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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Das Gespräch

© André Linke


"Huch! Äh..."
"Ja?"
"Entschuldigen Sie..."
"Keine Ursache."
"Nein, ich meine..."
"Bitte sehr, was denn?"
"Ich möchte ja nicht unhöflich sein..."
"Das müssen Sie ja auch gar nicht, nicht wahr?"
"Verdammt noch mal, was tun Sie da?"
"Sehen Sie das denn nicht?"
"Ich kann's nicht ganz glauben."
"Nun, ich bade hier. Dieses Schaumbad wirkt wahre Wunder."
"Ach, das sehe ich selbst! Doch... wieso das denn?"
"Och, da ist Kamille drin oder so. Das hilft der Haut sich zu entspannen. Es funktioniert."
"Mag sein, aber ich wollte eher wissen, wieso Sie hier baden."
"Na ja, um ehrlich zu sein, ich habe mich plötzlich so unglaublich schmutzig gefühlt."
"Und deswegen baden Sie jetzt hier..."
"Ganz richtig."
"Aber das können Sie doch nicht einfach so machen!"
"Das ist ja auch kein einfaches Bad. Es ist ein Kamillenbad. Und eine Badewanne ist nun mal zum Baden da."
"Nun, das macht es auch nicht besser, werter Herr."
"Oh, doch. Sie finden nun vielleicht, ich hätte besser mal die Dusche benutzen sollen. Das käme immerhin deutlich billiger. Doch in einer Badewanne kann man sich hinlegen, man kann sich entspannen, man kann sich ausruhen und man kann sich Zeit lassen. Das sollte Ihnen das Wasser wert sein."
"Öhh... ja... also, wenn ich Ruhe brauche und die Zeit habe, nehme ich sehr gerne ein Bad - so ist das ja nicht..."
"Das sollten sie auch. Haben Sie den immer an die Kamille gedacht?"
"Ja, manchmal."
"Na, sehen Sie? Jetzt verstehen Sie mich sicher, oder?"
"Ja... ähh, nein, zum Teufel!"
"Warum nicht? Aus welchem Grund baden Sie denn?"
"Das sagte ich bereits: Weil ich ab und zu einfach Ruhe brauche."
"Weil Sie Ruhe brauchen? Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder?"
"Was? Warum nicht?"
"Stört Sie das Plätschern in der Dusche wirklich so sehr?"
"Hm... nein... eigentlich nicht..."
"Soso..."
"Aber, wie Sie bereits sagten, man kann sich dabei prima entspannen."
"Das ist etwas anderes. Sie sollten nicht so viel Geld für das ganze Badewasser ausgeben."
"Aber Sie haben doch gerade eben noch gesagt..."
"Also, echt, in Afrika fehlt denen das Trinkwasser und Sie machen nun so was!"
"Öhm..."
"Ja ja, während der arme 12jährige Deutsche rumnörgelt, weil er das neueste Kriegsspiel noch nicht hat, sagt der dreiste Afrikanerjunge seufzend, dass er so gerne ein Stück Brot hätte."
Pause.
"Sie haben ja Recht. Verzeihen Sie. Ich werde mich in Zukunft ändern."
"Gut."
"Ja..."
"Also, wenn Sie Ruhe brauchen, dann gehen Sie doch einfach mal in die Kneipe."
"In die Kneipe? Zu den ganzen Flaschen und Gläsern und quasselnden Menschen, die mir alle drei fremd sind? Da find' ich doch niemals Ruhe."
"Sie müssen ja nicht hinhören. Wichtig ist, dass die Kneipe Sie zufrieden macht. Trinken Sie ein paar und es geht Ihnen besser."
"Nein, danke. Ich bin gestresst und nicht unzufrieden. Außerdem: Ich trinke nicht und ich rauche nicht. Vielen lieben Dank."
"Weswegen, hm?"
"Weswegen? Na hören Sie mal, das ist total ungesund."
"Ach, quatsch..."
"Wenn Sie meinen, dass sei Quatsch, dann schauen Sie sich besser die Statistiken dazu an."
"Ich wollte doch bloß wissen, weswegen Sie so gestresst sind."
"Achso."
"Ja."
"Dann habe ich das falsch verstanden."
"Ich will's immer noch wissen."
"Um es kurz zu sagen: Ich bin Rechtsanwalt."
"Rechtsanwalt, ja? Sie sitzen an so 'nem Holztisch und verurteilen fremde Menschen. Was ist denn daran bitte stressig?"
"Hey, ja, wenn Sie mich beleidigen wollen, können Sie gleich gehen. Das können Sie sowieso! Und überhaupt!"
