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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Weiß

© Christoph Albrecht


Die Wolken waren blau, der Himmel war weiß und er bemerkte erst nach einigen Denkanläufen, was daran falsch war. Er senkte verwirrt die Augen und in sein Blickfeld drang eine braunweiß gescheckte Kuh ein, die ihren Kopf in einem länglichen Holztrog mit abgenagten, faserigen Kanten gesteckt hatte. Er hörte schmatzende Laute, die auch nicht verstummten, als die Kuh ihren Kopf hob und ihre riesigen Augen mit hohlem Ausdruck auf ihn richtete. An den Seiten ihres Mauls lief eine fettige, dickflüssige, weiße Substanz herab und bildete am unteren Ende ihres Kiefers, lange Fäden, die sich Richtung Boden dehnten, und, sobald die Schwerkraft sie genügend ausgedünnt hatte, wieder zu Kugeln zusammenschnalzten und nach unten fielen. Ihre Zähne knirschten, denn sie versuchte unablässig die weiße Flüssigkeit, die er anhand ihres herüberwehenden Geruches nun als Milch erkannte, zu zermahlen, was natürlich im Grunde eine recht sinnlose Tätigkeit war. Nach einer halben Minute des Starrens verlor sie das Interesse und schwenkte ihren Kopf wieder über den Trog, hob ihn, so als ob sie ausholen wollte, ein wenig an und ließ ihn dann einfach fallen. Ein 'Platsch' erklang als ihre Schnauze die Oberfläche durchstieß und eine nicht kleine Menge Milch schwappte über den Rand auf den weißen Boden. Er blickte wieder zur Kuh. Er blickte wieder nach unten. Weißer Boden. Die Kuh, der Trog und er selbst standen auf einem weißen, ebenen Boden, der sich in seinem matten Farbton nur unmerklich von dem der Milch, die sich inzwischen bis zu seinen Füßen ausgebreitet hatte unterschied.
Er ging auf die Knie und klopfte auf den Untergrund, der daraufhin ein nicht wirklich hohles, aber auch nicht wirklich dumpfes Geräusch von sich gab. In den nächsten Augenblicken tastete er den Boden ab, roch daran, klopfte noch einmal, untersuchte ihn auf ein Muster, leckte daran und war sich auch nicht zu fein dafür, wenigstens den Versuch der Kommunikation mit ihm zu unternehmen aber dies alles blieb erfolglos. Der Boden war nicht aus Stein, nicht aus Gummi, nicht aus Holz und nicht aus Metall. Er war absolut glatt, geruchlos, ließ keine Fertigungsmuster erkennen, war geschmacklos und absolut nicht gesprächsbereit.
Er stand wieder auf und sah sich um, erblickte aber, egal in welche Richtung er sich auch drehte, das matte Weiß des Bodens, kein Horizont und kein gar nichts, soweit sein Auge reichte. Nur er, der Himmel, eine Kuh und ihr Trog.
"Hallo?", sagte er zaghaft und wartete, ob dieser seltsame Ort darauf reagieren würde, wurde aber enttäuscht.
"Hallo-ho?". Diesmal rief er es mit zittriger Stimme, die sich anfühlte, als ob sie gerade zum ersten Mal auf diese Lautstärke gebracht worden wäre. Als die Antwort wieder nur aus Schweigen bestand, beschloss er, dass die Zeit des Schreiens reif war.
"IST DA JEMAND?". Die einzige Antwort war ein brennender Schmerz in seinen Stimmbändern, die sich nun anfühlten, als ob sie jemand angesägt hätte. Sein Blick schweifte wieder in die Ferne, suchte Halt, an irgendetwas, aber seine Augen glitten am Weiß ab wie heiße Butter an noch heißerem Edelstahl.
