur ein wenig verändert. Jetzt rasen Züge mit einer unglaublichen Geschwindigkeit durch Karls kleinen Ausblick.
Karl wartet auf den ICE, der immer zur gleichen Zeit am späten Nachmittag mit mehr 300 Stundenkilometern vorüber zischt. Eigentlich müsste es gleich soweit sein. Manchmal wünscht sich Karl, dass der Zug einfach mal hält. Mitten in der grünen Landschaft. Aber es gibt ja keinen Bahnhof in dem kleinen Ort auf halber Strecke zwischen Köln und Frankfurt. "Und sicherlich gibt es auch sonst keinen Grund hier anzuhalten", denkt Karl leicht wehmütig. So gern würde er sich diesen Triumph der Technik auch einmal von innen ansehen. Dafür würde er sogar sein selbst gewähltes Exil verlassen. Einfach einsteigen. Die Klinik, den kleinen Ort und auch den Alten Turm hinter sich lassen. Gerade den Alten Turm. Zwischen ihm und Karl hat sich im Laufe der Jahre eine etwas merkwürdige Freundschaft entwickelt.
Tagsüber vertraut er auf die Beständigkeit und besondere Ruhe, die das denkmalgeschützte Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert ihm vermittelt.
Nachts aber änderte sich das. In der Nacht wird dieser Turm zur ständigen Bedrohung.
Er bringt die Erinnerungen. Erinnerungen in seine Träume, aber auch in sein Bewusstsein.
Dann hört und sieht er alles Erlebte wieder. Der Krieg meldet sich zurück.
Der Blitzkrieg gegen Polen. Für viele heute nur noch Geschichte. Nicht so für Karl.
Nach dem Fall Warschaus wurden nur noch drei Orte vom polnischen Militär gehalten: Die Festung Modlin bei Warschau, die schwer befestigte Halbinsel Hela und die Stadt Kock bei Lublin. Am 27. September begann ein erbitterter Kampf um das Fort Modlin.
Karl und sein Bruder Heinrich mitten drin. Sie hatten die Aufgabe, einen der Festungstürme zu erobern.
Stunden lang lagen die Soldaten im Schutz weniger Büsche in der aufgerissenen und schlammigen Erde. Mit Schnellfeuergewehren attackierten sie nun schon fast zwei Tage den Westturm des Fort Modlin. Die polnischen Soldaten leisteten erbitterten Widerstand. Aus der Luft wurden Karl und seine Kameraden durch deutsche Flugzeuge unterstützt. Von der Ju 87, besser bekannt unter dem Namen "Stuka", bekamen sie Feuerschutz. Gegen Abend wurden nur noch vereinzelte Schüsse aus dem Turm abgegeben. Dann sahen die Soldaten in einer Schiess-Scharte eine kleine weiße Fahne.
"Kapituliert! Sie haben aufgegeben!", rief Leutnant Meier. "Auf Männer, der Turm ist unser!" Müde, doch froh über den Sieg, stürmten die Soldaten zum Turm. Kurz bevor sie ihn erreichten gab es eine schwere Detonation. Schnell warfen die Laufenden sich auf den Boden. Ein polnischer P-37 Bomber hatte todbringende Last auf das Gelände vor dem Westturm abgeworfen.
Karl wusste Heinrich hinter sich. "Bist du in Ordnung? Komm steh auf! Heute Abend können wir bestimmt wieder einmal in einem ordentlichen Bett schlafen. In diesem Fort wird es reichlich davon geben." Karl griff hinter sich. Direkt in Heinrichs dicke Locken. Er zerrte ein wenig heftig an den Haaren. "Warum bist du so still?" Angstvoll drehte er sich zu seinem Bruder um. "Heinrich!" Dieser markerschütternde Schrei ließ die anderen Soldaten innehalten. Leichenblass und zitternd stand Karl vor ihnen. Weinend schwenkte er den Kopf seines Bruders hin und her. Ein vermeintlich unversehrter Kopf war alles, was die Bombe Heinrich gelassen hatte.
Die Verletzung im Unterschenkel hatte Karl nicht gespürt. Er kam in ein Lazarett, von dort aus zur Erholung in die Heimat. Erholt hat er sich nur körperlich. Bald wurde er für untauglich erklärt, ausgemustert, und in die Psychiatrische Klinik eingewiesen. Mit viel Glück hat Karl den zweiten Weltkrieg überlebt. Viele Patienten sind in dieser Zeit von einem auf den anderen Tag verschwunden, und nie wieder gesehen worden.
