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Geschichten aus dem Maisbacher Wald: Großwildjagd

© Karsten Mekelburg


Leise säuselt die Welle des kleinen Baches eine zärtliche Melodie in C-Dur, in die der Chor der Honigbienen summend einstimmt. Libellen gleiten anmutig von Sonnenstrahl zu Sonnenstrahl, während das Zirpen der Grillen über die Äcker klingt. Mutter und Vater Waldfink haben ihr Baumnest verlassen. Wohlgefällig ruht ihr Blick auf der ersten Brut dieses Jahres, die sich auf den Ästchen ringsumher postiert haben, um den Frühlings-Twist einzustudieren. Der Keiler Eberhard lässt sich die ersten wärmenden Strahlen auf die Schwarte knallen. Seine ihm angetraute Gattin, die Wutz Wutzmunde, schubbert ihm liebevoll das Fell, um fette Maden heraus zu polken, die sie anschließend einer nagenden Kritik unterzieht. Ein milder Wind streichelt auf der Lichtung die Gräser, an denen sich Bambi, eine Rehkuh in den besten Jahren, gütlich tut. Ein Wackeln mit ihrem weißen Stütz gibt dem im Landeanflug befindlichen Hirschkäfer Karl Lotsensignale, und so trollt er sich, um einen anderen Platz zum Niedergehen zu suchen. Ein kleines Tierunglück konnte so gerade noch einmal verhindert werden, denkt Bambi, während sie versonnen mit ihren klugen braunen Augen dem Käfer im dunklen Tann nachsieht.
Rums! Die alte Tanne mit dem Waldfinkennest fällt krachend auf die Lichtung. Ein Panzer erscheint, der wie wild um sich schießt. Aus der Luft fallen als Menschen verkleidete Mordmaschinen, deren vertiertes Gebrüll Gänsehaut auf den Panzer des Hirschkäfers zaubert. Was war denn das?
Waren die Mongolen eingefallen und wollten Baden dem Erdboden gleich machen? Zogen Tschingis-Khans wilde Horden gen Welschland, um auf den katalaunischen Feldern ein zweites Mal ihr Schlachtenglück zu versuchen? Zogen Wikinger mordend und sengend durchs Land, alles zu blutigen Fleischklumpen zermalmend, was die Dreistigkeit besaß, sich ihnen in den Weg zu stellen? Waren Drachenschiffe in den Neckar eingedrungen und zogen nun den Maisbach hinauf?
Keine Mongolen, keine Wikinger, der Jagdpanzer "Wutzwamme 2005" mit 4.7 Mega-Töt, 17 Millimeter Drillingsgewehr und Panzerkanone zum Aufstöbern verbunkerter Erdhörnchen war hier in Einsatz. Vom Himmel fiel gerade die schnelle Eingreiftruppe der V. Jagdbrigade "Harakiri Kraichgau-West" unter der Führung von Brigadegeneral Rainer Hasentod. Blendgranaten krachten, Mörser beschossen die Lichtung flächendeckend, Kugelgarben zersiebten das Unterholz. Das sah alles saumäßig ungemütlich aus!
Karl, der Käfer, hatte sich auf solche Fälle mental bestens vorbereitet. Mit einem Lächeln und dem Namen eines unaussprechlichen Tiergottes auf den Lippen warf sich unser Selbstmord-Attentäter vor den Jagdpanzer. Als dieser über das Hirschhorn fuhr, war natürlich erst einmal die Luft raus. Er drehte sich um seine eigene Achse und pustete die eigenen Leute gleich reihenweise um. Der wohlgeordnete Aufmarsch geriet ins Stocken.
Lag es daran, dass die Waidmänner vorher tüchtig am Jägermeister genippt hatten? Oder hatte Ihnen ein frommes Gebet zu Sankt Hubertus den nötigen Schneid verliehen? Die Moral der kämpfenden Truppe war jedenfalls ungebrochen, der Aufmarsch zur entscheidenden Schlacht ging zügig weiter.
Während Krähen die anrückenden Jäger mit hart gewordenen Hasenknödeln bewarfen, setzte die friedliebende Jagdgemeinschaft Flammenwerfer zum Ausräuchern der Bunker von Freund Lampe ein. Im eigenen Bau gegrillter Hase galt als der ultimative Kulinaria-Kick in den Kreisen der Wildliebhaber. Schrapnelle zersiebten den Himmel und sorgten für eine prompte Bauchlandung der tierischen Rosinen-Bomber. Schließlich muss sich kein Vertreter des edlen Waidwerkes mit ordinärer Hasen-Scheiße bewerfen lassen! Diese Runde ging damit ganz klar an die munter metzelnde Mordschar der Weidmänner.