Er atmete tief ein, legte den Kopf in den Nacken und wurde wieder von diesem eigenartigen Himmel überrascht, der aussah, als ob ein besonders blödes Kind sich an einem Ausmal-Buch vergangen hätte und seither unter der besorgten Beobachtung des Kindergarten-Psychologen stand. Sein Magen drehte und wendete sich, aber er zwang seinen Blick auf der Groteske zu ruhen und langsam gewöhnte sich sein Verstand daran oder hielt den Anblick zumindest aus, ohne alle Alarmglocken zu läuten und den Magen dazu aufzufordern, sich zur Sicherheit lieber mal zu entleeren. Nach einiger Zeit fühlte er sich gefestigt genug und ließ seinen Blick schweifen. Eine bemerkenswerte Entdeckung später, wusste er: Der Himmel war dreieckig. Er hatte drei Ecken und drei Kanten und zusammen ergaben sie ein rechtwinkliges Dreieck. Er beobachtete fasziniert, wie an einem Ende Wolken in die Fläche des Dreiecks aus dem Nichts hineinschwebten und am anderen End wieder ins Nichts verschwanden..
Er konnte nicht einmal annähernd sagen, wie groß das Dreieck war oder wie weit entfernt, es konnte ein Lichtjahr über seinem Kopf schweben und ein Lichtjahr umfassen oder einen Meter über seinem Kopf schweben und einen Meter umfassen, aber er wusste, dass es ihm nicht gefiel, ja, dass ihm hier gar nichts gefiel.
Man kann einen Mann mit Dingen konfrontieren, die ihn überforden und verwirren. Er wird dabei zumeist verrückt oder verzweifelt, am Ende bleibt aber fast immer eine Wut übrig, die die Essenzen der ersten beiden Gefühle vereint und zu blinder Mordlust hochköchelt.
Seine Augen funkelten zur Kuh hinüber. Wie selbstgefällig sie dastand und ihren Kopf in die Schüssel hielt. Wie sie schmatzte und schlürfte, wie sie mit dem Schwanz wedelte und sich über die Mahlzeit freute. Er hasste sie, hauptsächlich, weil gerade nichts anderes zum Hassen in der Nähe war.
"Sag mir wo ich bin, wie ich hier hergekommen bin, und vor allem wie ich hier wieder wegkomme!.". Seine Stimme bebte und rote Schlieren bildeten sich unmerklich an den Rändern seines Sichtfeldes.
Die Kuh hob kurz ihren Kopf und wandte sich sogleich wieder ihrer Mahlzeit zu.
"UND WELCHE KUH TRINKT ÜBERHAUPT MILCH? KÜHE TRINKEN WASSER, DU DRECKIGES VIEH", kreischte er. Seine Gesprächspartnerin zuckte mit dem Schwanz und in seiner Wut interpretierte er es als vergnügtes Zucken. Es stellte sich vor, wie die Kuh in der Abgeschiedenheit ihres Troges grinste, während er hier draussen Vorwürfe erhob und sein Hass steigerte sich ins Unermessliche.
"Du magst Milch, was? Du stehst da rum und schlürfst irgend einem Kalb gemütlich die Milch weg. Du widerst mich an.". Es musste etwas getan werden.
Er schlenderte wie beiläufig zum Trog hinüber, ging dann plötzlich in die Hocke und stemmte sich so fest er konnte gegen den Behälter, der nur noch zur Hälfte gefüllt war, konnte ihn dabei aber keinen Zentimeter bewegen, geschweige denn umwerfen. Außer Atem gab er auf, drehte sich um und lehnte sich mit dem Rücken an die schmale Seite des Behälters. Er streckte die Füße aus und bemerkte in dieser Position zum ersten Mal die Kleidung, die er trug, eine bequeme, dunkelblaue Stoffhose, weiße Turnschuhe und ein weißes T-Shirt und er hatte keine Ahnung woher er das alles hatte. Er vergrub das Gesicht in seinen Händen und kämpfte gegen einen Weinkrampf an. Gefangen an einem Ort, der nur aus Boden bestand, eine arrogante Kuh als Nachbarin, einen Himmel der jeder Beschreibung spottete und zum Überfluß war alles in einem sehr unkreativen Anstrich gehalten. Er fühlte sich dem Wahnsinn nahe, hielt es sogar für wahrscheinlich, dass er ihm längst verfallen war.
"Wahnsinn.", murmelte er. "Genau. Das ist es. Ich bin wahnsinnig, ein Irrer. Ich bilde mir das nur ein.". Er stand auf und erhob vorwurfsvoll den Zeigefinger in Richtung Kuh.