"Gut, dass es den ICE gibt", dachte Sheryll, freie Journalistin beim "Kölner Anzeiger". In gut einer halben Stunde würde sie in Frankfurt sein. Sheryll sah die Mitreisenden, nahm sie aber nicht wahr. Genau so wenig die vorüber fliegende Landschaft. Unentwegt dachte sie an ihr Projekt. Kurz streichelt sie die Aktenmappe. Sie hat sich gut vorbereitet. Die Recherchen über die ersten Tage des zweiten Weltkriegs, den Blitzkrieg in Polen, sind hieb- und stichfest. Vielen Fernsehsendern hat sie ihre Ausführungen zu diesem Thema angeboten. Sowohl die Öffentlich-Rechtlichen, als auch die Kommerziellen winkten ab. "Eigentlich ist dieses Thema schon ziemlich abgegriffen, wüsste nicht, was es da neues geben sollte. Außerdem haben wir unseren Herrn Schott. Seine Berichte aus unserer jüngsten Vergangenheit sind erstklassig. Sie reichen, die Menschen an diese dunkle Seite unserer Geschichte zu erinnern. Vielen Dank Frau Hunter. Tut mir Leid." Freundlich war er ja, der zuständige Redakteur des ZDF, aber das hilft mir auch nicht", dachte Sheryll. Zum Glück war der Redakteur vom Bayerischen Rundfunk sehr viel aufgeschlossener. Er hatte ihr geduldig zugehört, sie sogar nach München eingeladen. Die Idee, nach Überlebenden zu suchen hat ihm auch gefallen.
"Wäre ich nur schon in Frankfurt. Hoffentlich bekomme ich schnell ein Taxi zum Flughafen. Die Maschine nach München fliegt um 19.00 Uhr. Wenn alles klappt, kann ich pünktlich um 20.30 Uhr im Ratskeller sein", überlegt die junge Frau.
"Irgendetwas stimmt heute nicht. Eigentlich müsste der Zug schon längst vorbei gefahren sein." Karl öffnet das Fenster, lehnt sich weit hinaus. Da, da ist er ja endlich. Aber so langsam. "Sieht beinahe nach einem Stopp aus", denkt Karl. Das kann wohl nicht sein. Der Silberpfeil fliegt nicht mehr! Sollte mein Wunsch doch noch erfüllt werden." Karl ist nun sehr aufgeregt.
Aufmerksam beobachtet er den inzwischen zum Stillstand gekommenen ICE. Plötzlich hört er Polizeisirenen. Etliche Polizeifahrzeuge fahren durch die stille, grüne Landschaft, halten neben dem stehenden Zug. Einige Hubschrauber kreisen über dem Gelände.
Die Feuerwehr und Krankenwagen kommen hinzu. Es wird sehr laut in Karls kleiner Welt vor dem Fenster.
Der plötzliche Stopp reißt Sheryll aus ihren Gedanken. Erschreckt wendet sie sich ihrem Sitznachbarn zu. "Was ist passiert? Wieso hält der Zug plötzlich? Das kann, nein, das darf nicht wahr sein!" Eine Antwort erwartet sie nicht. Die Mitreisenden haben sich inzwischen vor die Abteiltüren gedrängt. Instinktiv spürt jeder einen Hauch von Gefahr. Sheryll nicht. Sie ist wütend, sauer, ärgerlich, oder einfach nur traurig. "Alles vorbei", denkt sie. "Dieser Stopp hier zerstört einen Meilenstein meiner Karriere. Ich hätte so gern für einen Fernsehsender gearbeitet." Der Chefredakteur hatte sie gebeten pünktlich zu sein. Um 23.00 Uhr musste er am Flughafen sein. Irgendeinen "wichtigen" Star abholen. "Und meinetwegen wird er auch darauf nicht verzichten." Winzige Tränen schleichen sich in Sherylls Augenwinkel. Unwirsch wischt sie sich die aufkeimende Verzweiflung aus den Augen.