Durch die Wirkung einiger geschickt platzierter taktischer Atomschläge kam endlich Licht und Luft in den Wald und gestaltete die Schussfläche erstaunlich übersichtlich. Bambi bekam einen schönen Steckschuss verpasst und hauchte ihr Lebenslicht mit einigen nicht zitierfähigen Zitaten aus, die sie vermutlich im nächsten Disneyfilm vergeblich suchen werden.
Während Eberhard noch tiefenpsychologische Überlegungen anstellt, warum hier mit scharfen Waffen auf friedfertiges Getier geschossen wird, applizierte einer der Tierpfleger eine geballte Ladung Hackschrot in seinen ungeräucherten Schinken. Derart unfein an die materielle Determiniertheit seiner unsterblichen Seele erinnert zu werden, kann auch das philosophischste Schwein restlos aus seiner Ruhe rütteln. Solcherart trat Eberhard zu seinem, inzwischen in Wildschweinkreisen legendär gewordenen "Todesgalopp vom Maisbacher Forst" an. Eberhard tat dies keineswegs als primitiver und stupider Held, der wie die Herren der anderen Seite lediglich zur Befriedigung niedrigster Nahrungsbedürfnisse sein Leben riskiert, Eberhard tat dies für den Kampf zur Beendigung aller animalischen Knechtschaft. Welch ein Schwein!
Die Treiber, die wie auf einer Perlenkette aufgereiht waren, ereilte ihr Schicksal einer nach dem anderen. 600 Kilo wild gewordenes Wildschwein machte hochfeines Hackfleisch aus ihnen. Hintereinander verschwanden sie im tierischen Fleischwolf, bis Eberhard auf Rufus, dem gefürchteten agnostischen Schlächter traf. Blutunterlaufenes Auge starrte auf blutunterlaufenes Auge, Hufe und Füße scharrten in der Erde, Hauer und Beile wurden geschwungen, dampfender Odem brodelte aus Nüstern und Nase. Dann sah man die beiden Recken gegeneinander anrennen. Welch ein Kampf! Welch mutiges Gestech! Noch in Hunderten von Jahren wird das begeisterte Volk von Maisbach den Namen der Haudegen in ihren Liedern besingen!
Da, ein gewaltiger Schlag mit dem Beil fährt Eberhard genau zwischen die Lichter und löscht dieselben aus. Keine letzte Zigarette, kein letzter Wunsch, keine Henkersmahlzeit, nicht einmal eine Generalbeichte, kein geistlicher Beistand und keine letzte Ölung für Eberhard. Ein Begräbnis in geweihter Erde wird man ihm auch verweigern, er wird in der Tiefe einer Tiefkühltruhe zur Ruhe kommen, bevor der Kochtopf ihn für immer aufnehmen wird. Das ist ganz klar nicht waidmännisch! Das ist auch ganz klar gegen Genfer Abkommen und Haager Landkriegsordnung! Und das ist, verdammt noch mal, auch einfach nicht gerecht!
Während der Schlächter sich lachend seines vermeintlichen Sieges freut, rafft sich Eberhard ein letztes mal auf, stürzt sich auf Rufus, den inzwischen schon reichlich Ramponierten, und begräbt seinem Mörder unter sich. Blut spritzt, Knochen knacken, und dann ist nichts als Stille und Frieden um Eberhard und Rufus. Das Schwein ist tot und sein Schlächter gleichermaßen.
