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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Als Karl zum Fenster hinaus schaute

Eine Kurzgeschichte von Mela Reaggenson


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
In Frankfurt angekommen, verlässt Sheryll den Zug und nimmt sich ein Taxi zu ihrem Hotel. Noch eine Woche Zeit, dann müssen alle Pläne für das Projekt im Kölner Büro sein. Sie ist stolz darauf, dass ihr Chef ihr das Projekt anvertraut hat. Bisher hatte sie nur immer die Ergebnisse anderer ausgewertet und zu Papier gebracht. Dies war ihr erster Auftrag, und sie wollte ihn gut machen. Den Besitzer einer alten Mühle davon zu überzeugen, sein Anwesen an ihre Firma zu verkaufen, das konnte nicht besonders schwer sein. Sie wird ihm den obligatorischen Scheck mit der Summe des Kaufpreises zeigen und ihm erklären, wie gut ein Verkauf doch für ihn wäre.
Acht Uhr, endlich wieder zu Hause. Karl war nicht lange weggewesen. Er hatte versucht zu vergessen was geschehen war. Doch er hat gemerkt, er kann nicht vergessen. Zu tief ist der Schmerz. Sie war alles für ihn gewesen. Es gibt Menschen die sind Seelenverwandte, sie gehören einfach zusammen. Sie haben die gleichen Träume und Wünsche. Sie zehren voneinander. Sie brauchen einander. Das waren Lora und ich. Sie war mein Leben, wir hatten Pläne, wollten Kinder. Und jetzt soll das alles vorbei sein. Warum nur ist sie am Steuer eingeschlafen? Warum hat sie sich wieder nicht angeschnallt gehabt? Karl steigt in die U-Bahn, die ihn nach Hause bringen soll. Nach Hause?
Sheryll packt ihre Unterlagen in ihren Koffer und macht sich auf den Weg zu der Mühle. Karl und Lora Schwalbach, ein junges Paar welches das Gebäude vor einigen Jahren günstig gekauft und dann renoviert hatten. Es wurde eine Goldgrube daraus ohne, dass sie es merkten. Mit viel Mühe und liebevollen Details hatten sie die Mühle zu neuem Glanz erweckt. Eine Touristenattraktion, alleine durch die Eintrittsgelder konnte man viel Geld verdienen, Restaurants und Souvenirshops werden ihr Übriges zum Verdienst beitragen.
Schon von weitem sieht Karl die Mühle. Lora hatte ihr ganzes Herz in die Restaurierung des alten Gebäudes gesteckt, sie hat die Mühle zu dem gemacht was sie heute ist. Sie strahlt Wärme aus, man spürt die Liebe die in Ihr steckt. Mit welcher Hingabe sie wieder erbaut wurde.
Dann sieht er das Taxi und eine junge Frau die an die hölzerne Eingangstür klopft.
"Suchen Sie jemanden?"
"Ja, die Besitzer der Mühle, Karl und Lora Schwalbach. Ich wollte mit ihnen über den Verkauf des Gebäudes sprechen."
"Bitte kommen Sie doch herein. Ich war für kurze Zeit verreist gewesen, und Lora.... Aber bitte nehmen Sie doch Platz."
Genau so hatte sich Sheryll die Mühle vorgestellt. Sie hatte lange nachgeforscht um an ein solches Objekt zu gelangen. Aber es hatte sich gelohnt, dieses alte Gemäuer war perfekt. Eine Attraktion in Frankfurt. Die Leute werden sie lieben, und gerne hier ihr Geld ausgeben.
"Wo ist Ihre Frau? Ich benötige die Unterschriften beider Besitzer, damit es zu einem gültigen Kaufvertrag kommt."
"Wissen Sie, warum wir die Mühle verkaufen? Lassen Sie es mich ihnen erzählen. Meine Frau hat diese Mühle geliebt, und ich auch. Wir haben alles was wir hatten gegeben, um das hier zu schaffen. Wir wollten hier ein Nest für unsere Familie bauen, für unsere Kinder. Nur leider ist es nicht mehr dazu gekommen. Sie hat mich verlassen, ohne ein Wort des Abschieds. Sie ist einfach gegangen. Ich kann nicht in der Mühle bleiben. Es ist nicht meine, es war unsere. Und deshalb möchte ich sie Ihnen schenken. Spüren Sie in ihr Loras Liebe und lieben Sie die Mühle genau so, wie Lora es getan hat. Bitte entschuldigen Sie mich jetzt, ich muss gehen. Leben Sie wohl."
Sheryll sah ihm nach wie er von der Mühle fortging. Sie war nachdenklich, was sollte sie tun. Sie hatte das Geschäft in der Tasche, sogar umsonst. Doch sie war nicht zufrieden, Das hier war nicht nur ein Gebäude, es hatte ein Herz und eine Geschichte, die Geschichte von Lora und Karl.
Sie wusste, was sie zu tun hatte.
Karl ging den Weg zurück zur U-Bahn. Nein sie wird nicht verkaufen, sie wird die Mühle, und auch Lora weiterleben lassen.
Karl fährt zum Bahnhof und setzt sich in den ICE nach Köln. Er will neu anfangen, versuchen auch wieder zu leben.
Sheryll nimmt ihren Koffer und macht sich auf den Weg zum Bahnhof. Sie setzt sich in den Zug zurück nach Köln um alles für ihren Umzug in die Mühle vorzubereiten. Als sie aus dem Fenster sieht bleibt ihr Blick auf einem alten Turm aus dem 14. Jahrhundert ruhen...



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Eingereicht am 15. Oktober 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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