"Geschafft!" Mit einem großen Taschentuch wischt sich der nervöse Zugführer den Schweiß von der Stirn. Der Schreck über den Funkruf der Fahrdienstleitung ist ihm in die Glieder gefahren. Er zittert am ganzen Körper. "Soeben haben wir eine Bombendrohung erhalten. In Ihrem Zug sollen mindestens 3 Sprengstoffladungen untergebracht sein. Bewahren Sie bitte Ruhe. Versuchen Sie den Zug zum Stehen zu bringen. Schaffen Sie das? Wenn nicht, greifen wir von hier aus ein. Und hören Sie, Niebur, erst mal keine Informationen an die Fahrgäste. Sie erhalten bald Hilfe. Polizei und auch der Bundesgrenzschutz sind schon unterwegs. Die werden alles Weitere regeln!" Die Worte des Fahrdienstleiters dröhnen noch immer in Nieburs Kopf. Manchmal, auf dem Weg zur Arbeit hat der Zugführer über die Gefahren, die sein Beruf so mit sich bringen, nachgedacht. Sobald er aber im Cockpit seiner Maschine saß, fühlte er sich frei und unangreifbar. Dass es ihn und seinen Zug je treffen würde, hat er nie für sehr wahrscheinlich gehalten.
Einsatzleiter von Polizei und Grenzschutz kommen in die Lok. Stellen sich kurz vor. "Gut, dass die Abteiltüren noch geschlossen sind, Herr Niebur."
Gerade als Sheryll zum Handy greift, kommt die Durchsage.
"Meine Damen und Herren, eine Bombendrohung hat uns gezwungen, den ICE nach Frankfurt anzuhalten. Die Abteiltüren werden jetzt geöffnet. Bitte bewahren Sie Ruhe. Die Einsatzkräfte der Polizei führen Sie zum Gebäude oberhalb des Hügels. Wir bitten Sie, sich in der Eingangshalle der Klinik aufzuhalten und auf weitere Anweisungen zu warten."
Trotz der Bitte um Gelassenheit breitet sich Panik aus. Die Menschen drängen sich mit ihren Gepäckstücken gegenseitig aus dem Weg. Jeder will als erster auf dem Hügel sein. "Hören Sie, wie geht es denn weiter? Wie komme ich jetzt auf dem schnellsten Wege nach Frankfurt? Ich bin Geschäftsmann. Habe einen sehr wichtigen Termin wahrzunehmen. Sollte der nicht zustande kommen, mache ich die Bundesbahn für meinen Verlust verantwortlich. Hat sich ja so eben erwiesen, dass es mit den Sicherheitsvorkehrungen der Bahn wohl nicht zum Besten steht", empört sich ein älterer, dicker Herr.
"Das wird sich alles klären, soviel ich weiß, sind schon Busse für die Weiterreise geordert. Aber zuerst müssen wir die Personalien aller Fahrgäste überprüfen".
Ein freundlicher Polizist geleitet den erregten Herrn den Hügel hin auf. Sheryll schließt sich an. Sie hat ja nur leichtes Gepäck. Schnell ist sie oben. Ergattert sogar noch eine Sitzgelegenheit im Eingangsbereich der Klinik. Resigniert beobachtet sie die aufgebrachten und ängstlichen Menschen um sich herum. Etliche stehen in einer langen Reihe vor dem einzig verfügbaren Telefon in der Eingangshalle. Aus Angst vor Funksignalen durfte niemand sein Handy benutzen. "Nun habe ich nicht einmal Gelegenheit, den Termin früh genug abzusagen, oder gar einen neuen zu vereinbaren", denkt Sheryll traurig. Tränen füllen langsam die großen blauen Augen.
Ohne anzuklopfen stürmt eine des doppelten Lottchen ins Zimmer. So nennt Karl die beiden Pflegerinnen, die sich täglich um ihn kümmern. Die Gesichter der beiden Frauen zeigen sehr wohl unterschiedliche Merkmale. Aber beide sind etwa 170 cm groß, stabil bis rundlich mit kräftigen Armen. Die burschikose laute, einwenig herrische Art, ist beiden zu eigen. Auch Mimik und Gestik verleiht ihnen die gleiche Ausstrahlung. So weiß Karl nie genau, wer Liese oder Lotte ist.
