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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Reich werden als Roman-Autor

Von Karsten Mekelburg


Wenn Sie Erfolg haben wollen, sollten Sie von Zeit zu Zeit ein wenig arbeiten. Nicht zu viel, das ist schlecht für die Gesundheit. Eine leichte Arbeit sollte es sein, etwa das Schreiben eines Fantasy-Romanes. Das kann jeder Volltrottel und sechsstellige Tantiemen sind ein brauchbarer Einstieg ins süße Nichtstun. Worauf Sie dabei zu achten haben, entnehmen Sie bitte den folgenden Hinweisen!
Man nehme ein männliches Wesen in seinen frühesten Anfängen, bestens geeignet sind pubertierende Erst-Flaumbart-Träger mit Kurzhaarschnitt und Pickelgesicht. Gut macht sich ein Gnom mit frisch geputzten Zähnen, ein Kobold mit sympathischem Äußeren und ordentlich gekämmten Haaren oder auch ein freundliches Pelztier mit Samtpfötchen, halt so richtig was zum Knuddeln. Zur Not tut es aber auch irgendeine humanoide Form in Hutschachtelgröße mit Augen in Agfa-Color-Strahlend-Blau. Unser heranwachsender Held verlebt seine Jugend glücklich und zufrieden in irgendeinem naturbelassenen Feuchtbiotop, bevölkert vorzugsweise mit Aber-Millionen bunter Schmetterlinge und zur Erheiterung des Publikums auch mit ein paar Typen von seiner Sorte. Alles ist gut, alles ist fein, nichts könnte irgendwie besser sein. Die Schmetterlinge flattern sich die Flügel wund, der Quarkkuchen schmeckt so richtig wie in alten Zeiten brühwarm vom Bäcker, die Sonne strahlt wie frisch geputzt, kurzum, die VIP-Lounge im Paradies ist ein blanker Scheißdreck dagegen. Bevor der Leser nun vor lauter Glückseligkeit grenzdebil wird, sollte die Handlung eine überraschende Wendung nehmen.
Wir zaubern eine x-beliebige erwachsene Person aus dem Hut und damit auf die Bühne des Lebens. Irgendeinen tanzenden Derwisch, oder einen in die Jahre gekommenen Druiden, der zum Mistelschneiden zu faul ist, und sich anderweitig durch die Gegend nassauert, oder in der Minimalvariante wenigstens einen kurz vor der Berentung stehenden Magier. Dieser hat im letzten Vollrausch oder unter Verabreichung halluzinogener Pilze Schreckliches gesehen, vorzugsweise in der Zukunft, das lässt sich dann nicht so genau überprüfen und regt die Phantasie der Zuhörer auch viel besser an. Üblicherweise laufen die Bilder auf die vollkommene Zerstörung der gesamten bekannten Welt und die Vernichtung allen urbanen Lebens zuzüglich allem was da krabbelt und kriecht bis runter zum widerstandsfähigsten Kerbtier hinaus. Mit einer Nummer kleiner sollte man sich erst gar nicht zufrieden geben, schließlich soll es ja ein ambitionierter Roman werden.
Unser bekiffter Druide schwelgt in Endzeitszenarien, und den bisher Glücksgewöhnten und mit offenstehenden Mündern Zuhörenden läuft der Angstschweiß gleich bächeweise die Arschkimme hinunter. Es gibt keine Chance, Mord und Totschlag aufzuhalten, wenn nicht, ja, wenn nicht ...
