www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Wahnwitz 2005, Schröders Neujahresansprache im Parlament zur Lage der Nation

Von Karsten Mekelburg


Liebe Parlamentarier, liebe Sozialdemokraten und zuallerletzt: Deutsches Volk!

Wir sind am Ende! Die bittere Not hält uns fest in ihren scharfen Krallen. Die fetten Jahre sind vorbei! Für alle! Und alle meint auch Sie, meine lieben Damen und Herren Abgeordnete! Von jetzt ab heißt es die Arschbacken zusammenkneifen und nicht nur den Gürtel anderer enger schnallen.
Schon nach sieben Jahren sozialdemokratischer Regierung ist Deutschland so bitterarm, wie wir es vorher nur aus dem Märchen der Gebrüder Grimm kannten. Aus den Kassen gähnt Leere - egal, wohin man auch immer den trüben Blick wenden mag. Ganztagesschulen, Kindergärten, dafür langt es schon lange nicht mehr! Die Zeiten der Fettlebe sind endgültig vorbei. Für immer! Es reicht gerade noch, das soziale Netz für marode Industriezweige nicht reißen zu lassen, deutsche Kohle und deutschen Stahl zu subventionieren, der hungernden Industrie einige wenige Steuergeschenke und ein paar harmlose Forschungsgelder zuzustecken und bestenfalls noch den Sozialplan für Opel zu finanzieren. Das war es dann aber auch schon, meine sehr geehrten Herren und Damen Parlamentarier.
Deutschland ist pleite, und der Geier wird unser neues Staatswappen. Deshalb habe ich, der Deutsche Bundeskanzler, mit aller mir zur Verfügung stehenden Inkompetenz, einen Fünfpunkteplan zur Rettung unseres geliebten Landes beschlossen. "Wahnwitz 2005" wird bereits am Anfang des nächsten Jahres ohne die Zustimmung des Deutschen Bundestages und selbstverständlich auch ohne die des deutschen Volkes in Kraft treten. Hier nun die wesentlichen Punkte.