"Komm alter Mann, heute werden wir eine kleine Reise machen. Alle müssen das Haus verlassen. Auch du." Streng schaut ihn Liese oder Lotte an. Sie kennt Karls Angst vor dem Draußen. "Wenn wir Pech haben, gibt es in Kürze ein Himmelfahrtskommando dort unten auf den Schienen. Die ganze Klinik wird evakuiert. Sträub dich nicht so. Wir haben dich so lange beschützt, keiner hier möchte, dass dir etwas zustößt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß. In dem Zug dort unten sollen Bomben versteckt sein." Das Wort Bombe löst in Karl sofort eine Panikattacke aus. Lieselotte legt ihm schützend, beinahe liebevoll, den Arm um die Schultern, führt ihn sachte aus dem Zimmer. Unten in der Halle platziert sie ihn direkt neben Sheryll. Höflich wendet die Pflegerin sich an die junge Frau. "Könnten Sie bitte ein paar Minuten auf den alten Herrn hier achten? Ich muss mich noch um andere Patienten kümmern. In einer Viertelstunde komme ich zurück. Sie brauchen aber keine Angst vor ihm zu haben. Er spricht nicht. Meiner Meinung nach ist er ansonsten völlig in Ordnung. Und bitte, erwähnen Sie das Wort Bombe nicht. Es macht ihm Angst." Lieselotte senkt ihre Stimme. Ihr Mund nähert sich Sherylls Ohr: "Gleich zu Anfang des Krieges hat er einen Bombenangriff erlebt. Sein Bruder ist dabei ums Leben gekommen. Irgendwo in Polen war das, glaube ich. Vor so einem Fort. Seitdem spricht er nicht mehr, hat sich in sich selbst zurückgezogen", flüstert sie. Gerne kommt Sheryll der Bitte Lieselottes nach. Sie ist froh über die Ablenkung. Freundlich lächelnd schaut sie Karl an. Sie sieht die Angst in den alten, tiefbraunen Augen. "Im Vergleich zu ihm, habe ich überhaupt keine Probleme." Diese Erkenntnis lässt ihren Optimismus wieder aufleben. "Irgendwann bekomme ich eine neue Chance", spricht sie sich Mut zu.
"Ich heiße Sheryll Hunter", stellt sie sich Karl vor. Vorsichtig, sehr sanft, streichelt sie kurz über die rechte Hand des alten Mannes. Diese kleine Geste löst eine verblüffende Veränderung in den Augen des alten Menschen aus. Vertrauen, Verstehen, Erkenntnis, ja sogar Freude sieht Sheryll plötzlich in ihnen. Aufgeregt kramt Karl in seiner Hosentasche. "Na, Gott sei Dank! Block und Kugelschreiber sind noch da", freut er sich.
Diese Utensilien hat er eigentlich immer dabei. Könnte ja sein, dass er eine Antwort auf eine wichtige Frage geben muss. Aber bis zum heutigen Tage hat er weder Block noch Kugelschreiber benutzt. Die Fragen waren nie wichtig genug. Doch jetzt ist es ihm wichtig, sogar eine noch nicht gestellte zu beantworten.
"Ich heiße Karl Winter", schreibt er in großen leicht verwackelten Buchstaben. Mühsam fügt er noch ein "ich freue mich, Sie kennen zu lernen" hinzu. Ganz Gentlemen der alten Schule. Seine Erziehung hat er nämlich nicht vergessen. "Hab sie ja auch fast 60 Jahre nicht gebraucht", denkt er fröhlich. Er fühlt sich wirklich froh. Diese junge Frau erinnert ihn an die Zeit vor dem Damals. Das schöne lange Goldhaar, die blauen Augen, der sinnliche rote Mund, bringen das Gesicht seiner ersten großen Liebe zurück. Diesem Gesicht hatte er immer vertraut.
Aufmerksam hört er Sheryll zu. Sie erzählt ihm von ihrem Missgeschick, von ihrer Angst den Zug zu verlassen, von dem Ärger, nicht telefonieren zu können. Die Chance ihres Lebens verpasst zu haben. "Traurig klingt sie nicht, vielleicht ein bisschen ärgerlich", denkt Karl. Er schaut zu dem nicht kleiner werdenden Pulk Menschen vor der Telefonzelle.
