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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Patriot wider Willen

© Karsten Mekelburg


Es war einer jener strahlende Sonntage, an denen die Sonne blitzblank, wie mit dem Staubtuch abgewischt schien. In der Luft der Siedlung hielt sich hartnäckig der Geruch von Rouladen, Rotkraut und der Musik der SWR Schlagerparade. Ruhe und Frieden breiteten das Tuch gepflegter bürgerlicher Langeweile über die Stadt.
"Öffnen Sie!", wummerte es an die Tür, dass sich Putzbrocken von der Wand lösten. Elfriede Krämer eilte in den Flur, doch hatte sich ein Lockenwickler aus ihren Haaren gelöst und war zu Boden gefallen. Als sie sich bückte, um ihn wieder an sich zu nehmen, wurde die Tür aufgebrochen. Aus dem Rauch trat ein stämmiger Mann in Uniform.
"Keiner verlässt die Wohnung! Hauptwachtmeister Jäger, Patriotismuspolizei. Hausdurchsuchung!"
Frau Krämer verlor erst die Fassung und dann weitere Lockenwickler, wie ein Apfelbaum im Herbst seine Früchte.
"Sie brauchen keine Angst zu haben, reine Routineangelegenheit! Echte Patrioten haben bei mir nichts zu befürchten!"
Im Flur hingen ordnungsgemäß die Bilder aller Bundeskanzler, von Adenauer, über Brandt und Schmidt bis hin zu Merkel.
"Na, hier sieht man doch gleich, dass die Moral stimmt! Grundsolide sag ich da! Und nun zeigen Sie mir mal ihre Goethe- und Schiller-Gesamtausgabe!"
Frau Krämer hatte sich inzwischen etwas gefasst und den Staub aus dem Gesicht gewischt.
"Steht hier Herr Hauptwachtmeister! Festgemauert in der Erde, steht die Form aus Lehm gebrannt, ..."
"Ja, lassen Sie mal gut sein, Frau Krämer. Auf die vierzig Strophen wollen wir heute verzichten. Da fehlen Klopstock und Herder! Laut Regierungsbeschluss vom Monatsanfang gehören die jetzt zur deutschen Leitkultur. Beschaffen Sie sich das umgehend, sonst muss ich ein Bußgeld in Höhe von Euro 150 erheben. Was ist in dem Zimmer da?"
"Da ist mein Mann drin. Bitte stören sie ihn nicht! Er schläft gerade."
"Tut mir Leid, Frau Krämer, Dienst ist Dienst!"
Die Tür wurde aufgestoßen und flog aus den Angeln. Hauptwachtmeister Jäger trat in das Wohnzimmer der Familie Krämer und brüllte den friedlich im Sessel schlummernden Herren des Hauses unsanft aus dem Schlaf.
"Patriotismuspolizei, Jäger, Hausdurchsuchung! Personalien, aber zügig!"
Vollkommen verschreckt war Herr Krämer aus dem Sessel gefallen.
"Krämer, geboren 62, Bauschlosser."
"Und Krämer, wer wird Fußballweltmeister?"
"Unsere geliebte Nationalelf unter der Führung unseres hochverdienten Nationaltrainers Klinsmann. Deutschland, Deutschland über alles, über alles in ..."
"Mensch Krämer, lassen sie es mal gut sein! Das kommt ja, wie aus der Pistole geschossen! Bei Ihnen stimmt es noch mit der Vaterlandsliebe!"
Jäger erstarrte einen Moment, als er auf das Bier schaute, das sich halb geleert auf dem Couchtisch befand.
"Krämer, was ist denn das? Pilsener Urquell aus Prag. Ich glaube nicht, was ich da sehe! Tschechisches Mistkübelwasser. Hier wird nur unser gutes Habereckl getrunken, verdammt noch mal! Das ist ganz schnöder Verrat am deutschen Reinheitsgebot! Herr Krämer, Sie enttäuschen mich tief! Da steht ja noch ein ganzer Kasten in der Ecke. Sie trinken fremd, Mann! Beim Bier, Herr Krämer, da fängt der Landesverrat an! Jetzt schnappen Sie sich einen Flaschenöffner und kippen das Zeug in die Spüle!"