"Könnte ich, ja."
"Sie haben keine Ahnung, mit welchen Fällen ich schon konfrontiert wurde."
"Die hab' ich nicht, nein."
"Sie wissen nicht, wie es ist, vor solch einer Verantwortung zu stehen."
"Weiß ich auch nicht."
"Es ist nahezu herzzerreißend, über anderer Leute Zukunft zu entscheiden...
unbekannte Schicksale in die Hand zu nehmen... Gott zu spielen."
"Warum sind Sie dann erst Rechtsanwalt geworden?"
"Das geht Sie ja wohl gar nichts an!"
"Da haben Sie wohl Recht..."
Pause.
"Niemand wollte meine Bücher lesen."
"Sie schreiben Geschichten?"
"Ziemlich viele sogar."
"Was für welche?"
"Echtzeitkrimis."
"Alle Achtung. So was will doch jeder lesen."
"Tja, alle Verlage, bei denen ich mich beworben habe, haben abgelehnt."
"Ihre Geschichten sind nie erschienen?"
"So ist es! Diese eingebildeten, beschäftigten, ahnungslosen Verlage!"
"Das sind allerdings mehr die Lektoren, wenn überhaupt."
"Was heißt hier 'wenn überhaupt'? Sehen Sie das nicht so?"
"Ich kenne nicht alle Verlage. Persönlich erst recht nicht."
"Ich ebenfalls nicht. Muss man auch gar nicht."
"Wann Sie das sagen..."
"Nehmen Sie mich etwa nicht ernst, oder was?"
"Doch. Das war eben ernst gemeint. Das gleiche könnte ich also Sie fragen."
"Achso. Nun gut."
"Also, wenn Ihre Bücher nie erschienen sind, können Sie auch nicht wissen, ob sie niemand lesen will. Die Verlage sind so ahnungslos, beschäftigt und eingebildet, dass sie nichts davon mitbekommen, was die Menschen tatsächlich lesen wollen, und manchmal auch nicht einmal, womit sie die meiste Kohle einbringen könnten."
"Dem ist wohl so."
"Denen geht es eh nur um Umsatz."
"Diese Schweine!"
"Wie wahr..."
"Allerdings."
"Ja."
Pause.
"Wollen Sie mal was von meinen Geschichten lesen?"
"Nein."
"Sie sind wohl kein Krimifan?"
"Doch. Aber ich glaube, dass Sie nicht gut schreiben können. Die Verlage lehnen zwar generell das Meiste ab, doch ich bin trotzdem fest davon überzeugt."
"Na danke."
"Tut mir wirklich sehr Leid."
"Nein, schon okay! Gehen Sie doch auch zu so einem blöden Verlag und werden Lektor!"
"Niemals. Dann müsste ich ja Ihre Manuskripte durchsehen."
"Nur unter Umständen."
"Das ist mir Risiko genug."
"Sie sind aber nett..."
"Ich bin nur ehrlich. Und überaus höflich."
"Also, Sie... Echt... Tz... Mir fehlen die Worte! Sie sind... Hach..."
"Ich bin jedenfalls oft in der Kneipe, um darüber hinwegzukommen, dass meine Frau mich verlassen hat."
"Ihre Frau hat Sie verlassen?"
"Das sagte ich gerade."
"Darf ich fragen, wann das war?"
"Ja, dürfen Sie."
"Okay. Wann war das?"
"Heute Mittag."
"Heute Mittag?"
"Haben Sie Hörprobleme?"
"Es fällt mir schwer, Ihnen das abzukaufen."
"Ist mir doch schnuppe."
"Ihre Frau hat Sie tatsächlich verlassen? Heute Mittag?"
"Wenn ich 's doch sage!"
"Aber das war ja vor zwei Stunden!"
"War es auch. Wir haben uns über die Gardinen in diesem Hotel hier gestritten. Ich finde sie grässlich."
"Hm... Wo Sie Recht haben, haben Sie Recht. Wirklich scheusslich."
"Sie kennen meine Frau?"
"Was? Äh, nein, nein, ich dachte..."
"Schon gut! Ich will 's gar nicht wissen Soll mir für die nächste Viertelstunde eh egal sein. Hauptsache, ich fühle mich nicht mehr so dreckig."
"Okay... okay..."
"Es macht mir nichts aus, dass jeder Mann auf Erden meine Frau kennt."
"Ja, das glaube ich Ihnen."
"Es macht mir wirklich nichts aus."
"Verlassen Sie nun bitte meine Badewanne?"
"Ja, gewiss. Sie sind dran. Vergessen Sie die Kamille nicht."
"Ich danke Ihnen."



Eingereicht am 06. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.



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