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Komödianten-Poker

© Hanns M. Glygg


Kennen Sie Komödianten-Poker? Komödianten sind jenes eigentümliche Volk von Nichtsesshaften, die das ganze Jahr über jeden Tag durch unser Land ziehen, um dann Abend für Abend in irgendwelchen verräucherten Kneipen oder auch manchmal in Stadt- oder anderen Hallen ihr Publikum zu unterhalten. Meist kennen diese Leute die Tische in den Autobahnraststätten besser als ihr eigenes Wohnzimmer, kennen die Hotelbesitzer oder, wenn sie sich denn entsprechend lange hochgedient haben, die Pagen in den Sterne-Hotels mit Vornamen und wissen über jede drückende Bett-Feder und jede knarrende Hotelstufe fast so gut Bescheid wie die ausgefuchstesten Handelsvertreter.
Zuhause ist für diese unsteten Geister da, wo ihr Koffer gerade steht. Und die Stammkneipe ist ein gutbürgerliches Restaurant in Hotelnähe, in dem man relativ unbeschadet sitzt und in Ruhe seinen Salat-Teller mit Steak oder Ähnlichem isst. Die Adressen dieser Lokalitäten werden wie Geheimtipps untereinander weitergegeben. Auch hier nennt man die Kellner meist mit Vornamen und fühlt sich heimischer als am eigenen Küchentisch.
Manchmal, wirklich selten, treffen sich zwei oder gar drei der Unterhaltungsreisenden in einem Speisetempel und beginnen ihre Unterhaltung ohne Umschweife mit einer Runde dieses obskuren Spiels, Komödianten-Poker.
Und jetzt versetzen wir uns einmal in den 26. Oktober 2005, ein Mittwoch, Köln am Barabarossaplatz, nicht weit vom XY-Hotel in die ZB-Trattoria (Namen tun nix zur Sache). Am Tisch sitzt, na, nennen wir ihn einmal Horst Müller. (Auch hier spielen Namen keine Rolle, ich kann Ihnen aber versichern, dass es sich um Kollegen handelt, denen selbst Sie als ausgesprochener Fernsehmuffel nur schwer entgehen können.). Horst Müller sitzt im Hintergrund mit dem Rücken zum Eingang. (Als kleiner Einschub zur Erklärung: Komödianten sind ein schizophrenes Volk, einerseits möchten sie ihre Ruhe haben; andererseits sind sie stinkig und schlecht gelaunt, wenn man sie nicht erkennt, obwohl sie gerade beim deutschen Comedy-Preis abgeräumt haben). Noch einmal, Horst sitzt mit dem Rücken zum Eingang im Hintergrund an einem Tisch, die Tür geht auf und Kollege Martin Metzger kommt hereingestiefelt. Geht auf den gleichen Tisch zu, stutzt, weil dieser besetzt ist, sieht Paolo, den Kellner ganz entsetzt an und will abdrehen, um sich ins Nachbar-Lokal zu setzen.
Paolo jedoch grinst ihn an, hält den Zeigefinger vor den Mund (allgemein kennt man das als "Leise"-Zeichen) und winkt ihn an den Tisch ran. Da Martin den Kellner seit geraumer Zeit von ungezählten Besuchen kennt, guckt er genauer hin und erkennt an der Silhouette den Kollegen. Selbstverständlich denkt er nun nicht mehr an das andere Lokal, sondern schleicht sich, sofern man bei ihm von "Schleichen" sprechen kann, an Horst Müller heran und haut ihm mit seiner Riesenpratze auf die Schulter. So, dass dieser sich beinahe an der Gabel, mit welcher er ein saftiges Stück Steak in den Rachen schieben wollte, verschluckt. In Erwartung eines Fans, der ihn erkannt hat und auf gewohnt kölsch-herzliche Art ansprechen will, dreht Horst sich um und erkennt den Schlacks.
Bevor er zu einer der herzlichen Beleidigungen ansetzen kann, mit denen man sich unter Freunden grüßt, beginnt Martin das Spiel! (Die letzte Partie hat er verloren und fiebert seit nunmehr knapp neun Monaten einer Revanche entgegen.)
Er tönt Horst mit einem beherzten "Troisdorf" an. Horst, durch langjährige Live-Präsenz und tägliche Zwischenrufe gestählt, erwidert ein trockenes "Alfter", welches wiederum von Martin mit einem "Meckenheim" und dieses wiederum von Horst mit einem flotten "Übach-Palenberg" gekontert wird. Darauf Martin "Hochheim" und Horst schickt ein "Kreuznach" hinterher. Auf Martins "Offenbach" entgegnet Horst ein trockenes "Trier", sofort gefolgt von Martins "Darmstadt" und einem darauf folgenden "Krefeld"!