Flasche für Flasche öffnete Krämer und schüttete deren Inhalt unter heftigem Schluchzen in den Ausguss.
"Krämer, Flaschen noch mal mit kaltem Wasser ausspülen. Sonst bleibt ja was drin. Sie glauben wohl, Sie können mich betrügen? Ich kenne alle eure kleinen, schmutzigen Tricks, von euch elendem Verräterpack!"
Die Tür zum Schlafzimmer ging auf und ein Pekinese kam knurrend ins Zimmer.
"Kusch, Trikki-Wu, kusch und zurück! Wirst du wohl zurückgehen!" Frau Krämer hatte sich schützend vor das kleine Tier gestellt.
"Ein Pekinese! Frau Krämer, da tun sich ja menschliche Abgründe auf! Ein deutscher Dackel ist wohl nicht gut genug? Frau Krämer, ich bitte Sie! Als deutsche Frau mit einem chinesischen Hund! Sofort her mit dem Vieh! Hier haben Sie die Adresse von einem Hundezüchter in der Nähe. Tadellose Zucht hat der Mann. Deutsches Drahthaar, deutsche Dogge, Schäferhund, der hat nur Viehzeug mit Stammbaum bis zum Hermann, dem Cherusker. Da beschaffen Sie sich mal was Passendes! Den hier ziehe ich ein!"
Während Frau Krämer versuchte, ihrer kräftig sprudelnden Tränen Herr zu werden, dudelten in SWR III weiter deutsche Volksmusik. Lauthals stimmte die Familie Krämer ein.
"In Mannheim steht ein Wasserturm ..."
Trikki-Wu verkroch sich unter die Couch und heulte von dort herzzerreißend mit. Hauptwachtmeister Jäger hielt sich die Ohren mit beiden Händen zu und versuchte krampfhaft dabei zu lächeln.
"Sie, Herr Hauptwachtmeister Jäger, danach bringen Sie immer den Heino. Eine ganze Stunde nur Heino. Unsere schöne deutsche Volksmusik. Wollen Sie nicht auch mitsingen?"
Jäger schien dieses Angebot nicht ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Wie von wilden Furien gehetzt, sieht man ihn aus der Wohnung rennen.
"Also Elfriede, das mit der Volksmusik, das klappt doch immer wieder. Stell doch mal den Schrank vor die Flurtür, nicht dass der Trikki-Wu dem Kerl noch hinterher rennt. Die ganzen schönen Biere hat mir das Ekel leer gemacht!"
"Und den Trikki-Wu wollte er mitnehmen!"
"Ja Elfriede, wir müssen halt mal so ein Dackelkostüm für den kaufen. Sonst sind wir ihn wirklich irgendwann los."
In der Speisekammer hört man Gepolter, die Tür geht auf und ein Mann tritt in das Zimmer.
"Mensch Ceylan, wie oft muss ich dir denn noch sagen, dass du erst kommen sollst, wenn ich dreimal klopfe. Wenn du immer so früh rauskommst, dann schnappen die dich auch noch. Den Trikki-Wu hätten die auch fast mitgenommen."
"Scheffe, ich hab konkret noch zwei Pilsner. Hab ich konkret krass gerettet vor Zugriff!"
"Mensch Ceylan, dann mal nichts wie her damit. Du als strenger Islamist darfst da ja nichts von trinken."
"Scheffe, das ist nicht so streng. Eine nehmen ich, eine du."
"Ceylan, Bier haben wir ja jetzt. Und wenn du jetzt noch deinen Dönerbräter anwirfst, dann ist der Sonntag gerettet."
"Ist klar, Scheffe. Geht voll korrekt in Ordnung. Aber mach die voll krasse Musik aus, krieg ich immer voll konkret Kopfschmerzen davon und der Trikki-Wu hört auch nicht auf zu heulen."
"Also unsere Bundeskanzlerin hat schon Recht. Sein Land muss man einfach lieben. Recht hat die Frau, muss man ja mal so sagen. Natürlich liebe ich mein Deutschland, fast schon so doll wie mein Mannheim. Aber am allerliebsten sind mir doch den Ceylan seine Döner, sind einfach die besten in ganz Mannheim."



Eingereicht am 11. Januar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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