"Du bist nicht real. Nichts von alledem ist real. Das Weiß ist in Wirklichkeit die Wand einer Zelle in einem Irrenhaus. So ist es, und nicht anders. Ich ignoriere dich einfach."
Er drehte sich entschlossen um und versuchte seine Umgebung einfach nicht zu beachten. Das Schmatzen der Kuh bohrte sich allerdings unbarmherzig in seinen Hinterkopf und mit jedem neuen Schlürfansatz zuckte er am ganzen Körper zusammen, unfähig die bittere, aber erschreckend reale Beschaffenheit dieser Geräusche auszublenden. Mit wutverzerrtem Gesicht und Tränen in den Augen drehte er sich schließlich um und starrte die Kuh an, während er versuchte seine Gedanken zu ordnen.
'Mal sehen, das letzte, an das...'. SCHMATZ. 'Das letzte, an das ich mich erinnern kann, ich...'. SCHMATZ. 'Ich glaube, ich war. Nein, da war ich nicht. Ich war...'. SCHLÜRF. 'Ich...'. SCHMATZ. "Arrrggghhhh...". Die Wut übermannte ihn und er stürzte sich in blinder Raserei auf den Widerkäuer. Als er wieder zu sich kam, hing er seitlich an der Kuh, die er krampfhaft umklammerte und rutschte nun langsam nach unten. Er kam sich jämmerlich vor. Die Kuh unterbrach ihre Mahlzeit nicht einmal.
"Na, na, na. Das arme Tier kann doch nichts dafür.".
Er erschrak so heftig, dass er darüber sein Vorhaben vergaß die Kuh bäuchlings zu erdrosseln und nach unten plumpste, wo er schmerzhaft mit dem Ellbogen voran auf den Boden aufschlug. Hektisch drehte er sich im Liegen um und spähte in die Richtung, aus der er meinte die Stimme vernommen zu haben, aber alles war weiß.
"Äh. Hallo?", fragte er ins Nichts.
"Hallo.", antwortete es.
"W-Wer bist du?", fragte er. Die Stimme hatte im Angst eingejagt. Sie hörte sich alt an, männlich, aber irgendwie auch körperlos, so als ob in der entscheidenden Phase des Stimmbruches etwas gewaltig schief gegangen war. Ihn fröstelte.
"Nenn mich wie du willst. Ich hab so viele Namen, da kannst du gar nicht falsch liegen. Aber um gleich mal ein paar Grundregeln aufzustellen: Wo ich herkomme gilt es als unhöflich, denjenigen, mit dem man spricht, nicht anzusehen. Du bist doch nicht unhöflich, oder?"
Die letzte Frage hatte die Stimme in einem fast schon vergnügten Tonfall gestellt, so als ob sie gerade einem Kind eine Frage gestellt hatte und sich auf eine lustige Kinder-Antwort freute.
"Ich will gewiss nicht unhöflich erscheinen, aber wie soll ich eine unsichtbare Stimme ansehen, oh, äh, Stimme?".
"Tja, da bist du in ein echtes Dilemma getappt. Für gewöhnlich löst man es, soweit ich mich entsinne, indem man aufsteht, sich umdreht und zumindest den Besitzer der Stimme ansieht, aber ich will dir natürlich keine Vorschriften machen.", erwiderte die Stimme, und wieder meinte er, ein Schmunzeln herauszuhören.
Ruckartig stand er auf und wirbelte herum. Auf einer Kante des Troges, keinen Meter weg von him, saß ein kleiner Mann und ließ die Beine immer wieder gegen das Holz baumeln, was, wie ihm erst später auffiel, völlig Geräuschlos vonstatten ging. Sein rundliches Gesicht war von kleinen Fältchen durchzogen und war gekrönt von blonden Locken, die an den Seiten abrasiert waren und er trug eine blaue Latzhose und einen schwarzen Woll-Pullover darüber. Eigentlich sah er recht frisch aus, aber etwas an ihm vermittelte auch den Eindruck eines ungemein hohen Alters.
Seine Augenbrauen hoben sich leicht an und ein Lächeln umspielte seine Lippen, neugierig und schelmenhaft, gleichzeitig aber auch gütig und wohlwollend.
