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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Mutti schreibt (Phase 2)

© Felix Clervaux


Irgendwann kommt der Tag, an dem Mutti es geschafft hat, etwas Schriftliches zu fabrizieren, das über die Länge eines Einkaufszettels hinaus geht und mit einem Satzzeichen endet.
Dabei handelt es sich anfänglich um real Erlebtes: vom Urlaubsflirt bis zur Beerdigung der Oma wird alles verbraten, was das Hirn auch nur noch so verschwommen ausspeit und in angenommen stimmige Sätze gezwängt, deren Summe sich praktisch so ausnimmt, als hätte man einen Dritte-Klasse-Schüleraufsatz vergewaltigt.
Das sieht Mutti im Überschwang des erhabenen Gefühls, jetzt unter die Autoren gegangen zu sein, natürlich anders.
Das Ergebnis wird der besten Freundin probeweise vorgelegt und die Anmerkung der innerlich von Krämpfen Geschüttelten, es doch weiter zu versuchen, wird nicht nur als Kompliment missverstanden, sondern fatalerweise auch als positive Überwindung der wichtigsten Hürde vor der flächendeckenden Verbreitung des Werkes angesehen.
Das Internet hat einen großen Vorteil, der objektiv betrachtet zugleich auch sein Makel ist: jeder kann sich aktiv beteiligen.
Mutti weiß zumindest um den Vorteil und will daraus persönlichen Nutzen ziehen.
Daher füllt sie erstes Material in die Mailboxen relevanter Homepages.
Gleichzeitig entsteht aber auch schon Panik. Jetzt nur keine Eintagsfliegen-Situation entstehen lassen und weiter schreiben, schreiben, schreiben.
So wird alles Erdenkliche thematisiert, in den Status einer ungemein wichtiger Problematik erhoben und im Zweifelsfalle selbst das Bäuerchen des eigenen Görs als inhaltlich ergiebig genug angesehen und verwurstet.
Nach ein paar Wochen sinkt der Blutdruck wieder, eine gewisse Routine stellt sich ein, und es wird gar Neuland betreten: "Jetzt erfinde ich einfach mal etwas."
Und es treffen möchtegern-charakterstarke Schönheiten, die Vicky, Charmaine oder Sonja heißen, auf devote, aber potente Kais, Christophs und Davids und erleben Unglaubwürdig-Absurdes in farbloser Kulisse. Lammfromme Sympathieträger begehen motivationslos Kapitalverbrechen, werden von blutleeren Witzfiguren ohne schlüssige Beweise gestellt und aus dem Nichts zur Todesstrafe verurteilt.
Es werden zusammenhanglose Satzgebilde, leere Worthülsen und pseudodramatische Szenarien in die Schreibprogramme von Mac und PC erbrochen, je unverständlicher desto besser. Das nennt sich dann "eigener Stil".
Etwaige negative Kritik wird von Mutti selbstverständlich großzügig überlesen, und deren Verfasser landen in der Schublade "nörgelnde Ahnungslose".
Und so wird weiter dümmlich-groteskes in die Tastaturen geprügelt und mit jeder Post eine Schwemme von Verlagsanfragen erwartet.
Inzwischen hat frau sich in Gästebüchern und Foren mit der ein oder anderen Geschlechtsgenossin angefreundet und frönt der gegenseitigen Beweihräucherung und Glorifizierung.
Der klebrige Zusammenhalt erfährt womöglich noch stärkere Intensität, wenn Mutti feststellt, dass sie und die ja schon literarisch Gleichgesinnten auch eine gewisse spirituelle Neigung eint.
Auf einer Literaturseite nicht auf eine Esoterik-Tante zu stoßen, ist so wahrscheinlich wie aus dem Haus zu kommen und nicht auf eine Ameise zu treten.
Durch diese Webpräsenzen stolpern natürlich auch männliche Subjekte, die zumeist derbe Geschmacklosigkeiten, fäkalsprachlich Geprägtes oder im Drogennebel Halluziniertes ohne Ansatz und Ziel aneinander stammeln.
Als begnadete Autoren betrachten sie sich sowieso, aber sie sind noch bessere Kritiker. Von der Sorte, die alles niedermähen, was ihnen auch immer vor die Flinte kommen mag.
Dabei entpuppen sie sich als großmäulige und selbstherrliche Hobby-Legastheniker, deren Sprachschatz nur 30 Wörter umfasst, von denen aber 20 unanständig sind. Oder treten (paradoxerweise) als wandelnde Fremdwörterlexika in Erscheinung, die stets einen Katalog von Kommentaren auffächern, der doppelt so lang ist wie das betreffende Sujet und deren Ausdrucksweise anzumerken ist, dass sie alle Menschen von Natur aus verachten.
Mutti ist also in teils schauriger, teils kongenialer Gesellschaft. Aber die wahrheitsfreie Heuchelei rieselt angenehm, und den anmaßenden und niederträchtigen Rest kann man ignorieren.
Und so hämmert sie wie besessen auf die Buchstaben ein, um neue seelenlose Charaktere hervor zu würgen, die sich von den alten allerdings nur dadurch unterscheiden, dass sie einen anderen Namen tragen.
Ein Verlag wird kommen, und der bringt mir den einen (=Vertrag), den ich so lieb wie keinen ...
Und immer schön die gegen 100% tendierende Wahrscheinlichkeit verdrängen, dass sich einem Verlagsvertreter, sollte er sich denn bis zu ihrem Oeuvre verirrt haben, schon nach einem ersten Absatz der Magen umdreht.
Glaube ist alles, und Verona Feldbusch ist schließlich auch nicht durch ihr Talent zum Star geworden. Denkt Mutti dann doch vorsichtshalber, aber wirft einen ziemlich befriedigten Blick in ihren Ausschnitt.



Eingereicht am 01. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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