Die Wutz Wutzmunde war nun Witwe und allein erziehende Mutter. Doch grimmig verschwendete sie keinen Moment Zeit auf die üblichen Klagen von Unvereinbarkeit von Arbeits-, Haushalts- und Erziehungspflichten. Es war eine verdammt tapfere Sau, doch auch eine tapfere Sau hat ein Herz. Und ihres war erschüttert bis in den allertiefsten Herzensgrund, denn ihr verblichener Eberhard, war ein schweinischer Edelstecher, wie ihn der ganze Maisbacher Forst nur ein einziges Mal kannte. Für diesen Verlust schwor sie bittere Rache! Säuische Wut wandelte Wutzmunde, sonst eher eine Schwein zum Schmusen, zur Führerin ihre Masse. Mit dem Schrei: "Zeigt es ihnen, Mädels", stützten sich die enthemmten Schwarzkittel auf die restlichen Treiber. Das Schlachtenfieber hatte alle gepackt. Von links und rechts dräuten die raufenden Rotten, doch Wutzmunde hatte auch einige Schweine in den Rücken der Treiber krauchen lassen, von wo sie sich nun unter lautem Grunzen auf die peinlich Überraschten warfen. Von hinten, links und rechts nichts als die Macht gezückter Hauer. Hatte die verdammte Sau doch Hannibals Taktik bei Cannae kopiert. Der Kessel bei Maisbach ließ den Treiber keinen anderen Weg offen als den nach vorn, mitten hinein in das mörderische Dauerfeuer der eigenen enthemmt ballernden Schützen. Innerhalb weniger Minuten hatten diese unter den Treibern gründlicher aufgeräumt, als jede noch so wilde Sau es jemals vermocht hätte. Die Treiberkompanie der V. Jagdbrigade blieb für immer auf dem Feld der Ehre.
Doch noch war kein Halten für die vor Mordwut zitternden Schweinebande. Tief gestaffelte keilförmige Angriffsformationen gingen zum Sturmangriff auf die feindliche Infanterie über. Mehrere Rotten krochen bereits in deren rückwärtigem Raum durch das Dickicht, um dem Feind die Fluchtwege abzuschneiden. Brigadegeneral Rainer Hasentod erkannte glasklar den Ernst der Lage. Diese Schlacht war nicht mehr zu gewinnen. Von allüberall tobten die wilden Wutzen den schlotternden Schützen entgegen. Rainer rutschte erst die Stimme, dann das Herz und dann etwa zwei Kilogramm Eigenfäkalie in die grüne Jagdhose. Welch eine Sauerei! So kann selbst der stärkste Recke nicht mehr kämpfen! Da blieb bloß noch Totalvernebelung und geordneter strategischer Rückzug, der allerdings schnell zur panischen Flucht in Richtung Waldrand verkam.
Schweine und Treiber schlugen jedem den Schädel ein, den sie nur irgendwie zu greifen bekamen. Die fliehenden Schützen gaben reichlich Dauerfeuer auf alles, was da schrie und quiekte. Im dichten Nebel schoss gar mancher Waidmann fehl und nagelte das Gedärm eines Jagdfreundes an die nächste Tanne oder pustete selbst seinen letzten Odem in den bluttriefenden Waldboden, gründlich zersiebt durch einen Schützen, der sein Geschnaufe nicht von dem einer Wildsau unterscheiden konnte. Noch manch armes Schwein musste an diesem Tag sein Leben lassen.
So energisch war das Ringen, so gewaltig das mörderische Toben und das große Sterben, dass alte Maisbacher, die nicht recht schlafen konnten, lebhaft davon berichteten, in der folgenden Nacht noch donnernden Schlachtenlärm aus dem Wald vernommen zu haben. Da waren wohl die Seelen von Schweinen und Jägern unerlöst noch einmal zur Walstatt hinabgestiegen, um den Kampf bis zum Letzten auszufechten.
Endlich wurde mit schrägem Getön das nekrophile Ende der Jagd betutet. Kritisches Kadaverbegaffen, musikalisch umrahmte Leichenschändung oder waidmännisch ausgedrückt: Strecke legen, großes Halali blasen. Die Jagd hatte sich gelohnt. Ein platt gewalzter Hirschkäfer, eine arg zerlöcherte Finkenfamilie, ein ordnungsgemäß perforiertes Reh, einige zersiebte Erdhörnchen, ein Dutzend gut durchgebratene Hasen, eine unbestimmte Anzahl in kleinste Einzelteile zerlegter Krähen und ganze 37 Wildschweine standen auf dem einen Seite einem Totalverlust des Jagdpanzers "Wutzwamme 2005", sowie 34 durch eigenes Feuer und 21 durch Wildschweine erlegten Waidmännern gegenüber. Friedlich lagen jetzt alle nebeneinander, die einen hübsch ausgeweidet, die anderen hatte man im naturnahen Zustand belassen. Ein ausgeglichenes Verhältnis, wie wir Maisbacher fanden, und damit wohl eine insgesamt faire Jagd.



Eingereicht am 11. Januar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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