"So ist es viel besser. Nur Lügner und Betrüger scheuen den Augenkontakt, meinst du nicht?"
"Ich, deine Stimme, sie...da." Er hob den Daumen und deutete hinter sich. Der alte Mann schaute in die Richtung und nickte.
"Oh, ja, ich weiß was du meinst. Ein wenig verwirrend, was? Der Raum ist hier ein wenig, nun, seltsam. Nicht direkt gekrümmt, viel mehr wie durch den Reißwolf gelassen und von unfähigen Amateuren, die nicht einmal ein Puzzle mit zwei Teilen zusammenbrächten, wieder geflickt. Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, wirf hier nie etwas Schweres vor dich, die Chancen stehen gut, dass du dich selbst am Hinterkopf triffst. Das Gleiche gilt auch für Beleidigungen, niemand wird gern von sich selbst beschimpft, das endet meistens in einem Teufelskreis."
Er lachte laut auf und verstellte die Stimme.
"Deine Mama ist blöde. Nein, deine Mama ist blöde. Nein, DEINE Mama ist blöde."
Er schüttelte grinsend den Kopf.
"Jedes mal ein Lacher...".
Ungläubig starrte er den alten Mann an: "Ja, ein Lacher, sicher, aber jetzt mal. Wo bin ich hier? Was soll das alles? Wer bist du?"
"Um meine Rolle hier gleich einmal klar zu stellen: Ich bin hier gerade zufällig vorbeigekommen und sah deinen verzweifelten Versuch die Kuh zu misshandeln. Du kannst froh sein, wenn ich hierbleibe und mich ein wenig mit dir unterhalte. Dieses Glück hat nicht jeder!".
"Aber ich will nicht hier sein. Sag mir wo ich hier bin und wie ich hier wegkomme!".
Er hatte versucht, ruhig zu bleiben, aber seine Stimme verriet die Wut, die sich in ihm wand und herauswollte. Er hörte sich an wie ein Dampfkochtopf unter Druck sich anhören würde, könnte er reden.
"Zurück willst du, hm? Zurück? Nun, ich schlage dir eine Übereinkunft vor. Du nimmst sie natürlich an, was anderes kannst du ja gar nicht, hihi. Pass auf: Ich bringe dich zurück, wenn du mir sagen kannst, was und wo zurück für dich bedeutet. Hopp, Hopp.". Wieder diese vergüngte Stimme, als ob er einen guten Witz erzählt hätte und nun auf die verdienten Lacher des Publikums wartete.
"Ha! Ich will zurück nach..nach...", sagte sein Gegenüber und während er in immer längeren Abständen das Wort 'nach' sagte, zum Schluss stammelte, verzog sich sein Gesicht langsam zu einem irren Grinsen, so als ob ihn gerade starke Schmerzen befielen, was in einem gewissen Sinn auch stimmte. Er wusste, dass die Erinnerungen irgendwo in seinem Kopf waren, er fühlte es, aber irgendwo auf dem Weg dorthin nahmen seine Synapsen die falsche Abzweigung und verschwanden in einem schwarzen Loch ohne auch nur den Funken einer Information zurückzusenden.
"Tsching!", lachte der alte Mann, "Ich fürchte deine Zeit ist abgelaufen, rien ne va plus, nichts geht mehr, dein Einsatz gehört der Bank und du kannst leider nicht die Traumreise zurück antreten. Soll ich dir sagen warum? Weil das gar nicht geht. Wenn man von einem Ort zum anderen zurückgehen will, muss man vorher zu eben diesem Ort vorwärts gegangen sein, du verstehst? Bist du aber nicht. Es gibt kein zurück, mein Freund, finde dich damit ab und fühl dich wie zu Hause, es gibt nichts, und das kann ich dir versichern, dass einem Zuhause näher kommt als das hier. Genau genommen gibt es überhaupt nichts, außer dem hier. Du denkst du bist verwirrt? Hihi. Ich hab noch eine kleine Frage an dich, bevor ich gehe, nur um dir einen kleinen Denkanstoß zu geben: Welche Haarfarbe hast du? Hihi.".