Hier gleitet unser Blick über die von Furcht zerbeulten Gesichter bis endlich der für die Heldenrolle gänzlich ungeeignete Rettungs-Applikant in den Blick kommt. Der bös orakelnde Drogen-Jogi verklingelt nun dem Weltenretter in spe, dass er Tausende sauschwerer Prüfungen zu bestehen hat, Durst und Hunger erleiden wird, von Bösen gehetzt und gepeinigt wird, und dass von Reisekostenrückerstattung oder gar wohlgefülltem Spesenkonto nicht die Rede sein kann. Und das ganze Theater nur, um eine magische Bratpfanne, einen rostigen Schlüssel, einen halbverdreckten Ring, oder wenn denn gar nichts Besseres zur Hand sein sollte, wenigstens ein blankgeputztes Goldkieselchen irgendwohin zu schleppen, es dort beim Verantwortlichen auf der örtlichen Müllkippe abzugeben und so für die ordnungsgemäße Beseitigung durch die zuständige Behörde Rechnung zu tragen.
"Mensch, klingt gar nicht schwer!", jubelt unser jugendlicher Held, der durch die Beschränktheit seiner noch im Wachstum begriffenen Denkwerkzeuge leider nicht in der Lage ist, die ungeheuren Schwierigkeiten in Gänze mental zu erfassen. Unser Druide schützt schwerwiegende Magenprobleme vor, bittet sich für den weiteren Gang der Handlung zu entschuldigen und verkrümelt sich, ungläubig kopfschüttelnd, mit Druidenmaximalgeschwindigkeit ein paar launige Runen vor sich herbetend ins nächste Zaubererasyl.
Nun lässt man den Helden seinem Schicksal entgegentappen. Üblicherweise gibt man ihm noch einen Begleiter mit auf den Weg. Nicht nur, dass der sich nützlich machen kann, um die Pausenbrote und das Nutella zu schleppen, nein, die meisten Dialoge machen sich auch einfach besser, wenn sie von zwei Leuten gesprochen werden.
Da nähert sich auch schon das Grauen in Form eines gewaltigen Viehs, namens "Grunz". "Grunz" ist absolut unbesiegbar, überall unverwundbar, stinkt übel aus dem Maul, ist dumm wie ein Rudel bekennender Extrembiertrinker und sieht aus, als hätte er bei Hieronymos Bosch zur Maske gesessen. Aber "Grunz" hat nicht nur sympathische Eigenschaften, sondern neigt aus unerfindlichen Gründen dazu, alles aufzufressen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dafür kommen in diesem Fall unsere Weltenretter in die engere Wahl.
Leider können wir aus dramaturgischen Gründen das Buch hier noch nicht enden lassen, denn etwa vierhundert weiß gebliebene Seiten wirken doch etwas peinlich.
Fassen wir also mal kurz zusammen. "Grunz", dem Urvieh, läuft schon das Sabber im schlecht gewarteten Maul zusammen, unsere Helden stehen ziemlich unheldisch zusammengekauert in irgendeiner finsteren zugigen Ecke, aus der es absolut kein Entrinnen gibt, und an dieser Stelle ist es sicher nicht übertrieben zu sagen: Zu Hause ist's doch am Schönsten!
Doch gerade bevor "Grunz" sein wohlverdientes Frühstück verdrückt, fällt unserem Held noch mal was ein. Ein Rätsel! "Es ist ein Kind deiner Eltern, aber nicht dein Bruder und nicht deine Schwester!"
Das saß! "Grunz" zermartert sich sein Primitivhirn, kann aber mit seinen zweieinhalb Synapsen beim besten Willen nichts stemmen. Während er sich abstrampelt und müht, können unsere Helden in einem unbeobachteten Moment entkommen.
Jetzt können sie endlich laufen, denkt der Leser! Denkste! Denn jetzt kommt erst einmal "Schmatz" ins Bild. Auch der ist wieder unbesiegbar, grausam, stark, unverwundbar, mit arg vernachlässigtem Zahnputz, usw., usf., nun eben Ungeheuerstandardausstattung. Zusätzlich kann "Schmatz" aber Winde fahren lassen, die alles versengen und vergasen. Nach dem Genfer Abkommen gehört so was natürlich auf den militärischen Sperrmüll, aber hier im Buch darf es noch eine Weile rumkrauchen. Die Lage sieht wie üblich hoffnungslos aus, "Schmatz" tropft schon ordentlich der Zahn, aber leider sind noch zweihundert Seiten zu füllen. Also fällt unserem Helden mal wieder was ein. "Schmatz" steht direkt vor einem Felsen, als Jung-Siegfried an ihn herantritt und ihn mit einem uralten sächsischen Druiden-Rap schier zu Tode erschrickt. Infolge dieser gewaltigen seelischen Erschütterung löst sich ein Darmwind, der durch den Felsen reflektiert wird und das Ungeheuer in seinem eigenen Saft kocht. In kommenden Heldenepen wird man an dieser Stelle schamhaft von Selbstflattulation singen.
