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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Mutti schreibt (Phase 1)

© Felix Clervaux


"Und was machen Sie beruflich?"
"Ich bin Schriftstellerin."
"Nein, wie aufregend. Erzählen Sie mir mehr."
Jeder kann schreiben.
Das hatte Sibylle in einer Illustrierten gelesen und war sogleich Feuer und Flamme für diesen Tätigkeitsbereich. So intellektuell. So niveauvoll. Sie würde eine Künstlerin sein. Sie würde über den Dingen stehen.
Und Klein-Mechtersbach wird erbeben, seine Einwohner kollektiv vor ihr auf die Knie fallen und sie als Göttin verehren.
"Ich bin Hausfrau und Mutter, aber ich kann auch noch ganz anders."
Es war an der Zeit zu zeigen, was in ihr steckt.
Auf die bewundernden Blicke derer, die ihr zugetan waren und die neidvollen derer, die sie nicht mochten, freute sie sich jetzt schon.
Jeder kann schreiben. "Und Zeit habe ich ja auch genug."
Die Windeln der Zwillinge waren bereits gewechselt, und um den Schweinebraten zum Abendessen musste sie sich erst gegen fünf kümmern, da Christian frühestens gegen sechs kam.
Sibylle hatte es sofort geschafft, den Computer in Gang zu setzen und das Schreibprogramm zu öffnen. Es schien ganz einfach. Und gleich würden die Ideen nur so sprudeln.
"Es geht um einen Mann und eine Frau."
Natürlich würde sie das Thema ganz anders anpacken als alle anderen, es würde einzigartig und unverwechselbar. Ein völlig neuer Stil.
Und ihr Zeigefinger glitt von rechts nach links über die Zeichen der Tastatur.
"Sie sitzt da, und sein Bild geht nicht mehr aus ihrem Kopf."
Gar nicht so schlecht für den Anfang. Geheimnisvoll. Ausbaufähig. Sibylle dachte nach.
"Doch plötzlich brach schon der neue Morgen an."
Das wird den Leser überraschen. Das hat Tiefe.
Obwohl ihr nie so ganz klar war, was jemand damit meinte.
Diese Formulierung tauchte immer dann auf, wenn ihr etwas zusammenhanglos vorkam. Aber es wurde immer in positivem Sinne benutzt.
Hier bestand nicht so unbedingt ein Zusammenhang. Dann war das also gut?
Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und stellte sich das frisch dekorierte Fenster der örtlichen Buchhandlung vor. Ihr Erstling auf lila Samt drapiert, darüber in Goldlettern ihr Name: Sibylle Wurstmannsdörfer.
Nein, nein. Das geht nicht. So kann man als Berühmtheit nicht heißen. Ich brauche einen Künstlernamen. Vielleicht Chantal. Chantal Bizet? Wäre eine Möglichkeit.
Und wie soll das Buch heißen? Frühlingsromanze?
Ja, das ginge. Kurz, bündig und ansprechend.
Korbinian schreit, und Sibylle öffnet die Augen wieder. Entnervt. Gerade jetzt, in dieser entscheidenden Phase, die für den Aufstieg auf den Olymp der Literatur so wichtig ist, muss dieses Kind Laut geben.
Sie geht ins Kinderzimmer, hebt den Zwilling behutsam aus dem Bettchen und beruhigt ihn. Hopp. Hopp. Hopp.
Bei welchem Verlag veröffentliche ich den Roman überhaupt? Mit dem Jungen im Arm wandert sie zum Bücherregal, und ihr Blick gleitet nicht wie sonst über die Titel, sondern die kleinen Logos am Rande der Buchrücken.
"Es sollen alle ihre Chance haben."
Sibylle hält es für besser, sich nicht vorab für einen Verlag zu entscheiden.
Ich werde die größten Bemühungen honorieren, aber letztlich das beste Angebot, das man mir macht, auswählen. Natürlich muss nicht nur das Geld, sondern auch die Aufmachung stimmen. Vierfarb-Hochglanz. Oder was es da so gibt. Nicht, dass jemand mein Buch für einen Groschenroman hält. Aber die werden mir ja sicher verschiedene Ausführungen vorlegen.
Im Fernsehen gibt es zurzeit eine Serie über Frauen, die es buchstäblich geschafft haben. Von der Bürokraft zum Topmodel. Von der Putzfrau zur Managerin.
Ja, dazu würde sie auch bald gehören.
Sibylle, noch immer den Kleinen auf dem Arm, geht zurück zum Computer, setzt sich und überfliegt das, was sie bisher fabriziert hatte: "Sie sitzt da, und sein Bild geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Doch plötzlich ..."
Patsch. Patsch. Patsch.
"Korbinian!"
Der Bildschirm wird binnen Sekunden schwarz, und der Rechner schaltet sich aus.
Wenn es nicht schon kurz vor fünf wäre, hätte ich noch einmal anfangen können. Aber, ach: morgen ist auch noch ein Tag, um eine Weltkarriere zu starten.



Eingereicht am 29. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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