"Ich...ääh..", sagte er. Der alte Mann saß noch immer grinsend auf dem Trog und musterte ihn. Was für eine seltsame Frage, welche Haarfarbe man hat. Solche Fragen stellt man sich normalerweise nicht, da irgendwo im Hinterkopf die unumstößliche Gewissheit sitzt, dass man sie beantworte könnte, wollte man bloß. Wenn sich diese elementare Gewissheit allerdings als Trugbild erweist und sich in Wohlgefallen auflöst, kann einen das schon ins Grübeln bringen.
Er dachte nach. Er wusste nicht, welche Haarfarbe er hatte. Er wusste auch nicht, wie sein Gesicht aussah, wie er nun bemerkte. Er wusste nicht, wie er hieß, eine Erkenntnis, die ihn wirklich schockte. Er wusste nicht, wo er herkam. Er wusste vermutlich gar nichts. Er fühlte plötzlich eine schwere Last auf ihm, seine Knie wurden weich und seine Beine gaben nach, erdrückt von der Last des Erkennens. Er sackte in sich zusammen und saß nun, die Beine von sich gestreckt auf dem Boden.
"Ich weiß nichts.", murmelte er entsetzt.
"Oh, so schlimm ist es auch wieder nicht.", sagte der alte Mann und sprang vom Trog herunter. Erst jetzt fiel seine Größe auf, die nicht mehr als einen Meter und Zwanzig betragen konnte. "Ich bin sicher, dass nicht alles verloren ist. Du darfst dich nicht mit diesen elementaren Wer-Bin-Ich-Fragen aufhalten. Fang im kleinen an und du wirst Erfolg haben. Und jetzt muss ich aber wirklich wieder los.". Er hob die rechte Hand und vollführte eine ausufernde Abschiedgeste. Der Mann, der nicht wusste wie er hieß, versuchte zu protestieren, fand aber weder Kraft aufzustehen, noch zu sprechen. Hilflos sah er zu, wie der alte Mann stapfend davon marschierte, bis er nur noch ein kleiner Punkt im unendlichen Weiß war. Er ließ sich nach hinten plumpsen und achtete gar nicht darauf, wie sein Kopf auf den Boden aufschlug.
Er schlief ein und als er wieder aufwachte, er hatte keine Ahnung wielange er weg gewesen war, wünschte er sich eine Cola. Er öffnete die Augen und benötigte eine kurze Zeit, bis er sich wieder daran erinnerte, was geschehen war, dass er im weißen Land festsaß und keine Erinnerungen hatte und ein kleiner Mann ihn mit Frage gequält hatte, die ihm immer noch im Gehirn herumfuhren wie Bienen im Stock.
Ein Gefühl durchfuhr ihn plötzlich, so als ob er gerade etwas Seltsames entdeckt hatte, wie einen roten Punkt in einem durch und durch grauen Bild oder ein unauffälliges Geräusch in einem Stummfilm. Er grübelte und grübelte, konnte es aber nicht richtig fassen. Eine Cola wäre jetzt genau das Richtige, ein wenig Zucker würde sein Gehirn wieder auf Trab bringen. Er durchfuhr sein Haar.
Wenn Menschen im Film von hinten erstochen werden, zeigen sie dabei einen bestimmten Gesichtsausdruck. Eine Art dämliche Überraschung. Genau dieser Ausdruck überfiel nun seine Gesichtszüge und nahm sie in Gefangenschaft.
"Cola!", rief er begeistert und sprang auf. Er wusste, was Cola war. Er wusste wie Cola schmeckte. Er wusste wie sie roch, er wusste wie sie sich auf der Zunge anfühlte, verdammt, er wusste sogar wie die Flaschen aussahen, wie die Etiketten gestaltet waren und sogar....
Er konnte nicht an sich halten und schrie es heraus: "Wasser! Zucker! Und irgendeine, äh, klebrige, äh, braune Substanz, die das ganze zu Cola macht! JU - HU!.".
Er wusste sogar, aus was es gemacht war. Das kleine, leuchtende Zentrum seines Wissens war für einige Augenblicke seine Erinnerungen an die süße Flüssigkeit eines hier nicht genannten Herstellers und es fühlte sich gut an, denn nun fühlte er, dass er einen Ansatz gefunden hatte, um die Blockade in seinem Gehirn aufzuhebeln.
