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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Jogger und Handwerker

© Anne Chlosta


Wer bei eiskaltem Wind draußen mit einem T-Shirt und sonst nichts herumläuft, ist entweder Jogger oder Handwerker, aber niemals beides.
Handwerker joggen nicht, sie arbeiten. Dass sie unschuldige Menschen morgens in aller Herrgottsfrühe aus den Betten jagen, ist Nebensache. Handwerker brauchen nur eine dünne Lage Stoff, denn sie arbeiten sich warm.
Handwerkerschweiß ist warm und gut, denn er wurde bei harter Arbeit verdient. Joggerschweiß ist auch warm und gut, aber er riecht anders. Nach Hobby, nach Freizeit, nach Vergnügen. Jogger laufen nicht, weil sie arbeiten, sondern weil es ihnen Spaß macht. Im Hinblick auf ihre schweißverkrusteten kurzatmigen nassen Gesichter mag das befremdlich klingen, aber die Schinderei macht diesen Menschen tatsächlich Spaß. Es ist sogar viel schlimmer, es bereitet ihnen so viel Vergnügen, dass sie sich zusammenrotten und in großen Gruppen wahnsinniger Leidensgefährten schweigend einen Fuß vor den anderen setzen, bemüht, das Tempo stets zu erhöhen oder wenigstens beizubehalten. Auch wenn die Rippen höllisch schmerzen, das Herz so schnell pocht, dass es eigentlich aus der Brust springen müsste, wenn jeder Atemzug wie Feuer brennt und der Gedanke nach einem Glas kühler Flüssigkeit das ganze Bewusstsein ausfüllt, sie laufen weiter. Immer weiter, weiter auf der Straße und sie schweigen.
Handwerker schweigen selten. Sie sind umgeben von Wolken aus obszönen Witzen, Zigarettendunst und bunt fröhlicher Musik. Wenn Handwerker arbeiten, sind sie laut. Jeder, der ausschlafen wollte und es nicht konnte, weil sie in die Wohnung einfielen, weiß es. Für Handwerker ist arbeiten eine Entschuldigung um sich geräuschvoll zu äußern, sei es über die Rundungen einer vollbusigen Passantin oder über den Zustand des Daches. Sie haben immer einen Spruch auf den Lippen und man kann sich darauf verlassen, dass jeder Witz, den man hört, schon von einem Handwerker erzählt worden ist.
Jogger konzentrieren sich beim Laufen ganz auf den Rhythmus ihrer Füße, auf das Schlagen ihres Herzens. Handwerker konzentrieren sich auch bei der Arbeit, aber anders. Sie pfeifen ein Liedchen, das man irgendwo schon mal gehört hat, aber trotzdem nie identifizieren kann und begutachten mal diesen Stein, mal jenes Rohr. Niemand weiß, worauf sie sich konzentrieren, aber sien tun es, ohne Zweifel, sonst würden sie sich arbeiten.
Handwerker lachen viel, zu jeder Tageszeit, zu jeder Gelegenheit. Sie lachen, wenn etwas schiefgeht und wenn etwas gelingt, dann lachen sie noch breiter. Handwerkerlächeln gehen von einem Ohr bis zum anderen.
Joggerlächeln verlassen selten die Linien des Mundes. Es sind säuerliche Grimassen, denn sie lenken ab vom Asphalt, von der Erde, von dem Boden, auf dem die Füße im gleichmäßigen Rhythmus laufen. Jogger lachen nie. Sie grinsen. Und sobald sie ein Grinsen angedeutet haben, fliegt der Blick zurück auf den Asphalt, zurück zum Laufen. Schnell, schnell. Ein Joggerleben ist ein schneller Leben. Jogger schauen nie zurück, denn wer läuft, kann sich nicht umdrehen, ohne den Rhythmus zu ändern. Jogger schauen nach vorne, den Blick auf den Horizont gerichtet. Sie sehen einen weiten Horizont, auch wenn Häuser, Beton und Steinmassen ihn verdecken. Jogger wissen, wohin sie laufen, der Horizont ist das Ziel.
Handwerker leben langsamer, gemächlicher. Für sie gibt es ein Heute und ein Morgen, aber immer schön eins nach dem anderen. Sie überstürzen nie etwas, im Gegenteil, wenn sie eine Arbeit auf den nächsten Tag verschieben können, dann tun sie das. Es gibt immer etwas zu tun in einem Handwerkerleben, denn es ist verwinkelt. Es hat kleine Gassen, enge Straßen und viele Hinterhöfe.
Immer gibt es etwas, hinter jeder Ecke warten neue Überraschungen. Für Handwerker gibt es keine geraden Linien, das Leben ist keine Straße, die nach vorne führt, sondern ein Labyrinth mit Irrgängen und Schleichwegen. Je komplizierter, je unüberschaubarer, desto besser. Das erhöht nicht nur den Lohn, sondern auch die Aussichten auf ein abwechslungsreiches Leben.
Jogger laufen um sich selbst zu vergessen. Handwerker arbeiten um zu lachen.
Jogger wissen, wohin sie laufen. Handwerker wisen manchmal selber nicht, wo das Leck ist, das sie beheben sollten. Jogger haben Geld, denn sie laufen in ihrer Freizeit. Sie haben Freizeit. Handwerker haben auch Geld, aber nicht viel, denn wenn sie schwitzen, wissen sie, dass es ihr Lebensunterhalt ist, für den sie schwitzen. Jogger schauen nach vorne, nie zurück. Handwerker blicken sich ständig um, schon allein, weil eine schöne Frau vorbeigehen könnte. Jogger lachen nicht. Handwerker sind lachende Menschen, die gute Laune verbreiten können, wenn sie im richtigen Moment lachen. Jogger sind leise Leute. Handwerker nicht. Jogger und Handwerker sind verschieden. Aber sie haben eines gemeinsam: Wenn ein eiskalter Wind die Menschen in ihre warmen gemütlichen Häuser treibt, sind Jogger und Handwerker draußen unterwegs. Die Jogger laufen und die Handwerker arbeiten. Und sie tragen T-Shirts.



Eingereicht am 10. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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