Erste Runde: Remis! Jeder der beiden Helden hat fünf Städte in den Raum geworfen, keiner dachte länger als den Bruchteil einer Sekunde nach. Auf in die zweite Runde, Horst legt vor: "Mannheim" wird beantwortet mit "Ingolstadt"; auf "Amberg" folgt triumphierend "Böblingen"; "Minden" "Herford", "Vlotho" wird mit "Gütersloh" erwidert und auf "Bad Godesberg" folgt Martins locker-flockiges "Bamberg".
Zweite Runde beendet, wieder Unentschieden. Aufschlag Martin: "Leverkusen" -"Witterschlick"; "Opladen" - "Meerbusch"; "Rüdesheim" - "Goarshausen"; "Sinzig - "Bad Neuenahr"; "Remscheid" - "Hattingen".
Wieder keine Entscheidung. Sie merken, um was es beim Komödianten-Poker geht? Jeder der Kontrahenten wirft einen Ortsnamen in den Raum, der andere muss sofort und ohne zu zögern, erwidern. Sobald ein Ort doppelt vorkommt, hat derjenige, der die Doublette brachte, verloren und muss ohne Widerrede die Zeche bezahlen. Schiedsrichter ist meist der Kellner. Zu später Stunde, wenn keine anderen Gäste mehr im Lokal sind, übernimmt gerne der Wirt diesen Job.
Am 26. Oktober 2005 verlassen wir erst einmal die Trattoria und wandern um den Barbarossaplatz. Meistens ist es so, dass seltsamerweise gerade an diesem Wochentag die Restaurationen für einige Stunden diverse Kabarettisten, Komödianten und Fernsehschaffende beherbergen. Siehe da, gleich zwei Lokale später werden wir fündig. Hier sitzen in innigem Gewisper die bekannte Carola Strassberg und Kollegin Annemie Heiß zusammen, ein in ungezählten Live-Shows gestähltes Doppel. Beide hören von der laufenden Partie Poker, zahlen und eilen schnurstracks in die Trattoria. In zwei anderen Wirtschaften treffen wir weitere Genossen, die ohne Zögern ihre Zeche und sich in der italienischen Schänke einfinden.
Eine wirklich erlesene Runde hockt nunmehr um den Tisch und lauscht den Worten der Kontrahenten, die bereits auf der zweiten Stufe ihrer dramatischen Partie angelangt sind. Jede Fünfergruppe mit Ortsnamen wird mit einem doppelten Grappa eingeleitet (oder beendet).
Horst ist am Zug, sein "Hilter" erwidert Martin mit "Eching"; nach "Lübeck" kommt "Cloppenburg"; "Belm" wird mit "Bebra" ausgekontert, "Pinneberg" mit "Westerholt" und auf ein "Plauen" ein eiskaltes "Wolfsburg". Keine Entscheidung. Beide behalten starre Pokergesichter und stürzen die Grappas in den Schlund.
Noch spielen sie taktisch, keinerlei Ermüdung ist den Kampfhähnen anzumerken, ganz im Gegenteil, es scheint, als nun erst auf Touren. "Höxter" - "Wiedenbrück", "Travemünde" wird von "Greetsiel" gefolgt, "Greifswald" - "Garmisch-Partenkirchen"; "Peterswalde" - "Ratzeburg"; "Oldenburg" - "Hattingen". Zwei Grappa!
Immer noch schwirren keine Großstädte wie Köln, Düsseldorf, Frankfurt oder Berlin durch den Raum. Selbst nach rund 80 Minuten können sich die beiden Widersacher mit Kleinstädten durch die Runden retten.
Um es abzukürzen: Die Runde befand sich noch in den frühen Morgenstunden des 27.Oktober in der bekannten Trattoria. Horst und Martin schwiemelten die Orte nur undeutlich über die schweren Zungen, irgendwann fielen selbst dem Wirt die Augen zu. Die geplante Aufzeichnung einer Comedy-Sendung musste verschoben werden. Stattdessen wurde eine Wiederholung ausgestrahlt. Der Sieger ließ sich nicht ermitteln. So fällte Kollegin Annemie das Urteil: diese Pokerpartie endete Unentschieden. Komödiant Martin Metzger übt, schließlich bleibt er weiterhin ein Spiel im Rückstand. Wir wissen nicht, in welcher Disziplin er härter trainiert: Grappa trinken oder Orte besuchen!



Eingereicht am 15. Januar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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