Langsam tröpfelten immer mehr Erinnerungen in sein Bewusstsein, wie zu dicke Körner durch eine zu dünne Sanduhr. Langsam, aber sicher. Gras war grün. Die Sonne war gelb. Das Gaspedal war rechts, die Kupplung links, langsam kommen lassen. Die Dampfmaschine war eine Erfindung des achtzehnten Jahrhunderts. Wenn man ein Objekt beschleunigte, vergrößerte man damit seine Masse.
Immer mehr Gedanken rasten immer schneller seine Nervenbahnen entlang und er glaubte kurz, seine Gehirn würde überhitzen und einfach explodieren, aber die Freude über sein wiedergewonnenes Wissen überwog bei weitem die Angst vor einer vermeintlich Überarbeitung seiner grauen Zellen.
Mit einem Lächeln im Gesicht drehte er seinen Oberkörper zur Kuh, die sich nicht merklich vom Fleck bewegt hatte und überlegte sich, ob er sie nicht einfach mal umarmen solle, vertrieb die Idee aber wieder schnell, bevor er sie noch in die Tat umsetzte.
"Jetzt wo ich so darüber nachdenke, Ich wusste schon vorher, dass du eine Kuh bist, dass da Milch ist und falls du jemals in andere Umstände kommst ein Kalb dabei herauskommen wird. Vielleicht weil ich nicht darüber nachgedachte habe, genau wie bei der Cola."
Lebenskraft durchflutete ihn und er fühlte sich als ob er Bäume ausreissen könnte, nur waren leider keine in der Nähe. Er konnte zwar immer noch nicht die elementaren Fragen, so hatte der kleine, alte Mann sie genannnt, beantworten, aber er wusste nun zumindest, dass sein Gedächtnis nicht völlig hinüber war. Und was man nicht wusste, wartete nur darauf, herausgefunden zu werden.
"Ich kenne nicht mal meine eigene Haarfarbe, was, du elender Gnom?", rief er herausfordernd, hob seine Hand zum Kopf und riss ruckartig ein kleines Büschel der recht kurz geschnittenen Haare aus. Ein stechender Schmerz überzog seine Kopfhaut, aber im selben Moment durchfuhr ihn die Erinnerung an einen Spruch, 'Alles Lernen geht über Leiden', und die Macht, die er spürte, als er sich erinnerte, ließ den Schmerz sofort verstummen.
"Meine Haarfarbe ist Schwarz, ein wenig ins Braune gehend vielleicht!", verkündete er wie ein General, der gerade die Welt erobert hatte.
"Und mein Gesicht...", setzte er an und tastete es mit der linken Hand ab, "...hat alle normalen Merkmale eines Gesichtes! Das reicht mir vollkommen! Nase, Mund, zwei Augen.". Er überlegte, dass er versuchen könnte sich im Auge der Kuh zu spiegeln, wollte aber den erhabenen Moment nicht gefährden.
"Woher ich komme? Mir egal! Wohin ich will? Weg von hier! Das ist es. Wie ich heiße?". Er stockte kurz und seine Stimmung drohte zu kippen, aber dann schoss ein majestätisches, entschlossenens Lächeln in seine Züge. Er reckte die Hand gen Himmels-Dreieck.
"Nennt mich, äh, COLA!". Effektvolles Schweigen senkte sich über die Szenerie. Sogar die Kuh hatte aufghört zu schmatzen.
"Das ist ein überaus dämlicher Name.", sagte jemand und das effektvolle Schweigen ging in die Binsen.
Der Mann, der für Sekunden 'Cola' hieß, zuckte zusammen und drehte sich um. Da stand der alte Mann, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah kritisch zu ihm auf. Er war wirklich klein.
"Wirklich dämlich. Klingt nach nichts. Außerdem ist es, wenn überhaupt, ein Frauenname und, deine Verwirrung in allen Ehren, an dein Geschlecht muss ich dich doch nicht wirklich erinnern, oder?"
