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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Dreiradkauf

© Anna Maria Buchholz


Kinder, das sind eine gute Angelegenheit Geld loszuwerden, wenn man kein Haus, Auto oder Ehepartner hat. Mein Mann und ich haben alle drei Sachen und Kinder. Sehr wagemutig in der heutigen Zeit, das wissen wir selber, und dann sind es auch noch ein Junge und ein Mädchen, sodass man auch noch zweimal unterschiedliche Spielsachen kaufen muss (es sei denn, mein Sohn entpuppt sich endlich mal als schwul).
Alles hat damit begonnen, dass die Schwester meines Mannes dem Neffen meines Mannes ein Dreirad gekauft hat. Das war uns zum damaligen Zeitpunkt noch relativ egal gewesen, aber da unser Finn von dem Ding hin und her gerissen gewesen war, hab ich ihm Kathys Dreirad aus dem Gartenhaus geholt. Da gab es nur ein einziges Problem, aus dem leider wieder viele andere geworden sind: das Ding ist pink! Das hatte zur Folge, dass Finn fortan damit nur über den teuren Gartenrollrasen gefahren ist und da mein Mann Daniel dagegen ist, dass unser Sohn mit einem rosa Dreirad fährt, ich nicht will, dass mein Sohn sich von anderen Kindern auf der Straße ausschließt und Kathy schon seit einer Woche regelmäßig in Tränen ausbricht und verkündet sie wäre entschieden dagegen, dass ihr geistig unterbelichteter doofer Bruder das Dreirad gegen die Regentonne fährt, sitzen wir jetzt mit der ganzen Familie auf dem Weg zum nächsten Praktiker.
Nach der üblichen Parkplatzschlacht quetschen wir uns so gerade noch mit unserem mickrigen Renault zwischen Mercedes und BMW und krallen uns die Kinder, schlängeln uns durch das Labyrinth aus brav geparkten Autos zum Geschäft hin. Drinnen stehen die Kinder mit großen Augen vor einem Riesenspringbrunnen mit zu erwerbenden Gartenzwergen.
"Können wir den kaufen?", lautet Kathys erste Frage.
"Nein Schatz", antworte ich und sie legt den Kopf schief und mustert den Brunnen weiter.
"Warum?"
"Weil der viel zu teuer ist."
Und jetzt schnell weiter ziehen, bevor das Kind noch auf dumme Gedanken kommt.
"Aber Papas neues Auto!", meckert sie und ist fortan still.
Nachdem wir einen großen Umweg um die Bastelecke und die Kinder von diversen Pocahontas und Bob-der-Baumeister-Lampen mit Gewalt weggezerrt haben, beginnt die Suche nach einem Angestellten mit - wenn's geht - Fachwissen. Immerhin wollen wir ja kein Dreirad, mit dem mein Sohn nächste Woche im Straßengraben liegt. Es geht durch die Bohrmaschinenabteilung ("Mama, benutzt der Kindergartenzahnarzt die auch?") über die Elektroabteilung ("Kathy, nimm' deinen Finger aus der Steckdose!" "Aber Marita hat gesagt, wenn man da einen Finger reintut, kriegt man eine tolle Dauerwelle!") in die Pflanzenabteilung. Da beginnt das erste Gejammere - die pinken Stiefmütterchen müssen unbedingt gekauft werden. Damit wir vorankommen nimmt Daniel Kathy das Stiefmütterchen ab, ich ziehe Finns Finger aus der Blumenerde und wir gehen weiter, wobei Daniel die Blume ohne Kathys Bemerken zu den Venusfliegenfallen stellt.
Endlich taucht ein Hornbrillenverkäufer auf, der seine besten Jahre bereits seit den Siebzigern hinter sich hat und erbarmt sich, uns bei den Dreirädern zu helfen. Auf bestem Fachchinesisch werden uns eine gute halbe Stunde lang die Fachzüge eines jeden Dreirads erklärt und wir entscheiden uns schließlich für ein preiswertes dunkelblaues Modell mit Formel-Eins-Fahnen, mit denen unser Sohn mit Sicherheit in der Liga der Dreiräder gut mitspielen kann.
Während er schon glücklich um die Regale fährt und hier und da ein paar Fahrradlampen mitnimmt, belobigt uns der Verkäufer eine halbe Stunde lang zu unserer ausgesprochen guten Wahl und verspricht uns immer wieder, aufs Haar genau die richtige Entscheidung getroffen zu haben, bis Kathy sich nach - für ihre Verhältnisse - ausgesprochen langer Zeit wieder meldet: "Mamaa!"