"Ich kann ihr doch helfen. Muss es aufschreiben. Nein, wird zu viel. Muss es ihr sagen." Sagen! Dieses Wort unterbricht seine Überlegungen abrupt. "Kann ich das noch, reden? Soll ich es versuchen? Vielleicht lacht sie mich aus? Nein, vor ihr brauche ich keine Angst zu haben." Karls Haltung verändert sich. Sehr gerade sitzt er auf einmal da. Lange schaut er Sheryll in die Augen. Tief unten in seiner Brust formt sich ein "O". Langsam, scheuernd und reibend kriecht es in seinen Hals. Eine Ewigkeit, scheint es Karl, bleibt es in der Mundhöhle hängen. Dann platzt es förmlich heraus. "Oben, oben ist noch ein Telefon." "Wie eine alte Krähe höre ich mich an", denkt Karl verwundert. "Herr Winter, Sie können ja doch sprechen!" Impulsiv umarmt Sheryll den alten Mann. "Ja, ich kann es!" Verlegen wischt sich Karl die aufsteigenden Tränen aus den Augen. Steht ruckartig auf. "K…, kommen Sie, wir schleichen uns davon." In den schlimmen, schlaflosen Nächten hat Karl manchmal sein Zimmer verlassen. Stundenlang war er dann auf den Fluren und Gängen seiner Herberge unterwegs. Deshalb wusste er auch von dem Telefon. Zielsicher führte er Sheryll dort hin. Bevor Sheryll die Münzen einwirft, gibt sie Karl einen Kuss auf die Wange. "Sie haben einen Wunsch frei, mein Herr", sagt sie gut gelaunt. Karl lächelt.
"Möglicherweise kann sie ihn mir sogar erfüllen", überlegt er.
"In den Nachrichten wurde schon über die Bombendrohung berichtet. Machen Sie sich wegen des Termins keine Sorgen, Frau Hunter. Ich habe für Sie ein Hotelzimmer in Frankfurt buchen lassen. Zufällig bin ich morgen in Frankfurt. Gegen 12.00 Uhr mittags treffen wir uns dann in der Lobby des Hotels, wenn Sie einverstanden sind. Ich habe sogar Zeit, wir können uns ausgiebig über ihr Thema unterhalten. Wie steht es mit der Weiterfahrt nach Frankfurt?"
"Die ist geregelt. In einer Stunde werden die Bahnreisenden mit Bussen nach Frankfurt gebracht."
"Viel Glück und eine gute Fahrt, Frau Hunter, freue mich auf morgen", hört Sheryll noch.
Fassungslos, jedoch freudestrahlend starrt sie auf den Hörer in ihrer Hand. Sie hängt ein. "Es klappt, es klappt doch, Herr Winter. Aller Ärger umsonst." Sheryll umarmt den alten Herrn, wagt sogar ein paar "Tanzschritte" mit ihm über den Flur.
"Ich komme wieder, sobald ich den Auftrag in der Tasche habe. Dann müssen wir beide uns unterhalten. Ich denke, dass wir uns einiges zu erzählen haben. Sie haben mir sehr geholfen, Karl. Wenn irgend möglich, werde ich auch Ihnen helfen", bedankt sich Sheryll. Karl kann nur nicken. So schnell wollen die Worte noch nicht kommen. Lange steht er auf dem Platz vor der Klinik, winkt bis auch der letzte Bus nicht mehr zu sehen ist.
"Es waren wirklich Bomben in dem Zug versteckt. Sie haben großes Glück gehabt, Sheryll."
"Ja ich weiß, ich habe es immer noch."
Lange reden der Redakteur und Sheryll über das Projekt der jungen Frau. "Schwer wird es, noch Überlebende zu finden", überlegt der Mann laut. "Irgendwo in Polen, bei einem Fort", hört Sheryll die resolute Pflegerin plötzlich sagen. "Ich habe schon Einen. Glücklich lächelt Sheryll ihren neuen Chef an.
Ein paar Wochen später.
In einem Abteil, Erste Klasse natürlich, sitzen ein sehr alter Mann und eine junge Frau.
Der ICE führt von Frankfurt nach Köln. Scheinwerfer und Kameras sind auf das Paar gerichtet. Sehr bedächtig, sehr langsam, beantwortet der alte Herr die Fragen der jungen Dame. Manchmal lächelt er in die Kamera.
Angst? Nein Angst ist in diesen ruhigen Augen nicht zu sehen.



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