Er benötigte einen Moment um sich zu fassen. Vom dem Gefühl der Überlegenheit, das ihn gerade noch bis zum Hals angefüllt hatte, war nicht mehr viel übrig.
"Dann sag mir doch einfach wie ich wirklich heiße. Das wäre eine große Hilfe."
"Ich muss zu meiner Schande gestehen - das weiß ich nicht. Woher auch? Ich hab dich, ausser hier, noch nie gesehen."
Cola ordnete seine Prioritäten und langsam ergaben sie ein Gesamtbild, das übrigens lustigerweise wie ein auf dem Kopf stehender Hase aussah, aber das sei nur am Rande erwähnt.
"Mein Name ist mir eigentlich auch egal. Sag mir sofort, wie ich hier wegkomme."
"Wohin willst du denn?"
"Weg von hier. Einfach weg von hier.", sagte er mit fester Stimme.
"In dem Fall würde ich dir empfehlen Gebrauch von den zwei Dingern da zu machen, die aus deinem Hintern ragen."
"Ich weiß aber nicht wohin ich gehen soll."
"Ich würde dir diese Richtung da empefehlen." Er zeigte quer zur Kuh ins Weiß.
"Wieso gerade da? Ist da der Ausgang aus diesem, mh, Ding hier? Und wielange muss ich gehen?"
Der alte Mann lachte auf.
"Der Ausgang, hihi. Ja, du kommst so gesehen dort zum Ausgang. Aber du kannst auch in jede andere Richtung gehen. Richtungen haben hier keine große Bedeutung, weißt du. Du wirst auch bald feststellen, dass die Zeit, die du benötigst, keine große Bedeutung hat. Bedeutung hat hier keine große Bedeutung, hihi, verstehst du?"
"Aber, äh, was ist das hier überhaupt?"
"Vielleicht findest du das auf deinem kleinen Spaziergang, hihi, heraus, mein Freund."
Der Mann, der zwar nicht mehr Cola hieß, der aber übergangshalber hier so genannt werden wird, fühlte sich wie einem schlechten Scherz ausgesetzt, der nicht mehr aufhören wollte. Er bemerkte, wie die Wut wieder in ihn keimte und Triebe in seinem Gemüt schlug.
"Ich bin nicht dein Freund."
"Warum so gehässig? Glaubst du ich bin der Böse hier? Bin ich nämlich nicht. Ich bin so gesehen, ganz und gar unbeteiligt."
"Was soll das hier alles? Und zum letzten Mal: Wer bist du überhaupt?"
"Ich sagte bereits, nenn mich wie du willst."
"Okay... Dummkopf!"
"Gnh. Nenn mich doch nicht wie du willst. Nenn mich Carl, ich glaube meine Mutter nannte mich so. Oder war es Charlie?". Der alte Mann strich grübelnd über seine Bartstoppeln.
"Ist ja auch egal. Carl ist ein guter Name. Jetzt müssen wir nur noch einen für dich finden."
"Ich mag Cola."
"Ich nicht. Hm. Colus? Hört sich auch dämlich an. Du solltest irgendwo ganz anderes ansetzten. Überleg dir einen bis wir uns das nächste Mal treffen."
"Das nächste Mal?"
"Ja, ich muss mich langsam wieder trollen. Ich hab ja nicht ewig, hihi, Zeit."
"Bleib da! Ich will Antworten! Du kannst mich doch nicht einfach so an diesen Ort hier bringen und dann verlassen ohne mir einen Hinweis zu geben was das ganze soll!".
"Zum letzten Mal, ich habe dich nicht hier hergebracht. Wieso du hier bist? Find es heraus! Genügend Zeit hast du, das kann ich dir versichern! Ich auf jeden Fall bin nicht dein persönlicher Betreuer, ich bin aus dem reinem Interesse eines Zuschauers hier und es ist nicht mein Problem, wenn dich diese Antwort nicht befriedigt. Man sieht sich.".
Der kleine, alte Mann drehte sich um und stapfte wieder davon. Der Mann, der bis eben noch 'Cola' geheißen hatte, folgte ihm, stellte aber bald fest, dass der Abstand zwischen ihm und dem anderen immer größer wurde, egal wie schnell er auch ging. Zum Schluß rannte er, während der Verfolgte immer noch in gemäßigtem Tempo stapfte, musste aber trotzdem hilflos zusehen, wie Carl, so hatte er sich selbst genannt, in der Ferne immer kleiner wurde.