Wir fangen an uns zu entschuldigen und verabschieden und schon ertönt es wieder: "Mamaaaaaa!"
Endlich können wir uns losreißen, sammeln Finn ein und im selben Moment kommt durch den ganzen Baumarkt ein "Mamaaaaaaaaaaaaaaaa! Papaaaaaaaaaaaaa! Kommt maaaaaal!"
Wir fangen an zu laufen unter den peinlichen Blicken der Einkäufer und finden unsere Große bei den Sanitäranlagen mit einer alten Frau.
"Ja, bist du denn hier ganz alleine? Wo sind denn deine Eltern?"
"Weg!", antwortet Kathy vorlaut, "Die kaufen meinem doofen Bruder ein Dreirad, aber ich darf keinen Springbrunnen haben!"
"Wirklich?"
"Ja! Und mich haben die hier vergessen! Dabei ruf' ich jetzt schon ganz lange!"
"Soll'n wir beide denn mal zur Information gehen?"
"Nein!", sagte Kathy und ruft dann so laut, dass alle Einkäufer beruhigt aufatmen können, "Da ist meine Mama!" und zeigt dabei auf mich.
Die Frau lächelt uns kurz zu und geht dann weiter.
"Was ist denn, Schatz?", fragte ich und Kathy zeigt auf eine Reihe von kreativen Klodeckeln.
"Ich will einen Klodeckel!"
"Wir haben einen Klodeckel", erwidert Daniel.
"Ich will aber einen Klodeckel mit Bärchen!", sagt sie und zeigt auf einen durchsichtigen Klodeckel, der mit Teddybärchen voll gestopft ist.
"Wenn du siebzehn bist", sagt Daniel, sein Lieblingsspruch wenn es um Dinge geht, die Kathy sowieso wieder in zehn Minuten vergessen hat.
Wir wenden uns zum Gehen, als Kathy wütend mit dem Fuß aufstapft und schreit: "Ich will aber einen Klodeckel haben!"
Ich werfe Daniel einen flehenden Blick zu, aber der gibt mir einfach ein Handzeichen und geht weiter. Kathy fängt an zu heulen. "Komm jetzt", sage ich, auch wenn's mir schwer fällt und gehe weiter zur Kasse.
Durch den halben Laden verfolgen uns Kathys weinende Schreie wir wären alle drei doof und sie würde jetzt nie wieder auf Toilette gehen und sie würde sich auch als Strafe nicht mehr die Zähne putzen. Dafür werfen uns die Leute wieder bemitleidende wie ärgerliche Blicke zu und ich frage mich, ob Kathy es wohl noch heute schafft, sich mit ihren sechs ein Viertel Jahren ein Hausverbot einzufangen.
An der Kasse ist es so voll, dass Finn schnell anfängt sich auf meinem Arm zu langweilen und mir irgendwann laut ins Ohr flüstert: "Die Frau vor uns ist dick Mama, oder?", woraufhin die stämmige Frau sich umdreht und erst Finn und dann mich ansieht.
"Entschuldigung", stammel' ich peinlich berührt, aber mehr als ein "Mein Sohn hat Recht", fällt mir darauf nicht ein, wo die Frau noch eine Aldi-Tüte voller Ristorante-Tiefkühlpizza und einen Parfümgeruch von einer Mischung aus Chicken McNuggets und Alis bestem Döner Kebab versprüht.
Fertig bezahlt ist von Kathy immer noch eine Spur. Wir gehen nach kurzer Krisenberatung und der Feststellung, dass da wohl irgendwas unter Mengen von Alkoholeinfluss irgendwann an Silvester mal gewaltig in die Hose gegangen ist gehen wir einfach zum Parkplatz und halten mit dem Auto neben dem Eingang um unsere Tochter abzufangen wenn sie sich bequemt herauszukommen.
Es dauert eine halbe Stunde, ehe Finn alle seine Krabbelgruppenlieder durchgesungen, uns die Ohren wehtun und Kathy mit verheultem Gesicht aus dem Geschäft gelaufen kommt und aus Daniels Hupen ins Auto steigt.
"Und?", fragen wir, als sie sich angeschnallt und mit ihrem Bibi-Blocksberg-Pullover über ihre Augen gerieben hat.
"Ich wollte gar nicht mehr zurückkommen, weil ihr ja alle doof seid!", kommt als Erklärung. "Aber die Oma weint bestimmt, wenn ich nicht nach Hause komme. Und der Verkäufer hat mit mir geschimpft. Und das Springbrunnenwasser schmeckt eklig."
"Na, dann können wir ja jetzt nach McDonald's", sage ich und drehe mich wieder nach vorne.
Daniel startet den Motor, fährt aus dem Parkverbot uns insgeheim atmen wir beide auf; das nächste Fahrrad kriegen die Kinder unwissentlich zum Geburtstag geschenkt.



Eingereicht am 18. Januar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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