I. Politikeradoptionen
Der Kollege Arentz von der CDU hat es bereits erfolgreich vorgemacht. Politiker werden von Firmen angestellt, die für ihre Versorgung aufzukommen haben. Ein Bravo an den Kollegen Arentz, der diese wunderbare Idee eingebracht hat.
Also deutsche Industrie: Kauft Politiker! Nun endlich auch legal. Alles muss raus! Alles muss weg! Und wenn da mal einer zu teuer sein sollte, da können durchaus auch mehrere Betriebe zusammenlegen. Warum nicht einfach Anteile erwerben? Zweihundert Gramm Politiker, bitte nicht in Scheiben, ich nehme es als Ganzes! Ist eh bloß für die Katz! Besonders wertvolle Exemplare werden von der Bundestagsholding an die Börse gebracht und dort als AG separat vermarktet. Während der Weihnachtszeit wird die Bundesregierung eine entsprechende Werbekampagne schalten: "Peanuts für Parlamentarier - Rettet das Leben eines Abgeordneten!" Die Plakate werden deutschlandweit mit dem Antlitz des Verteidigungsministers Peter Struck geklebt werden. Von allen Abgeordneten des Deutschen Bundestages kommt sein Aussehen dem eines hilflosen Robbenbabys noch am nächsten.
Aber wir wollen nicht nur an die Mildtätigkeit und die sentimentalen Gefühle zur Weihnachtszeit appellieren. Kollegin Merkel hat sich bereit erklärt, die Glücksfee in der Bundestags-Tombola zu spielen. Verlost werden ein paar Zigarren, die ich gestiftet habe und als Trostpreise einige schwer verkäufliche Abgeordnete aus den hinteren Bänken. Angela ist schon ganz aufgeregt und studiert derzeit im Goetheinstitut die Grundlagen der deutschen Sprache. Für die absoluten Ladenhüter konnten wir Kollegen Kohl reanimieren, der mit seinen bekannt guten Kontakten zur Industrie dafür zuständig ist, den Restmüll unter der Hand zu verscherbeln.
Doch es muss ja nicht immer gleich ein gut bezahlter Posten im Aufsichtsrat oder ein Abteilungsleitergehalt sein, das einfach so aufs Konto überwiesen wird, ohne dass derjenige auch nur den Namen seines Wohltäters buchstabieren kann. Unsere Abgeordnete können schließlich richtig zupacken und ordentlich was bewegen! Sie sind auch in der freien Wirtschaft zu etwas zu gebrauchen. Und da soll mir keiner kommen, er will nicht. Wer nicht mitzieht, bekommt die Stütze gekürzt. Ist schließlich alles zumutbare Arbeit.
Als Erstes ein Angebot des Berliner Zoos für Wolfgang Thierse. Ganze Zeit frei, nur in der Ferienzeit musst du den Bär vertreten. Na, das hast du es ja gar nicht so weit bis zur Arbeit und an den Käfig wirst du dich schon gewöhnen, ist ja nicht für ewig.
Angela, du hast den Hauptgewinn gezogen. Ein Angebot aus Hollywood. Donnerwetter, kann ich da nur sagen! Und gleich die männliche Hauptrolle für den neuen Gruselfilm "Vlad, der Pfähler". Ja, schauspielern kannst du ja schon und das mit dem Pfählen, na das hast du jetzt auch lange genug geübt. Gib mir nachher doch bitte noch zwei Autogramme für meine beiden Kleinen!
Mensch Münte, für dich habe ich ja gleich einen ganzen Zettel mit Angeboten. Das SPD-Museum in Eisenach will dich haben. Die suchen noch jemand für die Rolle als aufrichtigen Sozialdemokraten. Na Münte, was anderes hast du doch hier auch nicht gespielt!
Und schon wieder eine Hauptrolle zu vergeben! Das Augsburger Puppentheater bietet hier Spitzensummen für unseren Hans Eichel. Das nenne ich mal einen Volltreffer! Du kannst bei denen in allen Vorstellungen den Kasper spielen, da brauchst du ja noch nicht einmal groß umzulernen!
Also jetzt man ran an die Industrie, die meisten Herren haben ja schon einen ruhenden Arbeitsvertrag oder wenigstens enge finanzielle Kontakte. Soll die ruhig bezahlen, gearbeitet haben wir ja eh schon die ganze Zeit für sie.

II. Landesverkäufe
Verkauft werden: Der gesamte deutsche Osten an Polen, das Saarland an Frankreich und Schleswig an Dänemark. Leute, tut mir schrecklich Leid, dass ihr es so erfahrt, aber ihr kostet uns schlicht zu viel. Es kommt nichts bei rum und die Ausgaben werden auch immer höher. Glaubt einem alten erfahrenen Bundeskanzler: So ist es das Beste für alle Beteiligten, vielleicht mal abgesehen von den Polen, den Dänen und den Franzosen. Und für unsere ehemaligen Landsleute sei gesagt: Schlechter als bei uns werdet ihr es wohl kaum haben! Also Kopf hoch!
Und den verbliebenen Ländern sei auch mal gleich ein warnendes Wort ins politische Stammbuch geschrieben: Wer hier weiter rummzickt und Schulden macht, der ist als Nächster dran!

III. Verkauf von Landeskindern
Die deutsche Armee wird geschlossen an den Meistbietenden verkauft. Denn seien wir doch mal ehrlich! Wer greift uns denn noch an? Ist doch eh nichts mehr zu holen! Die marschieren doch hier bloß noch durch nach Polen, wo inzwischen die ganze deutsche Industrie steht. Da stört eine Armee nur. Die Amis kaufen uns unsere Jungs so schnell ab, dass wir mit dem Nachproduzieren vermutlich kaum hinterher kommen werden. Da flutscht doch das Geschäft!
Also sollen unsere Jungs mal ordentlich Geld verdienen für den Staat. Foltern können die auch nicht schlechter als die Amis. Und sicher gefällt denen das so richtig, wenn sie die Leute mal nicht mit Vornamen kennen, auf die sie einprügeln.