"Der Raum, mein Junge, der Raum. Wie Gummi.", hallte es plötzlich hinter ihm.
Er seufzte, drehte sich um und schlenderte wieder zur Kuh zurück. Die Zeit die er dazu benötigte war ungefähr die Hälfte dessen, was er zum Rennen derselben Strecke benötigt hatte. Hier war wirklich alles seltsam.
Als er wieder bei der Kuh angekommen war, die einzige Oase der Materie in einer Wüste voll weißem Nichts, setzte er sich hin, winkelte die Beine an und dachte nach.
Er hatte einen Teil seiner Erinnerungen wieder, die aber für sich keinen Sinn ergaben, es waren nur Tatsachen, Fakten, nichts, was wirklich mit seinem Leben zu tun haben konnte, wie ein Geschichtsbuch, in dem nur noch die Fußnoten übrig sind. Das war, bedachte man es recht, etwas Gutes, denn wenn sie alleine keinen Sinn ergaben, musst da noch mehr sein, noch mehr an das er sich erinnern konnte, irgendwo in seinem Kopf. Er musste nur den Schlüssel finden und dann würde er herausfinden wer er war, wo er sei und wie er hier herauskam. Carl hatte schon recht gehabt, er wusste eigentlich nicht wohin er wollte, aber er wusste auch, dass das hier nicht sein zu Hause war und er keine Ruhe finden würde, bevor er nicht alles verstand und überblickte. Hier war vielleicht alles seltsam, unrealistisch sogar, aber solange er sich an keine andere Realität erinnern konnte, musste er sich wohl oder über mit der hiesigen Abfinden und mit ihr fertig werden. Er war selbst ein wenig überrscht von der Kühle und der Gefasstheit seiner Gedanken, vor nicht langer Zeit hätte er wetten können, dass ihn nach wenigen Stunden der Wahnsinn packen würde und er bis ans Ende seines Lebens kreischend durch das Weiß liefe. Aber so würde es nicht enden. Er würde sich nicht von diesem Gnom überwinden lassen. Er würde den Teufel tun und hier verzweifeln. Carl hatte von einem Ausgang gesprochen und den würde er finden und, egal von welcher Art er wäre, er würde hindurchgehen und diesem 'Ding' hier entrinnen. Wenn nötig mit Gewalt. Er nahm sich vor Carl bei ihrer nächsten Begegnung eine ordentliche Tracht Prügel zu verabreichen, schon allein wegen dessen arroganter Art zu reden.
Er wusste nichts über sich. Vielleicht war er ja einer der gerissensten, bösesten, hinterlistigsten Halsabschneider die man sich vorstellen konnte. Er hoffte es zumindest, das würde die Sache erleichtern. In dieser vermaledeiten Geschichte in die er geraten war und deren grobe Umrisse er nicht einmal im Ansatz kannte, war vielleicht er der Bösewicht und um wieviel besser war es, der Böse zu sein? Die Bösen fürchteten sich nicht, sie lachten ständig über die Guten und feierten wilde Parties mit Alkohol und Menschenopfern. Gut, meistens wurden sie am Schluss irgendwo runtergestoßen und verfluchten mit einer letzten, dramatischen Geste die Welt, aber bis dahin war es auf jeden Fall noch weit hin.
Gelassenheit durchströmte ihn als er aufstand und tief einatmete. Die Luft stand still und er konnte sich gut vorstellen, dass hier noch nie ein Wind geweht hatte. Zumindest nicht bis jetzt, bis er gekommen war, einen Sturm zu entfachen, alles einzureißen was ihm im Weg war und die ganze Bude mit einem Grinsen im Gesicht abzufackeln.
Er klopfte der Kuh kameradschaftlich auf das Schulterblatt und blickte in die Richtung, die Carl ihm gewiesen hatte.
"Ich wünsche dir noch einen schönen Tag, altes Mädchen. Hoffentlich sehen wir uns nie wieder."



Eingereicht am 04. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.



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