Puh, ist ja noch einmal gut gegangen! Jetzt können sie aber endlich flinken Schrittes losmarschieren, denkt der Leser. Nein! Dürfen sie eben nicht! Schließlich wollen wir den Leser den Rest des Buches nicht langweilen, indem wir Wanderlieder aus dem "Zupfgeigenhansl" abdrucken, oder die zwei Fahresleut tiefschürfend über den metaphysischen Hauptgedanken im Spätwerk Max Frischs referieren lassen.
Also jetzt mal ordentlich gewühlt in der Requisitenkiste, da in der hintersten Ecke staubt doch noch was Brauchbares herum: "Schluck"! Ein unbesiegbares Wesen von ebenso umstrittener Schönheit, wie die beiden Vorgänger, das Weltenretter wieder einmal mit frisch belegten Brötchen verwechselt. Die Lage ist absolut aussichtslos und das ohne weiteres Zutun der deutschen Regierung. Keine andere Alternative, als die, als Appetithäppchen in "Schlucks" Schlund zu landen. Unsere Helden sehen sich ein letztes Mal verzweifelt in die stahlblauen Augen und sprechen finale Worte in dichterischen Jamben und leise wehklagenden Trochäen. Die Geschichte wabbert tragisch vor sich hin und spätestens an dieser Stelle sollte das alte Mütterchen der beiden zur Sprache kommen, das fürderhin dazu verdammt sein wird, den Kohlenpott allein die Treppe hoch zu buckeln. Das war es dann also.
Als "Schluck" sich sein Besteck zurechtlegt und das Tischgebet spricht, dies ist immerhin ein kultiviertes Buch für wohlerzogene Menschen, da kann den Ungeheuern ein wenig kultureller Lack nicht schaden, just in jenem Moment fällt unseren Helden vollkommen unerwartet etwas ein. Hat unser Miniatur-Terminator doch irgendwo am Wegesrand ein Schluck-Totschießgewehr in der Welterrettungs-Helden-Ausführung aufgelesen. Also raus mit dem sperrigen Ding, sauberer Blattschuss und "Schluck" ist im Ungeheuerhimmel ein zuckersüßer kleiner Engel mit übergroßen Flügelchen und stinkendem Maul. Gerade noch mal gut gegangen.
Nun wird das Papier langsam knapp und alles geht zügig seinen wünschenswerten Gang. Das Goldkieselchen wird gegen Quittung ausgehändigt, die Welt ist gerettet. War ja gar nicht so schwer. Kann man bei Gelegenheit ja mal wieder machen.
Natürlich wird auch noch ordentlich gefeiert, so ordentlich, dass es tagelang Baumkuchenspitzen regnet. Unsere Helden werden von halbnackten Elfen, nymphomanischen Druidentöchtern und sexhungrigen Koboldinnen fast zu Tode geliebt. Wäschekörbeweise gehen handsignierte Damenschlüpfer der Teilnehmerinnen der letzten Miss-World-Wahlen ein, einig in dem innigen Flehen, von Fleck weg von einem der Haudegen geheiratet zu werden, um gewaltige Heldendynastien zu gründen. Dies sind Tage des Frohsinnes und dem munteren Spieles und für den Autor wird es Zeit, über eine Fortsetzung der Geschichte nachzudenken.



Eingereicht am 16. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.



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