IV. Neue Steuern
Die Islamisten stehen von heute an unter dem persönlichen Schutz von Hans Eichel. Ist zwar nicht billig für die Jungs, ist aber gut angelegtes Geld. Die übliche Steuer wird in achtfacher Höhe erhoben, zu hohen moslemischen Feiertagen sind Sondergebühren fällig. Dafür gibt es auch arbeitsfrei. Türkisch wird zweite Amtssprache, die Neujahrsansprache halte ich zusammen mit unserem geliebten Präsident Erdoan. Wegen des Kopftuchzwanges für alle Frauen sind wir noch am Verhandeln. Sieht zwar bescheuert aus, aber ist alles nur eine Frage des Geldes. Wenn ihr uns genug gebt, dann rufen wir sogar eine islamische Republik aus. Das Töten moslemischer Mitbürger steht ab heute unter strenger Strafe. Ebenso rassistische Hetze. Also Angela, reißt dich auf dem nächsten Parteitag zusammen, sonst kommst du zu Joschka in den Harem! Und zieh dir endlich deinen Schleier an! Du siehst damit wirklich besser aus.
Besteuert werden weiterhin alle Arbeitslosen und sozial Schwachen. Die weitaus größte Gruppe der Gesellschaft darf nicht aus der Erbringung wertvoller Beiträge für den Fortbestand unseres Landes ausgegrenzt werden. Also ab nächstes Jahr wird doppelt gezahlt, Eintrittsalter für die Steuer sind zwei Jahre. Wenn der Kleine noch nicht arbeiten kann oder will, dann springt halt die Oma ein und zahlt. Wir sind ja schließlich keine Unmenschen.
Für die Herren und Damen von der Vorgängerregierung ist eine Oppositionssteuer fällig. Sie hatten wahrlich genug Zeit, Bimbes zu scheffeln. Jetzt gibt es progressiv jedes Jahr, das ihr in der Opposition seid, ein kleines Scherflein, das ihr zur Staatssanierung beitragen könnt. Da könnt ihr dann schön zurückgeben, was ihr zusammengerafft habt. Außerdem gebt ihr euch dann wenigstens Mühe, wieder an die Regierung zu kommen. Manchmal denke ich, ihr wollt gar nicht mehr. Aber euch werde ich schon auf die Beine helfen! Wie lange soll ich das hier denn noch machen? Glaubt mir ja schon jetzt keiner mehr, dass ich da Spaß bei habe.

V. Deutsche Rechtschreibung
Ich habe mir das Durcheinander nun lange genug angesehen. Hier ist ein Machtwort fällig! Also basta! Ein Jahr ist Zeit, Vorschläge einzureichen. Ende nächsten Jahres machen wir dann eine öffentliche Versteigerung der deutschen Sprache. Der Meistbietende setzt sich mit seinem Vorschlag durch. Wir machen bloß noch das zugehörige Gesetz. Von viel mehr haben wir sowieso keine Ahnung.

Lassen sie mich noch ein paar Worte zum Abschluss sagen! Dienstwagen sind gestrichen. Es stehen draußen ein paar gebrauchte Opel rum, die haben wir billig beim Abfindungs-Deal abstauben können. Kantine ist gestrichen, Angela ist dafür zuständig, Pausenbrote zu reichen. Unser Logo heißt ab heute "Deutscher Bundestag - Lasst euch nicht verarschen", die Bandenwerbung ist fürs nächste Jahr vom Media-Markt gemietet. Neue Gesetze gehen wie immer an den Meistbietenden von der Industrie. Gut, da ändert sich nicht viel. Für Neubesetzung von Stellen ist von heute an das Scheck- und nicht mehr das Parteibuch entscheidend. In diesem Sinne dann: Gute Nacht Deutschland!



Eingereicht am 22. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.



Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unsere Autorin / unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.



»»» Kurzgeschichten: Humor, Satire, Persiflage, Glosse ... «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««